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Politik

Russischer Militärgeheimdienst GRU

Moskaus Schattenkrieg in Europa

Giftgas in England, Putschversuch in Montenegro: Westliche Sicherheitskreise machen Russland für solche Angriffe verantwortlich. Laut "New York Times" steckt eine Elite-Einheit des Geheimdienstes GRU dahinter.

Ben Stansall / AFP

Salisbury nach dem Skripal-Attentat: "Nahezu sicher auf hoher russischer Staatsebene genehmigt"

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Mittwoch, 09.10.2019   18:43 Uhr

Theresa May fand deutliche Worte. Der Anschlag auf Sergej Skripal sei keine auf eigene Faust geplante Tat von Kriminellen gewesen, sagte die damalige britische Premierministerin im Frühjahr 2018 im Parlament. Für May stand fest: "Er wurde nahezu sicher auf hoher russischer Staatsebene genehmigt."

Im März vergangenen Jahres waren der Ex-Spion Skripal und seine Tochter Julija in der südenglischen Stadt Salisbury durch das Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden. Sie überlebten knapp. Eine Britin, die später mit dem Kampfstoff in Berührung kam, starb. Es dauerte fast ein Jahr, bis Skripals Haus und elf weitere Orte in Salisbury von den Überresten des Gifts gereinigt waren.

Geheimdienste im Westen werfen der russischen Regierung vor, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben. Die britische Regierung macht zwei Agenten des russischen Militärgeheimdiensts GRU für die Tat verantwortlich. Der Fall löste eine diplomatische Krise aus. Mehrere Länder, darunter Deutschland und die USA, solidarisierten sich mit Großbritannien und wiesen Dutzende russische Diplomaten aus.

Die "New York Times" berichtet nun, dass hinter dem Anschlag auf Skripal eine Elitetruppe des GRU stehen soll: Die sogenannte Einheit 29155 operiere seit mindestens einem Jahrzehnt, Sicherheitsbehörden im Westen seien aber erst kürzlich auf sie aufmerksam geworden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf namentlich nicht genannte "Geheimdienstler in vier westlichen Ländern". Bei der Truppe handelt es sich demnach um eine auf "Subversion, Sabotage und Attentate" spezialisierte Eliteeinheit.

Hacks, Anschläge, Putschversuche

Der Anschlag auf Skripal gehört zu den aufsehenerregenderen Fällen der letzten Jahre, für die westliche Regierungen und Sicherheitsbehörden Russlands Militärgeheimdienst verantwortlich machen. Er ist aber - bei Weitem - nicht der Einzige:

Nikolay Doychinov/ AFP

Rüstungsfabrikant Gebrew: Operation in Bulgarien?

Während Regierungen und Sicherheitsbehörden in Europa und den USA in den vergangenen Jahren immer mehr Informationen über Hackerkollektive veröffentlichten, hinter denen Russlands Militärgeheimdienst stehen soll, blieb die Rolle der Einheit 29155 dem Bericht zufolge bisher weitgehend unbemerkt von westlichen Geheimdiensten.

Russische Journalisten hatten in der Vergangenheit bereits über die Existenz der Einheit berichtet. Laut "New York Times" war über ihren "Zweck" zuvor nicht berichtet worden.

Ihre Aktivitäten, so die Einschätzung in westlichen Sicherheitskreisen, seien Teil einer "koordinierten und fortlaufenden Kampagne zur Destabilisierung Europas", heißt es in dem Bericht. Mindestens vier Operationen gehen demnach auf das Konto der Einheit: Neben dem Anschlag auf Skripal in Großbritannien, der Vergiftung Grebews in Bulgarien und dem Putschversuch in Montenegro soll auch eine - nicht näher beschriebene - "Destabilisierungskampagne" in der Republik Moldau dazu gehören.

Die Angehörigen von Einheit 29155 reisen dem Bericht zufolge in europäischen Ländern ein und aus. Manche von ihnen seien dekorierte Veteranen der Kriege in Afghanistan, Tschetschenien und der Ukraine. An ihrer Spitze soll General Andrej W. Awerijanow stehen. Ein Foto, das der "New York Times" vorliegt, soll ihn bei der Hochzeit seiner Tochter zeigen - zusammen mit Anatolij Tschepiga, einem der Verdächtigen im Fall Skripal.

"Die Hand, nicht das Hirn"

Der Geheimdienstexperte Mark Galeotti vom "Royal United Services Institute", einem sicherheitspolitischen Thinktank in London, hält es für unwahrscheinlich, dass es sich bei Einheit 29155 um eine Art strategische Zentrale handle. "Sie ist die Hand, nicht das Hirn", sagt Galeotti dem SPIEGEL. Die Mitglieder der Einheit seien eher "schwere Jungs", die man losschicke, "wenn jemand umgebracht oder etwas in die Luft gesprengt werden soll". Eine smarte Einheit, die - wie im "Times"-Artikel nahegelegt - umfassend und strategisch die Destabilisierung Europas betreibe, könne er nicht erkennen.

Der GRU gilt in westlichen Sicherheitskreisen als ein Instrument der hybriden Kriegführung Russlands in Europa: einer Kombination aus Propaganda, Desinformation, Cyberangriffen und militärischer Konfrontation. Er ist nicht der einzige russische Geheimdienst, dem Attentate im Ausland zugeschrieben werden. So gilt etwa der Inlandsgeheimdienst FSB als Urheber des Mordes am Überläufer Alexander Litwinenko 2006 in London.

Laut Galeotti unterscheiden sich die Operationen der beiden Dienste im Ausland dennoch grundsätzlich. Die Vorstellung, die der FSB von der inneren Sicherheit Russlands habe, mache nicht an den Grenzen Russlands halt. Deshalb werde der Inlandsgeheimdienst auch im Ausland tätig. "Ich wäre zum Beispiel nicht überrascht, wenn der Mord vor Kurzem in Berlin eine FSB-Operation gewesen ist, denn sie haben es bisweilen auf Tschetschenen abgesehen", sagt Galeotti. (Mehr zu dem Fall lesen Sie hier.) Dennoch sei das primäre Anliegen des FSB die innere Sicherheit, sie seien in erster Linie "politische Polizisten".

Anders ist es demnach beim GRU. Er sei aggressiver und militärischer. Operationen im Ausland gehören zu seiner Kernkompetenz.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, russische Medien hätten in der Vergangenheit über die Existenz der Einheit berichtet. Tatsächlich handelt es sich bei "Radio Svoboda" um ein US-finanziertes russischsprachiges Medium. Wir haben die Formulierung korrigiert.

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