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Politik

Isis-Marsch auf Bagdad

Iraks Premier schickt Freiwillige in den Krieg gegen Terroristen

Bisher wirkte Iraks Premier Maliki angesichts des dschihadistischen Vormarsches mehr als hilflos. Jetzt ruft er seine Landsleute auf, geschlossen gegen die Angreifer vorzugehen. Die ersten Freiwilligen stoßen zur Armee.

Foto: REUTERS
Samstag, 14.06.2014   14:44 Uhr

Bagdad - Der irakische Regierungschef Nuri al-Maliki hat sich in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung seines Landes gewandt. Die Menschen sollten im Kampf gegen die Terrorgruppe zusammenstehen. "Wir sind die Kinder einer Religion", sagte der Premier, der zuletzt angesichts des Vormarsches der Dschihadisten hilflos und ratlos wirkte.

Am Samstag versuchte Maliki sich kämpferisch zu geben. Für eine Spaltung in Sunniten und Schiiten gebe es keinen Platz, betonte er. Dabei hatte er in den vergangenen Jahren trotz öffentlichen Beteuerungen wenig dafür getan, dass es ein Ausgleich zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak gibt. Maliki bevorzugte bisher seine schiitischen Glaubensbrüder, die ihn bei den Parlamentswahlen 2009 und 2014 mehrheitlich wählten.

Der Premier versprach in seiner Fernsehrede, die sunnitischen Extremisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien, kurz Isis, zurückzuschlagen: "Wir sind die Tapferen." Er forderte die Iraker auf, vereint gegen die Angreifer vorzugehen. "Der Staat steht hinter euch, das Kabinett, die Gelehrten und die Stämme." Die ganze Welt vertraue auf "unseren Kampf gegen Isis".

Land und heilige Stätte verteidigen

Freiwillige würden in Kürze zur Armee stoßen, kündigte Maliki an. Die jungen Männer haben sich nach Medienberichten in Bagdad freiwillig gemeldet, um gegen die auf die Hauptstadt vorrückenden Isis-Terroristen zu kämpfen. Über die Zahl der Freiwilligen gibt es unterschiedliche Angaben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete von Hunderten, irakische Medien und Augenzeugen von Tausenden, die sich zum Armeedienst gemeldet hätten.

Die Freiwilligen folgten damit einem Aufruf durch den schiitischen Großajatollah Ali al-Sistani. Er hatte an die Iraker in seiner Freitagspredigt appelliert, zu den Waffen zu greifen und sich den Sicherheitskräften anzuschließen, um das Land und seine heiligen Stätten zu verteidigen. Es war eine der seltenen politischen Stellungnahmen des Großajatollahs.

Maliki hielt seine Rede am Samstag in der Stadt Samarra, rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Samarra war Mitte der Woche von Isis-Kämpfern eingenommen worden - wurde aber am Freitag von der irakischen Armee befreit. Die Stadt werde "nicht die letzte Verteidigungslinie sein, sondern ein Sammelpunkt" im Konflikt mit den Isis-Kämpfern. "Das ist der Anfang vom Ende für sie", sagte Maliki.

Iraks Truppen waren zunächst von dem raschen Vordringen der Isis-Kämpfer überrascht worden. Viele Soldaten flohen vor den Dschihadisten. Der Zustand der in den vergangenen Jahren hochgerüsteten Armee ist schlecht, vor dem Vorrücken der Dschihadisten waren zahlreiche Soldaten desertiert.

Die irakische Armee erwies sich im Kampf gegen Isis als ineffektiv, schreibt die "Washington Post". Eine Armee, deren Rekrutierungssystem auf politischer Loyalität oder der Höhe von Bestechungsgeldern beruhe, "zerfällt in ihrer Moral".

Irans Präsident Rohani bietet USA Zusammenarbeit an

Der benachbarte Iran hat Maliki seine "uneingeschränkte Solidarität" zugesichert, die irakische Regierung ist Teherans Verbündeter in der Region. Der iranische Präsident Hassan Ruhani schloss sogar eine Zusammenarbeit mit den USA nicht aus. "Wenn wir sehen, dass die Vereinigten Staaten gegen terroristische Gruppen im Irak einschreiten, dann kann man darüber nachdenken", sagte er. "Bisher haben wir aber von ihrer Seite keine Handlungen gesehen", fügte er hinzu.

US-Präsident Barack Obama hatte am Freitag eine Entsendung von Bodentruppen in den Irak ausgeschlossen. Er werde in den kommenden Tagen eine "Reihe anderer Optionen" prüfen. Die irakische Regierung soll bei der US-Regierung angefragt haben, ob diese die islamistischen Extremisten mit Drohnenangriffen bekämpfen könne.

Die irakische Luftwaffe meldete am Samstag, sie habe über 200 Isis-Kämpfer bei Angriffen im Nordirak getötet. Wie die Nachrichtenseite "Al-Sumaria News" unter Berufung auf irakische Sicherheitsbeamte berichtete, erfolgten die Attacken auf Isis-Stellungen in Baidschi. Die in der Provinz Salaheddin gelegene Stadt war am Mittwoch von Isis-Kämpfern eingenommen worden.

Das Militär brachte nach eigenen Angaben mit Unterstützung von Stammeskämpfern auch die Stadt Ischaki in der Provinz Salaheddin nördlich von Bagdad wieder unter ihre Kontrolle. Wie Polizei und Rettungskräfte mitteilten, wurden dort zwölf verkohlte Leichen von Polizisten entdeckt. Auch die nahen Stadt Muatassam sei seit Freitagabend zurückerobert worden.

Zuvor hatte Isis Mossul im Nordirak erobert und war weiter Richtung Süden vorgedrungen. Die Dschihadisten kamen bis auf 60 Kilometer an Bagdad heran. Die irakische Armee gibt an, die Kämpfer aus vielen eroberten Provinzen zurückgedrängt zu haben.

"Es geht Isis auch deutlich um Bagdad"

Die kurdische Armee will am Samstag den Grenzübergang al-Jarubija zwischen dem Irak und Syrien von beiden Seiten gesichert haben. Mit irakischen Stammeskriegern sei die Grenze eingenommen worden, meldeten Aktivisten auf Twitter. Damit wäre ein wichtiger Versorgungsweg der Terrorgruppe Isis zwischen Mossul und Nordsyrien blockiert.

Diese Berichte lassen sich - wie die Meldungen der irakischen Armee - jedoch nicht unabhängig überprüfen.

Der Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin geht von einem Angriff der Isis auf die irakische Hauptstadt aus. "Es geht Isis auch deutlich um Bagdad", sagte er. Die Organisation werde versuchen, in den sunnitischen Stadtvierteln Fuß zu fassen. In Bagdad dominierten die Schiiten mit Regierungstruppen und loyalen Milizionären. "Da wird Isis nicht Fuß fassen können."

Steinberg rechnet aber mit schweren Anschlägen auf die Stadt in den kommenden Tagen. Eine schnelle Lösung des Konflikts sei nicht in Sicht: "Von Stabilität darf man in den nächsten Jahren nicht reden", "Allerdings wird da auch die Grenze der Expansion liegen."

heb/dpa/Reuters/AFP

insgesamt 72 Beiträge
Der Wahrheitshüter 14.06.2014
1. Wieso werden jetzt auf einmal die Aufständischen als "Terroristen" bezeichnet?
Es ist doch die gleiche Truppe, die noch von paar Monaten in Syrien von EU und USA mit Waffen versorgt wurde und für die "Unabhängigkeit" gegen al-Assad gekämpft hat!
Es ist doch die gleiche Truppe, die noch von paar Monaten in Syrien von EU und USA mit Waffen versorgt wurde und für die "Unabhängigkeit" gegen al-Assad gekämpft hat!
tailspin 14.06.2014
2. Klasse
Da haben wir ja schon mal 3 Freiwillige. Interessant in dem Zusammenhang die Effektivitaet der Rebellen. Nach Auskunft des Guardian (indir. zitiert) haben sage und schreibe 800 Rebellen die irakische Armee in einer Staerke von [...]
Da haben wir ja schon mal 3 Freiwillige. Interessant in dem Zusammenhang die Effektivitaet der Rebellen. Nach Auskunft des Guardian (indir. zitiert) haben sage und schreibe 800 Rebellen die irakische Armee in einer Staerke von 30000 Mann in die Flucht geschlagen. Das ist doch mal eine Relation. Mit diesem Staat Irak scheint es ueberhaupt im Argen zu liegen. Aber der Iran ist ja bereit zu auszuhelfen, und die Oelfelder sind ja auch nicht so weit. http://www.zerohedge.com/news/2014-06-13/lines-sand-5-key-maps-middle-east-crisis
Erwan 14.06.2014
3. Da schau her. Die Terrorbande, die Obama, Merkel & Co.
in Syrien losgelassen haben, bleibt nicht in Syrien. Unter dem bösen Väterchen Saddam, das die Merkel neben Bush und Co auch weghaben wollte, waren die Verhältnisse bedeutend stabiler und berechenbarer.
in Syrien losgelassen haben, bleibt nicht in Syrien. Unter dem bösen Väterchen Saddam, das die Merkel neben Bush und Co auch weghaben wollte, waren die Verhältnisse bedeutend stabiler und berechenbarer.
original-native 14.06.2014
4. Die Amerikaner haben die
Irakische Armee platt gemacht... Wegen nichtexistenten Massenvernichtungswaffen. Und nun? Nun sieht der Amerikaner es nicht ein das Land welches es zerstört hat wieder aufzubauen. Das ist doch keine Gerechtigkeit!!!!
Irakische Armee platt gemacht... Wegen nichtexistenten Massenvernichtungswaffen. Und nun? Nun sieht der Amerikaner es nicht ein das Land welches es zerstört hat wieder aufzubauen. Das ist doch keine Gerechtigkeit!!!!
Europa! 14.06.2014
5. Grenzen
Wenn es wirklich nur 10.000 bis 15.000 ISIS gibt, wie in den meisten Medien geschätzt wird, sollten die irakische Armee und die schiitischen Freiwilligen mit der Unterstützung des Iran und der Amerikaner in der Lage sein, [...]
Zitat von sysopREUTERSBisher wirkte Iraks Premier Maliki angesichts des dschihadistischen Vormarschs mehr als hilflos. Jetzt ruft er seine Landsleute auf, geschlossen gegen die Angreifer vorzugehen. Die ersten Freiwilligen stoßen zur Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kampf-gegen-isis-hunderte-iraker-folgen-aufruf-des-grossajatollahs-a-975194.html
Wenn es wirklich nur 10.000 bis 15.000 ISIS gibt, wie in den meisten Medien geschätzt wird, sollten die irakische Armee und die schiitischen Freiwilligen mit der Unterstützung des Iran und der Amerikaner in der Lage sein, ISIS zu stoppen. Dass das von den Briten geschaffene Kunstgebilde "Irak" dabei hopps geht, ist wahrscheinlich das kleinste Übel. Aber in Bagdad kann es ein böses Gemetzel geben, wenn ISIS den größten Teil der Stadt haben will. In manchen Fällen sind (neue) Grenzen vielleicht unumgänglich (gilt vielleicht auch für die Ukraine).

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak

Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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