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Politik

Geburtsstation in Ostjerusalem

Frieden im Kreißsaal

Ausgerechnet auf einer Geburtsstation in Jerusalem gelingt, was sonst kaum möglich scheint: Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern. Warum hier?

Tanya Habjouqa/ NOOR
Aus Jerusalem berichten und Tanya Habjouqa (Fotos)
Sonntag, 30.06.2019   16:43 Uhr

Die Geburtsstation ist gut belegt. Durch die angelehnte Tür eines der Zimmer quillt eine Traube rosafarbener Luftballons, zur Feier des neugeborenen Mädchens. Im Säuglingszimmer liegen Babys unter Wärmelampen. Müde aussehende Ärzte beenden ihre Schicht. Leises Weinen dringt aus einem Raum, eine Krankenschwester läuft eilig hin und her.

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Nahostkonflikt: Labor der Annäherung

Tali, eine junge Frau aus Westjerusalem liegt nach einer zehnstündigen Geburt glücklich und blass in einem Einzelzimmer, auf dem Bauch ihre mittlerweile friedlich schlafende Tochter.

Gebaut mit Unterstützung eines Staats, den es nicht gibt

Es ist der scheinbar gewöhnliche Alltag einer Entbindungsstation, aber gewöhnlich ist hier - St Joseph Krankenhaus, Ostjerusalem - wenig: Denn die Ärzte und Pfleger dort sind Palästinenser, viele aus der Westbank. Die meisten von ihnen Muslime, ein paar Christen - und immer mehr der Patientinnen sind jüdische Israelinnen, wie Tali.

Dass Araber und Juden sich im Krankenhaus begegnen, ist in Israel normal, im Westen Jerusalems sowieso. Die Belegschaft in den dortigen großen Kliniken ist gemischt, die Patienten sind es auch. Aber dass jüdische Israelinnen für die Entbindung gezielt die Hilfe palästinensischer Ärzte und Schwestern suchen, ist neu - und überraschend.

Jerusalem

Heilige Stätten
In Jerusalem befinden sich mit der Klagemauer, dem Tempelberg und dem Felsendom wichtige heilige Stätten von Judentum und Islam. Wem die Stadt gehört, das ist zwischen Israelis und Palästinensern seit Jahrzehnten hoch umstritten. Israel reklamiert ganz Jerusalem als seine Hauptstadt, die Palästinenser beanspruchen bei einer möglichen Zweistaatenlösung den Ostteil Jerusalem als ihre Hauptstadt.
Krieg um die Aufteilung
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Status Jerusalems immer wieder verändert: Der Uno-Teilungsplan für Palästina von 1947 sah vor, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen. Die arabischen Staaten lehnten den Plan ab. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg wurde die Stadt dann geteilt. Israel eroberte den Westteil, jordanische Truppen hielten den Ostteil, einschließlich der Altstadt. Die Araber vertrieben die jüdische Bevölkerung aus dem jüdischen Viertel und verweigerten ihnen den Zugang zur Klagemauer. Im Sechstagekrieg 1967 eroberte Israel den Ostteil Jerusalems zurück. Damit konnten zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten Juden wieder an der Klagemauer beten.
Jerusalemgesetz von 1980
Im sogenannten Jerusalemgesetz von 1980 erklärte das israelische Parlament "das vollständige und vereinigte Jerusalem" zur Hauptstadt Israels - also einschließlich Ostjerusalems. Der Uno-Sicherheitsrat erklärte die faktische Annexion Ostjerusalems durch Israel in seiner Resolution 478 für "null und nichtig".
Israelisch-Palästinensischer Friedensvertrag
Der Status Jerusalems sollte erst im Zuge eines israelisch-palästinensischen Friedensvertrages abschließend geklärt werden. Mit dieser Linie brach Donald Trump als er am 6. Dezember 2017 erklärte, die USA würden Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Trump berief sich dabei auf den sogenannten Embassy Act von 1995, der vorsieht, dass die USA ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Trumps Amtsvorgänger hatten diesen Schritt nicht umgesetzt, um einen Friedensprozess nicht zusätzlich zu erschweren.
Alltag
Faktisch ist Jerusalem derzeit im Alltag eine geteilte Stadt. Im Westen Jerusalems leben jüdische Israelis. Die östlichen Stadtteile sind palästinensisch geprägt. Allerdings haben Juden dort in den vergangenen Jahren Siedlungen gebaut, so dass auf dem Gebiet Ost-Jerusalems neben den 300.000 Palästinensern rund 220.000 jüdische Siedler wohnen.

Das 1956 erbaute katholische Sankt Joseph Krankenhaus, ein schmuckloses sandsteinfarbenes Gebäude, liegt im Osten Jerusalems im Stadtteil Sheikh Jarrah. Es werden hier - etwa in der Chirurgie - auch Patienten aus dem Gazastreifen behandelt. Im Eingang hängen Tafeln, die die Unterstützer und Sponsoren für den Bau der Klinik ausweisen - darunter Katar, Jordanien und der "State of Palestine", den es nicht gibt.

Die einzige Möglichkeit der Wassergeburt in Jerusalem

Jerusalem ist kompliziert, der Stadtteil Sheikh Jarrah ist es erst recht. Es residieren Generalkonsulare in prächtigen Häusern mit üppigen Gärten neben Palästinensern und einer in den vergangenen Jahren gewachsenen Gruppe ultraorthodoxer Juden in ärmlichen Behausungen. Die Lage ist angespannt, bewaffnete Aufpasser bewachen die jüdischen Bewohner.

Sucht man nach den Gründen dafür, dass jüdische Frauen aus dem medizinischen Hochentwicklungsland Israel zur Geburt ausgerechnet hierher, nach Ostjerusalem, finden, führt das schnell zu einem profan scheinenden Detail: einem aufblasbaren Pool, in dem Frauen ihr Baby im Wasser zur Welt bringen können. Es ist eine einzigartige Möglichkeit in der ganzen Stadt.

Die italienische Nonne Schwester Valentina Sala, deren französischer Kongregation das Krankenhaus gehört, ist leitende Hebamme im Sankt Joseph. Sie hat die Station zusammen mit Chefarzt Samir Asfour aufgebaut und 2015 eröffnet. Zwei Jahre später hat Sala einen Kurs zu Wassergeburten gegeben, an dem auch jüdisch-israelische Hebammen teilnahmen. "Einige Monate später sind dann die ersten zwei jüdischen Pärchen gekommen", sagt die Nonne.

Eine besondere Erfahrung in gewalttätigen Zeiten

Dabei steht der Pool nur stellvertretend für einen grundsätzlicheren Ansatz: "Egal, ob ich in palästinensischen Kliniken in Bethlehem oder Nazareth war oder in Krankenhäusern in Israel: Die Entbindungen waren immer sehr herkömmlich", sagt Valentina Sala. "Es gab viele Kaiserschnitte. Diese Praxis erschien mir gewalttätig, und ich habe mir gedacht: Diese Gegend hat genug Gewalt. Wenn wir den Frauen helfen, in Frieden zu gebären, vielleicht werden sie friedliche Menschen."

Der Ergebnis: "Bei uns beträgt die Kaiserschnittrate acht Prozent, in der Region sonst sind es 30 Prozent", so Chefarzt Asfour. "Viele Frauen wünschen sich etwa auch nach einer früheren Sectio eine natürliche Geburt. Wir ermuntern sie dazu. Das ist der Grund, warum immer mehr jüdische Israelinnen zu uns gekommen sind", sagt Asfour. Mittlerweile entbinden im Monat Dutzende jüdische Frauen - säkulare genau wie religiöse - ihr Baby im Sankt Joseph: Im März dieses Jahres waren es 40 von 231 Frauen.

Längst hat sich aus dem medizinischen Wunsch nach einer natürlichen Geburt mehr entwickelt und etwas anderes erfüllt: Die kleine Station ist zu einem Labor der Annäherung geworden - erleichtert dadurch, dass hier kein Massenbetrieb herrscht. "Man fühlt sich hier nicht wie in einer Fabrik, wie in den anderen umliegenden israelischen Krankenhäusern. Man fühlt sich als Mensch gesehen", sagt eine israelische Patientin.

Mai - Eskalation am Gazastreifen

Auch wenn der Anfang schwierig war: "Viele unserer Ärzte und Schwestern kannten jüdische Israelis bis dahin nur als Soldaten vom Checkpoint", sagt Schwester Valentina. Sie habe ihnen dann gesagt: "Seht ihr, das kann man ändern." Eine palästinensische Krankenschwester meint: "Wir versuchen oft, extra nett zu den jüdischen Frauen zu sein, damit sie sich wohlfühlen, weil wir annehmen, dass sie auch Angst vor uns haben."

Es sind die Tage im Mai rund um die Eskalation am Gazastreifen. Militante Terrorgruppen haben von dort so viele Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert wie seit dem Gazakrieg 2014 nicht. Die israelische Armee hat mit Beschuss geantwortet. Auf beiden Seiten sind Zivilisten gestorben.

Auf dem Klinikflur sucht ein junger jüdisch-israelischer Mann, Locken, gestreiftes T-Shirt, nach den Ärzten und Hebammen, um eine Dankeskarte loszuwerden. Sein Kind wurde vor ein paar Tagen geboren. Es sei in dieser Zeit der politischen Anspannung eine sehr besondere Erfahrung gewesen, dass diese gütige Behandlung, dieses Miteinander mit Palästinensern möglich sei, sagt er.

Aviva Danziger-Hershberg hat ihren Sohn vor einem Jahr und drei Monaten im Sankt Joseph Krankenhaus zu Welt gebracht. Sie ist so etwas wie eine Veteranin unter den jüdischen Frauen hier.

"Die Klinik ist wie eine Wolke, die über dem Konflikt schwebt"

Aviva, die in einer der umstrittenen israelischen Siedlungen im Westjordanland lebt, hatte über eine Freundin von dem Krankenhaus erfahren. Natürlich habe sie am Anfang Sorge gehabt. Was, wenn andere Patienten, Palästinenser, sie angreifen würden? Oder sie auf dem Weg zur Klinik im Stadtteil Probleme bekäme? "Aber das Gefühl, dass es hier echte Fürsorge gibt, war stärker als die Angst."

Auch Aviva hoffte auf den Pool. Stattdessen war die Entbindung ihres Sohnes extrem kompliziert, eine Wassergeburt nicht möglich.

Dafür habe sie eine andere Erfahrung gemacht: Das Krankenhaus habe ihr ermöglicht, eine Utopie zu leben. "Ich weiß nicht, ob man mir glaubt, aber wir wollen Frieden. Jede jüdische Mutter, die einen Sohn bekommt, hofft, dass es keine Armee mehr gibt, wenn er groß ist. Meine Erfahrung im Krankenhaus hat sich angefühlt, als ob dieser Traum von Frieden wahr ist. Die Klinik ist wie eine Wolke, die über dem Konflikt schwebt."

Für sie sei die Geburt und das Miteinander mit den palästinensischen Ärzten und Helfern "ein spirituelles Erlebnis gewesen". "Ich fühlte mich so verbunden mit Menschen, die so anders sind als ich", so die 34-Jährige.

Nach der Entbindung: die Rückkehr in die Realität

Sie habe medizinische Professionalität erlebt und Mitgefühl. Eine extra Decke, mit der die Schwester sie nach der Geburt zudeckte, Schwester Valentina Sala, die sich eine Stunde Zeit für ein Gespräch nahm. "Das hat für mich die Welt bedeutet", sagt Aviva. "Ich habe meine Lektion über Trauma gelernt. Wenn du die richtige Unterstützung hast, kannst du jeden Schmerz bewältigen."

Wenn etwas passiert, ein Angriff radikaler Palästinenser auf Israelis, dann schreibt Aviva ihrem palästinensischen Arzt aus dem Krankenhaus eine Nachricht. "Ich habe dann das Bedürfnis ihm zu sagen, dass wir immer noch Freunde sind. Ich will ihm sagen, dass ich ihn nicht mit Terroristen in Verbindung bringe."

Aviva hat das Krankenhaus ihrer Schwägerin empfohlen. Einer, wie Aviva sagt, politisch linksstehenden Sängerin aus Tel Aviv. Nach ihrer Entbindung hat Avivas Schwägerin den palästinensischen Schwestern, Ärzten und Pflegern auf dem Flur ein arabisches Liebeslied gesungen. Ein Video davon zeigen sie alle herum: Schwester Valentina Sala, Aviva - und Chefarzt Asfour. Man sieht darauf einen palästinensischen Arzt, der mitsingt; seine Kollegin, die ergriffen die Hände vors Gesicht schlägt.

Nach ihrer Entbindung ist Aviva zurück in ihre Siedlung gefahren, Avivas Schwester nach Tel Aviv, die Hebammen und Ärzte über die Checkpoints zurück nach Bethlehem, Hebron oder andere Orte in der Westbank. Runter von der Wolke über dem Konflikt.

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