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Politik

Afghanistan

Terroranschläge bei Parlamentswahl

Mit drei Jahren Verspätung wählt Afghanistan ein neues Parlament. Doch die Abstimmung wird von Gewalt und Chaos überschattet. Augenzeugen berichten von mehreren Explosionen. Die Regierung verlängert den Urnengang.

AP

Ein Polizist sichert eine Wahlstation in Kabul

Samstag, 20.10.2018   15:14 Uhr

Die Parlamentswahl in Afghanistan wird von Gewalt und organisatorischen Schwierigkeiten überschattet. Bei Angriffen der radikalislamischen Taliban kamen am Samstag landesweit mindestens neun Menschen ums Leben, mehr als 120 wurden verletzt. Wahlberechtigte gingen ohne Abgabe ihrer Stimme wieder nach Hause, nachdem Wahllokale auch Stunden nach offiziellem Beginn noch nicht geöffnet waren, wie lokale Medien und Politiker berichteten. Offenbar erschien auch das Wahlpersonal an manchen Orten nicht.

In Afghanistan sind am Samstag rund 8,9 Millionen registrierte Wähler dazu aufgerufen, über ein neues Parlament abzustimmen. Die Regierung verlängerte die Abstimmung aufgrund der Zwischenfälle nun bis zum Sonntag.

Dass die Wahl nicht ohne Zwischenfälle ablaufen würde, war erwartet worden. Im Vorfeld hatten die radikalislamischen Taliban mit Anschlägen gedroht. Bereits zuvor war es zu mehreren tödlichen Angriffen gekommen.

Raketenangriffe wurden auch aus Kundus gemeldet

Aus verschiedenen Provinzen gab es am Wahltag Berichte über Angriffe. Nach Angaben des Provinzrats Esmatullah Kurbani feuerten Taliban in der Provinz Tachar in mehreren Bezirken Mörsergranaten ab, um die Wahlen zu stören. In der Folge seien Wahlstationen geschlossen worden. Im Bezirk Ischkamisch sei ein Haus getroffen worden. Dabei seien ein Mensch getötet und weitere acht verletzt worden.

AFP

Schlange stehen für die Stimmabgabe in Masar-i-Scharif, Afghanistan

In Kabul waren ebenfalls Explosionen zu hören. Nach Angaben des Krankenhauses wurde ein Kind getötet. 30 Menschen seien verletzt worden. Raketenangriffe wurden auch aus Kundus gemeldet.

An manchen Wahllokalen zeigte sich ein chaotisches Bild. Nach Angaben der Kandidatin für die Provinz Kabul, Mariam Suleimancheil, waren im Stadtteil Dehsabs zwar die Wahlbeobachter pünktlich vor Ort, nicht aber das Wahlpersonal. Bei Twitter veröffentlichte sie Bilder, die auf dem Boden liegende Wahlurnen zeigen. "Niemand weiß, was mit dieser Wahlstation ist - totales Chaos", schrieb sie.

Biometrische Geräte zur Wählererfassung sind im Einsatz

Ähnliches berichtete die Kandidatin Saleha Soadat aus Westkabul. Und in den Wahlzentren, die geöffnet seien, würden die Geräte zur biometrischen Wählererfassung nicht funktionieren. Lokale Medien berichteten von Protesten verärgerter Menschen vor mehreren Wahlstationen.

Der 72-jährige Wähler Salman Ali sagte, er habe seit dem frühen Morgen darauf gewartet, bei einer Wahlstation in Westkabul seine Stimme abzugeben. Er habe inmitten langer Menschenschlangen gestanden. Erst habe die Polizei erklärt, das Personal sei noch nicht da. Anschließend habe es geheißen, die Wahlmaterialien würden noch fehlen. Daher sei er schließlich wieder nach Hause gegangen.

Laut einer Sprecherin der Unabhängigen Wahlkommission (IEC), Schaima Surusch, waren technische Probleme Grund für die Verzögerungen. Die Kommission entschuldige sich dafür. Man arbeite mit Hochdruck daran, diese Probleme zu lösen.

Erstmals werden bei Wahlen in Afghanistan biometrische Geräte zur Wählererfassung verwendet. Wähler müssen unter anderem Fingerabdrücke abgeben. Im Vorfeld der Wahl hatte es jedoch keinen Testlauf für die Geräte gegeben.

Rund 70.000 Sicherheitskräfte sind am Wahltag im Einsatz

Neben den technischen Problemen seien auch viele Lehrer, die als Wahlpersonal eingeteilt waren, nicht in die Wahllokale gekommen, sagte Surusch. Die Taliban hatten am Mittwoch Lehrern und Schulleitern mit Gewalt gedroht, sollten sie ihre Schulen als Wahlbüros zur Verfügung stellen.

Wie der Provinzrat aus Kundus, Ghulam Rabbani, mitteilte, lief auch dort die Wahl sehr langsam an. Erst wenige Wahllokale seien um 10 Uhr Ortszeit geöffnet gewesen, auch weil Wahlpersonal nicht rechtzeitig oder gar nicht zu den Stationen gekommen war. Mit ersten Ergebnissen wird erst im November gerechnet. Rund 70.000 Sicherheitskräfte sind am Wahltag im Einsatz.

Die Abstimmung für ein neues Parlament ist überfällig. Eigentlich hätten die Afghanen bereits vor mehr als drei Jahren ihr Votum darüber abgeben sollen. 250 Politiker werden künftig im "Haus des Volkes" in der Hauptstadt Kabul vertreten sein. Doch aufgrund einer komplexen Wahlrechtsreform wurde die Abstimmung immer wieder verschoben.

mhu/dpa/Afp

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