Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Ibiza-Affäre

"Hast du einen Safe?"

Zwei Tage vor der Veröffentlichung des "Ibiza-Videos" erhielt der damalige österreichische Vizekanzler Strache eine Anfrage von SPIEGEL und "Süddeutscher Zeitung" - kurz darauf begann er zu telefonieren.

APA/ Hans Punz/ picture alliance

Johann Gudenus und Heinz-Christian Strache (Archivbild)

Von und
Samstag, 23.11.2019   12:59 Uhr

Die Antwort von Heinz-Christian Strache, damals noch Vizekanzler Österreichs und Chef der FPÖ, klang abgeklärt. Einen Tag vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos antwortete er per WhatsApp auf Fragen des SPIEGEL und der "Süddeutschen Zeitung": Ja, es habe damals im Juli 2017 auf der Insel einen Abend in "lockerer, ungezwungener und feuchtfröhlicher Urlaubsatmosphäre" gegeben. Er habe auf "die Notwendigkeit der Einhaltung der österreichischen Rechtsordnung" bei dem Treffen mit einer vermeintlichen Oligarchennichte "mehrmals hingewiesen". Im Übrigen, so Strache weiter, "gab es neben dem Umstand, dass viel Alkohol im Laufe des Abends gereicht wurde, auch eine hohe Sprachbarriere".

Alles ganz harmlos, das war Straches Botschaft, Urlaubsgeplänkel auf Ibiza, nicht mehr. Die Aufnahmen allerdings, auf denen Strache und sein Vertrauter Johann Gudenus mit der vermeintlichen Russin unter anderem über den Kauf von Anteilen der "Kronen"-Zeitung schwadronierten und über mögliche Staatsaufträge, die Strache der Investorin dann zuschanzen würde, führten nicht nur zum Rücktritt Straches und Gudenus', Kanzler Sebastian Kurz löste gleich die Regierung aus FPÖ und ÖVP auf.

Recherchen des österreichischen Nachrichtenmagazins "Profil" zeigen nun: Strache war offenbar in höchstem Aufruhr, als ihn am 15. Mai die Anfrage von SPIEGEL und "SZ" erreichte.

Die "Soko Ibiza", die Licht ins Dunkel der Affäre bringen soll, hat die Anrufe von Straches Mobiltelefon auswerten lassen - und stieß auf interessante Verbindungen. Das geht laut "Profil" aus einem polizeilichen "Anlassbericht" vom August hervor, der an die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ging.

Nach Eingang der Anfrage versuchte Strache mehrfach, seinen Vertrauten Gudenus zu erreichen. Es folgten "eine Vielzahl von Gesprächen" mit Nummern aus dem FPÖ-Umfeld, wie der Leiter der Soko Ibiza notierte.

Keine halbe Stunde nach Eingang der Presseanfrage aus Deutschland wählte Strache, so hat es "Profil" recherchiert, offenbar die Handynummer eines Milliardärs, über den er auf Ibiza gesagt hatte, er zahle "die ÖVP und uns": René Benko, Gründer des Immobilienunternehmens Signa. Das Gespräch dauerte gut sechs Minuten. Dann erhielt Strache einen Anruf von Kathrin Glock, der Ehefrau des Waffenunternehmers Gaston Glock. Auch Glock hatte Strache auf dem heimlich aufgenommenen Ibiza-Video als angeblichen Spender der FPÖ bezeichnet. Sowohl Benko als auch Glock dementierten gegenüber SPIEGEL und "SZ" scharf, direkt oder indirekt an die Partei gespendet zu haben.

Zwischen 15.50 Uhr und 15.58 Uhr bekam Strache laut "Profil" vier weitere Anrufe von einer Nummer, welche die "Soko Ibiza" der Glock GmbH zuordnet. Am späten Abend rief Strache offenbar erneut bei René Benko an, das Gespräch soll rund sieben Minuten gedauert haben. Ein Benko-Sprecher bestätigte "Profil" einen "telefonischen Kontakt, in welchem Herr Strache Befürchtungen zur Existenz eines ominösen Videos geäußert hat und dass eventuell missverständliche Äußerungen und haltlose Behauptungen in diesem Video aufgestellt werden". Weil Strache diese Aussagen später auch öffentlich zurückgenommen habe, erachte man "diese Angelegenheit damit als erledigt".

Es schien aber auch Redebedarf mit dem Koalitionspartner gegeben zu haben. Einen Tag nach der Anfrage, am Abend des 16. Mai, versuchte offenbar der damalige Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) Strache mehrfach zu erreichen. Am nächsten Tag, um 13.04 Uhr, rief dann laut Polizeiprotokoll Strache bei Kurz an, das Telefonat soll rund fünf Minuten gedauert haben. Wenige Stunden später veröffentlichten SPIEGEL und "SZ" Auszüge des Ibiza-Videos.

Mehr bei SPIEGEL+

Was in den Telefonaten besprochen wurde, ist nicht bekannt, aus den Daten geht nur hervor, dass sie stattfanden. Allerdings hat die "Soko Ibiza" bei ihren Ermittlungen auch zahlreiche Chatprotokolle sichergestellt. Darunter ist nach Recherchen von "Profil" auch eine Unterhaltung zwischen Strache und einem Wiener Notar. Sie stammt vom Tag vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos. Strache schrieb demnach dem Notar per Chat: "Hast du einen Safe in deinem Büro, wo ich heikle Unterlagen lagern kann?". Der antwortete: "Ja. Habe einen privaten Safe." Strache fragte ihn, ob er ihm eine "größere" Akte bringen könne, worauf der Notar schrieb: "Kann ich gerne verwahren."

Am 24. Oktober bekam der Notar Besuch von der Staatsanwaltschaft. Sie verlangte die Öffnung des Tresors. Doch die vermeintliche Strache-Akte war nicht aufzufinden. Bei seiner Zeugenvernehmung gab der Notar an, dass er nach dem Chat von Strache dazu nichts mehr gehört und auch keine Unterlagen von ihm bekommen habe.

insgesamt 99 Beiträge
kurzanbinden 23.11.2019
1. ?
Die haben nichtmal heimliche handies? die müssen sich ihrer Sache ja ziemlich sicher gewesen sein.
Die haben nichtmal heimliche handies? die müssen sich ihrer Sache ja ziemlich sicher gewesen sein.
erlenstein 23.11.2019
2. ja, das riecht nach Einflussnahme
von privaten Großspendern auf höchste Staatsstellen. Glock und Benko haben wohl alle Hebel in Bewegung gesetzt.
von privaten Großspendern auf höchste Staatsstellen. Glock und Benko haben wohl alle Hebel in Bewegung gesetzt.
silbersee 23.11.2019
3. Geschenkt
Lieber Spiegel, ich kann ja verstehen, dass man daraus Kapital schlagen möchte. Fakt ist aber, so Investigation, wie Sie sich hier geben, sind Sie nicht ansatzweise. Es steht fest, dass gegen Strache keine Anklage erhoben werden [...]
Lieber Spiegel, ich kann ja verstehen, dass man daraus Kapital schlagen möchte. Fakt ist aber, so Investigation, wie Sie sich hier geben, sind Sie nicht ansatzweise. Es steht fest, dass gegen Strache keine Anklage erhoben werden wird. Warum? Nun , eine Ankündigung ist noch keine Straftat. Labern kann und darf man viel und damals war er ja noch nicht in der Regierung. Und Sie wissen das auch. Moralisch ist es natürlich verwerflich, darum geht's in Rechtsfragen aber nicht. Somit bleibt nix als Getöse übrig, dass sich natürlich gut verkaufen lässt. Und es bleibt der Fakt, dass genau nur soviel von Ihnen veröffenticht wurde , wie es zwar empört und ne Regierung stürtzt (was dann den netten Effekt hat, dass die neoliberale Wunschpartei noch stärker hervorgeht) aber für die wirklichen Übeltäter keine Konsequenzen hat (Einfluss der Lobbyisten auf Wählen). Und da Sie diesen Mut nicht aufbringen, ist mir dieser klägliche Rest/Ausschnitt dann auch wurscht...letztlich Bunte-Niveau mit Klatsch und Tratsch, wenn wir ehrlich sind, oder?
Hupert 23.11.2019
4. Da war wohl nicht nur...
...die Gesinnung tiefbraun, sondern auch die Unterhose. Es bleibt natürlich die Frage, wieviel Dreck und vor allem welcher noch ans Tageslicht gespült werden könnte, wenn man so in blinden Aktionismus verfällt und heikle [...]
...die Gesinnung tiefbraun, sondern auch die Unterhose. Es bleibt natürlich die Frage, wieviel Dreck und vor allem welcher noch ans Tageslicht gespült werden könnte, wenn man so in blinden Aktionismus verfällt und heikle Unterlagen beiseite schaffen möchte. Dranbleiben liebe Presse, das Graben lohnt sich offenbar.
der_durden 23.11.2019
5. Parteien am rechte Rand...
... sind, egal wo auf dieser Welt, schmierig in allen Belangen. Sie sind keine Alternativen, sie sind ein Problem. Weg damit!
... sind, egal wo auf dieser Welt, schmierig in allen Belangen. Sie sind keine Alternativen, sie sind ein Problem. Weg damit!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP