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Politik

Macrons Umgang mit Notre-Dame

Der Brandmeister

Frankreich weint um seine Kathedrale - für den angeschlagenen Präsidenten Macron aber könnte die nationale Katastrophe eine Chance sein. Er kann, er muss sich jetzt beweisen. Viel Zeit bleibt ihm nicht.

Philippe Wojazer/ DPA

Emmanuel Macron (Mitte) vor der Kathedrale Notre-Dame

Eine Analyse von Britta Sandberg, Paris
Dienstag, 16.04.2019   17:39 Uhr

Am Tag nach dem Flammeninferno starren die Pariser wortlos auf schwarze Steine, auf das ausgebrannte Dach von Notre-Dame, liegen auf der benachbarten Ile St. Louis noch immer über Hunderte Meter Feuerwehrschläuche auf dem Boden. Die Menschen weinen nicht mehr, aber sie reden auch nicht viel an diesem sehr grauen, sehr traurigen Dienstag.

Der Europawahlkampf ist seit dem Brand ausgesetzt, die konservativen Republikaner sagten noch in der Nacht ein geplantes großes Meeting in Nîmes ab. Nathalie Loiseau, die Spitzenkandidatin der Regierungspartei "La République en Marche", annullierte am Morgen alle anstehenden Wahlkampftermine. Selbst der sonst so polternde Linke und ehemalige Marxist Jean-Luc Mélenchon forderte eine 24-stündige politische Pause: "Dieses Gebäude ist wie ein Familienmitglied für uns, momentan sind wir alle in Trauer."

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Brand in Notre-Dame: Einsatz an der Kathedrale

Die Zeit steht nun still, wie nach einem Terroranschlag - die Pariser kennen das, und doch ist diesmal alles anders.

Denn es gibt bisher keine Schuldigen für den Brand, die Pariser Staatsanwaltschaft hat den Terrorverdacht früh weitgehend ausgeschlossen. Die Ermittlungen lassen sich eher schwierig an und werden aller Voraussicht nach lange dauern. Es gibt diesmal auch keine Opfer, deren Namen und Biografien am Tag danach in den Zeitungen ausgebreitet werden, sieht man von einem verletzten Feuerwehrmann ab.

Das Besondere an der Katastrophe

Als Notre-Dame brannte, zum ersten Mal seit fast 900 Jahren, wurden alle Franzosen Opfer - das ist das Besondere an dieser Katastrophe, die das Land in einem fragilen, verletzlichen Moment trifft: Sei Monaten spalten die Proteste der Gelbwesten-Bewegung die Nation in verschiedene Lager, kommt Frankreich nicht zur Ruhe.

Wochenlang ist Präsident Emmanuel Macron durch das Land gefahren, um in bis zu achtstündigen Mammutsitzungen mit seinen unzufriedenen Bürgern zu reden. Um zu beweisen, dass er auch zuhören kann. Dabei ging es oft um Dinge wie unvollendete Umgehungsstraßen oder eine schlechte Schulbusversorgung. Das Fazit dieser Grand Débat, dieser großen Debatte mit dem eigenen Volk, wollte er Montagabend um 20 Uhr in einer Fernsehansprache an die Nation ziehen und erste Maßnahmen verkünden. Tagelang hatte er sich minutiös darauf vorbereitet, am Sonntagabend seine engsten Berater ins Élysée bestellt, um letzte Abstimmungen vorzunehmen.

Die Rede sollte den zweiten Teil seiner Amtszeit einläuten, die Krise beenden und einen Neuanfang markieren. Erwartet wurden Steuersenkungen für Geringverdiener und Teile der Mittelschicht, eine Anhebung der Rente, aber irgendwie auch der ganz große Wurf, von dem bisher niemand aus Macrons näherem Umfeld zu sagen wusste, wie er aussehen könnte. Dann fing das Dach von Notre Dame Feuer.

Präsident Macron - für die Stürme gemacht

Der Präsident erfuhr davon um 19 Uhr, da hatte er gerade seine Rede aufgezeichnet. 40 Minuten später ließ er die Fernsehansprache absagen. Es war die richtige Entscheidung. Weitere 13 Minuten später stürzte der schmale Mittelturm von Notre-Dame brennend vom Dach.

Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2017 hatte Macron dem Schriftsteller Emmanuel Carrère gesagt, er sei nicht geeignet dafür, in stillen Zeiten zu regieren. Er sei für die Stürme gemacht. Wer ihn in seiner bisherigen Amtszeit beobachtet hat, der weiß, dieser Präsident ist immer dann am besten, wenn er kämpfen muss, wenn keine Zeit für Selbstzufriedenheit bleibt. Insofern sind die Bedingungen für ihn gerade optimal.

Kaum ein anderes Bauwerk in dieser an schönen Gebäuden so reichen Stadt ist den Franzosen so nah wie der gotische Sakralbau, in dem 1805 Napoleon zum Kaiser gekrönt wurde. Nicht das Panthéon, nicht der Eiffelturm, auch nicht der Louvre. Notre-Dame überstand die Französische Revolution und zwei Weltkriege nahezu intakt und die Kirche wurde zum Ort großer republikanischer Momente.

Am 26. August 1944 beging Général de Gaulle hier mit einer religiösen Zeremonie die Befreiung von Paris, nach seinem Triumphzug über die Champs-Élysées. Kurz zuvor hatte er den, mit der Pétain-Regierung sympathisierenden Bischof der Kathedrale absetzen lassen. 26 Jahre später fand in Notre-Dame die Trauerfeier für den General statt. Und im Januar 1996 weinte Helmut Kohl hier um seinen Freund, den verstorbenen Staatspräsidenten François Mitterrand.

Bisher alles richtig gemacht

Es ist selten, dass eine Nation kollektiv um ein Bauwerk trauert - welches, so fragt man sich, wäre das zum Beispiel in Deutschland: das Brandenburger Tor, der Reichstag, die Elbphilharmonie?

Bisher hat Macron alles richtig gemacht, seit der Brand die politische Agenda außer Kraft setzte. "Wir werden Notre-Dame vollständig wieder aufbauen, weil sie unser Schicksal, unsere Geschichte ist", erklärte er kurz vor Mitternacht, da stand die Kirche noch in Flammen. Dann lobte er die Feuerwehrleute, diese "Soldaten des Feuers". Es ist die Zeit der großen Gesten, heute spricht Macron mit dem Papst, morgen soll der Ministerrat ausschließlich über die anstehende Restaurierung von Notre-Dame beraten.

Im Video: "Die Franzosen fühlen sich tief getroffen"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Präsident hat die nationale Katastrophe zu seiner ureigensten Aufgabe erklärt - in der Hoffnung, die Franzosen so hinter sich zu versammeln. Die Momente, in denen das gelingen kann, sind erfahrungsgemäß kurz. François Hollande gelang dies nach den Pariser Attentaten im November 2015, New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani nach den 9/11-Anschlägen.

Das große Unglück könnte sich zu Macrons Vorteil wenden. Die am Montagabend aufgezeichnete Ansprache soll auf jeden Fall so nicht mehr ausgestrahlt werden, hieß es heute aus dem Élysée.

Am Dienstagabend, etwa 24 Stunden, nachdem der Brand sich durch die Kathedrale zu fressen begann, spricht Macron zu den Franzosen: In einer sechsminütigen Rede kündigt er an, Notre-Dame solle binnen fünf Jahren wieder aufgebaut werden - noch schöner als zuvor.

insgesamt 65 Beiträge
MatthiasPetersbach 16.04.2019
1. ...was gibts da zu beweisen?
Das Ding wird wieder "aufgebaut" - ANDERS kann Herr Macron ja garnicht entscheiden - und das ist jetzt nicht SO die große Aufgabe. Zumindest nicht für einen Präsidenten, sondern eher für dessen Arbeiterstab. Das [...]
Das Ding wird wieder "aufgebaut" - ANDERS kann Herr Macron ja garnicht entscheiden - und das ist jetzt nicht SO die große Aufgabe. Zumindest nicht für einen Präsidenten, sondern eher für dessen Arbeiterstab. Das kann man durchaus reell und souverän angehen. Geld ist ja da - und zur Not geht man nochmal sammeln. