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Politik

Isis im Irak

"Schwerer Schock für die gesamte Region"

Welche Folgen hat die Offensive der Dschihadisten im Irak für die arabische Welt? Nahost-Experte Guido Steinberg sieht ein Umdenken bei Iranern und Saudis - und gibt der Türkei eine Mitschuld an der Eskalation.

REUTERS
Donnerstag, 12.06.2014   18:59 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Nach der Offensive der Dschihadisten im Irak sprechen die USA von einer "Bedrohung für die gesamte Region". Was bedeutet der Vormarsch der Isis-Truppen für den Nahen Osten?

Steinberg: Es ist für die gesamte Region ein schwerer Schock, weil sich die Regierungen und Menschen in der arabischen Welt, in der Türkei und Iran schmerzhaft bewusst sind, dass Isis nicht nur auf den Irak und Syrien abzielt, sondern auch auf die Nachbarländer. Seit 2001 hat die Organisation dort immer wieder Anschläge verübt, und ihre Mitglieder kommen aus vielen Ländern: Da gibt es viele Saudis, Nordafrikaner, Türken, aber auch Europäer. Deshalb wird die internationale Dimension dieser Bedrohung in der arabischen Welt sehr viel deutlicher gesehen als bei uns.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei droht nach der Geiselnahme mit einem militärischen Eingreifen. Meint sie das ernst?

Steinberg: Man kann zumindest nicht ausschließen, dass sie versucht, die Geiseln militärisch zu befreien. Dies wäre allerdings mit sehr hohen Risiken verbunden. Insgesamt ist die türkische Politik gegenüber dieser Organisation im Irak und in Syrien nicht so eindeutig. Die Regierung in Ankara hat zugelassen, dass die Dschihadisten in Syrien in den letzten Jahren erstarkt sind, weil sie an ihrem wichtigeren Ziel festgehalten hat - dem Sturz des Assad-Regimes - und weil sie die Dschihadisten als Feinde der Kurden schätzt.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: So haben die Türken Isis stark gemacht?

Steinberg: Isis-Leute konnten ungestört über türkisches Territorium ein- und ausreisen. Das bedeutete lange Zeit eine fast direkte Unterstützung, die erst im letzten Jahr vorsichtiger geworden ist. Aber insgesamt trägt die Türkei an dieser Misere eine Mitschuld.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nach der Geiselnahme damit endgültig vorbei?

Steinberg: Man kann nur hoffen, dass die Türkei ihre Politik ändert. Das ist eine Chance für die Europäer und Amerikaner, darauf zu drängen, dass Ankara nun den Spielraum von Isis und anderen Dschihadisten in der Türkei stärker einschränkt.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Iraner sind nervös wegen Isis.

Steinberg: Sie betrachten Isis als große Bedrohung. Die Iraner werden seit Monaten sensibler, was das Thema Dschihadismus in der Region angeht. Vor allem, weil sie selbst Probleme mit sunnitischen Militanten haben. Es gibt Nachrichten darüber, dass sie ihre Grenztruppen verstärkt haben, und sie dürften mit der Regierung in Bagdad besprechen, wie sie helfen können, und dann indirekt eingreifen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde das aussehen?

Steinberg: Sie werden sicherlich, wie sie das schon seit Längerem tun, Militärberater zur Verfügung stellen. Sie werden schiitischen Milizen auch die Zusammenarbeit mit der Zentralregierung Malikis befehlen.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierungstruppen haben nun gemeinsam mit kurdischen Einheiten zurückgeschlagen. Ein stabiles Bündnis?

Steinberg: Die Beziehungen zwischen der kurdischen Regionalregierung und Bagdad sind so schlecht wie lange nicht. Die Kurden haben begonnen, Öl in die Türkei zu exportieren, und arbeiten damit an ihrer faktischen Unabhängigkeit. Der aktuelle Konflikt könnte aber dazu führen, dass Arbil und Bagdad wieder etwas näher zusammenrücken, denn Isis ist eine Bedrohung für beide.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder heißt es, Katar und Saudis würden Isis unterstützen.

Steinberg: Es gibt keine staatliche Unterstützung durch Kataris, Saudis, Kuwaitis. Aber es gibt viele Spendengelder aus der Golfregion an Isis, und die Golfstaaten unternehmen nicht genug, um diese Geldströme zu unterbinden. Aber: Gerade die Saudis sind in den letzten zwölf Monaten sensibler geworden, weil so viele saudische Staatsbürger bei Isis kämpfen - wahrscheinlich mehr als tausend. Die Saudis befürchten, dass die zurückkehren und dort Anschläge verüben. Deshalb erwarte ich saudische Gegenmaßnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Das Fernziel von Isis ist die "Befreiung Jerusalems". Wie reagiert Israel?

Steinberg: Die Israelis werden nicht kurzfristig reagieren, sie halten sich ja aus dem Konflikt in Syrien weitgehend heraus, bis auf die Fälle, wo eine Weitergabe von Waffen an die Hisbollah befürchtet wird. Man konzentriert sich mangels Alternativen vor allem auf nachrichtendienstliche Aktivitäten. An dieser Politik wird sich erst einmal nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird die Offensive im Irak weitergehen?

Steinberg: Sie gerät bereits ins Stocken. Nur dort, wo Sunniten leben, ist Isis stark und kann schnelle Erfolge feiern. Aber wenn sie sich Bagdad nähert, wird sie auf besser ausgebildete und hochmotivierte Soldaten und verschiedene schiitische Milizen treffen. Spätestens dann endet dieser Vormarsch. Man kann nur hoffen, dass Isis den Vormarsch fortsetzt - damit sie in den kommenden Tagen hohe Verluste erleidet und deutlich geschwächt wird. Offen ist aber, ob die Zentralregierung überhaupt in der Lage ist, Territorium zurückzugewinnen. Versucht sie das, droht wohl eine neue Eskalation der Gewalt im Norden und Westen Iraks.

Das Interview führte Fabian Reinbold

insgesamt 68 Beiträge
oojep 12.06.2014
1. Es spricht einiges dafür, dass Saudi-Arabien...
ISIS weit mehr unterstüzt, als hier zu lesen ist. Denn es geht bei diesem Konflikt um die Vorherrschaft in Nahost bzw. um die Schwächung des Erzrivalen Iran, der kulturell und wirtscahftlich den Arabern überlegen ist.
ISIS weit mehr unterstüzt, als hier zu lesen ist. Denn es geht bei diesem Konflikt um die Vorherrschaft in Nahost bzw. um die Schwächung des Erzrivalen Iran, der kulturell und wirtscahftlich den Arabern überlegen ist.
f.orenstöpsel 12.06.2014
2. Die Türkei spielt eine merkwürdige Rolle in diesen Konflikten
Er verlobte sich 1978 mit einer 13jährigen ,deren Eltern ihren weiteren Schulbesuch abbrachen. 1980 heiratete der 30jährige die damals 15jährige und zeugte mit ihr drei Kinder. U.a. 8 Jahre lang,von 1983-91 als führender [...]
Zitat von sysopREUTERSWelche Folgen hat die Offensive der Dschihadisten im Irak für die arabische Welt? Nahost-Experte Guido Steinberg sieht ein Umdenken bei Iranern und Saudis - und gibt der Türkei eine Mitschuld an der Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-im-irak-guido-steinberg-sieht-im-interview-schock-fuer-region-a-974744.html
Er verlobte sich 1978 mit einer 13jährigen ,deren Eltern ihren weiteren Schulbesuch abbrachen. 1980 heiratete der 30jährige die damals 15jährige und zeugte mit ihr drei Kinder. U.a. 8 Jahre lang,von 1983-91 als führender Manager der Islamischen Entwicklungsbank (IDB) in Saudi-Arabien tätig. Als Außenminister, rief er die diplomatischen Vertretungen seines Landes per Rundschreiben dazu auf, die islamische Gemeinschaft Millî Görüş nach Kräften zu unterstützen, die seit Jahren unter Beobachtung des deutschen Verfassungsschutzes steht. Ich kann nichts lesenwertes finden,in dem Gül etwa Saudi Arabien kritisiert oder deren Gesellschaftsgefüge ,sagen wir mal, als problematisch einstufen würde. Das man mit sowas ohne weiteres Staatspräsident eines angeblich laizistischen Landes werden kann , finde ich ehrlich gesagt mehr als seltsam.
kommentator222 12.06.2014
3. optional
Es erinnert mich ein bisschen daran, was ich über die Situation vor dem 30jährigen Krieg 1618 - 1648 in Europa weiss. Vielleicht versinkt die islamische Welt für einige Jahre in Krieg und Terror.
Es erinnert mich ein bisschen daran, was ich über die Situation vor dem 30jährigen Krieg 1618 - 1648 in Europa weiss. Vielleicht versinkt die islamische Welt für einige Jahre in Krieg und Terror.
claudiosoriano 12.06.2014
4. Die
Brände wurden entfacht durch die USA! Illegalle Terroristen wurden durch die Türkei nach Syrien durchgeschleust. Terroristen erhielten Waffen durch die USA, wen wundert das heutige Fiasko? Tragt den Krieg in die USA, um ein [...]
Zitat von sysopREUTERSWelche Folgen hat die Offensive der Dschihadisten im Irak für die arabische Welt? Nahost-Experte Guido Steinberg sieht ein Umdenken bei Iranern und Saudis - und gibt der Türkei eine Mitschuld an der Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-im-irak-guido-steinberg-sieht-im-interview-schock-fuer-region-a-974744.html
Brände wurden entfacht durch die USA! Illegalle Terroristen wurden durch die Türkei nach Syrien durchgeschleust. Terroristen erhielten Waffen durch die USA, wen wundert das heutige Fiasko? Tragt den Krieg in die USA, um ein umdenken in die US Außenpolitik zu veranlaßen. Die USA gestalten die Erde in die totale Vernichtung. Kein Freihandelsabkommen mit diesen Undemokraten, Abzug sämtlicher US Truppen aus Deutschland, samt Ihren Atomraketen. Keine Drohnenangriffe von deutschen Terrotorium mehr. Anklage vom Generalbundesanwalt gegen die NSA, und Haftbefehle gegen Mitarbeiter die das Hoheitsgebiet der BRD betreten. Merkel und Co verkaufen unser GG, für Ihren persöhnlichen Schutz, weil Sie erpressbar sind auf Grund Ihrerer Vergangenheit!
hubertrudnick1 12.06.2014
5. Islamwissenschaftler
Ein sogenannter Islamwissenschaftlich stochert auch nur im Nebel, drum herum reden, aber mehr kommt auch nicht heraus. Vielleicht sollte man mal an den Ursprung, den Ursachen herangehen und nicht nur eine subjektive Meinung [...]
Zitat von sysopREUTERSWelche Folgen hat die Offensive der Dschihadisten im Irak für die arabische Welt? Nahost-Experte Guido Steinberg sieht ein Umdenken bei Iranern und Saudis - und gibt der Türkei eine Mitschuld an der Eskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-im-irak-guido-steinberg-sieht-im-interview-schock-fuer-region-a-974744.html
Ein sogenannter Islamwissenschaftlich stochert auch nur im Nebel, drum herum reden, aber mehr kommt auch nicht heraus. Vielleicht sollte man mal an den Ursprung, den Ursachen herangehen und nicht nur eine subjektive Meinung wiedergeben. Alles was man aus dem arabischen Raum, aber auch aus anderen afrikanischen Ländern zu hören bekommt, ist schon mehr als schockierend. Imgrunde gibt es doch für fast alles auch Hintergründe, warum ist man diese nicht schon vor längerer Zeit angegangen? Man kann die Terroristen nicht zustimmen, es ist widerlich was sie ausüben, aber man darf auch die negative Rolle des Regierungschef Maliki nicht unterdrücken, denn wenn eine Regierung viele der eigenen Menschen nicht achtet und nur seine Religionsverbündeten fördert, das erzeut dann immer böses Blut, zumal man auch wissen müsste was daraus kommen kann. Ich kann mir recht gut vorstellen, dass ganz andere Leute im Hintergrund die Strippen ziehen und diese Leute vorschicken und sie auch materiell ausstatten, denn ohne einer ausreichende Bewaffnung könnte so etwas doch wohl kaum geschehen. Der gesamte arabische und islamische Raum ist zu einem Pulverfass geworden und das könnte sich noch weiter ausbreiten.

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