Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Golfstaaten im Irankonflikt

Horrorszenario an der Straße von Hormus

Die Krise am Persischen Golf erinnert Experten an die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Besonders in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar wächst die Sorge vor einer Eskalation im Konflikt mit Iran.

KARIM JAAFAR/AFP

Katars Küstenwache: Die arabischen Golfstaaten haben kein Interesse an einem Krieg gegen Iran

Von und
Freitag, 02.08.2019   16:43 Uhr

Die International Crisis Group (ICG) ist alarmiert. Der unabhängige Thinktank hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die vor einem "1914-Moment" warnt. Die Pattsituation am Persischen Golf zwischen Iran und dem Westen erinnere an die Spannungen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Fehler könne erst den Nahen Osten und dann weitere Regionen der Welt in Konfliktzonen verwandeln.

Im Falle einer militärischen Eskalation hätten die kleinen, reichen Golfstaaten auf der Arabischen Halbinsel, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), am meisten zu verlieren. Ihre Volkswirtschaften sind darauf angewiesen, dass der Seeweg durch die Straße von Hormus und der Luftraum über dem Persischen Golf offen bleiben.

Katar richtet in drei Jahren die Fußball-WM aus - ein Prestigeprojekt, das für den Zwergstaat größte wirtschaftliche und politische Bedeutung hat. Ein Krieg gegen Iran könnte die Austragung des Turniers gefährden. Schon allein deshalb hat die Staatsführung kein Interesse an einer Eskalation des Konflikts.

Katar - der pragmatische Partner

Katar hat zudem von allen Golfmonarchien die besten Beziehungen zu Iran. Anders als Saudi-Arabien und die VAE hatte das Herrscherhaus in Doha das Atomabkommen mit Teheran (JCPOA) ausdrücklich begrüßt. Auch nachdem die USA den Deal im vergangenen Jahr einseitig aufgekündigt hatten, appellierte Katar an die anderen Vertragspartner, das Abkommen zu achten.

Katar und Iran kooperieren auch wirtschaftlich. Gemeinsam beuten sie das South-Pars-Gasfeld unter dem Persischen Golf aus, das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt. Bei der Gasförderung müssen sich beide Seiten genau absprechen, um die Stabilität des unterirdischen Feldes nicht zu gefährden. Zudem haben katarische Staatsunternehmen seit 2014 den Iranern geholfen, ihre Gas- und Ölindustrie zu modernisieren.

Das gute Verhältnis zwischen Doha und Teheran ist einer der Gründe für die Katar-Blockade, die Saudi-Arabien und die VAE im Sommer 2017 verhängten. Anders als es die mit Iran verfeindeten Herrscherhäuser in Riad und Abu Dhabi darstellen, ist Katar jedoch weit davon entfernt, ein Verbündeter des Landes zu sein. Das Verhältnis ist eher von Pragmatismus geprägt.

Katars Regierung sieht die Sabotageangriffe auf Handelsschiffe und die Festsetzung eines britischen Tankers in der Straße von Hormus durch Iran als Gefahr für die eigenen wirtschaftlichen Interessen. Erst Mitte Juli eröffnete das Emirat eine neue Basis der Küstenwache. Die soll dazu beitragen, die Hoheitsgewässer des Landes im Persischen Golf künftig besser zu schützen. Demonstrativ hatte Doha zu der Eröffnungszeremonie auch Vizeadmiral Jim Malloy eingeladen, Kommandeur der US-Marine im Nahen Osten.

Die Vereinigten Arabischen Emirate - Kehrtwende in Zeitlupe

Auch die VAE hätten im Kriegsfall viel zu verlieren: Die Emirate locken Touristen und Studenten aus aller Welt an den Golf. Motorsportfans können sich am Yas Marina Circuit seit zehn Jahren den Großen Preis von Abu Dhabi anschauen, Kunstliebhaber im spektakulären Louvre-Museum teure Gemälde bestaunen, junge Akademiker studieren in Dependancen renommierter Hochschulen wie der Pariser Sorbonne und der New York University.

Abu Dhabi, das größte der insgesamt sieben Emirate der VAE, betreibt aber auch eine aggressive Außenpolitik. In den vergangenen Jahren hat Mohammed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi und heimlicher Herrscher der VAE, Milliarden ausgegeben, um seine Streitkräfte aufzurüsten und seine Form der Realpolitik durchzusetzen:

Zwar lassen die VAE weiter sudanesische Söldner im Jemen kämpfen, aber der Teilabzug aus dem Bürgerkriegsland ist ein erstes Anzeichen dafür, dass die Entscheidungsträger in den Emiraten den teuren Konflikt mit Iran dort nicht weiter führen wollen - anders als die von den Vereinigten Staaten massiv unterstützte Herrscherfamilie in Riad.

