Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Gewalt gegen Uiguren in China

"Schwester, wenn etwas passiert, bitte such mich nicht"

Gulzire hat keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester Guligeina. Die Frauen sind Uiguren und stammen aus China. Gulzire hat einen Verdacht: Guligeina könnte in einem der staatlichen Internierungslager gelandet sein.

Getty Images
Von
Sonntag, 30.09.2018   14:33 Uhr

Es ist der erste Weihnachtstag 2017, als Gulzire zum letzten Mal mit ihrer Schwester Guligeina spricht. Guligeina sagt, sie wolle nach dem Masterstudium in Malaysia zurückkehren in ihre Heimat, die westliche Provinz Xinjiang in China, um dort ihre Eltern zu besuchen.

Gulzire lebt seit 2011 in München, sie und ihre Familie sind Muslime, gehören zum Turkvolk der Uiguren, das von der chinesischen Regierung unterdrückt wird. Gulzire weiß, dass sie nach Xinjiang nicht mehr zurückkehren kann. "Zu gefährlich", sagt sie. Auch wegen der geplanten Reise ihrer Schwester war sie in Sorge. Aufhalten konnte sie sie nicht.

Die beiden wollten über WeChat, dem chinesischen WhatsApp, in Kontakt bleiben. Doch die Chats werden überwacht, gerade wenn mit dem Ausland kommuniziert wird. Daher verabredeten die Schwestern einen Trick: Guligeina soll jede Woche ihr Profilbild ändern - als Zeichen, dass es ihr gut geht.

Nach einer Woche in Xinjiang das erste Zeichen: Ein neues Foto von Guligeina und ihrer Mutter. Danach kam lange nichts mehr. "Schwester, wenn mir etwas passiert, bitte such mich nicht", hatte Guligeina zu Gulzire am Telefon gesagt.

Eines Tages veränderte sie wieder ein Profilbild: Die Wand eines dunklen Raumes war zu sehen, schwarzgraue Umrisse eines Körpers. "Das war ein Signal", sagt Gulzire - wenn auch nicht klar ist, wer das Bild änderte. Sie ist sich sicher, dass Guligeina in einem Internierungslager der chinesischen Behörden gelandet ist.

Einer Schätzung von Human Rights Watch (HRW) zufolge werden derzeitetwa eine Million Menschen in Einrichtungen festgehalten, die Internierungslagern ähneln - das entspricht etwa jedem Zehnten Uiguren in Xinjiang. Mit ihnen sollen auch Kasachen und Kirgisen inhaftiert sein. Menschenrechtler sprechen von der schwersten Menschenrechtsverletzung in China seit Jahrzehnten.

Google Earth/ DigitalGlobe

Mutmaßliches Lager in Dabancheng

Die Frage, wie es ihrer Schwester dort geht und was sie durchlebt, beschäftigt Gulzire seither jeden Tag. Es gibt drastische Berichte von ehemaligen Gefangenen aus den Lagern.

Einer von ihnen ist Kairat. Als er von der Polizei verhaftet wurde, sei er an Händen und Füßen gefesselt worden. Anschließend hätten ihn die Männer gezwungen, zwölf Stunden lang auf einer Stelle zu stehen. So schildert es Kairat der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Etwa 6000 Menschen seien mit ihm in dem Camp gewesen, schätzt er. Gerichtsverfahren gebe es für die Internierten nicht. Sie mussten zusammen politische Lieder singen und Reden von Führern der Kommunistischen Partei lernen. Dazu habe es Chinesischunterricht gegeben. Vor jeder Mahlzeit sollten sie den chinesischen Präsidenten preisen: "Lang lebe Xi Jinping", hätten sie rufen müssen, sagt Kairat. Kurz bevor er sich das Leben nehmen wollte, im Februar 2018, wurde er freigelassen.

Fotostrecke

Uiguren in China: Angst vor dem Lager

Die Berichte der Opfer, die es aus verschiedenen Gründen wieder aus den Lagern geschafft haben - etwa durch Bestechung oder eine für die Sicherheitskräfte überzeugende "positive" Entwicklung - gleichen sich in einigen Punkten. So gibt es in den Lagern offenbar einen umfangreichen Strafkatalog: von Essensverweigerung, Einzelhaft, bis hin zu Schlägen. Es gibt auch Berichte über Todesfälle in den Camps; ob durch Gewalteinwirkung oder Freitod, bleibt meist offen.

