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Politik

Bundesaußenminister in Afrika

Heiko Maas und die starken Frauen

Bei seiner Reise durch Westafrika setzt sich Außenminister Maas für die Rechte von Frauen in Kriegsgebieten ein. In Sierra Leone werden sie besonders häufig Opfer sexueller Gewalt - dort hat die Regierung deswegen den Notstand ausgerufen.

DPA

Heiko Maas mit Freetowns Bürgermeisterin Yvonne Aki-Sawyerr

Aus Freetown berichtet
Dienstag, 26.02.2019   04:17 Uhr

Egal, wohin Heiko Maas reist, eines wird schnell klar: Dem deutschen Außenminister fällt es leichter, mit Frauen ins Gespräch zu kommen als mit Männern. Mit der israelischen Justizministerin Ayelet Shaked pflegt Maas allen politischen Differenzen zum Trotz seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland spricht gar von einer Art Seelenverwandtschaft. Und an diesem Montag schaffte es eine Frau aus einem der ärmsten Länder der Welt, den stets etwas zugeknöpften Deutschen aus der Reserve zu locken.

Yvonne Aki-Sawyerr ist seit etwa einem Jahr Bürgermeisterin von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Sie trägt ein leuchtend blaues Kleid und strahlt einen zupackenden Optimismus aus - ungeachtet der schwierigen Lage ihrer Stadt. Und sie versteht es, mit ihrem Charme die Sympathie ihres Gasts aus Deutschland zu gewinnen. "Zucker zum Espresso?", fragt Aki-Sawyerr. Ja, sagt Maas. "Oh, ein Mann voller Überraschungen", ruft die Bürgermeisterin. Die meisten Männer, die sie kenne, würden den Espresso ohne Zucker trinken. Maas fühlt sich sichtlich geschmeichelt, das Eis ist gebrochen.

Aki-Sawyerr spricht über die rasant wachsende Bevölkerung, vor allem über den hohen Anteil Jugendlicher. 72 Slums seien in Freetown mittlerweile entstanden, in neun Jahren werde sich die Einwohnerzahl wahrscheinlich verdoppelt haben. Freetown hat mit großen Umweltproblemen zu kämpfen. Vor etwas mehr als einem Jahr starben rund tausend Menschen, als eine Schlammlawine auf die Millionenstadt herunterging. In der Bucht von Freetown ankert ein riesiges Schiff aus der Türkei, dessen Schlote dreckige Wolken in den Himmel blasen. Es ist ein schwimmendes Dieselkraftwerk, das die Stadt mit Strom versorgt.

Die ehemalige britische Kolonie, die 1961 unabhängig wurde, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. In den Neunzigerjahren tobte ein blutiger Bürgerkrieg, der Zehntausende Menschen das Leben kostete. Hinzu kam die Ebola-Epidemie, die noch einmal Tausende Menschen hinwegraffte.

Wie Sierra-Leone gegen sexualisierte Gewalt vorgeht

Maas kommt auf einen der Hauptgründe seiner Westafrika-Reise zu sprechen: Gewalt gegen Frauen in Kriegen und Post-Konflikt-Gesellschaften. Im April, wenn Deutschland den Vorsitz im Uno-Sicherheitsrat übernimmt, will er das Thema auf die internationale Agenda setzen. Sierra Leone ist ein besonders dramatisches Beispiel. In dem ehemaligen Bürgerkriegsland leiden besonders viele Frauen unter sexueller Gewalt: Genitalverstümmelungen, Prostitution, Vergewaltigungen junger Mädchen. "Warum?", will Maas wissen.

Sie sei keine Expertin, sagt Aki-Sawyerr. "Aber Sie sind eine Frau", ermutigt Maas seine Gastgeberin. Ein Grund sei wohl die Armut; ein anderer bestimmte Traditionen, die nie infrage gestellt wurden, sagt die Bürgermeisterin; ein dritter die Abhängigkeit der Frauen von Männern.

Der neue sierra-leonische Präsident Julius Maada Bio hat das Thema der sexualisierten Gewalt zur Chefsache gemacht und den nationalen Notstand ausgerufen. Zu den von der Regierung angekündigten Maßnahmen gehören:

"Wir müssen die sexuelle Gewalt bekämpfen, vor allem die Vergewaltigungen junger Mädchen", sagt Außenminister Alie Kabba nach dem Treffen mit Maas. In der Vergangenheit sei das ein Tabuthema gewesen. "Unser Präsident hat angekündigt, dass wir es überwinden müssen." Es sei gut, dass die Regierung von Sierra Leone das Thema "aus der Tabuzone" hole, lobt Maas.

Aber der deutsche Außenminister will es genauer wissen. Am Nachmittag trifft er sich daher in der Residenz des deutschen Botschafters mit vier Aktivistinnen, die sich den Rechten von Frauen und Kindern verschrieben haben. "Die Regierung hat gute Ideen, aber wir brauchen Taten", sagt Ann-Marie Caulker, eine Schuldirektorin, die vor allem der Genitalverstümmelung bei Mädchen den Kampf angesagt hat. Es gebe vernünftige Gesetze, sagt auch die Aktivistin Fatmatta Taqi, aber oft hapere es an der Anwendung. "Es ist vor allem eine Machtfrage. Wenn du von Männern abhängig bist, schlagen sie daraus einen Vorteil."

Von 2000 polizeilich erfassten Vergewaltigungen in nur einem Jahr berichtet Hawa Samai von der Organisation AMNeT. "Bei nur sieben Millionen Einwohnern ist das eine hohe Zahl, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich viel höher." Wenn die Übergriffe innerhalb der Familie stattfänden, würden sie oft nicht gemeldet, sagt Samai. Hinzu kämen die Folgen der Ebola-Epidemie. "Dadurch sind viele Kinder Waisen geworden", sagt die Frauenrechtlerin. "Um zu überleben, enden viele von ihnen als Prostituierte auf der Straße."

Es sind starke Frauen, die Maas in Sierra Leone trifft - und große. Sie überragen den Außenminister teilweise um einen Kopf. Die Aktivistinnen sind angetan, dass Maas sich so viel Zeit für sie nimmt, obwohl er am Abend schon wieder weiter muss nach Burkina Faso. "Er hat auf mich einen sehr angenehmen Eindruck gemacht", sagt Fatmatta Taqi. "Wir haben direkte Fragen gestellt, und er gab sehr direkte Antworten." Es war der erste Besuch eines deutschen Außenministers in dem ehemaligen Bürgerkriegsland. "Wir hoffen", sagt Taqi, "es war nicht der letzte".

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde die Zahl der Ebola-Toten in Sierra Leone mit rund 30.000 angegeben. Tatsächlich kamen bei der Epidemie laut World Health Organization 3956 Menschen ums Leben.

insgesamt 19 Beiträge
hexagon7467 26.02.2019
1.
Das Gelaber vom dem starken Frauen ist purer Sexismus. Eine selbstbewusste Frau ist Stark, ein selbstbewusster Mann ist ein verabscheuungswürdiger Macho oder ein geistig unterbelichteter Kraftprotz......
Das Gelaber vom dem starken Frauen ist purer Sexismus. Eine selbstbewusste Frau ist Stark, ein selbstbewusster Mann ist ein verabscheuungswürdiger Macho oder ein geistig unterbelichteter Kraftprotz......
herbert 26.02.2019
2. Was tut er nicht alles um sein Ansehen zu puschen !
Viele setzen sich fuer die Rechte der Frauen ein in Kriegsgebiete. Da ist Maas nur ein kleines SPD Lichtlein !
Viele setzen sich fuer die Rechte der Frauen ein in Kriegsgebiete. Da ist Maas nur ein kleines SPD Lichtlein !
eunegin 26.02.2019
3. Schwacher Außenminister - starke Frauen
Ja, das sind alles wichtige Themen. Nur gäbe es im Moment herausragend Themen für die Zukunft unseres Landes, Europas und der westlichen Welt. Hier nehme ich nur dünne Sprechblasen wahr und einen Außenminister, der wirkt wie [...]
Ja, das sind alles wichtige Themen. Nur gäbe es im Moment herausragend Themen für die Zukunft unseres Landes, Europas und der westlichen Welt. Hier nehme ich nur dünne Sprechblasen wahr und einen Außenminister, der wirkt wie ein Praktikant neben Profis. Wenn man überhaupt etwas wahrnimmt. Blendet er diese komplexen strategischen Themen aus und widmet sich denjenigen, die für ihn greifbarer erscheinen? Wir hatten Außenminister verschiedener Couleur mit verschiedenen Charakteren, aber im Moment der größeren Umbrüche sehe ich keinen Außenminister. Fatal.
timpia 26.02.2019
4. Wichtige Aufgaben des Aißenministeriums ...
.... könnte sein andere Staaten zu beeinflussen, so zu leben, wie es die Deutschen für richtig halten. Zu diesem Zweck reisst eine Figur in Frauengröße in Gebiete, die sich anders darstellen, als es sich das Außenministerium [...]
.... könnte sein andere Staaten zu beeinflussen, so zu leben, wie es die Deutschen für richtig halten. Zu diesem Zweck reisst eine Figur in Frauengröße in Gebiete, die sich anders darstellen, als es sich das Außenministerium vorstellt. Da spricht man dann auch nicht direkt mit Männern, sondern fragt Frauen, warum es so ist, wie es ist. Generell bleibt die Frage, ob die Aufgabe des Außenministeriums nicht doch eine ganz andere ist, bzw. ob der Ministerposten für die eigentliche Aufgabe nicht vielleicht fehlbesetzt ist oder der aktuelle Vertreter nicht in eine Menschenrechtsorganisation wechseln sollte.
ekel-alfred 26.02.2019
5. Der zweite Schritt vor dem ersten?
[Bei seiner Reise durch Westafrika setzt sich Außenminister Maas für die Rechte von Frauen in Kriegsgebieten ein.] Der zweite Schritt vor dem ersten? Vielleicht sollte man erst einmal dafür sorgen, dass Krieg und [...]
[Bei seiner Reise durch Westafrika setzt sich Außenminister Maas für die Rechte von Frauen in Kriegsgebieten ein.] Der zweite Schritt vor dem ersten? Vielleicht sollte man erst einmal dafür sorgen, dass Krieg und Auseinandersetzungen beendet werden? Ansonsten dürften die Bemühungen im Sande verlaufen.

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