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Politik

Wie Lampedusa mit Migranten umgeht

"So macht man das unter Leuten vom Meer"

Nach dem Trubel um die deutschen Rettungsschiffe kehrt auf Lampedusa der Alltag ein: Bürger helfen Flüchtlingen, die über das Mittelmeer kommen - unabhängig von der großen Politik in Rom. Unterstützung erhalten sie von ihrem Bürgermeister.

Olmo Calvo/AP

Ein Migrant von einem Boot vor der Küste von Lampedusa um Hilfe

Aus Lampedusa berichtet
Mittwoch, 10.07.2019   16:38 Uhr

Es sind anstrengende Tage für Paola La Rosa. Auf Lampedusa ist Hochsaison, eigentlich hat sie mit ihrer Ferienpension genug zu tun. Und dann kommt nach wie vor fast jeden Tag ein neues Flüchtlingsboot an. Meist sind es kleine Holzbarkassen mit 10 oder 20 Migranten, die es allein über das Mittelmeer geschafft haben, ohne die Hilfe der großen Rettungsschiffe.

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Heft 28/2019
Captain Europe
Carola Rackete über die dramatische Rettungsfahrt ihrer "Sea-Watch 3"

"Wir empfangen die Geflüchteten an der Mole, bringen ihnen Wasser, Essen, Decken, Spielzeug für die Kinder", sagt La Rosa. Sie gehört zu einer Gruppe von Freiwilligen, die sich im Forum Lampedusa Solidale engagieren. "Es heißt, wir Weißen müssten uns vor den Migranten in Sicherheit bringen", sagt sie - und weist diesen Gedanken gleich zurück: "Wir wollen die Menschlichkeit zurück in dieses System bringen."

Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Paola La Rosa betreibt eine Pension auf Lampedusa - und hilft Flüchtlingen

16 Tage lang beschäftigte das Schicksal der "Sea-Watch 3" die europäische Öffentlichkeit, bis die deutsche Kapitänin Carola Rackete das Rettungsschiff mit 40 Migranten an Bord gegen den Willen von Italiens Innenminister Matteo Salvini nach Lampedusa brachte. Tagelang führte der Rechtspopulist eine Kampagne gegen Rackete, wollte sie entweder im Gefängnis sehen oder des Landes verweisen.

"Ich habe das Meer im Herzen"

Im gleichen Zeitraum landeten auf der italienischen Insel laut Hilfsorganisationen 17 kleine Barkassen, mit ingesamt mehr als 300 Personen. Ihre Ankunft war keine große Nachricht. "Darüber spricht Salvini nie", sagt Salvatore Martello. Er ist der linke Bürgermeister von Lampedusa. "Ich bin Fischer", sagt er, "ich habe das Meer im Herzen."

Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Salvatore Martello, der Bürgermeister auf Lampedusa, kritisiert Innenminister Salvini

Martello hat in diesen Tagen oft Schwierigkeiten, die Realität vor seinem Rathaus mit der großen Politik zusammenzubringen. "Als Rom beschloss, dass in Italien keine Flüchtlingsschiffe anlegen dürfen, geschah das in Lampedusa trotzdem", sagt er, "gehört Lampedusa etwa nicht zu Italien?", fragt er.

Der Bürgermeister hat genau beobachtet, was passierte, als die "Sea-Watch 3" tagelang vor seiner Insel lag und nicht einlaufen durfte. "Die Küstenwache war an Bord der 'Sea-Watch 3', und sie hat den Hafen beobachtet", sagt Martello.

Zur gleichen Zeit hätten die kleinen Flüchtlingsbarkassen aus Libyen und Tunesien - der Bürgermeister spricht von "Geisterschiffen" - wie immer problemlos im Hafen angelegt. Und die Sicherheitsbehörden wollen nichts bemerkt haben? Er finde das "seltsam", sagt Martello. Seine Insel ist für Salvini offenbar nur interessant, wenn er seinen Konflikt mit Rettungsorganisationen in die Öffentlichkeit tragen kann.

