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Politik

ESC-Ausrichter Tel Aviv

Israels liberale Insel

Ganz Europa blickt beim Eurovision Song Contest auf Tel Aviv. Bürgermeister Ron Huldai hat einen großen Anteil daran. Er hat die Stadt in eine tolerante Hightech-Metropole verwandelt - trotz konservativer Gegenwehr.

Corinna Kern/ Reuters
Aus Tel Aviv berichtet
Samstag, 18.05.2019   13:13 Uhr

Tel Aviv ist mehr als eine Stadt. Rund drei Millionen Menschen leben in dem Ballungsraum der Metropole - ein Drittel der israelischen Bevölkerung. Und Ron Huldai, 74 Jahre alt, ist mehr als nur ein Rathauschef. Seit über zwei Jahrzehnten regiert er Tel Aviv.

Huldai ist der letzte linke Politiker, der in Israel ein wichtiges Amt besetzt. Der Bürgermeister inszeniert sich als eine Art Gegenmodell zu Benjamin "Bibi" Netanyahu, Israels rechtem Ministerpräsidenten.

Wer zu Huldai will, muss an seinen Vorgängern vorbei, deren eingerahmte Konterfeis an der Wand seines Sekretariats hängen, das mit Stehpult, Sitzcouch und Glastisch an eine Kassenarztpraxis erinnert. Neun weiße Männer, die Hälfte davon noch im russischen Zarenreich und der K.-u.-k.-Monarchie geboren, haben Tel Aviv seit der Gründung 1909 regiert.

Huldai sitzt versunken in seinem schwarzen Schreibtischstuhl, das hellblaue Hemd weit aufgeknöpft, unter den Augen tiefe Falten. "Die drei Millionen Menschen um mich herum sind der kreative und produktive Teil Israels", sagt er. Huldai hat ein junges, polyglottes Beraterteam um sich versammelt, junge Jüdinnen und Juden aus Israel, Europa und den USA. Sie treiben die Verwandlung von Tel Aviv voran.

Es gibt heute de facto drei Länder zwischen Mittelmeer und Jordan: die jüdische Demokratie Israel, das geografisch zweigeteilte Palästina - und die liberale Republik Tel Aviv.

Facebook unterhält auf dem traditionsreichen Rothschild-Boulevard in Strandnähe eine Dependance, Google residiert auf acht Etagen in einem der vielen glänzenden Hochhaustürme, die das Bauhaus-Image der "Weißen Stadt" abgelöst haben. Tel Aviv ist die Herzkammer der Start-up-Nation: 19 Stück pro Quadratkilometer zählt die Stadt mittlerweile. Neuerdings gibt es in der Innenstadt mit ihren vielen Cafés, Boutiquen, Ateliers und Bars neben Ampeln auch einige beleuchtete Bodenmarkierungen, die Bürgern zu Fuß oder auf E-Bikes anzeigen, ob grün oder rot ist. Und: freies Wifi.

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Tel Avivs Bürgermeister Huldai: Der alte Mann und die junge Stadt

Seit mehr als zwanzig Jahren richtet Tel Aviv eine Gay-Pride-Parade aus und hat sich in dieser Zeit zu einem "hebräischen Drehkreuz in einem kosmopolitischem System" entwickelt, wie es Bernard Avishai in der "New York Times" beschrieben hat.

Tel Aviv liegt im globalen Trend: In den USA und in vielen europäischen Ländern sind rechte Regierungen an der Macht, aber die Großstädte ticken links. "Ein Bürgermeister muss liberal sein. Ich kann Probleme nicht auf andere abwälzen. Es sind meine Leute", sagt Huldai.

In diesen Tagen rückt seine Stadt einmal mehr in den Blick der Weltöffentlichkeit, denn am Samstag findet in Tel Aviv der Eurovision Song Contest (ESC) statt.

2018 hatte die israelische Sängerin Netta gewonnen. Normalerweise wird der internationale Musikwettbewerb in der Hauptstadt des Vorjahressiegers ausgetragen. Netanyahu wollte das Großereignis in Jerusalem ausrichten, das er als Hauptstadt ansieht. Der Rest der Welt nicht - mit wenigen Ausnahmen, darunter US-Präsident Donald Trump. Am Ende fiel die Entscheidung auf Tel Aviv, vermutlich auch, um Absagen aus anderen Teilnehmerländern zu vermeiden. Ein säkularer Popgottesdienst am Schabbat wäre in Jerusalem zudem auf massive Proteste der Ultra-Orthodoxen gestoßen.

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Ron Huldai freut sich über die Entscheidung der Europäischen Rundfunkunion für seine Stadt, die er als Gegenentwurf zur nationalistischen Vision von Netanyahu sieht, in der Kunst oft nur dann gut ist, wenn sie den Regierenden gefällt. "Wir investieren sechs Prozent unseres jährlichen Gesamtbudgets in kommunale Kunst- und Kulturprojekte, die Regierung auf nationaler Ebene weniger als ein Prozent", sagt er.

Schriftsteller Oz: Die Menschen "hüpften und schwebten"

Tel Aviv, die erste hebräische Stadt der Geschichte, war schon immer besonders: Die Metropole war in den Gründerjahren des armen, landwirtschaftlich geprägten Mini-Staates Israel nicht "einfach ein Ort, zu dem du dir einen Fahrschein löst und mit dem Bus fährst, sondern ein anderer Kontinent". So hat es Amos Oz in seinem Jahrhundertroman "Geschichte von Liebe und Finsternis" geschrieben. Für ihn was es ein Ort, an dem die Menschen "hüpften und schwebten, wie Neil Armstrong auf dem Mond".

Oz hat die letzten Jahre vor seinem Krebstod in Tel Aviv gelebt und eine besondere Beziehung zu Huldai gehabt, die Jahrzehnte zurückreichte. Nach dem Suizid seiner Mutter zog Amos, der damals noch Klausner mit Nachnamen hieß, als 15-Jähriger von Jerusalem in das Kibbutz Hulda. Dort änderte er seinen Namen in "Oz", hebräisch für: Stärke.

Die Familie Huldai nahm ihn auf. Der aus einem konservativen Elternhaus stammende Oz war nun Teil des roten Adels, der von einem jüdischen Arbeiter- und Bauernstaat in der Levante träumte, das Land politisch und kulturell dominierte. Heute, in der Netanyahu-Ära, kaum mehr vorstellbar.

Aus der Armee ins Rathaus

Oyzer Huldai, der Vater von Ron Huldai, war Schulleiter des Kibbutz. "Eine Naturgewalt" sei Huldai senior gewesen, erinnerte sich Oz in einem Gesprächsband, der kurz nach seinem Tod im Frühjahr dieses Jahres erschienen ist, "eine der charismatischsten Gestalten, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und auch furchteinflößend."

Oyzer Huldai hat seinem Sohn vieles vererbt. Ron Huldai ist kein jovialer Menschenfänger, wie es Ariel Scharon war, kein berechnender Populist, wie Netanyahu es ist. Er ist ein nüchterner, ernster Mann, in erster Ehe verheiratet, mit drei Kindern und acht Enkeln.

Als junger Mann war Huldai in der israelischen Luftwaffe. Als Pilot flog er 1967 Kampfeinsätze im Sechstagekrieg, 1973 im Jom-Kippur-Krieg und diente später als Kommandeur von Geschwadern und Kasernen. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert in Uniform verließ er Ende der Achtzigerjahre die Armee im Rang eines Brigadegenerals, wechselte kurz in die Privatwirtschaft und wurde dann Direktor des Herzlija-Gymnasiums, einer der angesehensten Schulen des Landes.

Die Hipster-Metropole hat Probleme

Huldai führt die Liste "Ein Tel Aviv" an. Sie wird von der altehrwürdigen Arbeiterpartei und der liberalen Kadima unterstützt, die auf nationaler Ebene in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Huldai sieht sich selbst nicht als Politiker. "Ich bin ein öffentlicher Angestellter der Stadt Tel Aviv", sagt er.

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Doch so angesagt und hip seine Stadt ist, sie kämpft mit einer Reihe von Problemen. Die Mietpreise sind enorm gestiegen, Familien mit Durchschnittseinkommen finden in Tel Aviv kaum noch bezahlbare Wohnungen. Das öffentliche Nahverkehrssystem basiert auf Taxis und Bussen, Staus sind auch außerhalb der Rushhour Standard, ein Straßenbahnnetz wird gerade erst gebaut. In den kommenden Jahren soll es drei Linien in der 450.000 Einwohner zählenden Stadt geben.

Und dann ist da noch der strukturschwache Süden von Tel Aviv. Dort leben viele der zehntausenden christlichen und muslimischen Migranten. Viele von ihnen sind vor Jahren aus Eritrea, Sudan und Südsudan über die ägyptische Sinai-Halbinsel nach Israel geflohen.

Die Netanyahu-Regierung hat 2012 einen gigantischen Sperrzaun an der Grenze zu Ägypten errichtet. Flüchtlinge kommen seither keine mehr. Diejenigen, die es vor den Baumaßnahmen nach Israel geschafft haben, leben oft unter prekären Bedingungen. Ihnen droht die Abschiebung in andere afrikanische Länder wie Ruanda. Sie werden von der Regierung als temporäre illegale Flüchtlinge diffamiert und dürfen nicht arbeiten.

Huldai hat deshalb vor einigen Jahren die NGO "Mesila" ins Leben gerufen. Sie bietet den Flüchtlingen und ihren Kindern medizinische und pädagogische Unterstützung ebenso an wie Hilfe für Drogenabhängige und Opfer von häuslicher Gewalt.

Huldai ist stolz auf dieses Projekt - und viele in Tel Aviv vermutlich auch auf ihn. Sie haben ihn im Herbst mit 46 Prozent wieder gewählt. Es ist seine fünfte Amtszeit.

insgesamt 7 Beiträge
at.engel 18.05.2019
1.
"...aber die Großstädte ticken links." Links??? Liberal! Sie ticken liberal!! Eine linke(!) Großstadt fällt mir spontan überhaupt nicht ein - aber es gibt ja auch kaum noch linke Parteien, die den Namen verdienen. [...]
"...aber die Großstädte ticken links." Links??? Liberal! Sie ticken liberal!! Eine linke(!) Großstadt fällt mir spontan überhaupt nicht ein - aber es gibt ja auch kaum noch linke Parteien, die den Namen verdienen. Und auch Tel Aviv schein ja nicht gerade eine Hochburg sozialer Gerechtigkeit zu sein. Israel war zwar wirklich mal links - das ist aber schon ganz, ganz lange her.
dragondeal 18.05.2019
2. Tel Aviv
... war schon vor Huldai und trotz konservativer Bürgermeister die liberalste Stadt Israels.
... war schon vor Huldai und trotz konservativer Bürgermeister die liberalste Stadt Israels.
_sobieski 18.05.2019
3. Noch vor dem Abitur war ich in einem Kibbutz (es war Mazuba, an der
Grenze zum Libanon), als Student dann einige Monate im Kibbutz Sdot Yam, angrenzend an das Amphitheater von Cesarea), Natürlich gehörten regelmäßige Besuche in Tel Aviv, seit dem (und es sind über 30 Jahre vergangen) bin ich [...]
Grenze zum Libanon), als Student dann einige Monate im Kibbutz Sdot Yam, angrenzend an das Amphitheater von Cesarea), Natürlich gehörten regelmäßige Besuche in Tel Aviv, seit dem (und es sind über 30 Jahre vergangen) bin ich regelmäßig in Israel, hauptsächlich in Tel Aviv. Wann war Tel Aviv konservativ? In "meiner Zeit" war es immer eine sehr liberale Stadt, was auch für die anderen israelischen Städte gilt, vielleicht ausser Jerusalem.
andreasbln 18.05.2019
4. herrje man kann auch alles missverstehen wollen
ja ja die Interpretationshoheit der Begriff "Links" und "Rechts"... aus dem Artikel war klar ersichtlich, dass hier Links das schon bei Liberal und Sozialdemokratisch nach unserem Verständnis beginnt in [...]
ja ja die Interpretationshoheit der Begriff "Links" und "Rechts"... aus dem Artikel war klar ersichtlich, dass hier Links das schon bei Liberal und Sozialdemokratisch nach unserem Verständnis beginnt in Abgrenzung zu religiös konservativen Parteien, klassisch recht genannt, gemeint war. Wie kann man das missverstehen. Nur weil die Linke sich die Linke nennt ist jetzt niemand anderes mehr links bzw. Links ist nur wer die Linke wählt oder wie.... och nö... Kindergarten
Frietjoff 18.05.2019
5. Ja, Tel Aviv ist liberal und tolerant
... das kann man schon so sagen -- aber nur, wenn man die Situation der Palästinenser komplett ausblendet. Wie die der Einwohner Jaffas, die seit 70 Jahren immer mehr verdrängt werden. Erst durch Krieg und die [...]
... das kann man schon so sagen -- aber nur, wenn man die Situation der Palästinenser komplett ausblendet. Wie die der Einwohner Jaffas, die seit 70 Jahren immer mehr verdrängt werden. Erst durch Krieg und die anschließenden Vertreibungen, bis heute dann durch die immer weiter fortschreitende Gentrifizierung. Die natürlich nie eigene Kommunalverwaltung haben durften (selbst als sie noch die Bevölkerungsmehrheit stellten) und also als Stadtteil des jüdischen Tel Aviv zugeschlagen wurden. Die in die toleranten und liberalen Stadt so toxisch sind, dass Stav Shaffir, das Gesicht der Tel Aviver Massenproteste für soziale Gerechtgkeit 2011 (und heutige Knessetabgeordnete der »linken« Arbeiterpartei) erfolgreich dafür sorgte, die noch viel dramatischere Situation der palästinensischen Israelis komplett auszublenden. Aber schön, dass der linke, tolerante, Multikultibürgermeister poliglotte Jüdinnen und Juden (Ausgewogenheit muss sein!) aus aller Welt in seinem Stab hat. Solange sie Jüdinnen und Juden sind. Von Vertretern der autochthonen Bevölkerung seines Jahrtausende alten Stadtteils muss er sich natürlich nicht beraten lassen.

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