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Politik

Besetzung des Hongkonger Flughafens

Sie wollen, dass die Welt sie versteht

Hongkongs Aufstand erreicht ein globales Drehkreuz: Tausende Demonstranten haben den Betrieb am Flughafen der Finanzmetropole weitgehend zum Erliegen gebracht. Die Polizei hielt sich bisher zurück.

DPA/Kin Cheung

Demonstranten in Hongkong schützen sich mit Gasmasken, Regenschirmen und Holzschildern vor Tränengas bei Unruhen mit Polizisten auf einer Straße

Aus Hongkong berichten und
Montag, 12.08.2019   19:11 Uhr

Am Flughafen Hongkong verteilt eine junge Frau Schutzmasken aus Stoff. "Nur für den Fall", sagt sie und drückt sie Menschen in die Hand. Am Montagnachmittag ließen die Behörden den Airport schließen, nachdem Tausende Demonstranten die Wartehalle in Beschlag genommen hatten. Nur Flüge im Anflug dürfen noch landen. Alle ausgehenden Flüge sind gestrichen.

Daraufhin kamen in der Stadt Ängste auf, größeres Ungemach könnte sich zusammenbrauen. Im Internet machten Gerüchte die Runde, wonach die Polizei den Flughafen räumen könnte - womöglich gar mit Gewalt und dem Einsatz von Tränengas.

Aber das scheint nun am Abend eher unwahrscheinlich. Noch immer kommen Reisende und Flugpersonal in der Ankunftshalle an. Wo sonst Taxifahrer und Verwandte die Ankommenden begrüßen, warten Protestierende in schwarzer Kleidung, viele mit Mundschutz. Viele Reisende schauen verwundert, manche nehmen die Flugblätter entgegen, andere fotografieren. "Halte zu Hongkong", rufen die Demonstranten ihnen zu, und: "Kämpft für die Freiheit." Sie rufen in Englisch, weil sie wollen, dass die Welt versteht, was sie zu sagen haben. Ihr Ziel ist es, internationale Aufmerksamkeit zu erreichen - und das macht die Proteste so unangenehm, für die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone ebenso wie für Peking.


Proteste in Hongkong: Einschätzungen von SPIEGEL-Reporterin Laura Höflinger

Foto: SPIEGEL ONLINE

Seit zehn Wochen demonstrieren die Menschen. Was als Protest gegen ein Auslieferungsabkommen mit China begann, hat schnell grundsätzliche Züge angenommen. Es geht um das Verhältnis zu China, demokratische Rechte - aber vor allem auch um das Vorgehen der Polizei in der Stadt. Viele der Demonstranten zeigen nicht nur Verachtung gegen die Beamten, sondern Wut, manche auch Hass. Transparente am Flughafen beschimpfen die Beamten als "Mörder" und Schlimmeres.

Die Führung in Peking bewertet die Entwicklung in Hongkong in immer schärferen Tönen. In einer dritten Erklärung binnen drei Wochen warnte das für die beiden Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau zuständige Büro der Zentralregierung die Demonstranten. Ihre Proteste trügen "Anzeichen von Terrorismus". Hongkong sei an einem "kritischen Punkt" angelangt, Angriffe auf Polizeibeamte seien nicht hinzunehmen. "Diese Art von Gewalttätigkeit muss resolut bekämpft werden, dem Gesetz entsprechend, ohne Zögern und ohne Gnade."

In der Nacht zum Montag war es zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Protestierenden gekommen. Dabei wurde eine junge Frau mit einem Geschoss im Auge getroffen. Sie ist seitdem einseitig blind. Ein Video zeigt, wie ein junger Mann vor der U-Bahn von Polizisten zu Boden gedrückt wird. Er war während der Verfolgung gestürzt und blutet aus dem Mund.

Die Polizei setzte Tränengas in einer der Hauptverkehrsstraßen Hongkongs ein, das Gas strömte auch ins Innere der U-Bahn-Station. Bewohner berichteten, sie hätten das Gas noch in ihren Wohnungen riechen können. Die Polizei gab an, Demonstranten hätten die Beamten angegriffen, zudem habe die Kundgebung keine Genehmigung gehabt.

Am Flughafen von Hongkong halten viele Demonstranten am Montagabend (Ortszeit) Bilder der verwundeten jungen Frau mit dem verletzten Auge hoch. Andere tragen Augenbinden mit roter Farbe. Das Gesicht der Verwundeten ist zu einem neuen Symbol des Protests geworden. "Wir wollen Gerechtigkeit für sie", sagt Jason, 19 Jahre alt. Und Michael, 42 Jahre, ein Zahnarzt aus Hongkong, sagt: "Das Verhalten der Polizei ist nicht hinzunehmen. Die Frau hätte sterben können." Er selbst fühle sich am Flughafen jedoch sicher. "Mein Protest ist friedlich, und deswegen gibt es keinen Grund, mir etwas zu tun."

Tatsächlich blieben die Proteste gewaltlos. Die Demonstranten lassen die Reisenden passieren, viele sitzen oder liegen einfach am Boden und schauen auf ihre Mobiltelefone. Schon am frühen Abend hatte sich der Flughafen deutlich geleert. Viele Menschen, Reisende wie Demonstranten, hatten sich nach der Schließung des Airports auf den Weg nach Hause gemacht.

Der Verkehr rund um das Gelände war unterdessen weitgehend zum Erliegen kommen. Tausende Menschen, viele von ihnen in der schwarzen Kleidung der Protestierenden, hatten sich zu Fuß Richtung Stadt aufgemacht, weil die Busse die Terminals nicht mehr erreichen konnten. "Wir haben gehört, die Polizisten seien auf dem Weg", sagt eine junge Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen will, "das hat uns Angst gemacht."

insgesamt 37 Beiträge
banker1 12.08.2019
1. passt
doch gerade zum Handelsstreit, oder ??
doch gerade zum Handelsstreit, oder ??
KMtheo 12.08.2019
2. Ende des rechtsstaatlichen Systems in Hongkong
Die Hongkonger Regierung verweigert nach wie vor den Dialog über simpelste Menschenrechte. Denn: Das dramatischste für die Hongkonger ist inzwischen nicht nur die Auslieferungsfrage, sondern die Aushöhlung der Bürgerrechte [...]
Die Hongkonger Regierung verweigert nach wie vor den Dialog über simpelste Menschenrechte. Denn: Das dramatischste für die Hongkonger ist inzwischen nicht nur die Auslieferungsfrage, sondern die Aushöhlung der Bürgerrechte durch die Polizei , die neuen Internierungslagern und vor allem die Verweigerung des Zugangs von Rechtsanwälten zu Mandanten (Spiegel-online berichtet hier m.E. ungenügend). Dass Menschen sich auf Rechtsstaatlichkeit verlassen können, ist eines der höchsten Güter (und nebenbei wichtig für eine verlässliche Wirtschaft). Dass Regierungschefin Carrie Lam der Polizei alles durchgehen lässt und zu keinen Gesprächen über irgendetwas gewillt ist, zeigt, dass sie offensichtlich schon zur Marionette Pekings geworden ist. Das funktionierende Rechtssystem Hongkongs (in Anlehnung an das englische Recht) wird gerade durch die Polizei und der aktiven Hilfe der Regierungschefin persönlich zerstört.
Stäffelesrutscher 12.08.2019
3.
Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie bei G20 die Staatsmacht in Hamburg agiert hätte, wenn die Vermummten nicht nur in der Hafenstraße herumgestanden, sondern die Terminals in Fuhlsbüttel besetzt hätten ...
Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie bei G20 die Staatsmacht in Hamburg agiert hätte, wenn die Vermummten nicht nur in der Hafenstraße herumgestanden, sondern die Terminals in Fuhlsbüttel besetzt hätten ...
C. V. Neuves 12.08.2019
4. Absicht
Man kann den Flughafen als Geste einmal besetzen. Beim zweiten Mal ist das eine Kriegserklärung. Die Regierung in Peking muss nun wohl feststellen, dass die Verwaltung in Hongkong nicht mehr unter Kontrolle ist. Dass aber haben [...]
Man kann den Flughafen als Geste einmal besetzen. Beim zweiten Mal ist das eine Kriegserklärung. Die Regierung in Peking muss nun wohl feststellen, dass die Verwaltung in Hongkong nicht mehr unter Kontrolle ist. Dass aber haben die Demonstrationen wohl bebsichtigt. Die Demonstrationen zeigen auch hervorragende Koordination die auf zentrale Steuerung schliessen lässt. Das in kleinen ad-hoc Kommitees auszubaldowern und zu kioordinieren ist zu komplex.
FrankDunkel 12.08.2019
5.
Es ist zu befürchten, dass Peking die Bewegung mit Gewalt niederschlägt und die freie Welt wie so oft nichts dagegen tun kann. Über wirtschaftlichen Druck lachen die Herren doch nur.
Es ist zu befürchten, dass Peking die Bewegung mit Gewalt niederschlägt und die freie Welt wie so oft nichts dagegen tun kann. Über wirtschaftlichen Druck lachen die Herren doch nur.

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