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Politik

London

Mehr als 500.000 Briten demonstrieren für zweites Brexit-Referendum

In weniger als einem halben Jahr will Großbritannien die EU verlassen. Die Kampagne "People's Vote" kämpft für eine neue Brexit-Abstimmung - Hunderttausende kamen zu ihrer Demo in London.

VICKIE FLORES/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock
Samstag, 20.10.2018   18:27 Uhr

Es war einer der größten Protestzüge in London seit vielen Jahren: Mehr als eine halbe Million Menschen haben am Samstag in der britischen Hauptstadt gegen den Brexit demonstriert. Der Veranstalter nannte die Zahl von 670.000 Teilnehmern. Bürgermeister Sadiq Khan, ein Labour-Politiker, sprach von einem "historischen Moment" der Demokratie.

Aufgerufen zu dem Marsch hatte die Kampagne "People's Vote", die ein zweites Referendum zum EU-Austritt durchsetzen will. Nach ihrem Willen sollen die Briten das Recht bekommen, über ein finales Abkommen abzustimmen.

"Ich möchte kein Visum beantragen müssen"

Der Protestzug führte durch das Zentrum Londons bis zum Parlament. Die Veranstalter hatten rund 100.000 Teilnehmer erwartet, die Zahl wurde aber weit übertroffen. Offizielle Behördenzahlen gab es zunächst nicht. Es könnte sich Medienberichten zufolge um die größte Demonstration seit 15 Jahren in der Hauptstadt handeln. Luftaufnahmen zeigen Teile der großen Menschenmenge - siehe folgender Tweet.

Aus Wales, Südengland und selbst von den über tausend Kilometer entfernten Orkney-Inseln vor der Nordküste Schottlands kamen Menschen nach London, um ihrem Ärger Luft zu machen. Familien mit Kindern beteiligten sich ebenso wie EU-freundliche Abgeordnete der regierenden Konservativen.

Die politisch angeschlagene Premierministerin Theresa May hatte allerdings schon zuvor klargemacht: Ein zweites Referendum soll es nach ihrem Willen nicht geben.

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Fotos aus London: "Bollox to Brexit!"

"Das ist doch alles Banane! Total verrückt!", schimpfte Jacki Hughes aus Lancaster im Nordwesten Englands über den geplanten Brexit. Ihr Freund Anthony Brown ergänzte: "Wir wollen in der EU bleiben. Ich möchte kein Visum beantragen müssen, wenn ich zum Beispiel Deutschland besuche."

Fachkräfte wandern ab

Beim Referendum 2016 sei der EU-Austritt als "einfachster Deal in der Geschichte" verkauft worden, so "People's Vote", ein Zusammenschluss mehrerer Gruppierungen. Inzwischen wisse man aber, welche Kosten der Brexit verursache und welchen Schaden er den Arbeitnehmerrechten zufüge. Kritik wurde auch an der Abwanderung von ausländischen Ärzten und Pflegepersonal sowie am schwächelnden Pfund geübt.

Ein 69-jähriger Demonstrant aus dem Südwesten sagte: "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich politisch engagiere." Auch Prominente aus dem Kulturbereich wie Schauspieler Andy Serkis ("Der Herr der Ringe") tauchten in der Menge auf.

An dem Protestzug bei schönstem Wetter nahmen auch zahlreiche Studenten teil, von denen sich viele wegen ihres Alters noch nicht an dem Brexit-Referendum 2016 beteiligen durften. Damals hatte eine knappe Mehrheit (52 Prozent) für den Austritt gestimmt. Großbritannien will Ende März 2019 die EU verlassen.

Streit über Grenze von Nordirland

Die Verhandlungen mit Brüssel stecken in einer Sackgasse. May steht deshalb unter einem enormen Druck, auch in ihrer eigenen Partei. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich London ohne Abkommen von der EU trennt. Dies würde Folgen für alle Lebensbereiche haben und voraussichtlich zu wirtschaftlichen Einbußen führen. Viele Unternehmen treffen bereits Vorkehrungen.

Die Brexit-Verhandlungen stocken vor allem wegen der Irland-Frage. London und Brüssel wollen zwar Kontrollen und Schlagbäume an der derzeit nahezu unsichtbaren Grenze zwischen dem EU-Staat Irland und dem britischen Nordirland vermeiden, damit in der fragilen Ex-Bürgerkriegsregion nicht wieder Unruhen aufflammen. Sie konnten sich aber bislang nicht auf eine praktikable Lösung einigen.

Um Zeit für eine dauerhafte Regelung zu gewinnen, brachte die EU nun die Verlängerung der geplanten Übergangsphase nach dem EU-Austritt ins Gespräch. Statt bis Ende 2020 könnte sie ein Jahr länger dauern.

hda/dpa

insgesamt 128 Beiträge
purefrancis 20.10.2018
1. Hoffentlich..
...findet diese beeindruckende Bewegung Gehör bei den politisch Verantwortlichen. Jetzt, da so langsam klar wird, welche Folgen ein Austritt hätte, sollten die Briten richtigerweise eine zweite Chance erhalten, darüber [...]
...findet diese beeindruckende Bewegung Gehör bei den politisch Verantwortlichen. Jetzt, da so langsam klar wird, welche Folgen ein Austritt hätte, sollten die Briten richtigerweise eine zweite Chance erhalten, darüber abzustimmen. Das erste Voting bezog sich auf einen Blankoscheck.
Generica 20.10.2018
2. Schlechte Verlierer
Die Motivation der Demonstranten ist klar, im Grunde sind sie schlechte Verlierer. Das allein ist selbstverständlich noch kein Argument gegen ein zweites Referendum. Das Problem damit ist viel mehr die Idee von "so oft [...]
Die Motivation der Demonstranten ist klar, im Grunde sind sie schlechte Verlierer. Das allein ist selbstverständlich noch kein Argument gegen ein zweites Referendum. Das Problem damit ist viel mehr die Idee von "so oft abstimmen, bis das Ergebnis stimmt". Natürlich sollte man in der Demokratie nicht für immer an das Ergebnis einer Wahl gebunden sein, aber zwei Jahre sind ein lächerlich kurzer Zeitraum, um alles über den Haufen zu werfen. Das Ergebnis der Wahl ist noch nicht einmal ersichtlich und schon will man sich umentscheiden. Gehen wir doch einmal davon aus, dass ein zweites Referendum gegen den Austritt durchgeführt wird und Erfolg hat. Welches vernünftige Argument haben die Remainer dann noch gegen ein weiteres Referendum für den Austritt in zwei Jahren? Zwei Jahre wurden als der angemessene Abstand zwischen Abstimmungen zum selben Thema festgelegt, also führen wir alle zwei Jahre ein Referendum durch... bis man sich irgendwann entgültig entscheiden muss, weil keiner mehr Lust hat abzustimmen. Anstatt also die Demokratie derartig zu entstellen, sollte man sich auf EIN Ergebnis festlegen und das für eine Ausreichend lange Zeit beibehalten. Das eine Ergebnis der ersten und hoffentlich einzigen Abstimmung in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren.
brocki68 20.10.2018
3. Brexit
Verstehe ich nicht warum man immer noch über den Exit vom Brexit spricht. Das englische Volk hat gewählt und gesagt nicht mehr in der Eu bleiben zu wollen. Das ist eben das Ergebnis von Volksbefragungen. Nicht nur beim Brexit. [...]
Verstehe ich nicht warum man immer noch über den Exit vom Brexit spricht. Das englische Volk hat gewählt und gesagt nicht mehr in der Eu bleiben zu wollen. Das ist eben das Ergebnis von Volksbefragungen. Nicht nur beim Brexit. Da wackelt meist der Schwanz mit dem Hund. Darum lehne ich das ab. Aber hier völlig egal. Der Engländer will raus also soll er raus. Ende Gelände. Zuviel Blablabla. Kann sich in ein paar Jahren um eine Mitgliedschaft bewerben wenn er mag. Dann aber wie bei allen anderen auch, ohne Sonderrechte!
immerfroh 20.10.2018
4.
Das glauben Sie doch nicht wirklich. Diese Chance hatte die vermeintliche Mehrheit gegen den Brexit, wenn die vielen Entsetzten dem Votum nicht ferngeblieben wären. Die Empirenostalgiker werden einem zweiten Versuch keine [...]
Zitat von purefrancis...findet diese beeindruckende Bewegung Gehör bei den politisch Verantwortlichen. Jetzt, da so langsam klar wird, welche Folgen ein Austritt hätte, sollten die Briten richtigerweise eine zweite Chance erhalten, darüber abzustimmen. Das erste Voting bezog sich auf einen Blankoscheck.
Das glauben Sie doch nicht wirklich. Diese Chance hatte die vermeintliche Mehrheit gegen den Brexit, wenn die vielen Entsetzten dem Votum nicht ferngeblieben wären. Die Empirenostalgiker werden einem zweiten Versuch keine Chance geben.
Generica 20.10.2018
5.
Das erste Voting bezog sich auf eine einzige Sache. Den Austritt aus der EU. Was im Wahlkampf versprochen wurde ist irrelevant. Der Stimmzettel hätte nicht einfacher gestaltet sein können: Gehen oder Bleiben. Und die [...]
Zitat von purefrancis...findet diese beeindruckende Bewegung Gehör bei den politisch Verantwortlichen. Jetzt, da so langsam klar wird, welche Folgen ein Austritt hätte, sollten die Briten richtigerweise eine zweite Chance erhalten, darüber abzustimmen. Das erste Voting bezog sich auf einen Blankoscheck.
Das erste Voting bezog sich auf eine einzige Sache. Den Austritt aus der EU. Was im Wahlkampf versprochen wurde ist irrelevant. Der Stimmzettel hätte nicht einfacher gestaltet sein können: Gehen oder Bleiben. Und die Vorstellung, dass man selbst jetzt die Folgen des Austritts vorhersagen kann ist meiner Meinung nach absurd.

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