Immer wieder durchstöbert Gulzire nun das Internet auf der Suche nach Berichten von Opfern, die die Camps überlebt haben. Eine Frau berichtet bei Facebook: Demnach mussten sich die Frauen in dem Lager von den Sicherheitsmännern nackt fotografieren lassen. "Ich habe Angst um meine Schwester", sagt Gulzire. "Mein Herz ist kaputt."

Inzwischen melden sich immer mehr Betroffene zu Wort, sagt Nicholas Bequelin von Amnesty International. "Das zeigt, wie verzweifelt die Familienangehörigen sind. Sie wissen nicht, wann sie ihre Verwandten jemals wiedersehen können, bekommen kein Lebenszeichen von ihnen." Da es keine rechtliche Grundlage für die Internierungen gebe, wüssten sich die Angehörigen nicht anders zu helfen, als ihren Fall öffentlich zu machen.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL+

So geht es auch Gulzire: Das veränderte Profilbild sollte sie aufrütteln, da ist sie sich sicher. Nur wie sie ihre Schwester wiederfinden soll, weiß sie nicht.

"Bildungs- und Ausbildungszentren"

Offiziell gibt es verschiedene Stellungnahmen der chinesischen Regierung. Jahrelang hatte sie die Existenz der Lager schlichtweg geleugnet. Mittlerweile ist aber auch in Propagandablättern wie der "Global Times" zu lesen, es handle sich um Präventionsmaßnahmen, um terroristische Anschläge in der Region zu verhindern. Auch von "Bildungs- und Ausbildungszentren" zur "Resozialisierung von Kleinkriminellen" ist die Rede. Eine Zahl der Eingewiesenen gibt Peking nicht heraus.

Tatsächlich haben Uiguren in der Volksrepublik immer wieder Anschläge verübt. 2014 stachen Uiguren in der Stadt Kunming 31 Menschen nieder, auch ein Attentat in Peking im Oktober 2013 wird Uiguren zugeschrieben. Erst einige Jahre später aber begann der große Crackdown in der Region: 2017 versetzte Peking den Parteichef von Tibet, Chen Quanguo, nach Xinjiang, um dort die Menschen komplett überwachen zu lassen. Er baute dort einen enormen Überwachungs- und Polizeiapparat auf.

"Der chinesischen Regierung geht es um eine komplette Kontrolle", sagt Xinjiang-Experte Adrian Zenz. Zudem sei die Region zentral für das gigantische Infrastrukturprojekt "Neue Seidenstraße". Das "Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang" ist viereinhalb mal so groß wie Deutschland und grenzt an acht Länder. Darüber laufen alle Transportrouten nach Zentralasien. Kommt es dort zu Aufständen, kann das weitreichende Konsequenzen für das Prestigeprojekt haben.

DER SPIEGEL

Projekt "Neue Seidenstraße"

Deutschland hat vorerst einen Abschiebestopp nach China für Uiguren und Angehörige anderer muslimischer Minderheiten verhängt. Hintergrund ist ein Fall aus München, bei dem ein 23-Jähriger von Deutschland aus zurück nach China geschickt worden war, obwohl über seinen Asylfolgeantrag noch nicht entschieden war. Seitdem fehlt jedes Lebenszeichen von ihm. Die Fragen des Auswärtigen Amtes nach ihm ließ Peking bislang unbeantwortet.

insgesamt 10 Beiträge
spiegeleix 30.09.2018
1. zu solch drastischen, aber sehr wirkungsvollen Maßnahmen
greifen Menschen, wenn sie sich nicht mehr anders schützen können vor terroristischen Anschlägen, und schießen damit übers Ziel hinaus, weil darunter viele Unschuldige leiden. Was lernen wir daraus? Alle Seiten des Problems [...]
greifen Menschen, wenn sie sich nicht mehr anders schützen können vor terroristischen Anschlägen, und schießen damit übers Ziel hinaus, weil darunter viele Unschuldige leiden. Was lernen wir daraus? Alle Seiten des Problems diskutieren, mit allen Betroffenen, statt Sprech- und Denkverbote zu erteilen. Nur wenn offen über die Ursachen solcher Anschläge und sonstiger von solchen Bevölkerungsteilen ausgehenden Gewalt gegen andere Menschen gesprochen wird, ist es möglich, Strategien zu entwickeln, um die Bevölkerung wirksam zu schützen.
hwmueller 30.09.2018
2. Die Uiguren haben aus lauter Verzweiflung
vor 4 Jahren in Kunmimg ein Massaker mit 34 durch Messer getöteten Menschen angerichtet. Gewalt ist kein Privileg der Zentralregierung. Der Vielvölkerstaat China verteidigt seine Einheit ebenso berechtigt oder unberechtigt wie [...]
vor 4 Jahren in Kunmimg ein Massaker mit 34 durch Messer getöteten Menschen angerichtet. Gewalt ist kein Privileg der Zentralregierung. Der Vielvölkerstaat China verteidigt seine Einheit ebenso berechtigt oder unberechtigt wie Madrid es für Spanien tut. Wer das anprangert, will entweder die aufstrebende Weltmacht schwächen oder ist schlicht bigott.
millwallbrick 30.09.2018
3. @hwmueller
Spanien mit China zu vergleichen ist doch "ein bisschen drüber", zumal in China mehr Menschen in Umerziehungslagern sitzen, als Katalonien Einwohner hat, aber dass spielt keine Rolle. Wieviele Umerziehungslager hat Spanien [...]
Spanien mit China zu vergleichen ist doch "ein bisschen drüber", zumal in China mehr Menschen in Umerziehungslagern sitzen, als Katalonien Einwohner hat, aber dass spielt keine Rolle. Wieviele Umerziehungslager hat Spanien eigentlich nach in Betrieb ? Der Euphemismus des Wortes "Umerziehungslager" wäre übrigens selbst einem Theodor Eicke nicht eingefallen. Witzig, wie tolerant wir gegenüber den Menschenrechtsverletzungen aller jener Mächten sind, die die Hegemonie der USA angreifen. Aber solange sich die Chinesen nicht als Patrioten bezeichnen, ist deren Imperialismus wohl moralische vertretbar.
mariomeyer 30.09.2018
4. @hwmueller
Würden Sie sagen, dass die Methoden, wie Spanien und der Vielvölkerstaat China ihre jeweilige Einheit verteidigen, nur bedingt vergleichbar sind? @spiegeleix Mir stellt sich die Frage, wer hier wen terrorisiert.
Würden Sie sagen, dass die Methoden, wie Spanien und der Vielvölkerstaat China ihre jeweilige Einheit verteidigen, nur bedingt vergleichbar sind? @spiegeleix Mir stellt sich die Frage, wer hier wen terrorisiert.
jowitt 30.09.2018
5. @spiegeleix heute, 15:11 Uhr
"greifen Menschen, wenn sie sich nicht mehr anders schützen können vor terroristischen Anschlägen, und schießen damit übers Ziel hinaus," Sie betreiben hier zynische Verharmlosung. Massenhafte Internierung [...]
Zitat von spiegeleixgreifen Menschen, wenn sie sich nicht mehr anders schützen können vor terroristischen Anschlägen, und schießen damit übers Ziel hinaus, weil darunter viele Unschuldige leiden. Was lernen wir daraus? Alle Seiten des Problems diskutieren, mit allen Betroffenen, statt Sprech- und Denkverbote zu erteilen. Nur wenn offen über die Ursachen solcher Anschläge und sonstiger von solchen Bevölkerungsteilen ausgehenden Gewalt gegen andere Menschen gesprochen wird, ist es möglich, Strategien zu entwickeln, um die Bevölkerung wirksam zu schützen.
"greifen Menschen, wenn sie sich nicht mehr anders schützen können vor terroristischen Anschlägen, und schießen damit übers Ziel hinaus," Sie betreiben hier zynische Verharmlosung. Massenhafte Internierung ist kein Mittel gegen Terrorismus, sondern dient dazu, die Leute politisch auf Reihe zu bringen und einzuschüchtern. In China sitzen schätzungsweise hunterttausende Menschen in "Umerziehungslagen". Wir haben es hier mit einer schlimmen Diktatur zu tun, die nur ihre Meinung zuläst. Terrorismusbekämpfung ist lediglich der vorgeschobene Grund der Partei.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP