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Politik

Syrischer Abschuss eines russischen Flugzeuges

Putins Balanceakt

Ein russisches Aufklärungsflugzeug wird vor Syrien abgeschossen. Präsident Putin muss seinem Land erklären, warum 15 Soldaten sterben mussten. Das zeigt, wie heikel der Einsatz im Kriegsland geworden ist.

AFP

Wladimir Putin

Von , Moskau
Dienstag, 18.09.2018   21:02 Uhr

Die Bilder der beiden lächelnden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin waren nur wenige Stunden alt, als Russland die Nachricht erreichte, dass ein Militärflugzeug vom Typ Iljuschin Il-20 vor der Küste Syrien vermisst wird.

Die Staatschefs der Türkei und Russland hatten in Sotschi verkündet, gemeinsam eine Pufferzone in der letzten Rebellenhochburg Idlib in Syrien errichten zu wollen - womit vorerst eine Offensive im Norden des Kriegslandes verhindert werden soll. Es war ein Durchbruch nach wochenlangen zähen Verhandlungen.

AP

Wladimir Putin (r.), mit Recep Tayyip Erdogan

Doch davon war am Dienstagmorgen kaum mehr die Rede. Das Staatsfernsehen beschäftigte sich vor allem mit dem Schicksal der Propellermaschine Il-20, die nach Angaben Moskaus abgeschossen wurde. Alle 15 Soldaten an Bord starben.

Der Verlust des Aufklärungsflugzeuges zeigt, wie heikel die seit drei Jahren andauernde Syrienoperation für Russland ist. Sie ist zu einem Balanceakt für Präsident Wladimir Putin geworden.

Denn die Maschine, die über Idlib Daten sammelte, wurde von einer Rakete des syrischen Luftabwehrsystems S-200 getroffen, also des verbündeten Diktators Baschar al-Assad. Das verkündete das Verteidigungsministerium in einer Erklärung, welche es recht schnell veröffentlichte, was für die Behörde ungewöhnlich ist.

AFP

Propellermaschine vom Typ IL-20

Schuld an dem Abschuss aber sei nicht etwa Assads Militär, sondern die trage die israelische Armee, erklärte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Vier israelische F-16-Kampfjets hatten demnach in der Nähe der russischen Il-20 vor der Küste Syriens begonnen, Ziele in Lakatia zu bombardieren. Erst eine Minute vorher sei Moskau darüber in Kenntnis gesetzt worden, viel zu wenig Zeit, für die sich im Landeanflug befindende Il-20 noch zu reagieren, so die Version des russischen Militärs. Es warf Israel vor, die Propellermaschine als Deckung gegen das syrische Luftabwehrsystem benutzt zu haben, dessen Rakete schließlich die Il-20 traf.

Während Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums, zunächst von einer "feindseligen Provokation Israels" sprach und mit Konsequenzen drohte, zeigte sich Putin später wesentlich zurückhaltender und bemühte sich um einen Ausgleich mit Israel.

"Kette tragischer Umstände"

Der russische Staatschef verwies auf "eine Kette tragischer Umstände", die zum Tod der 15 Menschen geführt habe. Keinesfalls sei der Abschuss mit dem eines russischen Kampfjets durch die Türkei 2015 zu vergleichen, der zu einer Krise in den Beziehungen der Länder führte. "Israel hat unser Flugzeug nicht abgeschossen", sagte Putin.

Noch am Dienstag telefonierte er mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu, der sein Bedauern ausdrückte und ankündigte alle Informationen zu dem Vorfall zur Verfügung zu stellen. Netanjahu sucht seit Monaten regelmäßig den engen Austausch mit Moskau, zuletzt war er am 11. Juli bei Putin zu Besuch. Israel fürchtet, dass sich der Einfluss Irans und der Hisbollah-Terrororganisation, die an Assads Seite kämpfen, in Syrien und damit in der Nachbarschaft vergrößert. Das aber werde man nicht dulden, hatte Netanjahu mehrfach erklärt. So hat Israel schon Stellungen in Syrien bombardiert - Moskau billigte das und kommentierte die Attacken nicht weiter.

Altes Luftabwehrsystem der Syrer

Laut eines israelischen Armeesprechers sei dieses Mal ein Lager der syrischen Armee das Ziel der Angriffe gewesen, dort sollen Raketenteile für die Hisbollah gelagert worden sein. Man habe die russische Seite vorab über die Bombardements informiert. Die russische Il-20 sei von "ausgiebigem und ungenauem syrischem Feuer" getroffen worden.

In der Tat gilt das syrische Luftabwehrsystem S-200 sowjetischer Bauart als veraltet, wie auch russische Experten betonen. "Es ist ein nicht sehr kluges Raketenystem", sagt Jewgenij Buschinskij, Experte des Thinktank PIR-Center, das sich mit internationalen Sicherheitsfragen beschäftigt. Anders als moderne Abwehrraketensysteme könne S-200 nicht zwischen eigenen, verbündeten und feindlichen Maschinen unterscheiden.

Wie es zu dem fatalen Fehler vor der Küste Syriens kam, werde nun aufgeklärt, kündigte Putin in seiner kurzen Erklärung an, die er während einer Pressekonferenz mit dem ungarischen Premier Viktor Orbán gab. Assads Armee erwähnte er mit keinem Wort.

Putins Versprechen

Seine Worte waren auch als Botschaft an die russische Bevölkerung zu verstehen, die nach nun drei Jahren Syrien-Einsatz erleben muss, wie immer wieder Militärangehörige in Syrien sterben. Mehr als 100 kamen bereits ums Leben. Das sind zumindest die Daten, die öffentlich bekannt sind. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, da die Armee sie als Staatsgeheimnis betrachtet. Zudem sind Söldner in Syrien im Einsatz, allein im vergangenen Jahr sollen 131 Männer der als Wagner-Gruppe bekannten Privatarmee gestorben sein.

Putin versprach alle Sicherheitsvorkehrungen für die russischen Soldaten und Militärbasen in Syrien nun zu verstärken. "Dies werden Schritte sein, die alle bemerken werden." Details nannte der Präsident allerdings nicht.

Mitarbeit: Katja Kuznetsowa

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