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Politik

Äthiopiens Premier Abiy Ahmed

Der Versöhner

Er war im Amt des Premiers eigentlich nur die Notlösung - nun wird Abiy Ahmed für seinen Weg der Versöhnung in Äthiopien mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wer ist der Mann?

REUTERS

Umjubelt und gefährdet: Premier Abiy bei einer Kundgebung in Addis Abeba im Juni 2018, auf der wenig später ein Sprengsatz in der Menge explodierte

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Freitag, 11.10.2019   15:04 Uhr

Die Experten hatten ihn auf dem Zettel als Kandidaten für den Friedensnobelpreis - nun hat Abiy Ahmed, 43 Jahre alt, seit 2018 Premierminister von Äthiopien, tatsächlich die Auszeichnung bekommen. Mehr noch: Er hat ihn als erster amtierender afrikanischer Regierungschef alleine erhalten. Zuletzt war den südafrikanischen Politikern Nelson Mandela und Frederik W. de Klerk der Preis 1993 gemeinsam verliehen worden.

Abiy, der als großer Versöhner wirken will im afrikanischen Wirtschaftswunderland, erfuhr von der Ehrung durch das Komitee in Oslo, als er gerade mal wieder in einem Versöhnungsgespräch steckte.

"Der Premier ist in einer bilateralen Unterredung mit seinem sudanesischen Amtskollegen Abdalla Hamdok", sagte Billene Seyoum, persönliche Sprecherin Abiys, wenige Minuten nach der Verkündung dem SPIEGEL. Die Pressestelle habe Ahmeds Stabschef "die gute Nachricht" natürlich sofort überbracht. Die Gespräche wurden aber ohne Unterbrechung fortgesetzt, versicherte Billene. Kaum zu glauben.

Wandel durch Annäherung

Fest steht: Er will den Streit um das gigantische äthiopische Nilkraftwerk mit dem Sudan beilegen. Mit einer 155-Meter-Staumauer wird Äthiopien in Kürze damit beginnen, die Wassermassen des Nils zu stauen - was für den Sudan und Ägypten, deren Bevölkerungen beide vom Fluss abhängig sind, weitreichende Probleme birgt. Eine Lösung zu finden, wird schwierig.

Mit solchen Situationen kennt sich Abiy aber bereits aus. Er reichte seinem Erzrivalen Isayas Afewerki, seit 1993 Diktator des Nachbarlands Eritrea, schon kurz nach seinem Amtsantritt im April 2018 die Hand zur Versöhnung. Der Grenzkonflikt zwischen den beiden Ländern, über zwei Jahrzehnte ungelöst, gilt nun als beendet. Zwischen Asmara, der eritreischen Hauptstadt, und Addis Abeba, gibt es Linienflüge, Grenzübergänge sollen zumindest zeitweise offen sein.

Zwar ist von der anfänglichen Euphorie nicht mehr sehr viel übrig, es gibt noch viele ungelöste Probleme zwischen den beiden Nachbarstaaten. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass Abiy so kurz nach Amtsantritt Afewerki, den Altstalinisten und Frontkämpfer des äthiopisch-eritreischen Krieges, überhaupt zu einem Treffen bewegen konnte. Wandel durch Annäherung, das ist die Formel, auf die Abiy setzt.

Der unwahrscheinliche Premier

Der Premier scheint aber auch einen guten Instinkt dafür zu haben, Menschen für sich einzunehmen. Als unzufriedene Soldaten im Oktober 2018 vor seinem Amtssitz aufmarschierten und Gehaltserhöhungen forderten, drohte der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Abiy den Uniformierten erst markig.

Dann warf er sich vor den Männern jedoch in den Staub und maß sich mit ihnen im Liegestützwettstreit - vor laufenden TV-Kameras. Die Soldaten zogen wieder ab, die bedrohliche Lage war entschärft.

Maheder Haileselassie/ REUTERS

Junge Äthiopier setzen ihre Hoffnungen in Abiy

Als Abiy 2018 nach blutigen Massenprotesten mit vielen Hundert Toten an die Macht kam, erschien er wie eine Notlösung. Zwar gehört er zur Volksgruppe der Oromo, der größten in Äthiopien. An der Macht waren aber lange andere, kleinere Gruppen. Nachdem das bis dato regierende Parteienbündnis EPRDF ihm das Amt des Premiers überlassen hatte, machte Abiy Politik im Powerplay-Modus:

Viele Äthiopier feiern ihn dafür. Ein solch forcierter Wandel bringt aber auch Gegner auf den Plan. Abiy führt mittlerweile sogar Krieg im eigenen Land, gegen Separatisten im Norden des Landes. Und er überlebte sogar ein Attentat, im Juni vergangenen Jahres.

Amtierende Regierungschefs auszuzeichnen ist für das Nobel-Komitee immer riskant. Dass Barack Obama als US-Präsident den Preis während seiner Amtszeit erhielt, erschien vielen verfrüht. So ist es nun auch bei Abiy, dem Versöhner, der Soldaten im eigenen Land einsetzt, um Äthiopien mit seinen 100 Millionen Einwohnern zusammenzuhalten.

insgesamt 3 Beiträge
banalitäter 11.10.2019
1. Man kann es als Aufmunterung sehen ...
.... den Pfad der Versöhnung weiterzugehen. Ich drücke die Daumen .
.... den Pfad der Versöhnung weiterzugehen. Ich drücke die Daumen .
osnase92 11.10.2019
2.
Wenn man ihn in den Obama-Kontext setzt, hat dieser Mann jetzt schon wesentlich mehr erreicht. Eine Lösung des Konfliktes mit Eritrea ist schon lange überfällig.
Wenn man ihn in den Obama-Kontext setzt, hat dieser Mann jetzt schon wesentlich mehr erreicht. Eine Lösung des Konfliktes mit Eritrea ist schon lange überfällig.
hans.wilhelm 11.10.2019
3. Abwarten
ob er sich nicht auch noch einreiht in die Liste der unwürdigen Preisträger wie Obama und KIssinger
ob er sich nicht auch noch einreiht in die Liste der unwürdigen Preisträger wie Obama und KIssinger

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