Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Weltkriegsgedenken mit Merkel, Trump und der Queen

Blick zurück in die Hölle

Sogar Donald Trump hielt sich zurück. Bei den D-Day-Feierlichkeiten in Portsmouth demonstrieren Staats- und Regierungschefs Einigkeit wie schon lange nicht mehr. Den rührendsten Moment lieferte ein 99-Jähriger.

Guillaume Souvant/ AFP
Von
Mittwoch, 05.06.2019   17:44 Uhr

Wie klein selbst Donald Trump an diesem Tag wirkt - allein auf einer gewaltigen Bühne, um die sich die Vertreter von 16 Nationen scharen. Gerade mal zwei Minuten steht er da vorne und trägt Roosevelts "Mighty Endeavor" vor, ein Gebet, in dem von Toleranz und Einigkeit die Rede ist. Dann geht er wieder.

Sogar Trump akzeptiert an diesem Tag, dass es sich nicht um ihn dreht. Sondern um die rund 300 alten Männer, die in einiger Entfernung zumeist in Rollstühlen sitzen und sich gelegentlich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen: Veteranen des Zweiten Weltkriegs - und lebende Mahnmale einer aus den Fugen geratenen Welt.

DER SPIEGEL

Details zur Operation "Overlord"

Vor genau 75 Jahren waren diese Männer gemeinsam mit Zehntausenden weiteren ausgezogen, um sich einem der wagemutigsten militärischen Manöver der Menschheitsgeschichte anzuschließen. Vom 6. Juni 1944 an landeten sie im Rahmen der "Operation Overlord" an den Stränden der Normandie, wo sie unter unvorstellbaren Bedingungen und Verlusten eine zweite Front gegen die deutsche Wehrmacht errichteten. Es war der Anfang von Hitlers Ende.

An diesem Mittwoch nun begaben sich diejenigen, die den Wahnsinn er- und überlebt haben, nach Southsea Common im südenglischen Portsmouth, heute eine friedliche Grünfläche am englischen Kanal - damals der Ort, von dem aus viele junge Männer zu ihrer allerletzten Fahrt aufbrachen.

Eskortiert wurden die Veteranen von Queen Elizabeth II., ihrem Sohn, dem Prinzen von Wales, sowie 16 Staats- und Regierungschefs: 15 von ihnen Vertreter der Nationen, die sich damals zu einer Streitmacht zusammentaten. Die 16. war Angela Merkel. Im Namen aller wandte sich die Queen in einer kurzen Rede direkt an die Kämpfer von einst, für ihre wichtigste Botschaft reichten der 93-Jährigen dabei zwei Worte: "Vielen Dank".

Im Video: Eine Handvoll Sand für den Gefallenen

Foto: REUTERS

Das britische Verteidigungsministerium hatte die D-Day-Feierlichkeiten, die in Portsmouth noch mehrere Tage fortgesetzt werden, als "größtes britisches Militärspektakel der jüngeren Geschichte" angekündigt. Die eineinhalbstündige Zeremonie aber war noch weit mehr als das. Mit Hilfe von Theaterszenen, Fotografien der Schlacht in der Normandie, Auszügen aus Briefen von Soldaten und Musik aus den 1940er-Jahren gelang den Veranstaltern ein geschickt komponierter Blick zurück in den Abgrund. Wer wollte, konnte die gesamte Feier jedoch auch als Aufruf an die Würdenträger von heute lesen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Fotostrecke

Invasion in der Normandie: "Die Freude, die kam erst später"

So überspannte ein weithin sichtbares Band von 15 Flaggen die 60 Meter breite Hauptbühne - zehn davon, inklusive der britischen, gehören heute zu Mitgliedsländern der Europäischen Union. Einmal ertönte aus den Lautsprechern Churchills Stimme, wie sie davon sprach, dass das britische Empire und die französische Republik "einer gemeinsamen Notwendigkeit" folgen. Ein anderes Mal zitierte ein Redner die Erklärung der Teheraner Konferenz, die Churchill, Roosevelt und Stalin 1943 verfasst hatten. Darin drückten die Alliierten ihre Entschlossenheit aus, "dass unsere Nationen im Krieg und in dem Frieden, der folgen wird, zusammenarbeiten werden".

Vertreter aus Russland jedoch fehlten in Portsmouth, dafür wandten sich die Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Großbritannien und den USA in kurzen Beiträgen ans Publikum. Emmanuel Macron, Theresa May und Trump wurden dabei nicht namentlich, sondern nur in ihrer Funktion vorgestellt - ganz so, als ginge es darum, auch ihnen zu signalisieren, dass ihr Amt größer ist als sie selbst es womöglich glauben.

Dan Kitwood/Getty Images

Veteran John Jenkins

Der rührendste Moment dieser Feierlichkeiten aber kam, als der 99-jährige John Jenkins, am Stock gehend und mit Orden behängt, die Bühne betrat. Der Veteran aus Portsmouth war als 23-Jähriger losgeschickt worden, um Europa zu befreien. Die Nachgeborenen erinnerte er an eine Selbstverständlichkeit, die offenbar nicht mehr überall eine ist: "Wir dürfen niemals vergessen!"

insgesamt 42 Beiträge
volker1840 05.06.2019
1. Warum eingeladen?
Dass man als deutscher Staatschef/Kanzlerin bei den Feierlichkeiten die Befreiung Europas vom Joch des Faschismus betreffend überhaupt eingeladen wird ist schon ein starkes Symbol. Allerdings weiss ich nicht inwiefern dies einen [...]
Dass man als deutscher Staatschef/Kanzlerin bei den Feierlichkeiten die Befreiung Europas vom Joch des Faschismus betreffend überhaupt eingeladen wird ist schon ein starkes Symbol. Allerdings weiss ich nicht inwiefern dies einen Sinn macht als einziger Bösewicht unter all den Guten. Jedenfalls ist die deutsche Fahne nicht an dem dekorativen Flaggenbogen zu sichten der den Festpavillon einrahmt und das ist rechteigentlich auch ganz so.
Newspeak 05.06.2019
2. ...
"Das britische Verteidigungsministerium hatte die D-Day-Feierlichkeiten, die in Portsmouth noch mehrere Tage fortgesetzt werden, als "größtes britisches Militärspektakel der jüngeren Geschichte" [...]
"Das britische Verteidigungsministerium hatte die D-Day-Feierlichkeiten, die in Portsmouth noch mehrere Tage fortgesetzt werden, als "größtes britisches Militärspektakel der jüngeren Geschichte" angekündigt." Wenn man wirklich aus der Geschichte gelernt haette, wuerde man jede Form des Militaers ablehnen. Denn selbst eine Armee, die ein anderes Land von der Tyrannei befreit, befreit sich selbst nicht von ihrer eigenen Definition, das Toeten von Menschen als Ziel zu haben. Das ist immer menschenverachtend. Mir waere ein Veteran lieber, der das erkennt, und seine Orden wegschmeisst.
huckfin 05.06.2019
3. Bitte nicht relativieren!!
Bitte seien Sie still und lassen Sie das Relativieren. Das war alles schlimm genug.
Bitte seien Sie still und lassen Sie das Relativieren. Das war alles schlimm genug.
Bernd.Brincken 05.06.2019
4. Gedenken
Die Operation Overlord war zweifellos ein besonders dramatischer und verlustreicher Meilenstein im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Bei Formeln wie "Blick in die Hölle" sollte man aber die Ostfront im Hinterkopf haben, [...]
Die Operation Overlord war zweifellos ein besonders dramatischer und verlustreicher Meilenstein im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Bei Formeln wie "Blick in die Hölle" sollte man aber die Ostfront im Hinterkopf haben, wo die Verluste der roten Armee weit weit über jenen der Alliierten an der Westfront lagen. Das deutsche Weltkriegsgedenken legt, auch seitens der Politik, einseitig das Gewicht nach Westen. Putin ist vor fünf Jahren in die Normandie gekommen, Gegenbesuche am 9. Mai in Moskau blieben aus.
vulcan 05.06.2019
5.
Es gab nie einen Befehl von Eisenhower, Montgomery oder sonstwem auf allierter Seite "keine Gefangen zu machen". Das ist eine glatte Lüge. Es ist auch zumindest irreführend, zu behaupten, die Allierten hätten [...]
Es gab nie einen Befehl von Eisenhower, Montgomery oder sonstwem auf allierter Seite "keine Gefangen zu machen". Das ist eine glatte Lüge. Es ist auch zumindest irreführend, zu behaupten, die Allierten hätten 'erbarmungslos franz. Zivilisten bombardiert'. Im Falle von Caen handelte es sich um die fehlgegangene Bombardierung deutscher Stellungen rund um Caen. Dass Verluste unter der franz. Zivilbevölkerung einkalkuliert waren, ist etwas ganz anderes (weil unvermeidlich) als 'erbarmungslos'.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP