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Politik

EU-Austritt und der Nordirland-Konflikt

"Die Paramilitärs wollen zeigen, dass sie zurück sind"

Katy Hayward forscht in Nordirland zu den Auswirkungen des Brexits auf den Friedensprozess. Radikale Splittergruppen sind hier immer noch präsent, sagt sie. Und die profitieren von der Unsicherheit.

Getty Images

Ein Interview von
Freitag, 25.01.2019   11:39 Uhr

Der Brexit entfacht wieder neue Ängste in Nordirland, mehr als 20 Jahre, nachdem Nationalisten und Unionisten Frieden im Karfreitagsabkommen geschlossen haben. Die protestantischen Unionisten wollen weiter zu Großbritannien gehören, die katholischen Nationalisten träumen von einem vereinten Irland. Splittergruppen der Paramilitärs von damals sind immer noch aktiv.

Jetzt detonierte in Londonderry, einem der Orte, an dem über Jahrzehnte die blutigen Kämpfe zwischen beiden Seiten ausgetragen wurden, wieder eine Autobombe. Verantwortlich gemacht wird eine Splittergruppe der offiziell aufgelösten Terrororganisation IRA.

Katy Hayward forscht an der Queens Universität von Nordirlands Hauptstadt Belfast zu den Auswirkungen des Brexits auf den Friedensprozess. Für ihre Reports "Bordering on Brexit" und "Brexit at the Border" hat sie mit zahlreichen Menschen im Grenzgebiet darüber gesprochen, was der EU-Austritt für sie heißen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hayward, wie ordnen Sie die Explosion der Autobombe in Londonderry politisch ein?

Katy Hayward: Wir wussten immer, dass die paramilitärischen Splittergruppen noch da sind. Aber eigentlich haben sie auf beiden Seiten inzwischen eher in ihren eigenen Gemeinden gewirkt, vor allem in sozial schwachen Gebieten nutzten sie Einschüchterungstaktiken, um Kontrolle zu behalten. Was mich besorgt, ist, dass die Bombe platziert war, um Zivilisten zu töten und die Täter nur 15 Minuten vorher eine Warnung ausgesprochen haben. Das und die beiden Autoentführungen am Montag in Derry und Belfast zeigen, dass die republikanischen Splittergruppen die Angst und Unsicherheit, die in Nordirland existiert, wieder ausbeuten… wollen. Sie wollen zeigen, dass sie zurück sind - auf die grausamste Weise.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Die New IRA wird für den Vorfall verantwortlich gemacht. Was ist das für eine Gruppe?

Hayward: Es ist eine von vielen Splittergruppen, die nach dem Waffenstillstand aus der früheren Irish Republican Army hervorgegangen sind. Sie stellen sich gegen das Abkommen von 1998 und den Friedensprozess. Diese Gruppierungen werden mit den Ermordungen von Soldaten, dem Attentat auf einen Gefängniswärter und verschiedenen Bombenanschlägen in Verbindung gebracht. Vor allem sind sie aber in der organisierten Kriminalität tätig und attackieren ihre eigenen Mitglieder.

SPIEGEL ONLINE: Die IRA war der militärische Ableger der republikanischen Partei Sinn Feín. Diese hat sich am 21. Januar 1919 gegründet. Am 19. Januar dieses Jahres explodierte die Bombe in Londonderry. Ist das Datum symbolisch?

Hayward: Ich würde ihnen nicht die Glaubwürdigkeit einer politischen Gruppe geben. Allgemein gibt es viele Menschen in der Gegend, die in sozialen Brennpunkten leben, mit Arbeitslosenzahlen, die immer noch so hoch sind wie vor 20 Jahren. Dort gibt es Menschen, vor allem junge Männer, die das Gefühl haben, sie hätten nichts zu verlieren. Und Teil einer paramilitärischen Organisation zu sein, gibt ihnen etwas, das sie sonst nicht bekommen könnten: eine Aufgabe. Davon zehren die paramilitärischen Splittergruppen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie erwartet, dass es zu mehr Gewalt kommt nach den Brexit-Verhandlungen?

Hayward: Der Zwischenfall ist nicht direkt auf den Brexit zurückzuführen. Aber der Friedensprozess hing immer davon ab, dass es demokratische Institutionen gibt, in denen auch irische Nationalisten eine Stimme haben. Nun funktioniert die im Abkommen vereinbarte Gewaltenteilung von Unionisten und Nationalisten im Regionalparlament von Nordirland seit zwei Jahren nicht mehr. Deshalb fragen sich irische Nationalisten: Wie können wir uns Gehör verschaffen? Besonders weil sich London vor allem um die Ängste und Gefühle der Unionisten sorgt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich der Brexit konkret aus?

Hayward: Er hat diese Situation noch verschlimmert, weil er zusätzliche Unsicherheit bringt. Er hat die Gewaltenteilung erschwert, indem er die DUP und Sinn Feín stärker polarisiert hat. Irische Nationalisten haben große Angst davor, was die britische Regierung tun könnte, denn Theresa May ist eng an die nordirische DUP gebunden (Anmerkung der Redaktion: Die Democratic Unionist Party hat zehn Sitze im britischen Parlament. Nach den Wahlen ist Mays Minderheitsregierung auf ihre Stimmen angewiesen, mehr zu den wichtigsten Playern im Brexit-Streit lesen Sie hier ). Sie fürchten, dass die Premierministerin vergisst, dass es in Nordirland noch andere Stimmen gibt als die DUP. Deren Sicht auf den Brexit ist hier eine Minderheit.

SPIEGEL ONLINE: Einer der Kernpunkte des Friedenabkommens, das geteilte nordirische Regionalparlament in Stormont, arbeitet seit zwei Jahren nicht mehr, weil die Parteien zerstritten sind. Funktioniert das Karfreitagsabkommen überhaupt noch?

Hayward: Das Abkommen soll die Repräsentanz aller Bevölkerungsgruppen sicherstellen. Norden und Süden, britisch und irisch werden dabei als "ineinanderverflochten und voneinander abhängig" beschrieben. Es sieht sehr schief aus, wenn die Politiker der katholischen Sinn Feín dann nicht ihre Plätze einnehmen. Und der höchste Repräsentant unseres Landes in Westminster sitzt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es das geteilte Regionalparlament gegeben hätte - glauben Sie, der Brexit-Prozess wäre anders verlaufen?

Hayward: Ich glaube schon. Im August 2016 haben Sinn Feín und die DUP gemeinsam ihre Sorgen und Prioritäten für Nordirland und den Brexit ausgedrückt. Sie sagten, dass sie eine harte Grenze vermeiden wollten. Aber Fakt ist, dass die Verhandlungen natürlich immer vom britischen Parlament geführt wurden - und zwar im Sinne Großbritanniens. Von regionaler Ebene darauf Einfluss zu haben, ist sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Was wird an der irischen Grenze passieren, wenn es keinen Austrittsvertrag, also den sogenannten harten Brexit, gibt?

Hayward: Die britische Politik würde im Chaos versinken. Der Friedensprozess in Nordirland hing immer in hohem Maße von einer relativen Stabilität zwischen Großbritannien und Irland ab. In einem solchen Prozess gibt es immer das große Gefühl von Unsicherheit, das immer von denen ausgenutzt werden kann, die zur Gewalt zurückkehren wollen und unzufrieden sind mit den Friedenskompromissen. Die meisten Menschen in Nordirland wollten einen Deal und fühlen sich besonders in der Grenzregion den Risiken des Brexits ausgesetzt. Wenn wir einen No-Deal-Brexit bekämen, würde das für viele einem Betrug gleichkommen. Und das würden die Paramilitärs nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt eine Lösung für die Nordirlandfrage?

Hayward: Es ist egal, ob wir einen harten oder weichen Brexit bekommen: Es wird wieder eine Grenze geben. Der Unterschied zwischen britisch und irisch wird deutlicher werden. Der Brexit fördert wieder zutage, was das Karfreitagsabkommen beilegen wollte: die Unterschiede zwischen beiden Seiten.

insgesamt 7 Beiträge
thor.z1367 25.01.2019
1. Irland gehört den Iren
England ein gewalttätige Besatzungsmacht die eine Politregiem in Nordirland eingesetzt hat.Sollte das was sie geraubt hat wieder zurückgeben......Die Geschichte zeigte immerwieder das Gewalt von Aggressoren nie bestand [...]
England ein gewalttätige Besatzungsmacht die eine Politregiem in Nordirland eingesetzt hat.Sollte das was sie geraubt hat wieder zurückgeben......Die Geschichte zeigte immerwieder das Gewalt von Aggressoren nie bestand hätte.Die Konsequenz ist England zieht sich zurück und überläßt den Iren Nordirland.Man könnte durchaus noch eine 5 Jahresfrist einsetzen damit die Besatzer friedlich abziehen können.
kajoter 25.01.2019
2. Mich erschüttert ...
... zum einen, dass es damals überhaupt diesen blutigen Konflikt quasi mitten in Europa gab. Zum anderen, dass die Zeit nach dem Karfreitagsabkommen nicht genutzt wurde, um das Gebiet tatsächlich zu befrieden, d.h. innerhalb der [...]
... zum einen, dass es damals überhaupt diesen blutigen Konflikt quasi mitten in Europa gab. Zum anderen, dass die Zeit nach dem Karfreitagsabkommen nicht genutzt wurde, um das Gebiet tatsächlich zu befrieden, d.h. innerhalb der Bevölkerung eine Versöhnung zu bewirken. Und zum dritten, dass auf Grund dieser Extremisten die Brexit-Verhandlungen zu keinem echten Resultat kommen können, weil dieses wegen Nordirland schlichtweg nicht möglich ist. Mir ist es - offen gesagt - völlig egal, ob Nordirland an Irland gehen oder im UK verbleiben sollte. Aber es ist irrsinnig, dass derartig wichtige, politische Prozesse wie der Brexit wegen dieser kleinen Grenze und diesen Terroristen derartig behindert werden. Und es zeigt eben auf, dass London in dieser Frage vollkommen versagt hat und dass das Konstrukt des UK auf sehr tönernen Füßen steht - wie man auch an Schottland sehen kann.
ambulans 25.01.2019
3. >thor.z1367 (#1, oben),
witziger nick name (gehts hier evtl. um die berühmte schlacht bei aguincourt - ritter vs langbögen?). egal - sie haben recht: nord-irland gehört (früher oder später) wieder zu gesamt-irland; die situation und die [...]
Zitat von thor.z1367England ein gewalttätige Besatzungsmacht die eine Politregiem in Nordirland eingesetzt hat.Sollte das was sie geraubt hat wieder zurückgeben......Die Geschichte zeigte immerwieder das Gewalt von Aggressoren nie bestand hätte.Die Konsequenz ist England zieht sich zurück und überläßt den Iren Nordirland.Man könnte durchaus noch eine 5 Jahresfrist einsetzen damit die Besatzer friedlich abziehen können.
witziger nick name (gehts hier evtl. um die berühmte schlacht bei aguincourt - ritter vs langbögen?). egal - sie haben recht: nord-irland gehört (früher oder später) wieder zu gesamt-irland; die situation und die rechtsverhältnisse der "orangenen" protestanten dort lassen sich, wie schon woanders mit erfolg probiert, selbstverständlich regeln und auch schutz gewährleisten - voraussetzung: sie "spielen" mit ... dr. ambulans (alle kassen)
thor.z1367 25.01.2019
4. Ich nehme gerne einen Orden von Irland an
Aber nie von den Briten .Ein Volk auf Gewalt und Vorurteile aufgebaut.
Zitat von ambulanswitziger nick name (gehts hier evtl. um die berühmte schlacht bei aguincourt - ritter vs langbögen?). egal - sie haben recht: nord-irland gehört (früher oder später) wieder zu gesamt-irland; die situation und die rechtsverhältnisse der "orangenen" protestanten dort lassen sich, wie schon woanders mit erfolg probiert, selbstverständlich regeln und auch schutz gewährleisten - voraussetzung: sie "spielen" mit ... dr. ambulans (alle kassen)
Aber nie von den Briten .Ein Volk auf Gewalt und Vorurteile aufgebaut.
galaxygrill 26.01.2019
5. Realitätsverweigerer DUP
Das schockierende an der Situation ist,dass die 10 gestrigen Männekens der DUP, ihre Identitätspolitik über das Wohlergehen ihres Landes stellen. Der Brexit wird Nordirland wirtschaftlich schwer Schaden. Der Friedensprozess ist [...]
Das schockierende an der Situation ist,dass die 10 gestrigen Männekens der DUP, ihre Identitätspolitik über das Wohlergehen ihres Landes stellen. Der Brexit wird Nordirland wirtschaftlich schwer Schaden. Der Friedensprozess ist in höchster Gefahr und Nordirland hat mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt. All das wird von der DUP ignoriert. Ein Verbleiben Nordirlands in der Zollunion würde die Probleme lösen. Aber die DUP nimmt lieber alle Nachteile in Kauf und erpresst Theresa May, weil Nordirland nicht anders behandelt werden darf als der Rest.des VK. Ich persönlich glaube, dass diese geistige Verbohrtheit nur durch die jahrhundertelange Inzucht im Britischen Bevölkerungsteil in Nordirland erklärt werden kann.

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