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Politik

Forscher über Einwanderungspolitik

"Armutsmigration nach Europa ist ein Mythos"

Alle Flüchtlinge wollen nach Europa? Stimmt nicht. Eine neue Studie zeigt, aus welchen Ländern Menschen wohin auswandern - und warum steigender Wohlstand Migration zunächst fördert.

DPA

Bootsflüchtlinge aus Afrika und Asien auf dem Mittelmeer

Von und (Grafik)
Samstag, 06.07.2019   13:24 Uhr

Die deutsche "Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete ist frei - der Streit um Europas Einwanderungspolitik geht weiter. Gerungen wird um private Seenotretter, gesperrte Häfen, um die Menschen, die über Nordafrika nach Europa kommen wollen. Und um die, die es nicht schaffen und auf dem Mittelmeer sterben.

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Heft 28/2019
Captain Europe
Carola Rackete über die dramatische Rettungsfahrt ihrer "Sea-Watch 3"

Symbolhaft steht Carola Rackete im Zentrum dieser Debatte. Für die einen ist sie eine Hassfigur, für andere ist sie eine Heldin. Es sind dieselben Lager, die sich seit 2015 unversöhnlich gegenüberstehen und über die Deutungshoheit in der Migrationsfrage streiten.

Diese Debatte wird von Emotionen beherrscht - Reiner Klingholz setzt Zahlen und Fakten dagegen. Der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat in dieser Woche gemeinsam mit drei Kollegen eine umfassende Studie veröffentlicht. Darin fassen die Wissenschaftler zusammen, was wir über die Migrationsbewegungen unserer Zeit wissen: Wer wandert wohin aus - und warum? Der Titel: "Europa als Ziel? Die Zukunft der globalen Migration".

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Die Forscher zeigen darin, dass die meisten Migranten gar nicht nach Europa kommen und dass mehr Entwicklung zunächst zu mehr Auswanderung führt als zu weniger.

SPIEGEL ONLINE: Herr Klingholz, Sie schreiben in Ihrer Studie, dass 750 Millionen Erwachsene weltweit gern in ein anderes Land ziehen würden, wenn sie die Möglichkeit hätten. Das sind 15 Prozent der Menschen über 18 Jahre. Was bedeutet diese Zahl?

Reiner Klingholz: Sie bedeutet auf jeden Fall nicht, dass so viele Menschen auch wirklich auswandern. Die Leute müssen planen, Geld sparen, ein Visum auftreiben oder einen Schlepper organisieren. Diese vorbereitenden Schritte unternehmen nur 23 Millionen pro Jahr. Und selbst von denen machen sich nicht alle auf den Weg.

SPIEGEL ONLINE: Steigt die Zahl der Migranten?

Klingholz: Ja, selbst wenn man einkalkuliert, dass heute mehr Menschen auf dem Planeten wohnen als noch vor ein paar Jahrzehnten. Zwischen 1990 und 2017 ist die Weltbevölkerung um 42 Prozent gestiegen, die Zahl der Migranten aber um 69 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen Regionen wollen Menschen besonders häufig auswandern?

Klingholz: In den afrikanischen Ländern der Subsahara ist der Anteil am größten. Dort denkt ein Drittel der Menschen daran auszuwandern. Viel Bewegung herrscht aber auch in der Europäischen Union selbst. Für die EU ist Migration eine ziemlich normale Sache. Die meisten Migranten hier stammen aus anderen EU-Ländern: Das sind Bulgaren, die nach Deutschland kommen; aber auch Deutsche, die in Österreich leben wollen. Am niedrigsten ist der Wert erstaunlicherweise in Asien, im Schnitt liegt er dort unter zehn Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wer die Diskussion um private Seenotrettung der vergangenen Wochen verfolgt, kann den Eindruck gewinnen, dass Europa im Zentrum der Migrationsströme liegt.

Klingholz: Nein, das ist eine selektive europäische Wahrnehmung. Zwei Drittel der auswandernden Afrikaner bleiben in ihrer eigenen Region, kommen also gar nicht nach Europa.

SPIEGEL ONLINE: Wer schafft es in der Regel von Afrika nach Europa?

Klingholz: Diese Menschen sind überwiegend zwischen 20 und 30 Jahre alt, meist männlich, vergleichsweise gut gebildet - und nicht arm. Die Leute in den meisten armen Ländern Afrikas, die gern auswandern würden, können sich das nämlich gar nicht leisten. Man muss erst mal zum Mittelstand gehören, um das Wissen anzuhäufen, die Netzwerke zu knüpfen und das nötige Geld zu beschaffen. Die vielbeschworene Armutsmigration nach Europa ist also ein Mythos.

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SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld muss ein Mensch haben, um migrieren zu können?

Klingholz: Wir können das nur für ganze Länder beurteilen: Wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf und Jahr unter 2000 Dollar liegt, wie beispielsweise in Niger, Mali oder Tschad, ist die Wanderungswahrscheinlichkeit sehr gering.

SPIEGEL ONLINE: Und darüber?

Klingholz: Mit zunehmendem Reichtum steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen migrieren. Die höchste Wanderungswahrscheinlichkeit können wir beobachten bei Ländern mit einem BIP von 8000 bis 13.000 Dollar. In diesem Bereich liegen zum Beispiel Tunesien und Jordanien. Danach fällt sie wieder ab. Diese Kurve nennt man Migrationsbuckel.

Was also nicht funktioniert: Migration eindämmen, indem wir Ländern bei ihrer Entwicklung helfen. Denn mit zunehmender Entwicklung werden zunächst mehr Menschen in die Lage versetzt, das Land zu verlassen.

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SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für europäische Entwicklungspolitik? Man könnte aus Ihren Worten die Schlussfolgerung ziehen, die deutsche Entwicklungshilfe radikal zu kürzen.

Klingholz: Das wäre ein gefährlicher Trugschluss. Für diese Länder ist eine Förderung des Bildungswesens und der Wirtschaft ohne Alternative, auch wenn beide Aspekte Migration zunächst fördern. Sonst würde das starke Bevölkerungswachstum anhalten und die Länder würden arm bleiben - ein Teufelskreis. Langfristig kann die Bekämpfung von Fluchtursachen funktionieren; dafür braucht man aber einen langen Atem.

SPIEGEL ONLINE: Von wie vielen Jahren sprechen wir?

Klingholz: Auf Afrika bezogen: mehrere Jahrzehnte. Aber das ist auch von Land zu Land unterschiedlich.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat es geklappt?

Klingholz: Äthiopien zum Beispiel ist auf einem guten Weg. Das Land hat in Afrika die beste Entwicklung genommen in den vergangenen Jahren. Dort sind eine Menge Jobs entstanden, die Zahl der Kinder je Frau hat sich fast halbiert. Sobald Perspektiven vor Ort entstehen, bleiben die meisten Menschen auch gern in ihrer Heimat. Was soll ein Äthiopier in Bielefeld, wenn er in seiner Heimat ein gutes Leben führen kann?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht auch gute Gründe dafür, Migranten aufzunehmen?

Klingholz: Klar, Migration ist nichts Schlechtes, auch Deutsche arbeiten im Ausland. Dazu kommt: Europa und gerade Deutschland brauchen Zuwanderung. In den kommenden 15 Jahren gehen überall in Europa die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Für Deutschland bedeutet das rund fünf Millionen weniger Menschen im Erwerbsalter. Wenn also die Arbeit irgendwie erledigt werden soll, müssen Menschen von außen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist die eine Seite.

Klingholz: Richtig, zur Wahrheit gehört auch, dass weitaus mehr Menschen kommen wollen, als man bräuchte. Also schottet sich Europa ab, mit Maßnahmen, über die niemand gern redet: Mit einem Zaun in Ungarn, indem man Außengrenzen nach Nordafrika verlagert und mit libyschen Milizen zusammenarbeitet. Zwischen dieser Abschottungspolitik und der Anwerbung von Fachkräften müssen europäische Politiker eine Balance finden. Und das ist sehr, sehr schwierig.

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