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Politik

Berlusconi feilt am Comeback

Der neue Mann für Italien

Silvio Berlusconi will es noch mal wissen - mit 82 Jahren. Mit einem Erfolg bei der Europawahl möchte er die Fünf-Sterne-Bewegung aus der römischen Regierung jagen. Verrückt? Nicht unbedingt.

Francesco Fotia/ AGF/ REX/ Shutterstock

Silvio Berlusconi

Von , Rom
Mittwoch, 23.01.2019   17:15 Uhr

Es ist Wahlkampf in Sardinien, zur Nachwahl eines vakant gewordenen Parlamentsplatzes. Total uninteressant, langweilig. Bis vorige Woche ein Profi einstieg.

Einer, der seit 25 Jahren Italiens Politik aufmischt. Mit Drohungen, Beleidigungen und schlechten Sex-Witzchen. Einer, der genauso weitermacht. "82 Jahre alt bin ich jetzt", sagt Silvio Berlusconi bei einem Wahlkampfauftritt in einer Bar, umringt von Menschen in bester Laune, "und sechs pro Nacht, wie früher, schaffe ich nicht mehr, nach der dritten schlafe ich ein". Die Menschen in der Bar lachen - und die Hälfte des Landes schämt sich. Da ist er wieder.

3340 Tage an der Macht

Wobei, war er je so richtig weg? Berlusconis Karriere beginnt, während seines Jurastudiums (mit cum laude abgeschlossen), als Staubsaugervertreter und Conférencier auf Kreuzfahrtschiffen. Später gründet er einen Medienkonzern, wird Milliardär, 20 Jahre lang Präsident des Fußballvereins AC Mailand und viermal Ministerpräsident Italiens. Für 3340 Tage ist er der mächtigste Mann des Landes, nebenbei exzentrischer Partylöwe. Was für ein Lebenslauf!

2013 dann der Bruch: Wegen Steuerbetrugs fliegt er aus dem Senat, die politische Immunität aberkannt. Dazu wird ihm, zunächst lebenslang, verboten, ein öffentliches Amt auszuüben. Da ist Berlusconi 77 Jahre alt. Das war es dann, dachten die meisten. Zumal er bald darauf noch zum Sozialdienst bei Demenz- und Alzheimer-Patienten verdonnert wird.

Gegen die Sterne...

Doch das war es ganz offensichtlich immer noch nicht. Das Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden, wurde zwischenzeitlich abgeräumt. Er darf wieder mitspielen, kandidiert bei den Europawahlen Ende Mai als Spitzenkandidat seiner Partei Forza Italia. Tatsächlich geht es ihm freilich um etwas ganz anderes, als das Europäische Parlament zu bestücken. Denn je nach Ausgang der Europawahl wird sich auch die Formation der italienischen Regierung ändern. Das hat Matteo Salvini, Vizepremier, Innenminister und Lega-Boss ziemlich eindeutig angekündigt.

Genau deshalb wirft sich auch Silvio Berlusconi, immer noch "Cavaliere" genannt, obwohl man ihm den Ordenstitel "Ritter der Arbeit" längst entzogen hat, in den Wahlkampf wie in seinen besten, alten Zeiten. Denn entweder geht seine Partei dann unter oder sie kommt, wenigstens ein bisschen, wieder ans Regieren.

Wie 1994, "als ich beschloss, die Kommunisten zu stoppen", will er jetzt die Fünf-Sterne-Bewegung (MoVimento5Stelle) aus der Koalitionsregierung mit der Lega treiben. Die Sterne seien noch schlimmer als damals die Roten: "Keiner von denen hat Erfahrung, keiner Kompetenz, keinem kann man trauen."

...und gegen Salvini

RICCARDO ANTIMIANI/EPA-EFE/REX

Matteo Salvini

Doch der wirkliche Gegner, den Berlusconi im Visier hat, ist der Lega-Chef Salvini. Denn der bringt ihn, wie das ganze bürgerlich-konservative Lager, um den Schlaf. Salvini wolle, fürchten viele Mandatsträger in Berlusconis Forza Italia, ihre Partei - und damit ihre Ämter - einfach schlucken. Er bietet ein paar Wortführern sichere Listenplätze bei der Lega, so die Sorge, und die Sache sei gelaufen. Die Topleute wandern zur Lega, der Rest der Partei zieht mit oder verliert sich - ohne einen Silvio Berlusconi - in der Unwichtigkeit.

Es hat wohl bereits ein heimliches Treffen zwischen Lega- und Forza-Funktionären gegeben. Dabei, so berichten italienische Medien, sei auch Forza-Hoffnungsträger Giovanni Toti gewesen. Der Chef der Regionalregierung in Ligurien gilt eigentlich als treuer Berlusconi-Mann. Er hat als Journalist Karriere im Berlusconi-Fernsehen gemacht und als Politiker in dessen Partei. Er gehörte zum engsten Kreis um Berlusconi, als dieser noch politisch aktiv war. "Niemand denkt daran, die Familie zu verlassen", versichert Toti, fügt aber hinzu: Natürlich sei "auch in der Familie eine Scheidung immer möglich".

In die Politik oder in den Konkurs

Die Aussicht auf eine Groß-Lega beunruhigt manch kleinen Unternehmer und auch Manager großer Betriebe. Sie fürchten, dass ein ungebremster rechtsnationaler und antieuropäischer Extremkurs mittelfristig schlecht fürs Geschäft ist. Italien lebt vom Export und von der Sympathie der Kunden für "Bella Italia". Italiens Exportträger - Wein, Mode, Medikamente, Autos - brauchen ein positives Image. Zumal bei den Hauptabnehmern Deutschland und Frankreich.

Deswegen haben einige Protagonisten der bürgerlich-moderaten Rechten in Politik und Wirtschaft Berlusconi zur aktiven Rückkehr in die Politik überredet, heißt es. Man dürfe das Feld nicht Salvini allein überlassen.

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Berlusconi habe lange gezaudert, wird erzählt, seine Familie und seine Freunde hätten ihm abgeraten. Das mag so sein, aber offenkundig war er nicht nur geschmeichelt, sondern auch ganz glücklich, wieder gefragt zu sein. Denn nicht zuletzt geht es Berlusconi seit seinem Eintritt in die aktive Politik auch immer um seine eigenen geschäftlichen Interessen.

Er sei schon zu Beginn, im Herbst 1993, "in die Politik eingetreten, um seine Firmen zu verteidigen", sagte Berlusconis langjähriger Vertrauter, Marcello Dell'Utri, später vor Staatsanwälten aus. Das Bau- und Medienimperium hatte enorme Schulden und die bis dato stets hilfreichen politischen Freunde waren wegen eines Bestechungsskandals im Gefängnis oder in Deckung. Entweder in die Politik oder zum Konkursrichter - so hieß damals die Alternative für Berlusconi. Das bestätigten auch andere Vertraute aus jenen Tagen.

Das rechte Paar: Silvio und Matteo

Ganz so dramatisch ist es jetzt wohl kaum, der Berlusconi-Konzern steht nicht vor der Pleite. Aber das Berlusconi-Reich könnte durchaus Schaden nehmen, wenn die römische Politik so ganz gegen dessen Interessen liefe. Da wäre es besser, selbst mitzumischen. Deshalb rappelt sich Berlusconi noch einmal auf. Er will die Sterne schwächen, um die Lega in eine andere Koalition zu zwingen: Eine Allianz der konservativen und rechten Kräfte, aber eben unter Einbeziehung der weniger radikalen, eher gutbürgerlichen Kräfte, sprich: eine Allianz mit Silvio Berlusconi.

Seine Chancen sind nicht riesig, aber auch nicht gleich null. Umfragen aus den ersten Januartagen zeigen erstmals eine leichte Trendumkehr bei der Lega: Sie nimmt nicht mehr zu, sondern ein wenig - ein bis eineinhalb Prozent - ab. Die Fünf-Sterne-Bewegung verliert weiter, liegt bei nur noch etwa 25 Prozent der Stimmen.

Salvini wäre wohl auch gar nicht abgeneigt, eine reine Mitte-Rechts-Koalition zu führen. Die amtierende Koalition mit den Fünf-Sternen zerreibt sich im täglichen Streit, hat zu nahezu jedem Problem zwei grundverschiedene Ansätze. Er hätte es vermutlich leichter in einem Pakt mit Berlusconis Forza Italia und den restlichen auf fünf bis sechs Prozent taxierten Kleinparteien im rechten Lager. Es muss halt nur zur Mehrheit reichen. Derzeit läge diese Koalition rechnerisch nur bei 45 oder 46 Prozent.

Doch diese Zahlen stammen aus den Tagen, bevor der große Silvio zurückgekehrt ist. Mal sehen, wie sich seine Drohungen, Beleidigungen und Witzchen - demoskopisch zunächst - auswirken. "Wenn Berlusconi bei den Europawahlen 12 Prozent holt", sagt Bruno Vespa, seit 1996 Moderator der wichtigsten und häufigsten (vier Mal in der Woche) Polit-Talkshow im italienischen Fernsehen, "dann ist er für Salvini unumgänglich".

insgesamt 6 Beiträge
udo.sowade 23.01.2019
1. Ob mit oder ohne Berlusconi,
Die Richtung der Politik des EU-Mitgliedlandes Italien wird durch Matteo Salvini bestimmt und umgesetzt. Immer mehr Menschen sehnen sich nach totalitären Machtssystemen, die eindeutig nach rechts ausgerichtet sind.
Die Richtung der Politik des EU-Mitgliedlandes Italien wird durch Matteo Salvini bestimmt und umgesetzt. Immer mehr Menschen sehnen sich nach totalitären Machtssystemen, die eindeutig nach rechts ausgerichtet sind.
chillervonnatur 23.01.2019
2. unfassbar...
Dieser Mann steht für alles was falsch läuft in unseren westlichen Demokratien und trägt mehr Schuld am gegenwärtigen Zustand Italiens als sämtliche brüsseler Bürokraten zusammen. Trotzdem werden wieder Leute auf Ihn [...]
Dieser Mann steht für alles was falsch läuft in unseren westlichen Demokratien und trägt mehr Schuld am gegenwärtigen Zustand Italiens als sämtliche brüsseler Bürokraten zusammen. Trotzdem werden wieder Leute auf Ihn hereinfallen.
favorit601 23.01.2019
3. Welch ein Foto!
Lebt der Mensch auf dem Foto überhaupt noch? So eingefallen, wie dieses chiroplastisch optimiertes Greisengesicht aussieht, nimmt man ihm kein Lebenszeichen mehr ab. Und da ein gesunder Geist nunmal in einem gesunden Körper [...]
Lebt der Mensch auf dem Foto überhaupt noch? So eingefallen, wie dieses chiroplastisch optimiertes Greisengesicht aussieht, nimmt man ihm kein Lebenszeichen mehr ab. Und da ein gesunder Geist nunmal in einem gesunden Körper steckt, sei das allen Wählern eine Warnung: Ihr bekommt toten Geist und tote Politik, wenn ihr euch für ihn entscheidet. Im Wesentlichen waren die Jahre mit Berlousconi verlorene Jahre. Beständig nur in seine mumienhaften Politik und -was seine politischen Opponenten angeht- leider nur ablenkend von den wichtigen gesellschaftspolitischen Themenfeldern.
betonklotz 23.01.2019
4. Habe ich das richig verstanden?
Da sorgen sich also italienische Unternehmer um Italiens Image im Ausland und wollen deswegen Berlusconi zurück in die Politik holen? Und ich dachte bisher, die Brexiteers wären irre.
Da sorgen sich also italienische Unternehmer um Italiens Image im Ausland und wollen deswegen Berlusconi zurück in die Politik holen? Und ich dachte bisher, die Brexiteers wären irre.
thor.z1367 24.01.2019
5. Ein alter Sack will es wissen
Ein eitler Pfau der nichts anderes macht als sich selber auf den Schultern klopft. Der seine Amigos mit Steuerngeschenke, Posten und Aufträgen versorgt hat.
Ein eitler Pfau der nichts anderes macht als sich selber auf den Schultern klopft. Der seine Amigos mit Steuerngeschenke, Posten und Aufträgen versorgt hat.

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