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Politik

Chinesen über die Proteste in Hongkong

"Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen"

Die Demonstranten in Hongkong fürchten den Einfluss Chinas auf ihre Stadt. Aber was halten Touristen aus der Volksrepublik von den Protesten in der früheren britischen Kronkolonie? Eine Hafenrundfahrt.

SPIEGEL ONLINE
Aus Hongkong berichtet
Samstag, 10.08.2019   22:37 Uhr

Herr Lee wusste, dass es gefährlich werden könnte, hierher zu kommen. Der Reiseführer hatte die Gruppe noch vor der Abfahrt gewarnt: Man solle nachts nicht auf die Straße gehen. Dann hatte er auf Lees ärmelloses T-Shirt gezeigt, das um den Bauch herum spannt, und ihn ermahnt. Ob er keine andere Farbe hätte wählen können? Schwarz sei die Farbe der Randalierer.

Lee seufzt. Zu Hause wäre das nicht passiert.

Lee hat ein Gruppenreise gebucht, sieben Tage Urlaub, einen Tag davon in Hongkong. Er ist 17 Stunden Zug gefahren und zwei Stunden Bus. Zu seiner Reisegruppe gehören 40 Personen, alle stammen aus Festlandchina. Sie waren heute im Freizeitpark, dann auf der Pferderennbahn und schließlich im Tempel; stets der Dame mit der roten Fahne hinterher. Jetzt am Abend folgt der Höhepunkt des Tages: eine Hafenrundfahrt. Lee lehnt an der Reling und streckt den Kopf nach oben. Vor seinen Augen zieht die Skyline Hongkongs vorbei. Dunkle, tiefhängende Wolken umhüllen die Spitzen der Wolkenkratzer. Die Luft ist schwül, aber kühler als noch am Mittag.

Hongkong sieht seine Rechte in Gefahr

Vergangenes Jahr kamen rund 65 Millionen Touristen nach Hongkong, 51 Millionen davon waren Festlandchinesen wie Herr Lee. Dieses Jahr werden es deutlich weniger Besucher sein. Die Proteste, die Hongkong nun schon seit zwei Monaten im Griff haben, haben viele verschreckt. Länder wie Großbritannien und die USA haben Reisewarnungen herausgegeben, nachdem Demonstranten das Regierungsgebäude gestürmt hatten. Anfangs ging es den Protestlern noch um ein Auslieferungsgesetz mit China. Aber mittlerweile ist der Protest grundsätzlich geworden. Sie sehen ihre demokratischen Rechte in Gefahr. Sie fürchten den Einfluss Chinas auf die Stadt. Dessen Führung nannte die Kundgebungen "die größte Krise seit 1997".

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Hongkong: Besuch aus China

In dem Jahr gaben die Briten Hongkong an China zurück und vereinbarten mit Peking, dass Hongkong zwar formal zum chinesischen Staatsgebiet gehören, aber weitgehend autonom bleiben sollte. Das Abkommen wurde unter dem Motto "Ein Land, zwei Systeme" beschlossen, Laufzeit: 50 Jahre. Über die Jahre sollten sich die beiden Systeme angleichen und Hongkong und China aufeinander zu rücken. 22 Jahre und viele Hafenrundfahren später ist klar: Wirtschaftlich mag das gelungen sein, psychologisch nicht. Anstatt aufeinander zu, bewegen sich die Hongkonger und die Festlandchinesen voneinander fort. China versteht Hongkong nicht, und Hongkong nicht die Chinesen.

"Hinter den Protesten stecken die Amerikaner"

Das hat viel damit zu tun, wie die Menschen aufwachsen - und woher sie ihre Informationen nehmen. Wer in Honkong aufwächst, dessen Verständnis von Demokratie ähnelt eher der junger Menschen in Berlin oder London. Sie genießen Rechte, die für jemanden aus Peking undenkbar wären. Da wären zum Beispiel ein Versammlungsrecht, eine freie Presse und unabhängige Gerichte. Sie können auf Facebook, Google und Youtube zugreifen; in China sind diese blockiert.

Hongkong hat ein starkes Bürgertum, China einen starken Staat. Und das findet Lee ist auch besser so.

"Hinter den Protesten stecken die Amerikaner", sagt er. Die bezahlten die Demonstranten dafür, Unruhe zu stiften. Er hat das im Staatsfernsehen gesehen und noch einiges mehr. Einem Polizisten wurde angeblich der Schädel eingeschlagen, Journalisten wurden umzingelt und bedroht. Herr Lee ist kein wütender Mann. Er erzählt das, lacht und macht dabei Fotos.

Das Buffet ist eröffnet, und alle eilen zum Abendessen. Die Touristen türmen Fleisch, Salat und Austern auf ihre Teller. Sie schubsen und drängen. Die Band spielt Keyboard, jemand singt. Glitzerstäbe blinken an der Decke. Die Ticketverkäuferin am Telefon, die selbst aus Hongkong stammt, hat gewarnt, es könne laut werden. An Bord würden vor allem Festlandchinesen sein.

Hongkongs Stolz, Chinas Stolz

Hongkonger sind stolz auf den Wohlstand der Stadt, ihre Freiheit und Kultur. Auch Festlandchina ist stolz und zwar darauf, was es - mit seinem ganz eigenen System - innerhalb der letzten 20 Jahre erreicht hat. Erzielte Hongkong vor gut 20 Jahren noch rund ein Fünftel der chinesischen Wirtschaftsleistung, sind es heute etwa drei Prozent. Reiche Touristen treiben die Preise in Hongkongs Geschäften und Restaurants in die Höhe und auch den Preis für Immobilien. Das einstige wirtschaftliche Vorbild ist keines mehr. Wenn Hongkong tatsächlich einmal an China angeschlossen werde sollte, dann wäre die Stadt nur eine von vielen chinesischen Städten.

Foto: Thomas Peter/ REUTERS

Auch die Familie Zhong ist stolz darauf, was ihr Land geleistet hat. Sie sind zu fünft: Mutter, Vater, Tochter und zwei Söhne. Sie sind für zwei Wochen in der Stadt, um eine Tante zu besuchen. China habe einen "genialen Präsidenten", die Armut sei gesunken, ihr Leben glücklich, sagen die Zhongs. Ihre Heimatstadt Changsha galt einmal als chinesische Provinz. Heute leben dort sieben Millionen Einwohner. Es gibt dort eines der größten Restaurants der Welt (4000 Plätze) und eine gigantische Statue von Mao Zedongs Kopf (32 Meter).

Sie ermuntern ihre Tochter, frei zu sprechen, aber nicht dazu, ihren Namen zu nennen. Das Fernsehen hat gezeigt, wie ein Demonstrant die chinesische Flagge vom Mast gerissen hat. Das habe sie verletzt, sagt sie: "Wir genießen vielleicht nicht so viele Freiheiten wie die Menschen hier. Aber es ist auch nicht hinnehmbar, dass sie ihre Freiheit dazu ausnutzen, um uns anzugreifen."

Sie hat die Beschädigungen in der Stadt gesehen. Die Barrikaden, die die Polizei errichtet hat, und die Graffiti, die die Demonstranten an die Wände geschmiert haben. Ein solcher Vandalismus würde zu Hause niemals zugelassen werden. Der Besuch hat ihr vor allem eines bewiesen: "Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen."

Sie ist 18 Jahre alt und damit so alt wie viele der Hongkonger Demonstranten. Beide leben im gleichen Land und doch in unterschiedlichen Welten. Die Demonstranten kämpfen für Freiheit; die junge Zhong glaubt, sie stiften Chaos. Sie schätzt Ordnung und Autorität; die Protestanten stellen genau das infrage. Es geht ihnen um die Rechte des Einzelnen, aber dabei verlieren sie nach Meinung vieler Festlandchinesen das große Ganze aus den Augen.

Die Gedanken von Nummer 18

Anfang Juli versuchten die Demonstranten die Herzen der Touristen vom Festland für ihre Sache zu gewinnen. Sie malten Plakate in Mandarin (Hongkong spricht Kantonesisch) und versuchten, ihnen Nachrichten auf ihre Handys zu schicken. Ein 20-jähriger Tourist sagte später einer einheimischen Zeitung, dass er die Demonstranten nicht verstünde: "Wenn weniger Besucher kommen, dann schadet das doch der Wirtschaft."

Viele an Bord denken so. Aber nicht alle.

Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Die Reklameanzeigen der Wolkenkratzer strahlen im Nachthimmel. Auf dem Deck steht Kwok Chao Chiu, 30 Jahre alt. Er ist überrascht, wie friedlich Hongkong wirkt. Er steht draußen am Deck, an seiner Brust steckt ein roter Button. Er ist die Nummer 18 in seiner Reisegruppe. Ihm gefällt die Stadt. Er mag die gute Qualität der Waren und die Würze des Essens. Er hat noch nie im Leben eine Demo gesehen. Aber er hat gehört, man darf hier sagen, was man möchte. Er sagt: "Ich würde gerne mal einen Randalierer treffen."

insgesamt 81 Beiträge
Henrik_ 10.08.2019
1. "Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen"
Die Methoden sind unterschiedlich..... aber Deutschland und China sind in die frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.
Die Methoden sind unterschiedlich..... aber Deutschland und China sind in die frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.
Der_M 10.08.2019
2. Hongkong als anschauliches Beispiel, wo die Reise hingeht
Alle die, die glauben, die Chinesen wären friedlich und würden eine offene Gesellschaft oder gar Rechte anderer achten, können jetzt am Umgang mit Hongkong ganz klar sehen, was anderen Nationen, die in den chinesischen Einfluss [...]
Alle die, die glauben, die Chinesen wären friedlich und würden eine offene Gesellschaft oder gar Rechte anderer achten, können jetzt am Umgang mit Hongkong ganz klar sehen, was anderen Nationen, die in den chinesischen Einfluss geraten, in Zukunft blühen wird. Und dass ein junger Mensch einen Satz wie "Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen" von sich gibt, dürfte klar machen, wie in Festlandchina mit Menschen umgegangen wird und zu welchen Verhaltensweisen das chinesische System die Menschen zwingt...
konstruktiv_ 10.08.2019
3. @Henrik
Hallo Henrik, Ich denke, Sie wissen gar nicht worüber sie reden. Diese "Ähnlichkeit" von der sie reden ist eine kleine Facette des Gesamtbildes. Die Unterschiede sind fundamental.
Hallo Henrik, Ich denke, Sie wissen gar nicht worüber sie reden. Diese "Ähnlichkeit" von der sie reden ist eine kleine Facette des Gesamtbildes. Die Unterschiede sind fundamental.
teddyhh 10.08.2019
4. ahja
Und das machen Sie genau woran fest?
Zitat von Henrik_Die Methoden sind unterschiedlich..... aber Deutschland und China sind in die frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.
Und das machen Sie genau woran fest?
frodolebt 10.08.2019
5.
Die Methoden sind unterschiedlich ... aber Himmel und Hölle sind in der Frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.
Zitat von Henrik_Die Methoden sind unterschiedlich..... aber Deutschland und China sind in die frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.
Die Methoden sind unterschiedlich ... aber Himmel und Hölle sind in der Frage "Freiheit" nicht sehr unterschiedlich.

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