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Politik

Protestbewegung in Hongkong

Wie starb Alex Chow?

Der Student Alex Chow hat sich in einem Parkhaus in Hongkong tödliche Verletzungen zugezogen. Ein Video zeigt eine Hetzjagd - aber endgültige Beweise gibt es nicht. Doch die Proteste könnten sich weiter radikalisieren.

Kin Cheung/DPA

Protestierende Studenten in Hongkong: Sie werfen der Polizei Brutalität vor

Von und , Hongkong und Peking
Freitag, 08.11.2019   22:46 Uhr

Die Stelle, an der Hongkongs Protestbewegung um ihren ersten Märtyrer trauert, ist ein trostloser Ort. Der dritte Stock eines Parkhauses im Ortsteil Tseung Kwan O, rohe Betonwände, drei leere Parkplätze hinter Flatterband. Dutzende Menschen ignorieren die Absperrung, sie stehen still an der Brüstung und schauen in das Stockwerk darunter, wo Blumen sich türmen und Kraniche aus gefaltetem Papier, wo Kerzen brennen. Genau dort, wo am Montag der Körper von Alex Chow Tsz-lok aufschlug.

"Die Polizei behauptet, er sei gesprungen, wegen des Tränengas", erzählt ein 32-jähriger Hongkonger, der nur seinen Vornamen Ben angeben mag. Er fürchtet Probleme, denn er arbeitet im Staatsdienst. Ben sagt: "Ich glaube der Polizei nicht. Das war kein Unfall. Jemand hat ihn runtergestoßen."

Seit Beginn der Protestbewegung hatten Beobachter vor dem Tag gewarnt, an dem das erste Todesopfer zu beklagen sein würde. "Ich habe ein Gefühl der Vorahnung", schrieb Ende August der "New York Times"-Kolumnist Nicholas Kristof, der 30 Jahre zuvor in Peking Zeitzeuge der blutigen Niederschlagung des Tiananmen-Aufstands war. Es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch in Hongkong jemand getötet werde, "und das wird einen neuen Kreislauf von Beschuldigung, Eskalation und Gewalt auslösen."

Hetzjagd vor dem Sturz?

Der Hergang um den Tod des 22-jährigen Informatikstudenten Chow ist noch unklar. Fest steht, dass es in der Nacht auf Montag in dem Parkhaus zu einer Konfrontation kam; Aktivisten warfen Gegenstände aus den oberen Parkdecks, die Polizei feuerte Tränengas hinein. Später fand man Chow im zweiten Stock in einer Blutlache. Bewusstlos wurde er ins Krankenhaus gebracht, Ärzte operierten ihn zweimal, um eine Gehirnschwellung zu lindern. Aus dem Koma erwachte er nicht mehr. Am Freitagmorgen um 8:09 Uhr wurde Chow für tot erklärt.

Der Staatsbedienstete Ben zeigt ein Video auf seinem Smartphone. Auch andere Trauernde im Parkhaus führen es an diesem Abend vor. Angeblich hat eine Überwachungskamera die Szene gefilmt. Man sieht darauf einen jungen Mann, der durch ein Parkhaus rennt und von einem größeren Mann verfolgt wird. Dessen dunkle Kleidung kann man als Uniform interpretieren, seine Kopfbedeckung als Helm, womöglich ein Polizist, auf dem körnigen Video ist das nicht genau zu erkennen. Er holt den jungen Mann ein, schubst ihn, dieser stolpert, fängt sich und läuft weiter, dann verschwinden die beiden hinter einer Wand. So endet die Aufnahme.

Die Herkunft des Videos konnte der SPIEGEL nicht verifizieren, die Identität der Personen ist nicht zweifelsfrei ersichtlich. Erst recht ist offen, was danach geschah. Doch für die Trauernden im Parkhaus zählt das nicht. Sie sind sicher: Das Video zeigt eine Hetzjagd, die mit dem tragischen Sturz von Chow enden wird.

Die Gewalt eskaliert

Seit Wochen schon hat die Größe der einzelnen Proteste in Hongkong ab-, aber das Ausmaß der Gewalt zugenommen. Radikale Protestierende werfen Steine und Molotow-Cocktails, die Polizei hat neben Tränengas und Gummigeschossen inzwischen mehrfach auch scharfe Munition eingesetzt.

Am 1. Oktober wurde erstmals ein Demonstrant von einer Polizeikugel in die Brust getroffen; am 13. Oktober schnitt ein Protestierender einem Polizisten mit einem Teppichmesser so tief in den Hals, dass der Sergeant bleibende Schäden davontrug - eines seiner Stimmbänder wurde verletzt. Am vergangenen Wochenende biss ein offenbar geistig verwirrter Attentäter einem regierungskritischen Bezirksrat ein Stück seines Ohrs ab, und am Mittwochmorgen kam es zu einem Messerattentat auf den umstrittenen pekingtreuen Politiker Junius Ho.

Auch Tote betrauert die Protestbewegung bereits. Aktivisten haben mindestens neun Suizide gezählt, die sie direkt mit der politischen Lage in Verbindung bringen. In einem besonders tragischen Fall im Juni stürzte ein 35-Jähriger aus großer Höhe, nachdem er an einem Baugerüst ein regierungskritisches Plakat befestigt hatte. Chow ist aber der erste, für dessen Tod die Aktivisten die Sicherheitskräfte unmittelbar verantwortlich machen.

Manche lassen sich von ihrer Wut leiten. Am Nachmittag drangen Demonstranten in die Universität ein, in der Chow studiert hatte. Dort störten sie eine Abschlussfeier, beschädigten mehrere Cafés, das Büro des Universitätspräsidenten und eine Filiale der Bank of China.

Doch der Abend im Parkhaus gehört der Andacht, der stillen Trauer. Viele erweisen Chow die Ehre. In dem verschachtelten Parkhaus mit den niedrigen Decken ist ihre Zahl schwer abzuschätzen, ohne Zweifel sind es Abertausende. In einer Schlange, die sich in vielen Schleifen über mehrere Stockwerke windet, schiebt sich die Menge langsam und leise murmelnd an den Ort des Sturzes vor, um dort weiße und blassgelbe Blumen abzulegen und Teelichter anzuzünden.

"Er hat es verdient, dieser Held der Randalierer"

In einer Ecke hat jemand ein Kreuz aufgehängt, darunter steht eine Pastorin im schwarzen Talar. Angeblich war Chow Christ. Begleitet von einer jungen Geigerin singen die Menschen "Sing Hallelujah to the Lord", eine Hymne der Bewegung. Ein paar Mal versuchen einzelne, den mittlerweile berühmten Schlachtruf anzustimmen: "Freiheit für Hongkong - die Revolution unserer Tage!" Doch sofort werden sie durch Zischen zum Schweigen gebracht.

In Festlandchina wurde diese getragene Stimmung nur bedingt geteilt. Die Staatsmedien hatten Chows Tod zunächst nicht gemeldet, doch auf Social Media machte die Nachricht schnell die Runde - und wurde mit Kommentaren bedacht, die die Grenze zur Menschenverachtung teils weit überschritten. "Er hat darum gebeten", schreibt ein User auf Weibo. "Er hat es verdient, dieser Held der Randalierer" schreibt ein anderer. "Geh ins Nirwana, wo es Freiheit und Demokratie gibt", spottet ein dritter.

Es ist ein Ausdruck dessen, wie unterschiedlich viele Hongkonger und Chinesen die Proteste wahrnehmen, wie weit die Realitäten sich bereits voneinander entfernt haben. Dennoch gibt es natürlich auch in der Volksrepublik jene, die zuerst die menschliche Tragödie sehen. "Schaut euch diese harschen und inhumanen Kommentare an", kontert ein chinesischer Weibo-Nutzer den Hass. "Wird dieses Land jemals versöhnt sein?"

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