Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Dänische Insel für Flüchtlinge

Die Gefangenen von Lindholm

Dänemark will abgelehnte Asylbewerber auf einer winzigen Insel zusammenpferchen, auf der früher infizierte Tiere verbrannt wurden. Der Plan ist zu einem Symbol für eine restriktive Migrationspolitik geworden.

Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Die dänische Insel Lindholm. Einst wurde hier mit Viren experimentiert, künftig sollen abgelehnte Asylbewerber einziehen.

Aus Kalvehave berichtet
Dienstag, 04.06.2019   18:43 Uhr
Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Das kleine Boot bremst ab, ein paar Dutzend Meter sind es noch, dann stirbt das Röcheln des Motors. Es bleibt das Gluckern der Wellen und der Blick auf die kleine dänische Insel Lindholm: Sieben Hektar Land, ein paar Betonbauten. Der Schornstein verrät das Krematorium. Bis vor Kurzem verbrannte das dänische Veterinärsamt hier infizierte Tiere, experimentierte mit Viren.

Betreten darf man Lindholm deswegen nicht, zu gefährlich, heißt es. Der Boden ist verseucht. Immer noch könnte man sich mit Viren infizieren oder die Schweinepest an Land tragen. Ab 2021, wenn die Insel dekontaminiert ist, sollen hier Flüchtlinge wohnen: Abgelehnte Asylbewerber, die nicht in ihre Heimat zurückgeschickt werden können, zum Beispiel weil dort Krieg herrscht. Und kriminelle Flüchtlinge, die ihre Strafe aber verbüßt haben. So hat es die dänische Regierung beschlossen.

Mehr als 100 Menschen können es werden auf der dann Lindholm. So sieht es der Plan vor. Medien aus aller Welt berichteten über die "Gefängnisinsel", das dänische Alcatraz.

Klar ist: Dänemark hat viele Inseln, dass es eine virenverseuchte sein musste, ist mutmaßlich kein Zufall. So wurde Lindholm zum Symbol für den Rechtsruck in der dänischen Einwanderungspolitik, das Signal: Kommt nicht, Ihr seid hier nicht willkommen.

REUTERS

Lindholm aus der Luft: Kommt nicht, Ihr seid nicht willkommen

An diesem Mittwoch wird in Dänemark ein neues Parlament gewählt. Das Lindholm-Lager dient gleich mehreren Parteien dazu, Härte gegen Asylbewerber zu demonstrieren, vor allem gegen kriminelle.

Die Verbannung von Menschen auf eine Insel sendet eine Nachricht - an die eigenen Wähler. Seht her, wir kontrollieren genau, wer von unserem Sozialstaat profitieren darf. Und an Flüchtende, die angesichts solcher Schlagzeilen vielleicht doch lieber in Deutschland bleiben oder nach Schweden weiterreisen.

Beschlossen hat das Projekt im Dezember zwar die konservativ-liberale Minderheitsregierung, maßgeblich vorangetrieben wurde es aber von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei. Jedes Jahr verlangt die Partei neue Zugeständnisse, im Tausch gegen die Zustimmung für den Haushalt. In einem Video freuten sich die Rechtspopulisten über die "gute Neuigkeit". In der Animation setzt ein Boot einen Menschen mit brauner Haut auf einer winzigen Insel ab.

Aber auch Integrationsministerin Inger Støjberg von der konservativ-liberalen Venstre-Partei nutzt Lindholm im Wahlkampf. Die Migranten seien unerwünscht, und sie werden das spüren, sagte sie. Støjberg zählt, wie oft sie die Ausländergesetze schon verschärft hat. Die 50. Verschärfung feierte sie mit einer Torte.

Was ist übrig geblieben von dem einst so liberalen Dänemark, von dem Land, das 1952 als erstes die Genfer Flüchtlingskonvention ratifizierte?

In Kalvehave streicht der Wind über rote Holzhäuser, im kleinen Fischerhafen schaukeln Boote auf dem Wasser. Drei Kilometer trennen den kleinen Ort mit den etwas mehr als 2000 Bewohnern von Lindholm. Oder 20 Minuten mit der Fähre. Im Sommer entspannen Touristen hier beim Radfahren oder Angeln. Über diese dänische Idylle bricht nun die Globalisierung herein.

Susanne Svarrer führt den Kampf gegen Lindholm an. Einst kam sie mit ihrem Mann nach Kalvehave, um in der Natur zu leben. Nun diskutiert sie über Lagerhaft und IS-Rückkehrer. Was, wenn künftig auch diese Menschen hier untergebracht würden? Und wer habe sich das Konzept überhaupt überlegt, schließlich könne man von der Insel bei niedrigem Wasserstand sogar an Land waten. Man müsse nicht mal die Fähre nehmen.

Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Susanne Svarrer spricht für die Lindholm-Gegner - und bangt um ihr Zuhause

Während Svarrer spricht, trägt der Wind Musikfetzen aus Richtung des Piers herüber. Rund 200 Menschen sind an diesem Tag im April an den Hafen gekommen, um gegen Lindholm zu demonstrieren. Die meisten sind Mitglieder in der örtlichen Protestgruppe. Svarrer ist ihre Sprecherin. Sie alle fragen sich, was passiert, wenn junge Männer tagsüber in ihren kleinen Ort kommen und nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihre Heimat, haben Angst vor kriminellen Flüchtlingen und fallenden Häuserpreisen - und kritisieren die enormen Kosten des Projekts. Allein die Umgestaltung der Insel wird mehr als 100 Millionen Euro kosten.

