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Politik

Konflikt zwischen Indien und Pakistan

Bomben auf Bäume

Nach einem Anschlag in Kaschmir hat Indien bei einem Luftangriff in Pakistan angeblich 350 Terroristen getötet. Nur ein paar Bäume seien getroffen, behauptet hingegen Islamabad. Ein Besuch vor Ort zeigt: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Hasnain Kazim
Aus Balakot in Pakistan berichtet
Mittwoch, 06.03.2019   09:42 Uhr

Die Bomben, die Benzintanks oder was auch immer da abgeworfen wurde, schlugen etwa fünf Kilometer von der nächsten Straße ein. Wer die kahlen Stellen, die Krater und verkohlten Baumreste in den von Kiefern bewachsenen Hängen sehen möchte, muss zu Fuß einige Hügel überwinden, nur ein paar Trampelpfade führen dorthin.

"Wo wollen Sie hin?", brüllt ein pakistanischer Soldat ein paar Neugierige an, die genau das tun wollen. Die jungen Männer sagen, sie wohnen in der Gegend und wollen sich das Ausmaß der Schäden ansehen. "Das ist nicht erlaubt!", entgegnet der Unteroffizier. Ein zweiter Uniformierter taucht aus dem Wald auf. "Gehen Sie zurück!", fordert er sie auf. Weitere Versuche, über andere Wege an die Unglücksstelle zu gelangen, scheitern ebenso. Überall in den Bergen von Balakot sind Soldaten postiert. Sie trinken Tee, wärmen sich an kleinen Feuern, es ist ungewöhnlich kühl für diese Jahreszeit, und halten Menschen davon ab, sich dem Unglücksort zu nähern.

Für Pakistan kommen die Luftschläge einer "Kriegserklärung" gleich

Am frühen Morgen des 26. Februar, gegen 3 Uhr, flogen indische Kampfjets über die Grenze zu Pakistan, angeblich zwölf Maschinen vom Typ Mirage 2000, und bombardierten den Ort Balakot, nahe der Grenze zur Provinz Kaschmir. Damit drangen erstmals seit 1971, als die beiden Länder um Ostpakistan Krieg führten und das nach der Niederlage Pakistans zu Bangladesch wurde, indische Militärflugzeuge in pakistanischen Luftraum ein.

Deshalb ist die Empörung in Pakistan so groß. Eine "Kriegserklärung" sei das, ein "nicht hinnehmbarer Akt der Aggression", der "nach einer deutlichen Antwort" verlange, äußerten sich Politiker aller Parteien, Militärs und Medien in seltener Einigkeit. Die Luftschläge waren eine Reaktion auf einen Selbstmordanschlag am 14. Februar, als ein junger Mann ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in eine Gruppe von Paramilitärs in Pulwama, im indischen Teil Kaschmirs, steuerte und 40 Sicherheitskräfte mit in den Tod riss.

Nur wenig später bekannte sich die aus Pakistan operierende Terrororganisation Jaish-e-Mohammed (JeM) in einem Video zu der Tat. Indien erklärte, die pakistanische Regierung unterstütze diese Gruppe und sei daher für den Anschlag verantwortlich. Ziel der Luftschläge sei daher ein Trainingscamp von JeM gewesen, man habe 350 Terroristen getötet.

Pakistan hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Die pakistanische Regierung behauptet, das Bekennervideo sei vermutlich eine Fälschung, und abgesehen davon habe sie weder mit dem Anschlag in Pulwama noch mit JeM etwas zu tun. Das sei vielmehr die Tat eines Einzelnen, zwar zu verurteilen, aber man dürfe nicht vergessen, dass Indien schon seit Jahrzehnten in seinem Teil Kaschmirs "wie eine Besatzungsmacht" auftrete und die Bevölkerung schikaniere. Die politische Führung dieser Provinz sei im Gefängnis, und in dieser ausweglosen Lage wehre sich die kaschmirische Jugend mit allen Mitteln. Indiens Regierungschef Narendra Modi, ein Hindu-Nationalist, suche außerdem vor den Wahlen im April und Mai dieses Jahres nach einem Grund für einen Krieg gegen Pakistan. Bei dem Luftschlag in Balakot sei aber kein einziger Mensch ums Leben gekommen, die indische Luftwaffe habe nur ein paar Fichten getroffen.

Von einem Hügel aus sieht man tatsächlich nur verbrannte Bäume und Löcher im ansonsten dicht bewaldeten Hang. Ob hinter dem nächsten Berg das besagte Terroristencamp in Schutt und Asche liegt? Man darf nicht hinaufklettern, um nachzusehen. Dass Soldaten das Gebiet so strikt abriegeln, stärkt diesen Verdacht, zumal Pakistan in der Vergangenheit oft genug militante Extremisten unterstützt und deshalb ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Andererseits: Wären wirklich 350 Terroristen gestorben, hätte es Angehörige gegeben, die die Toten beklagen. Es hätte Beerdigungen gegeben, Demonstrationen, laute Proteste. Inzwischen räumen selbst indische Politiker ein, so genau könne man die Zahl der Getöteten nicht beziffern.

Verschwörungstheorien machen die Runde

In Balakot ist es still. Niemand klagt, niemand protestiert. Die Menschen wirken verängstigt, manche sind wütend. "Ich hörte nur ein Grollen in der Nacht und dachte: Nicht schon wieder ein Erdbeben!", sagt Aafia, eine ältere Frau, die in Balakot lebt. Sie habe geglaubt, dass sich ein Felsbrocken gelöst und ins Tal hinabgestürzt sei. "Erdrutsche gibt es hier öfter", sagt sie. "Ich bin dann aber wieder eingeschlafen." 2005 war Balakot von einem Erdbeben betroffen, bei dem in der Region nach offiziellen Angaben fast 90.000 Menschen starben.

Hassan, ein Restaurantbesitzer in Balakot, erzählt, er habe in jener Nacht Flugzeuge gehört und mehrere Explosionen, habe sich das aber nicht erklären können. "Ich bin nach draußen gegangen, man sah nichts." Daraufhin habe auch er der Sache keine weitere Beachtung geschenkt. Im Nachhinein glaube er, die indische Luftwaffe habe die pakistanische Offiziersschule oder andere Kasernen treffen wollen, im nur 30 Kilometer entfernten Abbottabad, wo sich einst Osama bin Laden jahrelang versteckt hielt.

DER SPIEGEL

"Vielleicht wollten sie auch Islamabad auslöschen, das ist ja nur 200 Kilometer weit entfernt", mutmaßt Mumesh, ein Verwaltungsbeamter in Balakot. "Mit dem Kampfflugzeug ist das ja nur eine Frage von Minuten." Verschwörungstheorien machen die Runde, es wird wild spekuliert darüber, was geschehen ist. Die Wahrheit lässt sich auch vor Ort nicht ermitteln.

Ein indischer Pilot wurde freigelassen

Es fällt auf, dass die Menschen in Balakot wenig bis nichts wissen von dem Bombardement auf ihren eigenen Ort. Fragt man sie, wo genau der Angriff stattgefunden habe, nicken sie nur in die Richtung, zeigen nicht dorthin. Haben sie Angst? Mumesh sagt, seit einer Woche seien "sehr viele merkwürdige Leute in der Stadt aufgetaucht, vermutlich Geheimdienstleute". Sie und die plötzliche Präsenz von vielen Soldaten schüchterten die Menschen eben ein.

Manche reden den Vorfall klein, tun so, als wäre Indien der Angriff misslungen, als wäre gar kein Schaden angerichtet worden und Indien damit der Lächerlichkeit preisgegeben. Dass Pakistan in Reaktion darauf seinerseits Luftangriffe auf den indischen Teil Kaschmirs geflogen und bei einem späteren Luftkampf zwei indische Kampfjets abgeschossen habe, halten nahezu alle in Balakot dennoch für richtig, auch wenn damit vergangene Woche zwei Atommächte kurz vor einem Krieg standen.

Dem Satz des pakistanischen Premierministers Imran Khan, man wolle keinen Krieg, aber man dürfe die indischen Aggressionen nicht unbeantwortet lassen, stimmen nahezu alle Menschen in Balakot zu. Dass Khan einen indischen Piloten aus einem der abgeschossenen Flugzeuge an Indien zurückgegeben habe, zeige Größe. Und nicht nur in Balakot, sondern in ganz Pakistan finden viele Menschen, dass Khan dafür den Friedensnobelpreis verdient habe. Das hat auch das Parlament in Islamabad über alle Parteigrenzen hinweg Anfang der Woche gefordert. Khan selbst lässt nun die Öffentlichkeit wissen, den verdiene nur, wer die Kaschmirfrage löse - jenen Streit um die geteilte Provinz, um die Indien und Pakistan bereits drei Mal Krieg geführt haben.

insgesamt 15 Beiträge
frankfurtbeat 06.03.2019
1. Pakistan ...
Pakistan diente schon bereitwillig Osama jahrelangen Unterschlupf und man kann davon ausgehen, das diese religiösen Polit-Marionetten weitere islamistische Terrorgruppen unterstützen. Pakistan und Terror ist Realität. Kaschmir [...]
Pakistan diente schon bereitwillig Osama jahrelangen Unterschlupf und man kann davon ausgehen, das diese religiösen Polit-Marionetten weitere islamistische Terrorgruppen unterstützen. Pakistan und Terror ist Realität. Kaschmir muss den Pakistanis aber auch den Indern genommen werden und ein eigenes Land werden! Keines der beiden Länder hat irgendein Recht darauf.
carcaroba 06.03.2019
2. Fakten Check
"Damit drangen erstmals seit 1971, als die beiden Länder um Ostpakistan Krieg führten und das nach der Niederlage Pakistans zuBangladeschwurde, indische Militärflugzeuge in pakistanischen Luftraum ein." prüft ihr [...]
"Damit drangen erstmals seit 1971, als die beiden Länder um Ostpakistan Krieg führten und das nach der Niederlage Pakistans zuBangladeschwurde, indische Militärflugzeuge in pakistanischen Luftraum ein." prüft ihr das eigentlich, bevor ihr solche Behauptungen schreibt? 1999 wurden auch indische Flugzeuge über Pakistan abgeschossen.
schulz.dennis.84 06.03.2019
3. Mal darüber nachdenken!
Indien und Pakistan bekommen vom deutschen Steuerzahler finanzierte Entwicklungshilfe. Bei Indien z.B. beträgt die zur Zeit über eine Milliarde Euro im Jahr. Dabei hat Indien nach Schätzungen der CIA über hundert Atombomben, [...]
Indien und Pakistan bekommen vom deutschen Steuerzahler finanzierte Entwicklungshilfe. Bei Indien z.B. beträgt die zur Zeit über eine Milliarde Euro im Jahr. Dabei hat Indien nach Schätzungen der CIA über hundert Atombomben, Flugzeugträger und bereitet gerade einen Flug zum Mars vor. Die Raumsonde Mangalyaan (Marsreisender) startet 2020. Pakistan hat auch Atombomben und dazu noch Millionen von extrem gewaltbereite und extrem intolerante Islamisten und Terroristen, die wir indirekt mit Entwicklungshilfe unterstützen. Ich denke die ganze Entwicklungshilfe-Politik gehört auf den Prüfstand. Mit dem Geld könnte man in Deutschland Bedürftige helfen, zerfallende Infrastruktur retten, aber auf keinem Fall Atommächte finanzierten!
mwroer 06.03.2019
4.
Abgesehen davon dass ich #2 (schulz.dennis.84) voll zustimme - warum denkt der Autor dass die pakistanische Armee unbedingt irgendwas vertuscht? Wenn Zivilisten in einer Gegend rumlatschen wo potentiell auch Blindgänger liegen [...]
Abgesehen davon dass ich #2 (schulz.dennis.84) voll zustimme - warum denkt der Autor dass die pakistanische Armee unbedingt irgendwas vertuscht? Wenn Zivilisten in einer Gegend rumlatschen wo potentiell auch Blindgänger liegen können dann ist das gefährlich - nicht umsonst sind größere Teile von Übungsplätzen schlicht off limits. Und da liegt meist nur Übungsmunition rum.
Stealthman 06.03.2019
5. @ carcaroba
liegt vermutlich daran, dass der Grenzverlauf heute wie damals nicht geklärt ist.
liegt vermutlich daran, dass der Grenzverlauf heute wie damals nicht geklärt ist.

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