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Politik

US-Erkundungsmission im Nordirak

Tausenden Jesiden gelingt die Flucht

Die USA haben Spezialeinheiten in das Sindschar-Gebirge im Nordirak entsandt. Die Mission kommt zu dem Schluss, dass sich dort deutlich weniger Zivilisten befinden als angenommen. Eine US-Rettungsaktion sei damit "unwahrscheinlicher" geworden.

AFP

Jesidische Flüchtlinge passieren die irakisch-syrische Grenze

Donnerstag, 14.08.2014   08:49 Uhr

Washington/Arbil - Ein US-Militäreinsatz zur Rettung von Flüchtlingen im Nordirak ist nach Angaben des Pentagons eher unwahrscheinlich. Spezialeinheiten seien nach Erkundungen im Sindschar-Gebirge zu dem Schluss gekommen, dass sich dort wesentlich weniger Menschen befänden als zunächst angenommen. Nach Luftschlägen der USA sei vielen gelungen, der Belagerung durch die Terrormilizen "Islamischer Staat" (IS) zu entkommen.

Auch seien die Verfolgten nach Abwürfen von Nahrung und Wasser durch US-Militärs besser versorgt als noch vor einigen Tagen, teilte Pentagonsprecher John Kirby am Mittwochabend (Ortszeit) mit. Die irakische Armee fliegt die Gegend seit Tagen mit wenigen Hubschraubern an, um Wasser, Essen und Medikamente abzuwerfen und Menschen aufzunehmen.

Die US-Armee hatte am Mittwoch erstmals eine Spezialeinheit in das Gebirge entsandt, um sich ein Bild von der Lage der dort festsitzenden Menschen zu machen. Die Uno spricht von 20.000 bis 30.000 im Sindschar-Gebirge geflohene Zivilisten, insbesondere Mitglieder der religiösen Minderheit der Jesiden.

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Irak: Der Marsch der Jesiden
Nur wenige Stunden zuvor hatte die US-Regierung erklärt, sie erwäge eine Luftbrücke oder die Einrichtung von Korridoren, um die bedrohten Menschen in Sicherheit zu bringen. Kirby sagte, eine Evakuierungsaktion sei nach den neuen Erkenntnissen "viel weniger wahrscheinlich". Die Luftabwürfe von Nahrung und Wasser gingen aber weiter, sagte Kirby.

"Ohne Helikopter sind die Menschen verloren"

Wie viele Jesiden sich tatsächlich noch auf dem etwa 40 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Bergrücken befinden, ist schwer abzuschätzen. Karim Sinjari, der Innenminister der autonomen Region Kurdistan, sprach am Mittwoch gegenüber SPIEGEL ONLINE von noch rund zehntausend Menschen. Genau festlegen wollte er sich aber nicht. "Das Gelände ist sehr unübersichtlich, zudem kommen in den Nächten Gruppen von Flüchtlingen hinzu, andere wiederum verlassen die Berge", so der Politiker.

Der Innenminister sendete einen dramatischen Hilferuf an die westliche Welt. Laut seinen Angaben stünden nur drei funktionierende Helikopter für die Evakuierung der schwächsten Flüchtlinge bereit. "Ohne Helikopter aus dem Ausland sind die Menschen auf dem Berg verloren", sagte Sinjari.

Neuer Drohnenangriff auf IS-Stellung

Der TV-Sender CNN zitierte einen hohen IS-Kommandeur, die Milizen hätten etwa hundert Frauen und Kinder der Jesiden aus dem Sindschar-Gebirge entführt. Die Entführten befänden sich in der Stadt Mosul im Nordirak. CNN fügte allerdings hinzu, die Behauptung lasse sich nicht durch unabhängige Quellen bestätigen.

Unterdessen setzte das US-Militär seine Luftangriffe gegen die sunnitischen Milizen fort. Eine Kampfdrohne habe am Mittwochabend (Ortszeit) einen mit Waffen ausgerüsteten Lastwagen westlich von Sindschar angegriffen und zerstört, teilten die Militärs mit.

Die im Nordirak gegen die Extremisten kämpfenden Kurden sollen Militärhilfe aus Europa erhalten. Als erstes EU-Land kündigte Frankreich an, wie die USA Waffen an die Kurden zu liefern. Die Bundesregierung schließt inzwischen auch Waffenlieferungen nicht mehr aus. In der Koalition ist das aber hoch umstritten.

fab/mgb/AFP/dpa

insgesamt 42 Beiträge
kuddikurt 14.08.2014
1. Es wird Zeit
Es wird Zeit das auch Deutschland seine Zurückhaltung aufgibt um endlich Menschenleben zu retten. In Afghanistan sind viele Bundeswehrsoldaten völlig nutzlos gestorben. Im Irak könnten durch den Einsatz der Bundeswehr viele [...]
Es wird Zeit das auch Deutschland seine Zurückhaltung aufgibt um endlich Menschenleben zu retten. In Afghanistan sind viele Bundeswehrsoldaten völlig nutzlos gestorben. Im Irak könnten durch den Einsatz der Bundeswehr viele Menschenleben gerettet werden. Wenn in den Orten der Islamischen Aggression das Töten nicht gestoppt wird, werden wir es bald auch bei uns haben.
Pandora0611 14.08.2014
2. Rettungsaktion unwahrscheinlich
Die USA sieht von einer Rettungsaktion ab. Sie beschränken sich auf den Abwurf von Lebensmitteln und Wasser. Augenzeugen berichten aber, dass die Wasserflaschen beim Aufschlag zerplatzen. Und das bei Temperaturen von [...]
Zitat von sysopAFPDie USA haben Spezialeinheiten in das Sindschar-Gebirge im Nordirak entsandt. Die Mission kommt zu dem Schluss, dass sich dort deutlicher weniger Zivilisten befinden als angenommen. Eine US-Rettungsaktion sei damit "unwahrscheinlicher" geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-us-einsatz-unwahrscheinlicher-jesiden-koennen-fluechten-a-986021.html
Die USA sieht von einer Rettungsaktion ab. Sie beschränken sich auf den Abwurf von Lebensmitteln und Wasser. Augenzeugen berichten aber, dass die Wasserflaschen beim Aufschlag zerplatzen. Und das bei Temperaturen von 40-55°C. Die Kinder verdursten. Bevor Deutschland sich entschließt zu helfen, bilden sie erst einmal einen "Runden Tisch". Wenn sie sich dann nach drei Jahren geeinigt haben, sind die zu rettenden leider schon alle tot.
rkinfo 14.08.2014
3. Haager Landkriegsordnung
Dass man im 21. Jahrhundert Menschen retten muss weil ISS-Terroristen selbst elementares Menschenrecht missachten sollte stark zum Nachdenken anregen und zeigt wie weit weg der IS-Konflikt von den Kriegen der letzten 100 Jahre [...]
Dass man im 21. Jahrhundert Menschen retten muss weil ISS-Terroristen selbst elementares Menschenrecht missachten sollte stark zum Nachdenken anregen und zeigt wie weit weg der IS-Konflikt von den Kriegen der letzten 100 Jahre ist. Selbst der grausame 1. Weltkrieg berücksichtigte die Haager Landkriegsordnung für Zivilisten und oft auch gegen Soldaten. Wer beim jetzigen Konflikt 'USA' beschuldigt sollte berücksichtigen dass die Haager Landkriegsordnung in einer Zeit entstand als die USA keine Rolle in der Weltpolitik spielten. Weshalb sich IS gegen globales Recht wendet lässt sich durch religiösen Islamismus-Wahn erklären - wenn überhaupt.
hermannheester 14.08.2014
4. Viel zu wenig Not und Elend?
Doch weniger Elend als gedacht! Das ist also das Ergebnis amerikanischer Bemühungen. Der Einsatz von Bomben und Militärberatern hat also doch etwas gebracht? - Zynisch!
Zitat von sysopAFPDie USA haben Spezialeinheiten in das Sindschar-Gebirge im Nordirak entsandt. Die Mission kommt zu dem Schluss, dass sich dort deutlicher weniger Zivilisten befinden als angenommen. Eine US-Rettungsaktion sei damit "unwahrscheinlicher" geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-us-einsatz-unwahrscheinlicher-jesiden-koennen-fluechten-a-986021.html
Doch weniger Elend als gedacht! Das ist also das Ergebnis amerikanischer Bemühungen. Der Einsatz von Bomben und Militärberatern hat also doch etwas gebracht? - Zynisch!
donrealo 14.08.2014
5. Kann mir mal bitte den Unterschied
zwischen den sog. "IS Terroristen" im Nordirak und der in Syrien aktiven "ISIS" klarmachen? Bis vor kurzem stand doch in den Medien auch noch der Namen "ISIS" im Zusammenhang mit dem Geschehen im [...]
zwischen den sog. "IS Terroristen" im Nordirak und der in Syrien aktiven "ISIS" klarmachen? Bis vor kurzem stand doch in den Medien auch noch der Namen "ISIS" im Zusammenhang mit dem Geschehen im Irak. Welche Verbindung besteht zwischen "IS" und der "ISIS"?

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Die Minderheit der Jesiden

Wo leben die Jesiden?
REUTERS

Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

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