Überhaupt, die Kosten. Wer die Demonstranten nach ihren Gründen fragt, hört vor allem dieses Argument. Klar, die Idee einer Flüchtlingsinsel sei auch problematisch. "So sind wir Dänen nicht, Menschen auf eine winzige Insel zu bringen, passt nicht zu uns", sagt zum Beispiel Susanne Svarrer. Aber sie sagt auch: "Diese 100 Menschen werden unser Leben einschränken." Falls das Lager auf Lindholm wirklich gebaut wird, wird sie wohl wegziehen.

Die Hoffnungen der Protestierenden ruhen auf dem Mann, der vor Lindholm im Boot sitzt. Brian Bressendorff, 32, Sozialdemokrat aus der Nähe von Kalvehave, drückt den Rücken durch, zückt das Handy, Selfiemodus. Bressendorff, kräftige Statur, ebener dunkler Bart, breites Lächeln, spricht in die Kamera, zu seinen potenziellen Wählern.

"Diese Insel kostet uns pro Migrant mehr Geld als ein Zimmer in einem der teuersten Hotels Kopenhagens!", ruft er über den Wind. Auch Bressensdorffs Hauptargumente sind die hohen Kosten und die sinkenden Häuserpreise. Er weiß: So sehen es auch seine Wähler. Erst später fügt er an. "Wir sollten Menschen nicht auf eine Insel bringen - egal woher sie kommen."

Steffen Lüdke/ SPIEGEL ONLINE

Brian Bressendorff, Sozialdemokrat, kämpft in der eigenen Partei gegen Lindholm

Bressendorff kämpft innerhalb seiner sozialdemokratischen Partei dafür, dass sie sich gegen Lindholm ausspricht. Er muss das tun, wenn er als Repräsentant für die Region ins Parlament einziehen will.

Parteichefin Mette Frederiksen hat bereits eine Obergrenze für "nicht-westliche Ausländer" gefordert - und auch den sogenannten Paradigmenwechsel in der Einwanderungspolitik mitgetragen. Ausländer sollen nicht mehr integriert, sondern eher abgeschoben werden.

Martin Lemberg-Pedersen, Assistenz-Professor für Global Refugee Studies an der Aalborg University, beobachtet die dänische Flüchtlingspolitik seit Jahren. In Dänemark habe sich eine Abschreckungslogik durchgesetzt, sagt er. "Zwischen die Sozialdemokraten und die Rechtspopulisten passt in dieser Hinsicht kein Blatt mehr. Sie haben voll auf diesen Kurs gesetzt, werden dafür gewählt." Die Sozialdemokraten seien gefangen in ihrer Rhetorik und würden diese Antieinwanderungspolitik so schnell nicht mehr ändern können.

Der Effekt: Das gesamte politische System Dänemarks hat sich nach rechts verschoben. Bei den drei größten Parteien sind die extremen Positionen der Rechtspopulisten nun weitestgehend Konsens. Mit ihrer harten Haltung in der Migrationspolitik haben die Sozialdemokraten allerdings die Rechtspopulisten geschrumpft - und liegen nun in Umfragen klar vorne. Zur Lindholm-Frage haben sich die Sozialdemokraten im Parlament unlängst sogar enthalten, statt dagegen zu stimmen. Auch auf Nachfrage sprach sich die Parteichefin nicht klar gegen das Insel-Lager Lindholm aus.

Ihr Parteifreund Bressendorff seufzt, als er im schaukelnden Boot darauf angesprochen wird. In Kalvehave fürchten viele, dass die Sozialdemokraten im Fall eines Wahlsiegs versuchen werden, bei Asylangelegenheiten mit den rechten und rechtspopulistischen Parteien zusammenzuarbeiten, statt mit den Parteien des linken Blocks.

Bressendorff sagt, er glaube trotzdem nicht, dass das Lager auf Lindholm jemals gebaut werde, wenn seine Partei an die Macht kommt. "Ich werde alles geben, um es zu verhindern." Aber er könne es seinen Leuten nicht versprechen.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, dass sich Menschen beim Betreten der Insel auch mit der Schweinepest infizieren könnten. Richtig ist, dass sie die Krankheit an Land schleppen und an andere Tiere übertragen könnten. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Sind die journalistischen Inhalte unabhängig von der Stiftung?
Ja. Die redaktionellen Inhalte entstehen ohne Einfluss durch die Gates-Stiftung.
Haben auch andere Medien ähnliche Projekte?
Ja. Große europäische Medien wie "The Guardian" und "El País" haben mit "Global Development" beziehungsweise "Planeta Futuro" ähnliche Sektionen auf ihren Nachrichtenseiten mit Unterstützung der Gates-Stiftung aufgebaut.
Gab es bei SPIEGEL ONLINE bereits ähnliche Projekte?
SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Jahren bereits zwei Projekte mit dem European Journalism Centre (EJC) und der Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation umgesetzt: Die "Expedition Übermorgen" über globale Nachhaltigkeitsziele sowie das journalistische Flüchtlingsprojekt "The New Arrivals", in deren Rahmen mehrere preisgekrönte Multimedia-Reportagen zu den Themen Migration und Flucht entstanden sind.
Wo finde ich alle Veröffentlichungen zur Globalen Gesellschaft?
Die Stücke sind bei SPIEGEL ONLINE zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP