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Politik

Abtreibungskliniken in den USA

"Unsere Ärzte werden geächtet"

Julie Burkhart betreibt drei Abtreibungskliniken in den USA. Sie kämpft für ihren von Aktivisten ermordeten Chef und gegen den Hass der Gegner. Unter Präsident Trump wird das schwieriger. Wie schafft sie das?

Joseph Rushmore

Trust-Women-Klinik in Oklahoma City

Ein Interview von
Donnerstag, 04.04.2019   11:38 Uhr

"The most prolife President in american history" so bezeichnet Vizepräsident Mike Pence seinen Chef Donald Trump. Kein US-Präsident, meint Pence, habe sich jemals so sehr für das Recht "ungeborenen Lebens" eingesetzt. Mit ihm an der Spitze des Landes wittern Abtreibungsgegner in den USA ihre Chance: Sie wollen möglichst viele Gesetzesentscheidungen kippen und den Zugang zu Abtreibungen im Land erschweren.

Julie Burkhart leitet die Organisation Trust Women. Sie versucht, den Zugang zu Abtreibungskliniken in den USA zu verbessern. Gerade ist sie von einer Konferenz in Südafrika zurückgekommen. Dort hat sie mit Kollegen und Kolleginnen über neue Abtreibungstechniken gesprochen. Sie reist viel um die Welt, um sich zu vernetzen. Auch eine Abgeordnete des deutschen Bundestags hat sie getroffen, um mit ihr über den Paragrafen 219a zu sprechen, der Werbung für Abtreibungen in Deutschland verbietet.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Burkhart, warum reisen Sie so viel?

Julie Burkhart: Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, wo Menschen nicht versuchen, Frauen zu verbieten, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren. Ich versuche, das Erbe von George Tiller - meinem früheren Chef - weiterzuführen. Frauen aus der ganzen Welt kamen zu ihm, um sich von ihm helfen zu lassen. Weil es oft niemand anderen gab, der das tun konnte. Er war der größte Mentor, den ich in meinem Leben hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie 2009 dazu bewegt, Trust Women zu gründen?

Burkhart: Das war zwei Monate, nachdem mein Boss ermordet wurde. Ich stellte mir eine Organisation vor, die seine politische und juristische Arbeit fortsetzen sollte, den Abtreibungskliniken helfen und den Menschen, die Zugang zu Abtreibungen brauchen. Bereits im ersten Jahr nach der Gründung wurde deutlich, dass wir mehr Kliniken im mittleren Westen der USA brauchten. Dort, wo seit Jahren eine nach der anderen dichtmachte. Es ergab Sinn, die erste Klinik dort zu eröffnen, wo auch mein Boss gewirkt hatte: in Wichita, Kansas. Nach seinem Tod war es die größte Metropolregion der USA ohne eine Abtreibungsklinik.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, gerade dort eine Klinik zu eröffnen?

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Burkhart: Es war hart, Geld aufzutreiben. Leute rieten mir, das Geld lieber in Transportkosten für Frauen zu stecken, die damit für Abtreibungen in andere Staaten fahren sollten. Die Menschen hatten Angst, dass eine neue Klinik in Wichita mehr Gewalt bedeuten würde, dass noch jemand umgebracht werden könnte. Etwa 18 Monate lang habe ich mir das angehört, bis ich mich entschieden habe, es trotzdem zu machen. Dann dauerte es zwei Jahre, bis ich einen Arzt gefunden hatte, der auch nur zeitlich begrenzt dort arbeiten wollte. Erst 2013 konnte ich jemand finden, der bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen betreibt ihre Organisation drei Kliniken. Wie hat sich das Klima in den Jahren verändert?

Burkhart: In den Nullerjahren wählten die Menschen moderat. Das änderte sich mit der Finanzkrise von 2008, mit Barack Obama und mit dem Attentat auf Dr. Tiller. Nach seinem Tod wurde das Land noch mehr Anti-Choice. Sein Tod, so schien es, öffnete die Tore für die rechte Antiabtreibungsagenda. Auf einmal wurde der Kampf gegen Abtreibungen ein Politikum, mit dem die Rechten gewählt werden konnten. Sie begannen mit voller Kraft an Gesetzesvorlagen gegen Abtreibungen zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, fürchten viele, dass sich das Klima weiter verschärfen könnte. 2017 haben Drohungen und Übergriffe auf Abtreibungskliniken zugenommen. Sorgen Sie sich um ihr Personal?

Burkhart: Eine Woche nach seiner Wahl randalierten Abtreibungsgegner vor unserer Klinik in Wichita. Seitdem fühlen sich mehr Demonstranten ermutigt, täglich vor unseren Einrichtungen zu stehen. Sie wissen genau, wie weit sie gehen können. Das ist vor allem beunruhigend, weil es neue Demonstranten sind, die wir nicht kennen und deren Absichten wir nicht einschätzen können. Wir sind einfach sehr wachsam.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Chancen Ihrer Bewegung in diesem Klima ein?

Burkhart: Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, die uns davon abhalten wollen, gleiche Rechte für Frauen zu erreichen. Aber das heißt nicht, dass wir uns geschlagen geben sollten. Nur wenn wir weitermachen, können wir gewinnen. Sonst geben wir den Abtreibungsgegnern die Macht.

Im Video: Radikale Christen kämpfen vor Abtreibungskliniken

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: Von den vier Ärzten, die in Ihrer Klinik in Oklahoma arbeiten, lebt keiner dort. Warum?

Burkhart: Die Anti-Choice-Bewegung hat dafür gesorgt, dass sie geächtet und marginalisiert werden. In den konservativen Gegenden des Landes hat das funktioniert. Es wäre hart für einen Arzt im Mittleren Westen oder im Süden der USA zu leben und gleichzeitig Abtreibungen anzubieten. Es gibt immer noch die Sorge, dass sie dafür ermordet werden könnten. Diese Sorge ist legitim. Trotzdem ist es mein Ziel für Trust Women und für unsere Bewegung, Ärzte zu finden, die auch in der Gegend leben wollen, wo sie arbeiten, ohne Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Arbeitsalltag der Ärzte in Ihren Kliniken aus?

Burkhart: Die Ärzte arbeiten unter hohem Druck, weil sie zum Beispiel in Oklahoma nur zwei Tage pro Woche vor Ort sind. Wir schicken niemanden weg, der zu uns kommt, und versuchen, alle so schnell wie möglich zu behandeln, damit eine Abtreibung auch gesetzlich noch möglich ist. Zeit spielt für uns dabei eine große Rolle.

SPIEGEL ONLINE: In den Bundesstaaten gibt es verschiedene Restriktionen, die den Umgang mit Abtreibungen regeln und es Abtreibungskliniken oft schwermachen, ihrer Arbeit nachzugehen. Welche halten Sie für übertrieben?

Burkhart: Dass eine Frau nach einem Beratungsgespräch 72 Stunden warten soll, bevor sie eine Abtreibung machen kann. Wenn eine Frau einen Termin vereinbart, dann hat sie sich entschieden. Sie muss nicht gemaßregelt werden. Je nachdem, in welchem Monat sie ist, kann diese Wartezeit bestimmen, ob, wo und wie sie die Prozedur machen kann. In Oklahoma ist unsere Klinik zum Beispiel die Einzige, in der man nach der 16. Woche abtreiben kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Berufung des Richters Brett Kavanaugh an das Oberste Gericht könnte weitreichende Konsequenzen für den Zugang zu Abtreibungen in den USA haben. Was befürchten Sie?

Burkhart: Es gibt viele Antiabtreibungsgesetze, die es zum Obersten Gerichtshof schaffen könnten: Zum Beispiel solche, die die Verwendung von Steuergeldern für Kliniken, die Abtreibungen anbieten, stoppen wollen. Dann gibt es Restriktionen, die die Prozeduren von Abtreibungen betreffen und die Gründe von Abtreibungen angehen - und natürlich die sogenannten "TRAP"-Gesetze. (*Anmerkung der Redaktion: Targeted Regulation of Abortion Providers bezeichnet die Gesetze, die seit den Achtzigerjahren versuchen, den Zugang zu Abtreibungen zu erschweren, indem sie etwa besonders hohe Auflagen für Abtreibungskliniken vorschreiben).

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bestimmte Fälle, die es in nächster Zeit zum Obersten Gericht schaffen könnten?

Burkhart: In Louisiana bestätigte ein Gericht gerade die Entscheidung, dass ein Arzt, der Abtreibungen vornimmt, seine Praxis in einem Radius von 30 Meilen zu einem Krankenhaus haben muss, für das er eine Zulassung hat. In Kentucky wird gerade geprüft, ob die Verpflichtung zu einem Ultraschall und das Beschreiben der Bilder und Hören der Herzklänge vor einer Abtreibung gegen die Verfassung verstößt.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft?

Burkhart: Ich habe Angst, dass unsere Ärzte irgendwann nicht mehr hin- und herfliegen wollen. Deshalb versuchen wir, Ausbildungsprogramme in unseren Kliniken anzustoßen. Aber sowohl in Kansas als auch in Oklahoma gibt es auch dafür Hürden. Zum Beispiel dürfen Ärzte, die an staatlichen Universitäten studieren, nicht lernen, wie man abtreibt. Nur wenn wir den Menschen in ihrer Heimat ermöglichen, diesen Beruf auszuüben, können wir gegen die Stigmatisierung angehen.

insgesamt 11 Beiträge
Sibylle1969 04.04.2019
1.
Eine mutige Frau im Kampf für Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Wenn Abtreibungen erschwert werden oder illegal sind, führt das in keinster Weise dazu, dass weniger Abtreibungen stattfinden. Die Abtreibungen [...]
Eine mutige Frau im Kampf für Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Wenn Abtreibungen erschwert werden oder illegal sind, führt das in keinster Weise dazu, dass weniger Abtreibungen stattfinden. Die Abtreibungen finden auf jeden Fall statt, dann aber unter viel gefährlicheren Bedingungen. In den Ländern, in denen Abtreibungen legal und einfach zugänglich sind, gibt es nämlich weniger Abtreibungen pro 100.000 Einwohner als in den Ländern, in denen das nicht der Fall ist. Aber das will einfach nicht in den Kopf der sogenannten, meist männlichen Pro-Life-Aktivisten. Provokant gesagt, würde es mehr Leben schützen, wenn der Zugang zu Abtreibungen einfacher möglich wäre.
zynischereuropäer 04.04.2019
2.
Respekt an diese Frau unter diesen widrigen Bedingungen weiterzumachen. Es ist eine Schande, wie manche Menschen sich einbilden über den Körper von jemand anderem zu bestimmen. Als ob keine Abschreibungen mehr vorgenommen [...]
Respekt an diese Frau unter diesen widrigen Bedingungen weiterzumachen. Es ist eine Schande, wie manche Menschen sich einbilden über den Körper von jemand anderem zu bestimmen. Als ob keine Abschreibungen mehr vorgenommen würden, wenn sie illegal wären. Scheinbar hat man seit der Prohibition nichts dazu gelernt, was das angeht. Und wenn man im letzten Absatz liest mit was für Gesetzlichkeiten man teilweise konfrontiert ist - es ist zum Haare raufen! Ich denke der größte Dorn im Fleisch der Abtreibungsgegner ist aber viel simpler - "Freie Selbstbestimmung der Frau? Ja wo kommen wir denn da hin?!"
MatthiasEit 04.04.2019
3. Einseitigkeit hilft nicht bei der Debatte
@Sibylle1969 Das Problem bei der Debatte ist ja das es nicht nur um die Menschenwürde der Frauen und das recht auf ihren Körper geht, sondern auch um die Menschenwürde des Fötus. Die Würde der Frau und die Würde des [...]
@Sibylle1969 Das Problem bei der Debatte ist ja das es nicht nur um die Menschenwürde der Frauen und das recht auf ihren Körper geht, sondern auch um die Menschenwürde des Fötus. Die Würde der Frau und die Würde des Ungeborenen liegen grundsätzlich während der Schwangerschaft im Konflikt. Dieses Thema so zu vereinfachen, wie sie das tun führt zu nix. Dann ist eine Seite Anti-Frau und die andere Seite Pro-Mord. Und wir kommen zu nix.
peaceonearth 04.04.2019
4.
Das Problem bei der Debatte ist, dass Abtreibungsgegner der irrigen Auffassung sind, dass ein Ungeborenes schon ab der Zeugung ein vollwertiger Mensch ist und deshalb von Mord sprechen und dass ihrer Meinung nach die Würde [...]
Zitat von MatthiasEit@Sibylle1969 Das Problem bei der Debatte ist ja das es nicht nur um die Menschenwürde der Frauen und das recht auf ihren Körper geht, sondern auch um die Menschenwürde des Fötus. Die Würde der Frau und die Würde des Ungeborenen liegen grundsätzlich während der Schwangerschaft im Konflikt. Dieses Thema so zu vereinfachen, wie sie das tun führt zu nix. Dann ist eine Seite Anti-Frau und die andere Seite Pro-Mord. Und wir kommen zu nix.
Das Problem bei der Debatte ist, dass Abtreibungsgegner der irrigen Auffassung sind, dass ein Ungeborenes schon ab der Zeugung ein vollwertiger Mensch ist und deshalb von Mord sprechen und dass ihrer Meinung nach die Würde der Frauen grundsätzlich weniger wert ist als das ungeborene Leben. Extreme Ausmaße nimmt das an in Ländern, wo Frauen für eine Fehlgeburt in Gefängnissen sitzen (Ecuador).
pariah_aflame 04.04.2019
5. Erwähnenswert
Ich fände es angebracht mal zu erwähnen, dass Pro-Lifer nicht selten radikale christliche Fundamentalisten sind, deren religöse Verblendung der des IS keinen Deut nachsteht. Beides sind Lebensfeinde.
Ich fände es angebracht mal zu erwähnen, dass Pro-Lifer nicht selten radikale christliche Fundamentalisten sind, deren religöse Verblendung der des IS keinen Deut nachsteht. Beides sind Lebensfeinde.

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