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Politik

Tod des früheren US-Präsidenten

Wie George Bush zum "Freund der Deutschen" wurde

George Bush verkörperte alles, was wir heute an Donald Trump vermissen. Er war Mit-Architekt der Wiedervereinigung - ohne ihn hätten die Deutschen keine zweite Chance bekommen, meint der frühere SPIEGEL-Korrespondent Richard Kiessler.

Foto: AFP
Samstag, 01.12.2018   20:09 Uhr

So alt an Jahren wie George Herbert Walker Bush ist keiner seiner 40 Vorgänger im Weißen Haus geworden. Und obwohl er ein "One term President" blieb und seine Wiederwahl scheiterte, war Bush wirkungsmächtiger als andere US-Präsidenten.

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Mit dem Schlussstrich unter das Ende des Kalten Krieges gestaltete er eine Epoche mit, die den Deutschen nicht nur ihre staatliche Einheit brachte und das Ende des sowjetischen Imperiums besiegelte, sondern auch die Hoffnung auf eine dauerhafte Friedensordnung von Vancouver bis Wladiwostok aufkeimen ließ. Drei Jahrzehnte später ist diese Hoffnung auf eine kooperative Weltordnung längst zerstoben.

George Bush war bei allem nicht gerade ein inspirierender Politiker. Er hat die Epochenwende nicht selbst herbeigeführt, aber er hat sie exekutiert und orchestriert. Vielen, die ihm begegneten, erlebten ihn als unnahbaren Gesprächspartner, der nicht rasch Vertrauen fasste und von sich selbst behauptete, er sei "kein emotionaler Mensch".

Bush verkörperte all das, was wir heute bei Trump vermissen

Aber er war einer der wenigen Präsidenten, die mit fundierten außenpolitischen Erfahrungen ins Oval Office kamen. Aus persönlichem Erleben im Pazifikkrieg war Bush von den tödlichen Schrecknissen gewaltsamer Konflikte geprägt. In den Siebzigerjahren war er amerikanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen gewesen, später leitete er das US-Verbindungsbüro in Peking, er diente als Chef der CIA, amtierte acht Jahre als Vizepräsident unter Reagan.

Bush verkörperte all das, was wir heute bei Trump vermissen. Er stand zu den Prinzipien eines liberalen Republikaners, er war ein Ostküsten-Intellektueller, der trotzdem im raubeinigen Texas Karriere machte und dabei gradlinig blieb, er war gebildet und verfügte über einfühlsame Umgangsformen. (Lesen Sie hier den Nachruf.)

Bis zu seinem Tod blieb er einer der populärsten politischen Akteure der USA. Auch wenn unvergessen ist, dass er sein Versprechen, die Steuern zu senken, in wirtschaftlichen Krisenzeiten nicht einhielt und sich von seinem Nachfolger Bill Clinton nachrufen lassen musste: "It's the economy, stupid!"

Bush unterließ alle Triumphgesten nach dem Fall der Mauer

In seinem ersten Amtsjahr hat Bush nach dem Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz im Juni 1989 die Beziehungen zu China aufrecht erhalten, weil er das Verhältnis zur aufstrebenden Macht in der Perspektive für wichtiger hielt als kurzfristige Strafaktionen.

Zurückhaltend reagierte der Realpolitiker im Weißen Haus auch zunächst auf die Reformpolitik des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow und dessen Vorschläge zur Rüstungskontrolle. Mit seinen Beratern James Baker und Brent Scowcroft war Bush zunächst der Ansicht, diese Initiativen würden die Sowjetunion eher stärken.

Als die Mauer in Berlin fiel, unterließ dieser US-Präsident alle triumphierenden Gesten, die die zerbröselnde Sowjetmacht hätten demütigen können. Die Kooperation mit Moskau stellte er unter die Bedingung weiterer Reformbemühungen.

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George H.W. Bush: US-Präsident in turbulenten Zeiten

Als Einziger unter den Staats- und Regierungschefs der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges unterstützte Bush von Anfang an die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Allerdings keineswegs so vorbehaltlos, wie es später oft dargestellt wurde. So bestand er mit Nachdruck auf der endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, die Bundeskanzler Helmut Kohl auf Druck seiner konservativen Parteifreunde lieber erst nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag anerkannt hätte - also jenem Vertrag zwischen den Siegermächten und den beiden deutschen Staaten, der im September 1990 das Ende der deutschen Teilung besiegelte.

Bush erkannte rasch die Chance für die amerikanische Politik, auch nach der Auflösung der Blöcke in Europa präsent zu bleiben und die westliche Militärallianz erhalten zu können. Schon beim Gipfeltreffen im Dezember 1989 auf Malta einigte er sich mit Gorbatschow darauf, dass das vereinte Deutschland Mitglied der Nato bleiben werde.

Die USA als wichtigster Fürsprecher der Deutschen

In der Rückschau kann es keinen Zweifel geben, dass die USA in den entscheidenden Momenten zum wichtigsten Fürsprecher der Deutschen wurden. Besser als andere westliche Regierungen wusste Präsident Bush die globale Dimension der neuen Außenpolitik Gorbatschows und die Konsequenzen für die Umgestaltung Nachkriegseuropas richtig einzuschätzen - und dabei die amerikanischen strategischen und ökonomischen Interessen zu wahren.

AP

Bush (l.) und Michail Gorbatschow 1990 in Helsinki

Unabdingbar war für Bush, dass "die Wiedervereinigung von dem unveränderten Bekenntnis Deutschlands zur Nato (...) ausgehen sollte." Vorausgegangen war ein erbitterter Streit unter den westlichen Alliierten über die Einführung neuer atomarer Kurzstreckenraketen ("Follow on to Lance"). Noch im Frühjahr 1989 waren die USA entschlossen, das Lance-Nachfolgemodell einzuführen; von Verhandlungen über die Reduzierung atomarer Kurzstreckenraketen wollte das Weiße Haus nichts wissen.

In Bonn wäre die Regierung aus CDU/CSU und FDP an diesem Streit fast zerbrochen. In einer dramatischen Sitzung des Nato-Gipfels Ende Mai 1989 in Brüssel stimmte die Bush-Regierung gegen erbitterten niederländischen und britischen Widerstand schließlich zu, die Kontroverse um die Modernisierung der atomaren Kurzstreckenraketen beizulegen.

Der anschließende Staatsbesuch Bushs in der Bundesrepublik bleibt als atmosphärischer Höhepunkt der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Gedächtnis. Würde Deutschland nun, mit Blick auf seine Chance zur staatlichen Einheit, eine "fünfte Weltmacht" (Zitat Bush) werden?

In Mainz ernannte der US-Präsident die Deutschen in einer ebenso frühen wie kühl kalkulierten Erkenntnis ihres politischen Gewichts zu "Partners in Leadership", also "Führungspartner". Einige Bonner Politiker, vor allem im konservativen Lager, empfanden diese Einstufung als schieres Kompliment; den bitteren Ernst, der hinter den Bush-Worten stand, begriffen viele, wenn überhaupt, erst später. Einen solchen "Freund der Deutschen" (Zitat Kohl) hatten die Deutschen bislang nicht im Weißen Haus - und werden ihn wohl auch künftig nicht mehr haben.

Als der irakische Diktator Saddam Hussein im Jahr darauf den Ölstaat Kuwait überfiel, konnten sich die deutschen Führungspartner noch mit einem milliardenschweren Kriegskassen-Beitrag retten.

Bush hatte mit Billigung der Uno eine breite Koalition aus 30 Staaten zur Rückeroberung des Wüstenlandes gebildet. Der US-Präsident brach die "Operation Desert Storm" jedoch nach der Befreiung Kuwaits ab und verzichtete darauf, den Machthaber aus Bagdad zu vertreiben - in der Hoffnung, Saddam Hussein werde von selbst stürzen. Im Gegensatz zu seinem kriegswütigen Sohn George W. Bush war der Senior überzeugt, ein Krieg um den Irak werde die gesamte nahöstliche Krisenregion destabilisieren. 2003 sollte sich diese Ahnung bestätigen und den islamistischen Terrorismus beflügeln.

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US-Präsident: George H.W. Bush - sein Leben in Bildern

Für die Deutschen bleibt Bush senior als ein Präsident in Erinnerung, der die USA als soft power und wohlgesonnenen Hegemon verstanden wissen wollte. Im Unterschied zu seinen Vorgängern Ronald Reagan und Jimmy Carter teilte er nicht deren Sorge, die Sowjets könnten die wichtigsten Verbündeten der USA in Europa mit der "deutschen Karte" locken.

Bush war auch nicht mit den Cassandra-Rufen mancher amerikanischer Think Tanks zu beeindrucken, Moskau strebe eine "Finnlandisierung" Deutschlands an und wolle einen Keil in die westliche Allianz treiben. Andererseits versicherte Bush seinem Partner Gorbatschow, die sowjetischen Sicherheitsinteressen sollten auf keinen Fall durch die Umwälzungen in Europa beeinträchtigt werden. Damit signalisierte er zugleich den zaudernden Briten und Franzosen, dass sich die USA mit ihrem auf dem Kontinent verbleibenden Streitkräften sehr wohl als Gegengewicht zu einem erstarkenden, aber in der Nato gebundenen Deutschland verstehen würden.

Ohne diesen Mit-Architekten der deutschen Einheit hätte Deutschland im vergangenen Jahrhundert wohl nicht das bekommen, was der Historiker Fritz Stern einmal die "zweite Chance" nannte.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, Bush habe acht Jahre als Vizepräsident unter Richard Nixon amtiert. Tatsächlich war er von 1981 bis 1989 Vizepräsident unter Ronald Reagan.

insgesamt 40 Beiträge
Gyros Pita 01.12.2018
1. Ohne Gorbatschow...
hätten die Deutschen keine zweite Chance bekommen! Gorbatschow war es, der den Erich Honecker hat auflaufen lassen und ihm keine Rückendeckung durch das russische Militär zur bekämpfung innerer Unruhen gegeben hat. [...]
hätten die Deutschen keine zweite Chance bekommen! Gorbatschow war es, der den Erich Honecker hat auflaufen lassen und ihm keine Rückendeckung durch das russische Militär zur bekämpfung innerer Unruhen gegeben hat. Gorbatschow war es, der die russischen Truppen ohne einen Schuss abzugeben, hat abziehen zu lassen. Das was man Bush zugute halten muss, ist das er die Erfolge mit den Abrüstungsverträgen, die Reagan mit Gorbatschow geschlossen hat, nicht wieder rückgängig gemacht hatte. Ansonsten hat Bush nur Spüche geklopft. Ja, damals hat man wirklich noch geglaubt, es könnte eines Tages sein, das die Welt friedlicher werden würde. Aber dann hat die USA leider festgestellt, das es besser für die Wirtschaft und den Profit ist, wenn man Kriege führen kann. Also werden wieder fleißig Waffen produziert und Kriege angezettelt.
peterpahn 01.12.2018
2. Das Stichwort ist "Vertrauen", ein Wort, das in Zeiten ...
Das Stichwort ist "Vertrauen", ein Wort, das in Zeiten von Big-Data ins Gerümpel der Vergangenheit zu gehören scheint. Kohl und Bush Seniorhaben auf quasi naive Weise einander vertraut. Es gibt eine [...]
Das Stichwort ist "Vertrauen", ein Wort, das in Zeiten von Big-Data ins Gerümpel der Vergangenheit zu gehören scheint. Kohl und Bush Seniorhaben auf quasi naive Weise einander vertraut. Es gibt eine Fernsehdokumentation, in der Kohl Jahre später erzählt, wie er mit Bush Senior den sog. Zehn-Punkte-Plan am Telefon besprochen hat. Kohl hat mit Bush wohl 20 Minuten über die Schönheit der Landschaft im Osten gesprochen, und dann beiläufig über diesen 10-Punkte-Plan. Mit anderen Worten: Wir sind heute sehr oft tief im Morast des Mistrauens, sowohl zwischen Staatsmännern und -frauen, als auch der Bevölkerung, weil wir einander kaum noch vertrauen können und sehr oft bloß das Schlimmste vom jeweils anderen vermuten.
dunnhaupt 01.12.2018
3. Briten und Franzosen suchten die Wiedervereinigung zu verhindern
Frau Thatcher und Herr Mitterand flogen umsonst nach Moskau, um die Wiedervereinigung zu stoppen. Doch George H. W. Bush unterstützte Kohl und Gorbatschew, und so gelang der Plan.
Frau Thatcher und Herr Mitterand flogen umsonst nach Moskau, um die Wiedervereinigung zu stoppen. Doch George H. W. Bush unterstützte Kohl und Gorbatschew, und so gelang der Plan.
cdbee 01.12.2018
4.
Die Zeit hat danach verlangt, früher oder später wäre die Wiedervereinigung passiert. Politiker werden überschätzt weil es eben keinen alternativen Verlauf der Geschichte ohne Politiker (zum Vergleich) gibt.
Die Zeit hat danach verlangt, früher oder später wäre die Wiedervereinigung passiert. Politiker werden überschätzt weil es eben keinen alternativen Verlauf der Geschichte ohne Politiker (zum Vergleich) gibt.
P-Schrauber 01.12.2018
5.
George Bush war einer der besten US Präsidenten der Nachkriegszeit im 20.JAhrhundert, schon dass er während der Amtszeit Vizepräsident war hat ihm geholfen das Amt richtig auszuführen. Dann war er Weltkriegsveteran im Pazifik [...]
George Bush war einer der besten US Präsidenten der Nachkriegszeit im 20.JAhrhundert, schon dass er während der Amtszeit Vizepräsident war hat ihm geholfen das Amt richtig auszuführen. Dann war er Weltkriegsveteran im Pazifik als Pilot in einem Jagdflugzeug wurde abgeschossen, gerettet, flog weiter gewann Luftkämpfe, der Mann hat wirklich gelebt. Auch seine Ehe war schon besonders, er hatte 5 oder 6 Kinder war unendlich lange verheiratet. Er ein gutes Verhältnis zu Reagen der eher impulsiv war, auch weil er ihn als Reagen angeschossen und im Krankenhaus lag nur vertrat nie die Amtsgeschäfte gleichwertig übernahm. Letztendlich der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und die Abrüstung der beiden Superstaaten, das hört sich jetzt nach nicht so viel an ist es aber. Auch die Befreiung Kuweits war ein militärischer Erfolg. Allerdings hat er in der Wirtschaftspolitik nicht so viel Glück und Bill Clinton hatte mit diesen Thema die besseren Karten. Für mich war er Mitbereiter der Deutschen Einheit ohne sein Mitwirken hätten wir die Wiedervereinigung nicht erhalten und zu Kohl da zitiere ich dem Sinn nach einen ausländischen Radiosender (yleVEGA) zur ersten Wiedervereinigungsfeier 1990 wo der Kommentator damals meinte Kohl wäre im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung das Glückskind der Geschichte, Bush hingegen der Wegbereiter.

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