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Politik

Verhafteter Fußballer Araibi

Die Wahrheit liegt neben dem Platz

Seit elf Wochen sitzt Hakeem al-Araibi in Thailand in Haft. Der Fußballer ist ein Opfer der autoritären Herrscher in Bangkok und Bahrain geworden - und hat einen mächtigen Mann im Weltfußball verärgert.

DPA

Hakeem Al-Araibi (Mitte)

Von
Samstag, 09.02.2019   14:01 Uhr

Am 3. November 2012 stand Hakeem al-Araibi auf einem Fußballplatz. Es lief nicht wirklich gut für ihn. Mit seiner Mannschaft al-Schabab verlor der damals 18-Jährige die Partie in Bahrains erster Liga gegen den späteren Meister Busaiteen mit 0:3. Das Spiel wurde live im Fernsehen übertragen, Araibi im Trikot mit der Nummer 25 ist auf den Bildern gut zu erkennen.

Das ist wichtig. Denn während der Fußballer als Innenverteidiger für seinen Verein auflief, soll er zusammen mit rund 150 anderen Gegnern des Königshauses in Bahrain eine 15 Kilometer entfernte Polizeistation angegriffen und in Brand gesetzt haben. Deshalb wurde er vier Tage später auf offener Straße von Polizisten festgenommen. Es war Araibis 19. Geburtstag.

45 Tage lang hielten ihn die Behörden fest. Araibi sagt, Polizisten hätten ihn gefoltert, um ein Geständnis zu erpressen. "Sie haben mir drei Stunden hart auf die Beine geschlagen und gesagt: Wir werden dir die Knochen brechen. Wir werden deine Zukunft zerstören. Mit diesen Beinen wirst du nie wieder Fußball spielen", berichtete Arabi einem ARD-Team. "Ich dachte, sie schlagen mich tot. Sie haben sich wie Monster benommen."

Araibi nutzt ein Fußballturnier zur Flucht

Der Vorwurf des Überfalls auf die Polizeiwache war offenbar nur ein Vorwand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Denn Araibi hatte im Zuge des Arabischen Frühlings an den Demonstrationen in Bahrain teilgenommen. Ab Februar 2011 hatten Zehntausende Menschen - die meisten von ihnen Mitglieder der schiitischen Bevölkerungsmehrheit - gegen das sunnitische Herrscherhaus Al Khalifa demonstriert. Das Regime in Manama schlug die Proteste gewaltsam nieder - auch mit Hilfe Saudi-Arabiens. Einen Monat nach Beginn der Demonstrationen entsandte Riad mehr als tausend Soldaten, um das in Bedrängnis geratene Königshaus in Bahrain zu schützen.

DPA

Demonstration in Bahrain (2012)

Rund hundert Menschen wurden bei der Niederschlagung des Aufstands getötet, Tausende wurden verhaftet oder verloren ihre Jobs. Darunter waren auch Fußballprofis, die an Kundgebungen gegen das Herrscherhaus teilgenommen hatten. Araibi protestierte, weil Mitspieler inhaftiert und gefoltert wurden. Das brachte ihn ins Visier der Behörden.

Als Fußballer galt Araibi als eine der größten Nachwuchshoffnungen seines Landes. Deshalb wurde er für Länderspiele nominiert - trotz seiner Sympathien für die Opposition. Er nutzte die Teilnahme an der Westasienmeisterschaft in Katar zum Jahreswechsel 2013/2014 zur Flucht.

Bei den beiden Vorrundenspielen seiner Mannschaft saß Araibi noch auf der Bank, vor dem Halbfinale setzte er sich ab. Er floh zunächst nach Iran, dann nach Malaysia, bevor er im Mai 2014 in Australien landete. Dort beantragte er Asyl. Seit 2017 ist er als Flüchtling anerkannt, lebte in Melbourne, spielte beim halbprofessionellen Fußballverein Pascoe Vale FC, durfte reisen und das Land verlassen.

Angriff auf Asiens Fußballboss

Durch seine Flucht entging Araibi nur knapp einem langen Gefängnisaufenthalt. Noch vor Ende des Turniers in Katar, am 6. Januar 2014, verurteilte ihn ein Gericht in Bahrain zu zehn Jahren Haft. Der Vorsitzende Richter war Mohammad bin Ali Al Khalifa, ein Mitglied der Königsfamilie.

Vom Exil in Australien aus attackierte Araibi im Jahr 2016 eine weitere mächtige Figur aus dem Khalifa-Clan: Salman bin Ibrahim Al Khalifa. Er war von 2002 bis 2013 Präsident des Fußballverbands von Bahrain - also zu der Zeit, als Araibi in Untersuchungshaft saß. Der Fußballer sagt, dass Khalifa damals jede Unterstützung für ihn verweigert und die Folterung von Fußballern in bahrainischen Gefängnissen gebilligt habe.

AFP

Salman bin Ibrahim Al Khalifa

"Wenn Scheich Salman behauptet, dass er zu einer Million Prozent garantieren kann, dass kein Fußballer in Bahrain misshandelt worden ist, dann ist das eine Lüge. Ich bin ein Beispiel dafür", sagte Araibi Anfang 2016 der ARD.

Diese Anschuldigung platzte damals mitten in den Wahlkampf um die Präsidentschaft des Weltfußballverbands Fifa. Khalifa kandidierte damals gegen den Schweizer Gianni Infantino - und verlor. Möglicherweise auch wegen Araibis Aussagen. Trotzdem ist Khalifa noch immer ein mächtiger Mann. Seit 2013 steht er an der Spitze des asiatischen Fußballverbands AFC. Außerdem ist er eines von 25 Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees, dem höchsten Entscheidungsorgan im Weltfußball.

Enge Bande zwischen Bahrain und Bangkok

Als Araibi Anfang November im thailändischen Konsulat in Melbourne ein Visum beantragte, sah das Herrscherhaus in Bahrain seine Chance zur Rache gekommen. Die Regierung in Bangkok informierte die Behörden in Manama darüber, dass Araibi eine Reise nach Thailand plante. Am selben Tag, an dem das Konsulat das Visum ausstellte, schrieb Bahrain Araibi mit einer sogenannten Red Notice via Interpol zur Festnahme aus.

Diese Red Notice hätte wegen seines anerkannten Status als geschützter Flüchtling niemals ausgestellt werden dürfen. Trotzdem informierte Australiens Regierung die Behörden in Thailand über Araibis Flug nach Bangkok. Auch das hätte nicht passieren dürfen, wie das Außenministerium in Canberra inzwischen eingeräumt hat.

Am 27. November landeten Araibi und seine Ehefrau in Bangkok. Sie wollten ihre Flitterwochen in Thailand verbringen. Stattdessen wurden sie ins Gefängnis gesteckt. Araibis Gattin kam wenig später frei, Araibi sitzt noch immer hinter Gittern - seit mehr als 70 Tagen.

Die Behörden in Thailand waren bestens vorbereitet

Bahrain gilt als Thailands wichtigster Partner im Nahen Osten. Die Königsfamilie verbringt jedes Jahr Urlaub in Fernost. Bahrains Premierminister Khalifa bin Salman Al Khalifa und der 2016 verstorbene thailändische König Bhumibol waren eng befreundet. In diesem Jahr soll in Manama Thai-Mart eröffnen - eine große thailändische Shopping Mall.

Offenbar kooperieren beide autoritären Staaten auch in Sicherheitsfragen. Als Araibi auf dem Flughafen Bangkok festgenommen wurde, waren die thailändischen Beamten schon im Besitz seines abgelaufenen Reisepasses und anderer Dokumente, die ihnen offenbar aus Manama geschickt worden waren.

Am 30. November, drei Tage nach Araibis Ankunft in Thailand, veranlasste die australische Regierung, dass die Red Notice gegen den Fußballer zurückgezogen wurde. Die Regierung in Bangkok behauptet, zu diesem Zeitpunkt sei das Justizverfahren gegen Araibi bereits angelaufen und nicht mehr zu stoppen gewesen.

Unterstützung von Juve-Kapitän Chiellini

Doch daran gibt es Zweifel: Thailand hatte den Mann zunächst unter dem Vorwurf festgenommen, er sei illegal ins Land eingereist. Am 30. November, also am Tag, an dem die Red Notice aufgehoben worden war, wurde Araibi sogar aufgefordert, einen Flug nach Australien zu buchen, weil er bald freikäme. Trotzdem entschloss sich die Justiz in Bangkok, den Flüchtling weiter festzuhalten - offenbar auf Druck aus Manama.

Das gab den Behörden in Bahrain Zeit, einen neuen Haftbefehl gegen Araibi auszustellen und seine Auslieferung zu beantragen. Am 22. April will ein Gericht in Bangkok über den Antrag entscheiden. Bis dahin muss er wohl in Haft bleiben, weil sich die Justiz bislang weigert, ihn auf Kaution freizulassen.

JAMES ROSS/EPA-EFE/REX

Kundgebung für Araibi in Melbourne

In Australien hat der Fall höchste politische Kreise erreicht: Premierminister Scott Morrison forderte seinen thailändischen Amtskollegen Prayut Chan-o-cha auf, zu intervenieren. Er warnt vor einer Verschlechterung der Beziehungen zu Thailand. Das Außenministerium in Canberra fordert: "Hakeem al-Araibi sollte nach Australien zurückgeschickt werden, so schnell wie möglich."

Von seinen berühmten Fußballerkollegen in aller Welt sollte Araibi besser keine große Unterstützung erwarten. Zwar hat mit Giorgio Chiellini, Kapitän von Juventus Turin und der italienischen Nationalmannschaft, ein Weltklassespieler seine Sympathien für Araibi öffentlich verkündet.

Er ist aber auch der Einzige.

insgesamt 13 Beiträge
wallaceby 09.02.2019
1. Es bleibt die Frage offen...
warum H. al-Araibi ausgerechnet nach Thailand in die "Flitterwochen" fliegt, in ausgerechnet jenes Land das mit Bahrain eine wohlbekannte "enge Partnerschaft" pflegt, das ihn am liebsten im Gefängnis verrotten [...]
warum H. al-Araibi ausgerechnet nach Thailand in die "Flitterwochen" fliegt, in ausgerechnet jenes Land das mit Bahrain eine wohlbekannte "enge Partnerschaft" pflegt, das ihn am liebsten im Gefängnis verrotten sehen würde...? Ich muss doch als politisch eh schon Verfolgter so viel Hirn aufbringen, dass ich solche Urlaubsziele gefälligst meide! Man muss hier leider konstatieren, dass er sich damit selbstverschuldet in die aktuelle Situation gebracht hat.
wortmacht 09.02.2019
2.
@1 Sie wissen Bescheid über etwaige bilaterale Beziehungen? Thailand gilt per se als Urlaubsland, über die politische Situation wissen die meisten Urlauber nichts. Es gibt immer noch Verhaftungen in der Türkei, weil jemand [...]
@1 Sie wissen Bescheid über etwaige bilaterale Beziehungen? Thailand gilt per se als Urlaubsland, über die politische Situation wissen die meisten Urlauber nichts. Es gibt immer noch Verhaftungen in der Türkei, weil jemand einen größenwahnsinnigen Kriminellen als genau das bezeichnet. Alle dumm? Nein, man hält sich selbst für nicht so wichtig, als das ein gekränkter Despot einen so langen Arm hat und nach einem greift.
Chris CNX 09.02.2019
3. @wallaceby
Das Opfer ist also selber Schuld? Ich lebe in Thailand und wusste nicht, dass zwischen dem muslemischen und dem buddhistischen Land so enge Beziehungen herrschen. Aber super, dass SIE das vor dem Lesen des Artikels wussten.
Das Opfer ist also selber Schuld? Ich lebe in Thailand und wusste nicht, dass zwischen dem muslemischen und dem buddhistischen Land so enge Beziehungen herrschen. Aber super, dass SIE das vor dem Lesen des Artikels wussten.
halverhahn 09.02.2019
4. Völlig naives Verhalten!!
Wenn ich in einem Land verfolgt werde, kann daraus fliehen und bekomme in einem anderen dann glücklicherweise Asyl, dann bin ich mit etwaigen Reisen in andere Länder danach mega vorsichtig! Und überlege es mir 3 mal vorher, [...]
Wenn ich in einem Land verfolgt werde, kann daraus fliehen und bekomme in einem anderen dann glücklicherweise Asyl, dann bin ich mit etwaigen Reisen in andere Länder danach mega vorsichtig! Und überlege es mir 3 mal vorher, woanders hin zu reisen. Von daher sage ich, er ist zum größten Teil selbst schuld, nun im Knast zu ziehen.
rjb26 09.02.2019
5. es geht hier
um Staststerrorismus und wer wann mt wem da "msudchelt" ist immer schwer abzuschätzen. Man denke nur an dir Situation von Assange in UK. der wird auch sobald möglich von den Engländern an die Folterknechte in den [...]
um Staststerrorismus und wer wann mt wem da "msudchelt" ist immer schwer abzuschätzen. Man denke nur an dir Situation von Assange in UK. der wird auch sobald möglich von den Engländern an die Folterknechte in den USA ausgeliefert.

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