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Politik

Attentat in Pittsburgh

Verzweifelte Staaten von Amerika

Der Anschlag von Pittsburgh und die Serie von Paketbomben sind für alle Politiker in den USA eine Mahnung, rhetorisch abzurüsten. Sonst könnte die Lage außer Kontrolle geraten.

ADAM SCHULTZ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Trauer in Pittsburgh

Ein Kommentar von , Washington
Montag, 29.10.2018   06:18 Uhr

Ein fanatischer Trump-Fan verschickt 14 Paketbomben an prominente Politiker der Demokraten, Schauspieler, Medienleute. Ein Judenhasser und Neonazi erschießt in einer Synagoge in Pittsburgh elf Menschen. Wer die Nachrichten in den USA verfolgt, hat den Eindruck: Das ganze Land hat den Verstand verloren.

So einfach ist es nicht. In diesem riesigen Staatenbund hat Gewalt, auch politische Gewalt, eine lange, traurige Tradition. Es gab und gibt viele linke und rechte Extremisten, Spinner, Waffennarren. Die Gewalt kommt in kleinen und großen Wellen, jetzt scheint man wieder einmal einem Höhepunkt zuzustreben.

Die meisten Bürger in den USA sind von solchen Taten genauso angewidert wie jeder andere zivilisierte Mensch auf der Welt. Sie lehnen Gewalt gegen Minderheiten oder als Mittel der politischen Auseinandersetzung entschieden ab. Das weiß auch Donald Trump, weshalb er im Fall des Massakers von Pittsburgh sehr klare Worte gewählt hat, um maximales Entsetzen auszudrücken. Den Versand der Bombenpakete verurteilte er ebenfalls, wenn auch nicht so eindeutig.

Dass die Gewalt eine Plage ist, darüber sind sie sich in den USA in solchen Momenten schnell einig. Das eigentliche Problem reicht viel tiefer und ist älter als Donald Trumps Präsidentschaft. Es ist die permanente Unfähigkeit des Landes, einen Konsens darüber herzustellen, was die Ursachen von Hass und Wut sind - und wie sie eingedämmt werden können.

AP

Namen der Opfer vor Synagoge in Pittsburgh

Stattdessen folgen: Rituale. Viele in den liberalen Medien und die Demokraten machen nun Trump und seine Anhänger für ein "Klima des Hasses" in den USA mitverantwortlich. Trump und seine Republikaner weisen dies empört zurück. Sie geben den Demokraten und den liberalen Medien eine Mitschuld und erinnern an tätliche Angriffe Linker auf rechte Politiker. Denn auch die gab es.

So geht es weiter: Die einen rufen nach noch mehr Waffen, damit sich die Bevölkerung besser vor Amokläufern schützen kann. Die anderen wollen den Waffenbesitz eindämmen, ja, ganz verbieten, um weitere Massaker zu verhindern.

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Trump bestimmt den Ton

Das Land befindet sich praktisch im permanenten Widerspruch mit sich selbst. Alle sind verzweifelt, weil sie unentwegt denken: Warum will die andere Seite eigentlich nicht verstehen, was getan werden müsste? Es gibt schon lange kein gegenseitiges Verständnis mehr und auch keinen erkennbaren Willen zur rhetorischen Abrüstung.

Verschlimmert wird diese Situation, weil Amerika einen Präsidenten hat, der immer wieder genussvoll weiter zankt, provoziert und polarisiert, der gegen Migranten hetzt und so Rassisten das Gefühl gibt, auf ihrer Seite zu stehen. (Einen Kommentar von unserem New-York-Korrespondenten Marc Pitzke dazu finden Sie hier.) Donald Trump ist nicht der einzige Verantwortliche für diese Lage, aber er bestimmt den Ton in der Debatte maßgeblich mit. Mit seinen unentwegten Ausfällen löst er immer neuen Widerstand bei seinen Gegnern aus, und die Spirale des Irrsinns dreht sich einfach weiter.

Was kommt als nächstes? Es kann sein, dass die Lage immer weiter eskaliert und außer Kontrolle gerät. Dass die politischen Debatten noch hasserfüllter geführt werden. Dass neue Attentate und noch mehr politische Gewalt das Land erschüttern.

Aber es gibt auch das gegenteilige, das positive Szenario: Nach Jahren der Spaltung könnte bei vielen Bürgern die Sehnsucht nach Ruhe wachsen. Die Amerikaner haben es letztlich selbst in der Hand, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln. An der Wahlurne können sie Spalter bestrafen und Versöhner belohnen, egal, ob sie links sind oder rechts.

Es ist ganz einfach. Eigentlich.

insgesamt 43 Beiträge
lalito 29.10.2018
1. Eigentlich
Guten Morgen allseits. Eigentlich, nun ja, eigentlich ist es nicht verwundlerlich, dass die Wind Machenden und Säenden den herbeigesehnten Sturm ernten. Echte First-Patrioten halt. Erst wenn es einer Mehrheit immer [...]
Guten Morgen allseits. Eigentlich, nun ja, eigentlich ist es nicht verwundlerlich, dass die Wind Machenden und Säenden den herbeigesehnten Sturm ernten. Echte First-Patrioten halt. Erst wenn es einer Mehrheit immer klarer wird, was damit aus der Büchse gelassen wurde, wird man sich ernsthaft und auf breiter Basis um das Einfangen kümmern. Einen schönen Tag.
naeggha 29.10.2018
2. frage
hat denn jemals ein bewaffneter zivilist, der zufällig bei einem massaker dabei war mit seiner eigenen waffe einen amokläufer gestoppt? falls nein, wie kommt man dann darauf, dass mehr waffen das problem lösen könnten?
hat denn jemals ein bewaffneter zivilist, der zufällig bei einem massaker dabei war mit seiner eigenen waffe einen amokläufer gestoppt? falls nein, wie kommt man dann darauf, dass mehr waffen das problem lösen könnten?
bigkahoona 29.10.2018
3. Ich hab es satt!
Indem man permanent relativiert und betont ("von links und von rechts", hier sogar "links" erstgenannt), dass Gewalt von.beiden politischen Lagern ausgeübt wird, verharmlost man die menschenverachtende, meist [...]
Indem man permanent relativiert und betont ("von links und von rechts", hier sogar "links" erstgenannt), dass Gewalt von.beiden politischen Lagern ausgeübt wird, verharmlost man die menschenverachtende, meist gegen Leib und Leben gerichtete Gewalt von RECHTS. Es ist eben NICHT DAS GLEICHE, wenn ein verblendeter Antifant "nieder mit dem Kapitalismus!" ruft und ein Schaufenster einschmeißt und wenn einer losgeht und mit einem Sturmgewehr 11 Leute niedermetzelt. Und falls der Autor auf den Fall Scalise bezug nimmt: ja, aber das ist ein absoluter Ausnahmefall. Der Täter hätte auch behaupten können, Elvis Presley sei ihm im Traum erschienen und habe das Attentat befohlen. Der Autor macht sich Trumps "very fine people on both sides" Argument zu eigen, anstatt es auszusprechen wie es ist: brutale Gewalt gegen Menschen wird fast immer von irgendwelchen faschistoiden rechten Gestalten ausgeübt. Das liegt auch auf der Hand, denn deren Ideologie ist ja auch menschenverachtend. Man braucht nur solchen Typen wie Trump zuzuhören, oder Bolsonaro, der allen Ernstes gesagt hat, der einzige Fehler während der Militärdiktatur sei gewesen, die politischen Gegner zu foltern, statt sie direkt umzubringen!
quatermain4000 29.10.2018
4. Verzweifelte Staaten von Amerika?
Das haengt ganz von der Perspektive ab, in denen sich die unterschiedlichen Interessen und Klassenlagen wiederspiegeln. Allerrdings kann man den USA heute sehr gut sehen, wie das reichste und maechtigste Land mit der groesten [...]
Das haengt ganz von der Perspektive ab, in denen sich die unterschiedlichen Interessen und Klassenlagen wiederspiegeln. Allerrdings kann man den USA heute sehr gut sehen, wie das reichste und maechtigste Land mit der groesten Wirtschaft gleichzeitg als weitgehend gescheiterte und ganz und gar zerissene Gesellschaft daher kommt, und mit einem Staat der diese Tendenzen noch befoerdert. Dass unter diesen Umstaenden eine Figur wie Trump die Macht an sich reissen und wahrscheinlich auch behalten wird, wen wunderts?
ruebke 29.10.2018
5. Es ist ganz einfach. Eigentlich.
Denn tatsächlich haben die US-Amerikaner genau 2 Parteien, die ans Regieren kommen. Und weder bei der einen noch bei der anderen Partei änderte sich etwas zum Positiven. Obama brachte Obama-care, das ist das Positivstelle, was [...]
Denn tatsächlich haben die US-Amerikaner genau 2 Parteien, die ans Regieren kommen. Und weder bei der einen noch bei der anderen Partei änderte sich etwas zum Positiven. Obama brachte Obama-care, das ist das Positivstelle, was ich über einen US-Präsidenten weiß. Ansonsten hat auch er den Facto nichts gegen die Waffen-Lobby ausrichten können, im Gegenteil, er war der Präsident mit den meisten Kriegen, den meisten Drohnenmorden, den meisten Bomben. Jetzt übertroffen von Trump, der sich als Mann des Volkes präsentierte. Er spaltet noch mehr. Nach also nun Pest, Cholera... Was soll denn danach noch kommen? Tatsächlich sozial eingestellte Leute werden ja kaltgestellt.

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