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Politik

Medwedew zum Flugzeugabsturz

"Ein Schock für das ganze Land"

Eigentlich ging es auf dem Forum von Kreml-Chef Medwedew in Jaroslawl um die Geopolitik. Doch das Treffen von Politikern aus aller Welt wurde überschattet vom Flugzeugabsturz eines Eishockeyteams. Das Unglück belegt, dass es bei der vom Präsidenten geplanten Modernisierung im Land noch ein weiter Weg ist.

AFP
Aus Jaroslawl berichtet
Donnerstag, 08.09.2011   18:38 Uhr

Bevor die Bühne für Russlands Präsidenten Dmitrij Medwedew bereit gemacht wird, schleicht sich der Teufel auf das Podium. Er trägt einen etwas schlabberigen Anzug und einen struppigen Bart und gibt nicht viel auf "eure westliche 'Political Correctness', weil sie noch viel Blut kosten wird".

Jewgenij Janowitsch Satanowskij, dessen Nachnamen man mit "der Satanische" übersetzen könnte, ist einer der angesehensten russischen Nahost-Experten. Die Bühne, auf die er tritt, steht im russischen Jaroslawl, 300 Kilometer nördlich von Moskau. Seit drei Jahren versammelt Medwedew Politiker und Experten aus aller Welt hier, um über Geopolitik zu debattieren und sich selbst als Weltpolitiker und Visionär zu inszenieren.

Dieses Jahr geht es um Migration und multikulturelle Gesellschaften. Ein schwieriges Thema für Honoratioren aus dem Westen, sie verschanzen sich hinter höflich-optimistischen Phrasen. Man werde die Probleme der Welt "nur auf dem Wege der Zusammenarbeit" lösen können, weiß etwa Österreichs Alt-Kanzler Wolfgang Schüssel dem Plenum zu berichten.

Der Teufel will ihn jetzt piesacken. Er lebe in "einer anderen Welt" als Schüssel, sagt Satanowskij. Der Westen sei naiv, wenn er meine, mit freundlichen Worten und Geld die arabische Welt zu befrieden. "Wissen Sie, im Nahen Osten nennt man westliche Diplomaten 'nützliche Idioten'. In der Welt, in der ich lebe, nehmen Despoten euer Geld, um euch dann damit zu erschießen." Was aus Europa werde, wenn die Türkei neben dem Bündnis erstarke, fragt Satanowskij. Was werde aus der Welt, wenn Saudi-Arabien zerfalle und Iran erst einmal die Atombombe habe? "Saddam hatte keine Bombe, man hat ihn gehängt. Libyen hat seine Nuklearpläne aufgegeben, Gaddafi hat man gestürzt", sagt Satanowskij. Nordkoreas Diktator Kim Jong Il, inzwischen in Besitz der Bombe, fahre "weiter mit seinem Panzerzug durch die Gegend. Das ist eine Lektion, die jeder in der Welt lernt."

Hart an der Grenze zum Chauvinismus

Willkommen bei Russlands Global Policy Forum, dem Ort, an dem Geistesgrößen aus dem Westen wie Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman oder Globalstratege Zbigniew Brzezinski auf Russlands Expertengemeinde treffen. Letztere bereichert den Exkurs mitunter um extreme Ansichten, weil sie sich fern der westlichen Political Correctness bewegen und manchmal hart an der Grenze zum Chauvinismus. "Die Türkei wird zu einem neuen Ottomanischen Imperium", sagt Satanowskij. "Die Afrikaner wollen unsere Stelle einnehmen", sagt er auch.

Zbigniew Brzezinski würde das niemals so drastisch sagen. Der einstige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter wirbt für ein "weiteres Europa", für "Aussöhnung zwischen Polen und Russen" und dafür, den "Interessen die uns vereinen, einen neuen Rahmen zu geben". Was er eigentlich meint, ist ein Bündnis von Europa, Russland, den USA und Japan gegen die aufstrebenden Länder im Süden.

Medwedew tritt in schwarz gekleidet an das Rednerpult, müde und von Trauer gezeichnet. Der Absturz der Maschine des Jaroslawler Eishockey-Teams Lokomotive, bei dem auch der deutsche Nationalspieler Robert Dietrich ums Leben kam, überschattet das Treffen in der Arena 2000. Hier hat Lokomotive seine Heimspiele ausgetragen. Hierhin pilgerten in der Nacht Tausende Fans, um Blumen, Schals und Trikots mit den Rückennummern von Spielern niederzulegen, die nie wieder auflaufen werden. "Wir sind auf immer bei euch", hat jemand in roter Schrift auf ein Plakat an der Glaswand der Arena geschrieben, und "Sanja! Kämpfe!". Sanja ist der Spitzname von Stürmer Alexander Galimow, der den Absturz als einziger Spieler überlebt hat. Ein Angler zog den Schwerverletzten aus dem Fluss, in den ein Teil der Yak-42 gestürzt war.

Yak-Service heißt die Linie, der die Unglücksmaschine gehörte, sie besaß nur vier Yak-Maschinen und galt als die unsicherste in ganz Europa. Russland ist zu einem der gefährlichsten Länder der Welt für Flugpassagiere geworden, gefährlicher noch als der Kongo. Zuletzt fielen russische Maschinen fast im Monatstakt vom Himmel. Der Absturz der Yak-42 ist schon das achte Unglück in diesem Jahr, soviel wie seit 1994 nicht mehr. Fast immer sind es alte Tupolew, Antonow- oder Yak-Liner, gebaut noch zu Sowjetzeiten und mitunter schlampig gewartet.

Medwedew, der von seinen Gefolgsleuten wie Igor Jurgens vom Institut für Moderne Entwicklungen gedrängt wird, endlich seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im März zu erklären, nutzt seinen Auftritt nicht für Wahlkampf. Er wendet sich gegen Terrorismus und Ausländerfeindlichkeit. "Vielfältigkeit ist unser Wohl", sagt er.

Der Präsident, der vor drei Jahren in den Kreml einzog und dessen Amtszeit im Frühjahr endet, hat sich der Modernisierung des Riesenreichs verschrieben. Die Flugzeugkatastrophe führt Russland drastisch vor Augen, dass seine Mission noch lange nicht erfüllt ist. Deshalb fordert er später bei einem Besuch am Unglücksort grundlegende Konsequenzen aus der Katastrophe. Es sei "nicht möglich, so weiter zu machen", sagt er. "Das ist ein Schock für das ganze Land."

insgesamt 1 Beitrag
iosono3 08.09.2011
1. wo ist phoenix?
Schade das Phoenix nicht überträgt.Ist sonst was los bei Phoenix? Schmidt vs. Schäuble kriegen wir bestimmt 25x zu sehen.
Zitat von sysopEigentlich ging es auf dem*Forum von Kremlchef Medwedew in Jaroslawl um die Geopolitik. Doch das Treffen von Politikern aus aller Welt wurde überschattet vom Flugzeugabsturz eines Eishockeyteams. Das Unglück belegt, dass*es bei der*vom*Präsidenten geplanten Modernisierung im Land noch ein weiter Weg ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785178,00.html
Schade das Phoenix nicht überträgt.Ist sonst was los bei Phoenix? Schmidt vs. Schäuble kriegen wir bestimmt 25x zu sehen.

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