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Politik

Wahl-Interview mit Bestsellerautor Sharma

"Ein indischer Politiker muss immerzu um seinen Job fürchten"

Rund 900 Millionen Inder wählen ein neues Parlament. Bestsellerautor Ruchir Sharma erklärt, warum seine Landsleute so gern ihre Regierenden abwählen - und seine Heimat nicht das nächste China wird.

Anuwar Hazarika / REUTERS

Unterstützer von Ministerpräsident Narendra Modi

Von
Samstag, 13.04.2019   18:19 Uhr

Der Inder Ruchir Sharma, der eigentlich als Investor bei Morgan Stanley in New York arbeitet und Besteller wie "Breakout Nation" geschrieben hat, hat ein ausgefallenes Hobby: Jedes Jahr nimmt er sich eine Woche frei, um eine Wahl in seiner alten Heimat zu verfolgen. Mit einer Gruppe befreundeter Journalisten fährt er dann durchs Land, um Wähler und Kandidaten zu befragen.

Um zu verstehen, was ein Land bewegt, müsse man seine Menschen kennenlernen, glaubt Sharma - und zwar die abseits der Metropolen. Jetzt hat er wieder Gelegenheit dazu: Vom 11. April bis 19. Mai sind fast 900 Millionen Inder dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu bestimmen. Im Interview spricht er darüber, warum Inder so leidenschaftlich gerne ihre Regierenden abwählen und warum das Land nie das nächste China sein wird.

Christopher Goodney/ Bloomberg/ Getty Images

Bestsellerautor Sharma

SPIEGEL ONLINE: Herr Sharma, sind Sie von Indien enttäuscht?

Ruchir Sharma: Nein, überhaupt nicht. Ich gebe zu, als junger Mann hatte ich große Vorstellungen davon, welcher Weg für Indien der richtige ist. Aber damit ist es vorbei. Ich war naiv.

SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie?

Sharma: Ich war damals in meinen Zwanzigern und mein Traum war es, dass das Land seine sozialistische Vergangenheit endgültig hinter sich lässt und Reformen angeht, die das Wirtschaftswachstum in einer Weise ankurbeln, wie es in China der Fall ist. Aber solche Themen sind viel zu abstrakt für die meisten Wähler. Für viele Inder geht es täglich aufs Neue darum, über die Runden zu kommen.

SPIEGEL ONLINE : Wie es der Wirtschaft geht, spielt keine Rolle bei der Wahlentscheidung?

Sharma: Doch, aber viel weniger als zum Beispiel im Westen. Ich habe bei der Recherche für mein Buch (Ruchir Sharma: "Democracy on the Road", Penguin Allen Lane) einen interessanten Zusammenhang entdeckt: Selbst wenn das Bruttoinlandsprodukt eines indischen Bundesstaats unter einem Politiker um acht Prozent wächst, dann steigert das kaum die Chancen für seine Wiederwahl. Nicht, dass sich Wähler nicht um Einkommen und Jobs scheren. Aber der Boom, den wir in den Städten oder an der Börse spüren, der erreicht die Menschen auf dem Land oft nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt es dann ab?

Sharma: Davon, wie schnell die Preise steigen, oder ob eine Regierung als korrupt gilt. Aber auch die Religion und auch die Kaste eines Kandidaten spielen eine Rolle. Das Kastenwesen ist offiziell verboten. Trotzdem ist es weiterhin verbreitet und Wähler stimmen für einen Kandidaten, der der gleichen Gemeinschaft angehört, weil sie sich von ihm Schutz erhoffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben die Erfahrungen vieler Inder mit dem Staat als Quell ständiger Enttäuschung. Trotzdem ist die Wahlbeteiligung höher als zum Beispiel in den USA. Warum sind Inder so begeisterte Wähler?

Sharma: Das Leben vieler Inder ist von Unterdrückung geprägt. Zu wählen verleiht ihnen ein Gefühl von Macht. Schauen Sie sich an, über wieviel Geld die derzeitige Regierung verfügt, wie groß ihr Einfluss auf die Medien ist. Und trotzdem könnte sie bei der Wahl eine große Anzahl ihrer Sitze im Parlament verlieren. Das ist das Grandiose an Indien: Egal wie mächtig er ist - ein indischer Politiker muss immerzu um seinen Job fürchten.

SPIEGEL ONLINE: Inder scheinen ihre Macht vor allem dazu zu nutzen, Politiker abzuwählen. Warum?

Sharma: Das liegt vor allem am kaputten Staat. Politiker machen im Wahlkampf vollmundige Versprechen. Aber selbst, wenn sie es ernst meinen, können sie nicht liefern, weil der Staat dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Und die einzige Möglichkeit für viele Bürger sich zu wehren, ist, die Leute abzuwählen. Das hat manchmal etwas von Schadenfreude: Dem zahlen wir es jetzt heim.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit kämpft Premier Narendra Modi um seine Wiederwahl. Wie schätzen Sie seine Chancen ein?

Sharma: Der Ausgang der Wahl ist offen. Modi ist nach wie vor beliebt, aber das allein wird nicht reichen. Indien ist eine parlamentarische Demokratie. Seine Bundesstaaten sind zu unterschiedlich, als dass eine Person oder ein Thema die Wahl dominieren könnte. Es wird dieses Mal mehr denn je darauf ankommen, wer die klügeren Allianzen mit den kleineren regionalen Parteien schmiedet.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben Modi zweimal getroffen, damals war er noch Ministerpräsident im Bundesstaat Gujarat. Wie verliefen die Treffen?

Sharma: Unschön. Modi ist ein Mann, der keine Umschweife macht. Treffen finden mit ihm allein und ohne Berater statt. Er duldet niemanden neben sich. Und er ist sehr misstrauisch, vor allem gegenüber der englischsprachigen Presse, was bei unserem Treffen klar wurde. Das hängt wahrscheinlich mit der Berichterstattung über die Ausschreitungen in Gujarat zusammen.

SPIEGEL ONLINE: 2002 kam es in Modis Heimatstaat zwischen Hindus und Muslimen zu Massakern, die meisten Tote waren Muslime. Viele warfen Modi vor, dass er und seine hindunationalistische BJP nicht genug getan hätten, um das Morden zu verhindern.

Sharma: Die Vorfälle prägen bis heute sein Denken. Er glaubt, dass es die Medien auf ihn abgesehen haben. Wenn man mit ihm im Raum ist, dann verhält man sich vorsichtig, weil die Stimmung kippen könnte, sobald man ein heikles Thema anspricht.

SPIEGEL ONLINE: Modi versprach Indiens überbordende Bürokratie abzubauen und Firmen mehr Freiheiten zu erlauben. Wenig ist passiert. Hat die Welt ihn falsch eingeschätzt?

Sharma: Ich glaube ja. Modi ist nicht der große Reformer für den wir ihn gehalten haben. Er ist ein Mensch, der gern die Kontrolle behält. Er ist ein Bewahrer, so wie viele indische Politiker. Erinnern Sie sich an den Wahlkampf 2014. Da hat Modi Sozialhilfen, welche die frühere Regierung eingeführt hatte, noch als Beleidigung für die Armen kritisiert, weil die keine Geschenke, sondern eine echte Chance bräuchten. Heute baut er eben diese Programme aus. Ich sehe die Gefahr eines populistischen Wettkampfes: Welcher Kandidat kann den Armen am meisten versprechen?

SPIEGEL ONLINE: Viele würden einwenden, dass ein funktionierender Sozialstaat genau das ist, was Indien braucht. Die Ungleichheit im Land hat dramatische Ausmaße angenommen.

Sharma: Aber das liegt doch nicht am Kapitalismus, sondern am kaputten Staat. Indien unterhält schon heute rund tausend Sozialprogramme. Aber viele dieser Gelder erreichen die Armen nie, weil sie vorher abgezweigt werden. China hat zu Beginn seines Aufstiegs viel weniger für soziale Sicherheit ausgegeben als Indien. Es hat zunächst Straßen und Brücken gebaut und damit den Grundstein für Wachstum gelegt. Indiens Politiker können sich das nicht erlauben. Das ist auch der Grund, warum Indien nie das nächste China sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass Demokratie Länder am Fortschritt hindert?

Sharma: Nein, es ist ein Irrtum, dass autokratische Systeme automatisch besser sind für die Wirtschaft. Für jedes erfolgreiche China kann ich fünf afrikanische Staaten aufzählen, in denen autoritäre Regierungen ein Land ruiniert haben. Der Unterschied zwischen Indien und China ist, dass China einförmig ist und Indien vielfältig. Indien ähnelt eher der EU: Es ist eine Ansammlung von 29 Bundesstaaten mit Hunderten von Sprachen und Ethnien. Es gibt nicht das eine Indien, sondern viele. Jedes davon hat seine Eigenheiten und Bedürfnisse. Wandel kann deswegen nicht so einfach von oben diktiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie doch ein wenig frustriert.

Sharma: Nein, ich bin durchaus optimistisch. Indien wird nie so schnell wachsen wie China. Aber dafür ist es eine lebendige Demokratie. Und wer rapide Veränderungen sehen will, der muss nicht in Neu-Delhi, sondern in den Bundesstaaten ansetzen. In Staaten wie Karnataka oder Gujarat haben Ministerpräsidenten Beachtliches geleistet. Und all diese kleinen "Mini-Wunder" zusammengenommen lassen Indien immerhin jedes Jahr beim Bruttoinlandsprodukt um sechs bis sieben Prozent wachsen. Das ist nicht schlecht.

insgesamt 7 Beiträge
sound67 13.04.2019
1. "Hzudunderten"
Liest beim Spiegel eigentlich überhaupt noch jemand Korrektur???
Liest beim Spiegel eigentlich überhaupt noch jemand Korrektur???
sysop 13.04.2019
2. @1, sound67
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das korrigiert.
Vielen Dank für ihren Hinweis, wir haben das korrigiert.
Liberalitärer 13.04.2019
3. Einförmiges China
China ist nicht einfömig, das gibt es Uiguren, Thai, Mandschuren und Taiwanesen und die Han sind keineswegs so dominierend.Die "Chinesen", kurz nationale Minderheiten - und davon gibt es mehr als man denkt sind aber [...]
China ist nicht einfömig, das gibt es Uiguren, Thai, Mandschuren und Taiwanesen und die Han sind keineswegs so dominierend.Die "Chinesen", kurz nationale Minderheiten - und davon gibt es mehr als man denkt sind aber eher materialistisch geprägt, das war auch nicht immer so, die Han ticken wohl nach der Revolution (die erste ist gemeint) eher so, Indien eher wohl nicht. Dass es natürlich in Indien nur der Staatsapparat verbockt ist auch nur Teil der Wahrheit, denn überall - auch in dem, was man so Europa nennt - sind Politik und Wirtschaft verzahnt. Indien funktioniert - eher so wie Europa und weniger wie die USA oder China als Kastensystem und alte Kasten gehen und kommen, nur haben die alten Kasten einen Funken Anstand bewahrt. Ich denke, das Kenngrößen wie BIP Wachstum die allermeisten Inder auch nicht interessiert. Der Hinduismus hat einen gewaltigen Vorteil, er inkorporiert materialistische Vorstellungen sehr leicht, zur Not wird aus Marx ein Gott im Pantheon, den Kern tastet das eher nicht an. Indien zwickt aber die aus dem Westen kommende Sexualmoral.
CrayXP 13.04.2019
4. Einförmigkeit
Wenn man Indien und China direkt vergleicht ist Indien wesentlich vielfältiger.
Wenn man Indien und China direkt vergleicht ist Indien wesentlich vielfältiger.
Liberalitärer 13.04.2019
5. Zerfall
Da gebe ich Ihnen Recht, ein Reich wie unter dem ersten Kaiser in China konnte in Indien wohl nie entstehen, das schufen erst die Mogul in Nordindien und dann kam viel später das Raj, das allerdings im Vergehen ist. [...]
Zitat von CrayXPWenn man Indien und China direkt vergleicht ist Indien wesentlich vielfältiger.
Da gebe ich Ihnen Recht, ein Reich wie unter dem ersten Kaiser in China konnte in Indien wohl nie entstehen, das schufen erst die Mogul in Nordindien und dann kam viel später das Raj, das allerdings im Vergehen ist. Allerdings ist - und das meine Kritik - Vorsicht geboten, wenn man China so als Einheitsmasse einordnen will. Reiche kommen und Reiche zerfallen wieder.

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