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Politik

Türkische Soldaten in Griechenland

Putschisten - oder doch Unschuldslämmer?

Die acht türkischen Offiziere, die in Griechenland um Asyl nachsuchen, geben an, von einem Putsch nichts gewusst zu haben. Jetzt soll korrekt, aber schnell über sie entschieden werden - um die Türkei nicht zu verärgern.

DPA

Soldaten beim Putschversuch auf dem Taksim-Platz in Istanbul

Aus Alexandroupoli berichtet
Sonntag, 17.07.2016   00:16 Uhr

Für den türkischen Staat sind sie Verräter, die sofort der Justiz überstellt werden müssen. Für Griechenland sind sie ein moralischer, juristischer und diplomatischer Albtraum. Für ihre Anwältin Ilia Marikani sind die acht türkischen Offiziere, die mutmaßlich am Putschversuch in der Türkei beteiligt waren und nach Griechenland geflohen sind, "aufrechte Männer", furchtlos im Angesicht finsterer Aussichten - vielleicht erwartet sie sogar die Hinrichtung.

Am Samstag waren die acht Männer mit einem Hubschrauber in der nordgriechischen Stadt Alexandroupoli gelandet, nachdem sie einen Notfall gemeldet hatten. Sie wurden festgenommen und ins Polizeihauptquartier gebracht. Dort beantragten sie politisches Asyl in Griechenland.

Marinaki wurde beauftragt, vier der Männer juristisch zu vertreten. Ihre Mandanten sind Majore, die ihren griechischen Vernehmern erklärten, sie hätten Sanitätshubschrauber geflogen. "Sie machten einen furchtlosen und ruhigen Eindruck", berichtet die Anwältin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Angeblich nur Verletzte transportiert

Die Männer wurden von der griechischen Polizei verhört, anwesend waren auch griechische Geheimdienstler und Armeeangehörige. "Ihre Behandlung durch die griechischen Offiziere war nicht zu beanstanden", sagt Marinaki.

Die Geschichte, die sie den griechischen Behörden erzählten, ist diese: Sie taten einfach ihre Arbeit, befolgten Befehle, transportierten in unterschiedlichen Helikoptern Verletzte aus Istanbuls Straßen. Von einem Putsch hätten sie keine Ahnung gehabt. Davon hätten sie erst später erfahren, als sie auf ihren Smartphones die Nachrichten lasen.

Dann hätte die türkische Polizei das Feuer auf sie eröffnet, in dem Glauben, sie wären an dem Komplott gegen Erdogan beteiligt. Sie hätten um ihr Leben gefürchtet. Sie hätten Angst gehabt, hingerichtet zu werden. "Sie sind alle in denselben Hubschrauber gesprungen und haben sich entschlossen, nach Alexandroupoli zu fliehen", berichtet Marinaki.

Und da sind sie nun, im zweiten Stockwerk des alten Apartmentkomplexes, in dem die Polizei untergebracht ist, nur einige Hundert Meter entfernt von der friedlichen, malerischen Promenade der Stadt.

Marinaki sagt, ihre Mandanten hätten bei ihrer Aussage keinerlei Schwäche oder Emotion gezeigt. Sie hätten nur nach dem Asylverfahren gefragt, und wie lange dieses dauern würde. "Manchmal dauert es Jahre", habe Marinaki einem der Männer geantwortet. Seine Frau habe erst vor wenigen Monaten ein Kind geboren.

Die Türkei wird sich mit "Jahren" nicht zufrieden geben. Tatsächlich hat der türkische Außenminister bereits über Twitter verkündet, mit seinem griechischen Amtskollegen Nikos Kotizias gesprochen zu haben. Es sei ihm versichert worden, dass "die Verräter so schnell wie möglich zurückgeschickt werden".

Aber ein griechischer Regierungsvertreter sagte SPIEGEL ONLINE, dass seine solche Vereinbarung nicht existiere. "Das Asylverfahren wird schnell geprüft, allerdings in einem ordnungsgemäßen Verfahren", sagte der Offizielle. Ähnlich hat sich mittlerweile auch der griechische Regierungschef Alexis Tsipras im Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geäußert: Griechenland werde die Asylanträge "schnell" überprüfen, zitierte ihn ein Regierungsvertreter, mit "absolutem Respekt" vor dem Völkerrecht und Menschenrechtsabkommen.

Keine Gesetze brechen, um Erdogan zu gefallen

Auf den Begriff "ordnungsgemäßes Verfahren" wird es ankommen. Griechenland ist sensibel für die türkischen Forderungen und erkennt die Schwere der Vorwürfe gegen die türkischen Offiziere an. Allerdings wird es nicht den Eindruck erwecken wollen, internationale und griechische Gesetze zu brechen, um Erdogan einen Gefallen zu tun.

Ein mit Asylfragen beschäftigter Beamter erklärte, die Regierung könne den Fall zwar priorisieren, aber nicht die Bearbeitung beschleunigen und noch weniger den Ausgang des Verfahrens bestimmen.

"Schnell" ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Schlüsselwort. Normalerweise dauern Asylverfahren zwischen einem und mehreren Jahren. Dieser Fall wird nicht so lange brauchen, wie die Äußerungen von Tsipras erkennen lassen. Aus offensichtlichem Grund: Athen möchte nicht den Ärger der Türkei provozieren, der ihm sicher wäre, wenn die Soldaten nicht ausgeliefert werden oder die Bearbeitung zu lange dauert. Es gibt zwischen Griechenland und der Türkei viele Streitpunkte, dazu zählen die Situation in Zypern und in der Ägäis. Noch wichtiger ist, dass Griechenland auf keinen Fall den Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei gefährden möchte. Griechische Offizielle befürchten, dass ein verärgerter Erdogan es zulassen könnte, dass wieder große Zahlen von Flüchtlingen die Ägäis überqueren.

Über die Zukunft der türkischen Offiziere lässt sich also wenig mit Gewissheit sagen, nur dieses: Erstens werden sie die Nacht in der nahe gelegenen Kleinstadt Ferres verbringen, denn das Gefängnis des Polizeistützpunkts von Alexandroupoli ist erst kürzlich bei einem Feuer ausgebrannt. Zweitens werden sie am Sonntag offiziell Asyl beantragen. Drittens werden sie ebenfalls am Sonntag einem Richter vorgeführt. Ihnen werden zwei Vorwürfe gemacht: illegale Einreise und Gefährdung der friedlichen Beziehungen mit einem anderen Staat. Anwälte vertreten die Ansicht, dass sie vermutlich auf Bewährung auf freien Fuß gesetzt werden, möglicherweise mit Auflagen.

Das türkische Auslieferungsersuchen ist ein separater Vorgang, der vom Justizministerium bearbeitet werden wird, sagte ein in die Sache involvierter Beamter SPIEGEL ONLINE. Es ist unklar, ob dieses Verfahren parallel zum Asylverfahren laufen wird oder erst folgt, wenn Letzteres abgeschlossen ist. Diese Frage ist noch nicht entschieden.

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insgesamt 156 Beiträge
Aurora vor dem Schilf 17.07.2016
1. Unrechtssystem Erdogan
Vielleicht sollte die EU einfach keinen Deal mit dem Unrechtssystem Erdogan machen und sich für die Flüchtlingsfrage anderweitig behelfen. Egal, welche Konsequenzen das hat: mutmasslich Unschuldige einem Unrechtsstaat [...]
Vielleicht sollte die EU einfach keinen Deal mit dem Unrechtssystem Erdogan machen und sich für die Flüchtlingsfrage anderweitig behelfen. Egal, welche Konsequenzen das hat: mutmasslich Unschuldige einem Unrechtsstaat auszuliefern, ist nun wirklich keine Option.
Ursprung 17.07.2016
2. Alexis fuer die Tuerkei
ZITAT "Ähnlich hat sich mittlerweile auch der türkische Regierungschef Alexis Tsipras im Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geäußert: Griechenland werde die Asylanträge "schnell" überprüfen, [...]
ZITAT "Ähnlich hat sich mittlerweile auch der türkische Regierungschef Alexis Tsipras im Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geäußert: Griechenland werde die Asylanträge "schnell" überprüfen, zitierte ihn ein Regierungsvertreter, mit "absolutem Respekt" vor dem Völkerrecht und Menschenrechtsabkommen." ZITATENDE Ich glaubte bisher, Alexis Tsipras sei griechischer, nicht tuerkischer Regierungschef.
Alke 17.07.2016
3. Klarheiten
Ich hoffe, "offizielle" Stellen außerhalb der Türkei, nutzen hier die einmalige Gelegenheit, von den acht Zeitzeugen mehr über die Hintergründe des Putschversuchs zu erfahren.
Ich hoffe, "offizielle" Stellen außerhalb der Türkei, nutzen hier die einmalige Gelegenheit, von den acht Zeitzeugen mehr über die Hintergründe des Putschversuchs zu erfahren.
hotspot_artur 17.07.2016
4. Die Nato / CiA ist gescheitert
illegaler Putschversuch der USA ist gescheitert. Das ist hoffentlch ein Zeichen an die Eliten. Assad, Putin, China, Indien weiter so Nato.. Die Elite der westlichen Welt wird einen hohen Preis bezahlen.... fuer Think Tanks [...]
illegaler Putschversuch der USA ist gescheitert. Das ist hoffentlch ein Zeichen an die Eliten. Assad, Putin, China, Indien weiter so Nato.. Die Elite der westlichen Welt wird einen hohen Preis bezahlen.... fuer Think Tanks Amateure. Das Ende der US Politik ist nah... Weil zu Dumm
Carabus 17.07.2016
5. Verräter, die man schnell ausliefern und hinrichten sollte...
Mir graust es, wenn man so über Menschen redet. Man entmenschtlicht sie (Verräter!) und will sie schnellstmöglich in die Klauen bekommen, in denen sie keinerlei Rechte mehr haben und sie nur Folter und Tod erwartet. Vielleicht [...]
Mir graust es, wenn man so über Menschen redet. Man entmenschtlicht sie (Verräter!) und will sie schnellstmöglich in die Klauen bekommen, in denen sie keinerlei Rechte mehr haben und sie nur Folter und Tod erwartet. Vielleicht könnten Sie etwas zur Aufklärung der Hintergründe dieses "Putsches" beitragen? Aber besser gleich eins aufs Maul. Die Wahrheit hat keine Eile, die Lüge schon. Gäbe es nichts zu verheimlichen, wen würden diese paar Soldaten kümmern? Die Türkei ist ein Unrechtsstaat, aus dem noch viele fliehen werden. Ich hoffe die Griechen geben diesen Soldaten Asyl, und sei es nur, um ihrem Erzfeind eins auszuwischen...
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