Diese neue Taktik wurde bereits im Frühjahr deutlich, nach den ersten, ungeklärten Attacken auf Tankerschiffe im Golf:

Abu Dhabi, so scheint es, vollzieht aus Angst vor dem Horrorszenario in der Straße von Hormus gegenwärtig eine strategische 180-Grad-Kehrtwende, wenn auch in Zeitlupe. Und nähert sich damit der Haltung Katars an: Ein Krieg mit Iran soll unbedingt verhindert werden.

insgesamt 28 Beiträge
Pfaffenwinkel 02.08.2019
1. Bei einem Krieg mit Iran
würde es nur Verlierer geben. Ich glaube, die Vernunft wird siegen. Bis auf diesen unberechenbaren Trump, der diese Situation herauf beschworen hat.
würde es nur Verlierer geben. Ich glaube, die Vernunft wird siegen. Bis auf diesen unberechenbaren Trump, der diese Situation herauf beschworen hat.
cup01 02.08.2019
2. Dafür muss man kein Experte sein
Bricht ein Krieg aus, dann wird niemand auf Fußball, Museen oder Motorsport Rücksicht nehmen. Es gilt daher zu verhindern, dass es soweit kommt. Diplomatie und Entschärfung der Situation ist oberstes Gebot. Genau das muss [...]
Bricht ein Krieg aus, dann wird niemand auf Fußball, Museen oder Motorsport Rücksicht nehmen. Es gilt daher zu verhindern, dass es soweit kommt. Diplomatie und Entschärfung der Situation ist oberstes Gebot. Genau das muss Europa tun und sich von Trump abgrenzen. Niemand will einen Konflikt, also müssen alle das Richtige tun.
Derwatt 02.08.2019
3. Clickbaiting, mal wieder.
Zitat: Die International Crisis Group (ICG) ist alarmiert. Der unabhängige Thinktank hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die vor einem "1914-Moment" warnt. Die Pattsituation am Persischen Golf zwischen Iran und [...]
Zitat: Die International Crisis Group (ICG) ist alarmiert. Der unabhängige Thinktank hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die vor einem "1914-Moment" warnt. Die Pattsituation am Persischen Golf zwischen Iran und dem Westen erinnere an die Spannungen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg - Zitatende. Den Beleg für die Behauptung, dass die Situation mit der von 1914 vergleichbar ist - in welcher Hinsicht überhaupt? - bleibt der Beitrag schuldig.
iasi 02.08.2019
4. Kurz gesagt: Die kleinen Staaten, die eh nichts zu gewinnen hätten,
wollen keinen Krieg. Anders sieht es aber eben mit Saudi Arabien aus - den Saudis geht es um die Vormacht in der Region und zumindest die Eindämmung des Iran. Und: Wie Israel wollen sie mit absoluter Sicherheit verhindern, dass [...]
wollen keinen Krieg. Anders sieht es aber eben mit Saudi Arabien aus - den Saudis geht es um die Vormacht in der Region und zumindest die Eindämmung des Iran. Und: Wie Israel wollen sie mit absoluter Sicherheit verhindern, dass der Iran in den Besitz von Nuklearwaffen kommt. Das befristete Hinhalteabkommen, auf dem sich die Europäer die nächsten Jahre ausruhen wollten, genügt ihnen nicht. Denn das Abkommen war doch nur die übliche herausschiebende Aussitztaktik ala Merkel.
draco2007 02.08.2019
5.
Würde ich auch gerne glauben, aber es gibt in diesem Spiel keine Vernünftigen Weder Trump, noch Bolton, noch Pompeo noch die Mullahs, noch Bibi, noch die Saudis, noch BoJo Alle Beteiligten sind für Vernunft nicht [...]
Zitat von Pfaffenwinkelwürde es nur Verlierer geben. Ich glaube, die Vernunft wird siegen. Bis auf diesen unberechenbaren Trump, der diese Situation herauf beschworen hat.
Würde ich auch gerne glauben, aber es gibt in diesem Spiel keine Vernünftigen Weder Trump, noch Bolton, noch Pompeo noch die Mullahs, noch Bibi, noch die Saudis, noch BoJo Alle Beteiligten sind für Vernunft nicht empfänglich... Gerade Bolton arbeitet sicher an einer Strategie, wie er den Iran dazu bekommt den ersten Schuss abzugeben.... Bomben will er schon lange regnen lassen...
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Republik Iran

Land
REUTERS

Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa

Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis

Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS

Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS

Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).

Chronik

Aufstieg von Mohammed Resa
AFP

Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images

1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
REUTERS

Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP

Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP