Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Shitshow Brexit

Demokratie wird ohnehin überschätzt

Der Aufschub beim Brexit bedeutet nur eine Verlängerung der Qualen. Den Briten bleibt noch ein Ausweg: Ihre Majestät, die Königin, zieht die Entscheidungsgewalt an sich.

REUTERS

Queen Elizabeth II.

Eine Kolumne von
Donnerstag, 11.04.2019   14:22 Uhr

Der "Guardian" hat mir eine Mail geschickt. "Hi Jan, ich weiß nicht, wie genau Sie Großbritanniens surreal komplizierten, nervenaufreibenden Weg in Richtung Brexit verfolgt haben", schrieb mir Julian Coman vom Meinungsressort. "Es wäre toll, wenn Sie einen Artikel schreiben könnten, wie das Ganze aus deutscher Sicht aussieht."

"Es gibt zwei Dinge, die man niemals ausschlagen sollte: Sex und die Chance, im Fernsehen aufzutreten", hat Gore Vidal einmal gesagt. Außer Sex und TV-Zugang gibt es für einen Deutschen ein weiteres Angebot, das er nicht ablehnen kann: Die Gelegenheit, in einem britischen Vorzeigeblatt seine Meinung über den Brexit auszubreiten. Endlich die Chance, sich für 70 Jahre Witze über die Hunnen, den Blitzkrieg und die deutsche Unfähigkeit zum Humor zu revanchieren!

Das Problem ist nur: Kommt das Angebot nicht zu spät? Ich fürchte, wir sind an dem Punkt angelangt, wo sich Hohn und Spott verbieten. Die einzig angemessene Reaktion auf die britischen Bemühungen, den Ausgang zu finden, scheint mir Beileid zu sein. Beileid ist keine gute Basis für Witze.

Ich hatte immer den Verdacht, dass es bei den Verhandlungen in Brüssel darum ging, an den Briten ein Exempel zu statuieren. Seht her, das passiert mit Ländern, die unsere wunderbare Gemeinschaft verlassen wollen! Wer wäre auf die Idee gekommen, dass unsere englischen Freunde die Selbstdemontage ganz ohne Zutun aus Brüssel bewerkstelligen würden - und das noch viel radikaler, als sich das selbst der verstockteste EU-Bürokrat ausdenken kann. Die Frist-Verschiebung, die man den armen Briten gewährt hat, bedeutet ja keine Lösung, sondern nur eine Verlängerung der Qual.

Man hätte gewarnt sein können, das ist wahr. Ein Volk, bei dem es zu den sexuellen Präferenzen gehört, sich beim Geschlechtsakt eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen, neigt auch im parlamentarischen Alltag zu Handlungen, die nicht immer wohlüberlegt sind. Wenn man so will, ist der Brexit das politische Äquivalent zu einer furchtbar schief gegangenen Form der Selbststrangulierung. Man dachte, es würde gut gehen. Aber dann fehlte plötzlich der Sauerstoff.

Es gibt aus meiner Sicht nur eine Lösung: Ihre Majestät, die Königin, muss die Kontrolle übernehmen. Wenn es jemanden gibt, der noch in den schwierigsten Situationen mit Würde agiert, dann Elizabeth II.

Zwei, drei wohlgesetzte Sätze, und der Brexit-Spuk wäre vorbei

Ich meine, die Frau hat Hitler und die V2 überlebt, den "Großen Smog" von 1952 und den "Winter des Missmuts", als die Gewerkschaften das Land lahmlegten und sich der Müll bis zum Dachfirst türmte. Sie hat alles mitgemacht, was das britische Königreich in den vergangen 90 Jahren an Heimsuchungen erlebt hat, ohne ein Wort der Klage oder der Unduldsamkeit. Ich bin sicher, zwei, drei wohlgesetzte Sätze von ihr, und der Brexit-Spuk (oder wie Europaminister Michael Roth sagen würde: "the big shitshow") wäre vorbei.

Ich frage mich manchmal, wie die Königin aus ihrem Palast in der City of Westminister wohl die Entwicklung sieht. Als sie geboren wurde, reichte das Britische Empire von Neufundland bis Papua-Neuguinea und umfasste beinah ein Viertel der Weltbevölkerung. Heute ist es eine liebliche Insel inmitten der Nordsee, die in rasender Geschwindigkeit dabei ist, sich in der politischen Bedeutung auf die Größe von Island zuzubewegen.

Was mag Elizabeth von Leuten halten, die eben noch die Zukunft in den rosigsten Farben ausmalten und nun nicht mal in der Lage sind, die nächste Woche vorauszuplanen? Jeder Hofstaat kennt den Possenreißer, der zum Amüsement des Publikums seine Narreteien veranstaltet. Aber nie wäre ein König auf die Idee gekommen, dem Narren die Geschicke des Landes anzuvertrauen.

Mehr zum Thema

Ich weiß, der Königin sind in einer konstitutionellen Monarchie enge Grenzen gesetzt. Aber wenn man John Bercow, den Sprecher des Unterhauses, bitten würde, einmal gründlich nachzusehen, würde er schon eine Regel finden, warum es angezeigt ist, der Königin in diesen Schicksalstagen die Entscheidungsgewalt zu übertragen. Das ist ja der Vorteil, wenn man auf ein paar Jahrhunderte monarchistischer Tradition zurückblicken kann: Irgendwo findet sich immer eine Klausel, die einen legitimiert.

Demokratie ist ohnehin eine überschätzte Veranstaltung, machen wir uns nichts vor. Die Wahrheit ist, sie funktioniert nur leidlich, wenn die Zahl der Wähler, die keine Ahnung haben (oder schlimmer noch: die denken, sie hätten welche) am Wahltag nicht zu groß ist.

Eine vorübergehende Rückkehr zur Monarchie wäre ein vernünftiger Schritt

Die meisten Kommentatoren klagen über schlechte Wahlbeteiligungen. Wenn bei einer Wahl mehr Leute zu Hause bleiben als bei der Wahl zuvor, heißt es bei uns gleich, die Demokratie sei in Gefahr. Das genaue Gegenteil ist richtig. Dass unser System relativ stabil ist, verdanken wir auch der Tatsache, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wählerschaft am Wahltag zu desinteressiert oder zu betrunken ist, um rechtzeitig das Wahllokal zu finden.

Wenn alle wählen würden, die wählen dürften, würde es viel öfter zu einem Ereignis wie dem Brexit kommen. Auch deshalb wäre eine vorübergehende Rückkehr zur Monarchie ein vernünftiger Schritt. Die Reaktion von der Insel war interessanterweise durchaus ermutigend. Eine Reihe von Lesern, die meinen Vorschlag im "Guardian" gelesen hatten, lieferte Hinweise, unter welchen Bedingungen die Königin die Entscheidung an sich ziehen darf.

"Es lassen sich durchaus Präzedenzfälle für eine Intervention der Krone finden", schrieb mir ein Mr. Ryan, ausweislich seiner Mailsignatur Partner einer großen britischen Anwaltskanzlei. "Obwohl Verfassungsexperten oft sagen, dass ein Handeln der Königin ohne ministerielle Autorität die Monarchie zerstören würde - ist doch absolut klar, dass der Krone die Macht zukommt, in einer außergewöhnlichen Situation wie dem Brexit einzugreifen."

insgesamt 207 Beiträge
stolte-privat 11.04.2019
1. Hin und her
Die Mehrheit der britischen Bevölkerung hat doch für den Brexit gestimmt. Und jetzt wo es hart auf hart kommt jammern alle. Noch nie etwas davon gehört, das Handlungen auch Konsequenzen haben können? Das haut den stärksten [...]
Die Mehrheit der britischen Bevölkerung hat doch für den Brexit gestimmt. Und jetzt wo es hart auf hart kommt jammern alle. Noch nie etwas davon gehört, das Handlungen auch Konsequenzen haben können? Das haut den stärksten Schotten aus dem Rock...einfach nur noch eine internationale Lachnummer. God shave the Queen ;-)
syracusa 11.04.2019
2. ein 'guter Diktator' oder Monarch
Ein "guter Diktator" oder Monarch, der vermutlich auch aus Eigeninteresse die Menschen- und grundlegenden Bürgerrechte achtet und schützt, ist eine viel bessere Grundlage für eine funktionierende Demokratie, als ein [...]
Ein "guter Diktator" oder Monarch, der vermutlich auch aus Eigeninteresse die Menschen- und grundlegenden Bürgerrechte achtet und schützt, ist eine viel bessere Grundlage für eine funktionierende Demokratie, als ein von Populisten verführter Mob, der es fälschlich für Demokratie hält, wenn er in Wahlen die Mehrheit erringt und seine Agenda durchsetzen kann.
Faktomat 11.04.2019
3. Abgekupfert ?
Zufall oder abgekupfert ? Heute morgen stand ein laengerer Leserbrief in der Financial Times mit dem Vorschlag, dass die Queen als einzige Erwachsene unter den Akteuren das Brexitsteuer uebernimmt, um das Grosse Britannien vor [...]
Zufall oder abgekupfert ? Heute morgen stand ein laengerer Leserbrief in der Financial Times mit dem Vorschlag, dass die Queen als einzige Erwachsene unter den Akteuren das Brexitsteuer uebernimmt, um das Grosse Britannien vor dem Elend zu retten.
thorgur 11.04.2019
4. Thema verfehlt ?
Nachdem ich diesen Kommentar aber auch den im Guardian von Ihnen gelesen habe, stellt sich mir die Frage, wo Sie denn jetzt eigtl. auf die Frage des Guardian eingehen, nämlich wie der Brexit aus deutscher Sicht gesehen wird. Nach [...]
Nachdem ich diesen Kommentar aber auch den im Guardian von Ihnen gelesen habe, stellt sich mir die Frage, wo Sie denn jetzt eigtl. auf die Frage des Guardian eingehen, nämlich wie der Brexit aus deutscher Sicht gesehen wird. Nach einem alternativen Lösungsansatz für den Brexit hat der Guardian ja gar nicht gefragt. Thema verfehlt ?
Geopolitik 11.04.2019
5.
Lieber SPON - bitte den Link zum Originalartikel im Guardian einstellen!
Lieber SPON - bitte den Link zum Originalartikel im Guardian einstellen!
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP