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Politik

Globaler Judenhass

"Der gefühlte Antisemitismus hat stark zugenommen"

Jeremy Corbyn in England, die Gelbwesten in Frankreich, radikale Rechte in den USA: Weltweit grassiert der Antisemitismus. Der Soziologe Natan Sznaider über die Folgen - und wie Israel damit umgeht.

Boris HORVAT/ AFP

Demo gegen Antisemitismus in Frankreich

Ein Interview von
Donnerstag, 04.04.2019   15:00 Uhr

Antisemitismus hat viele Formen. Seit Jahrhunderten. Eines hat sich aber nie geändert: Judenhass ist ein globales Problem. Weltweit werden Jüdinnen und Juden immer wieder attackiert und diskriminiert - von links, von rechts, aus der Mitte der Gesellschaften oder von anderen Minderheiten. In der realen Welt und auch in der digitalen. Der Soziologe Natan Sznaider spricht im Interview über die Hintergründe.

SPIEGEL ONLINE: In Großbritannien tobt seit Monaten eine Debatte über den Antisemitismus in der Labour-Partei, die von Jeremy Corbyn geführt wird. Auch ihm selbst wird immer wieder Judenhass vorgeworfen. Zu Recht?

Sznaider: Corbyn kommt aus der antikolonialistischen, antiimperialistischen, extremen Linken in England. In dieser Bewegung steht Israel für alles, was aus ideologischen Gründen abgelehnt wird. Und wenn Israel für alles steht, was abgelehnt wird, dann ist der Übergang von einem anti-israelischen Ressentiment zu einer antisemitischen Haltung ein ganz kleiner. Zudem hat Corbyn natürlich ein Problem damit, dass die israelische Regierung Juden in der Diaspora zu ihrem eigenen verlängerten Arm macht.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Auch in Frankreich ist Antisemitismus ein massives Problem. Ende Februar wurde der jüdische Intellektuelle Alain Finkielkraut von Gelbwesten als "dreckiger Zionist" beschimpft. Ist die Protestbewegung eine antisemitische Bewegung?

Sznaider: Die Gelbwesten sind bestimmt keine Antisemiten, aber es gibt unter den Gelbwesten Antisemiten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel der Gelbwesten - und welche Rolle spielen jüdische Franzosen dabei?

Sznaider: Die Gelbwesten sind auf der Jagd nach einem Wirgefühl. Sie wollen wie viele andere auch die gefühlte Entfremdung der modernen Gesellschaften auffangen. Dazu gehört auch, dass überall und immer neu definiert wird, wer dazu gehört und wer nicht. In Frankreich - wie anderswo auch - ist dieses Wir momentan total überbelastet, und wenn die Grenzen der Gemeinschaft neu gezogen geworden - spielen die Juden als Minderheit par excellence in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Als Juden sind sie Teil der Gesellschaft, aber gleichzeitig Fremde. Das ist für bestimmte Kreise unheimlich. Das Unheimliche wird dann wieder "heimisch", indem man Finkielkraut verbal nach Israel - also "nach Hause" - schickt.

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SPIEGEL ONLINE: Der Antisemitismus breite sich aus wie ein Gift, hat Frankreichs Innenminister Christophe Castaner unlängst gewarnt. Im vergangenen Jahr wurden 74 Prozent mehr antisemitische Übergriffe registriert als im vorvergangenen Jahr. Was bedeutet das?

Sznaider: Aus solchen Meldungen den richtigen Schluss zu zielen, ist komplex. Als Sozialwissenschaftler frage ich sofort: Wer misst was und wie? Was klar ist: Der gefühlte Antisemitismus hat in Frankreich wie in anderen Ländern stark zugenommen - und zwar unter denjenigen, die sichtbar als Juden erkennbar sind. Für Jüdinnen und Juden, die nicht als solche identifizierbar sind, hingegen nicht.

Foto: SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Unterschied zwischen Juden in Europa und anderen religiösen Minderheiten?

Sznaider: Ja und nein. Wenn ich durch Berlin spaziere und mir nicht gerade einen Davidsstern auf die Brust male, dann sieht niemand, dass ich Jude bin. Das ist auch bei muslimischen Deutschen so, die keinen Migrationshintergrund haben. Bei Muslimen, die aus dem Nahen Osten oder Afrika eingewandert sind und vielleicht auch eine andere Hautfarbe haben, ist es aber anders. In dem Moment, in dem sich Juden in der Öffentlichkeit nicht als solche zu erkennen geben, etwa durch das Tragen der Kippa auf dem Kopf, sind sie plötzlich unsichtbar. Das macht sie unheimlicher. Es geht ja beim Antisemitismus um die Unsichtbarkeit der Andersheit. Eigentlich, so die Vorstellung, will man den unsichtbaren Juden treffen, der die Gemeinschaft von innen heraus bedroht. Also bricht die Wut gegen die sichtbaren Juden aus. Auch Israel symbolisiert in diesem Sinne diese Sichtbarkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie der Meinung, dass Antisemitismus und Antizionismus vergleichbar sind?

Sznaider: Vergleichbar auf jeden Fall, aber trotzdem sind das für mich zwei unterschiedliche Phänomene, obwohl sie oft durch die Motivation der Antisemiten und Antizionisten verknüpft sein können. Trotzdem würde ich sie konzeptuell auseinanderhalten wollen. Mit der Gründung des Staats Israel 1948 und der damit einhergehenden Ausübung politischer Souveränität ist das jüdische Schicksal in Israel ein anderes als das jüdische Schicksal in der Diaspora.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Sznaider: Wenn jemand gegen Israel ist, ist das eine politische Haltung. Damit kann ich als Bürger dieses souveränen Staats politisch umgehen. Der souveräne Staat Israel hat eine starke Armee und kann und muss sich wehren im Nahen Osten. Diese souveräne politische Handlungsmöglichkeit haben Juden in der Diaspora nicht. Angriffe auf sie sind daher ganz anders zu bewerten, obwohl die Motivation natürlich ähnlich sein kann. Und dann gibt es da noch eine zweite Ebene: Es kommt darauf an, wer Israel kritisiert, um zu bewerten, ob es Antizionismus oder Antisemitismus ist.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie uns ein Beispiel.

Sznaider: Wenn ein israelischer Journalist in der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz" schreibt, das Land sei kolonialistisch, übe ungerechtfertigte Gewalt gegen Palästinenser aus und breche Menschenrechte, ist das eine Sache. In der israelischen Gesellschaft kann - und wird - darüber lebhaft diskutiert. Wenn ein solcher Text aber in den USA oder in Europa erscheint, verfasst von nicht jüdischen Autoren, ist das eine völlig andere Sache. Dann muss man sich fragen, warum Israel bitte schön als einziges Land auf der Welt boykottiert werden soll. Trotz alledem ist die antizionistische BDS-Kampagne aber ein Kampf, mit dem der Staat Israel politisch umgehen kann (BDS steht für "Boycott, Divestment and Sanctions", Anm. d. Red.).

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Wochen sorgte Israels Außenminister Katz für einen diplomatischen Eklat. Mit Verweis auf den Holocaust sagte er, "die Polen haben Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen". Die Regierung in Warschau protestierte scharf. Fast gleichzeitig war sie Gastgeber einer Anti-Iran-Konferenz, an der auch Israels Premier Benjamin Netanyahu teilnahm. Wie geht das zusammen?