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Lampedusa ist der südlichste Ort Italiens, eine kleine Insel, in der alles mit allem zusammenhängt. Wenn eine Fähre im Hafen anlegt, muss der Flugbetrieb auf dem direkt benachbarten Flughafen ruhen. Und wenn Flugzeuge landen, dürfen keine großen Schiffe an der Mole liegen - das war der Grund, warum Carola Rackete mit ihrer "Sea-Watch 3" nachts in den Hafen fuhr.

Abends treffen beide Welten wieder aufeinander

Auch Tourismus und Migration berühren sich häufig. Manchmal landet eine Barkasse mit Flüchtlingen direkt vor einem Restaurant am Hafen, vor den Augen verdutzter Urlauber. Sicherheitskräfte bringen die Geretteten dann zum Hotspot, einer ehemaligen Kaserne im Zentrum der Insel, wo sie vorübergehend untergebracht werden.

Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Lampedusa - ein Hotspot für Migranten

Abends, wenn die Hitze etwas nachlässt, treffen beide Welten wieder aufeinander. Viele Flüchtlinge wandern dann ins Stadtzentrum, 20 Minuten brauchen sie vom Hotspot bis zur Kirche San Gerlando. Dort hängen sie auf den Stufen vor dem Kirchenportal ab, manche surfen mit dem Smartphone im Internet - der Pfarrer hat das WLAN freigeschaltet.

Andere spielen auf der Piazza Fußball mit Touristenkindern. Zahlreiche Urlauber schlendern vorbei, werfen einen Blick auf die Souvenirstände, manche kommen hinüber und wechseln ein paar Worte mit den Flüchtlingen der "Sea-Watch". Um die Ecke spielt eine Liveband italienische Schlager.

Karl Mancini/ DER SPIEGEL

Ein Flüchtling spielt mit einem Kind Fußball

Dort, vor den Kirchenstufen, hat Paola La Rosa Ende Juni oft im Freien geschlafen. Mit anderen Aktivisten hielt sie zehn Nächte lang abwechselnd auf der Piazza Wache, auch Touristen aus ihrer Pension haben mitgemacht. "Wir wollten unsere Solidarität mit den Menschen auf der 'Sea-Watch 3' ausdrücken", sagt La Rosa.

Videointerview mit Kapitänin Rackete: "Keine Hilfe, von niemandem"

Foto: SPIEGEL ONLINE

In der Nacht zum 29. Juni war es dann so weit. "Wir hatten gerade unsere Schlafsäcke ausgepackt", sagt La Rosa, "als wir hörten, dass die 'Sea-Watch 3' auf Lampedusa zusteuert."

Im Hafen beobachteten sie dann, wie sich die Lichter der "Sea-Watch 3" langsam näherten und wie ein kleines Boot der Guardia di Finanza das Rettungsschiff umkreiste. Für La Rosa sah es so aus, als würde die Polizei die "Sea-Watch 3" in den Hafen geleiten: "Keiner hatte verstanden, dass es ein Abwehrmanöver sein sollte."

"Jedes Tau, das dir zugeworfen wird, muss genommen werden"

Kurz darauf stieß die "Sea-Watch 3" vor der Mole mit dem Boot der Behörden zusammen - ein Vorfall, den Salvini als Gewalt gegen ein italienisches Kriegsschiff wertete. Paola La Rosa hält das Manöver für eine eher schlechte Inszenierung.

AFP

Die "Sea-Watch 3" vor der italienischen Küste

"Wenn die Bedrohung für Italien so groß gewesen ist, warum haben die Sicherheitskräfte die Verteidigung des Hafens dann einem kleinen Boot mit nur fünf Mann Besatzung überlassen?" Hätte es wirklich eine Gefahr für die Nation gegeben, sagt sie, "hätte ich erwartet, dass noch jemand anderes zu Hilfe eilt".

Als die "Sea-Watch 3" schließlich anlegte, lief alles professionell, so wie es im Hafen von Lampedusa eigentlich üblich ist. Von Bord wurden Leinen ausgeworfen, und an der Mole wurden sie vertäut. "So macht man das unter Leuten vom Meer", sagt La Rosa, "jedes Tau, das dir zugeworfen wird, muss genommen werden, ohne Fragen zu stellen".

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