Sznaider: Die Aussage von Katz ist natürlich totaler Unsinn. In Israel gibt es momentan eine rechtsgerichtete Regierung. Diese teilt Interessen mit anderen rechten Regierungen auf der Welt, mit Italien, Polen, Ungarn oder den USA. Man ist sich politisch einig in Fragen der Grenzsicherung, darüber, was es heißt, ein Nationalstaat zu sein, wie man Iran bewertet und derlei mehr. Das hat mit jüdischer Vergangenheit zunächst überhaupt nichts zu tun. Was aber die gemeinsame Vergangenheit von Israel und Polen angeht, das ist eine andere Geschichte, die den Beziehungen zwischen Israel und Polen immer etwas zu schaffen macht. Da hat man es beispielsweise mit Ungarn leichter.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sznaider: Vor dem Holocaust lebten in Polen fast drei Millionen Juden. Sie wurden umgebracht. Und: Israel war in den ersten Jahrzehnten seiner Existenz eine Art Mini-Polen. Die beiden Länder ähnelten sich lange Zeit in hohem Maße, demografisch, aber auch in den Biografien ihrer kulturellen und politischen Eliten. Israel ist die einzige osteuropäische Demokratie, sagte man deshalb mit einem Augenzwinkern zur Zeit des Kalten Kriegs.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Sznaider: Heute sind die beiden Länder verschieden. Polen ist in der israelischen Wahrnehmung das Land der Konzentrationslager. Polen, das ist Holocaust-Land. Nicht Deutschland. Nach Polen fahren junge Israelis, um an den Massenmord zu gedenken, nach Deutschland, um zu feiern. Nur wenige Israelis wollen in Warschau, aber viele in Berlin leben. Deshalb reagieren die Regierungen in Warschau so sensibel auf Verweise, wie den von Außenminister Katz.

SPIEGEL ONLINE: Ein Land, das immer mehr in den Fokus der globalen Antisemitismusdebatte rückt, sind die Vereinigten Staaten. Warum?

Sznaider: Juden haben sich in den USA immer sicher gefühlt. Anders als in Europa gab es in den Vereinigten Staaten nie antijüdische Gesetze. Der Anschlag auf die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh 2018 war deshalb ein Gamechanger. Es gab auch davor Ressentiments gegen Juden - wie auch gegen Iren, Italiener oder Katholiken. Was neu ist: Bislang kannte man in den Vereinigten Staaten willkürliche Gewalt, etwa bei Schulmassakern, nun wurden aber erstmals gezielt Juden getötet. Diese Entwicklung hat auch mit dem Trumpismus in den USA zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sznaider: Mit der Amtsübernahme von Donald Trump sind auch radikale Kräfte hochgekommen, die sich als legitime Herrscher der USA sehen - vom Ku-Klux-Clan bis zur Altright-Bewegung. Diese bislang verschämten Antisemiten glauben, wenn ihr Präsident radikal twittert, können sie auch radikal handeln. Die Hemmschwelle sinkt. Und diese sinkende Hemmschwelle macht den Antisemitismus sichtbarer - nicht nur in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt immer weniger lebende Zeitzeugen des Holocausts. Wie verändert das den globalen öffentlichen Diskurs über Holocaust-Gedenken, Antisemitismus und Antizionismus?

Sznaider: Ich glaube nicht, dass die physische Präsenz von authentischen Zeitzeugen eine so besondere Bedeutung in der Erinnerungspolitik hat. Nehmen Sie die eindringliche Rede von Saul Friedländer im Januar vor dem Bundestag - zwei Tage später hat sich kein Mensch mehr daran erinnert. Es ist ein Reflex: Viele wollen glauben, dass die physische Präsenz von Überlebenden wie eine Schnur ist, die einen authentisch an ein Ereignis verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Die Frage der Authentizität ist also überbewertet?

Sznaider: Ja. Ich sage das auch meinen Studierenden. Warum ist es wichtig für euch, nach Auschwitz zu fahren, frage ich sie. Ihr könnt auch ein Modell des Lagers hier auf dem Campus in Tel Aviv aufbauen. Die Reaktion ist immer die Gleiche: Sie schauen mich entgeistert an. Sie glauben, am authentischen Ort authentisch zu fühlen. Ich halte das für Unsinn. Ich halte nichts von der Fetischisierung sogenannter authentischer Orte. Wenn man eindringlich lernen will, was geschehen ist, liest man besser die Berichte des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi.

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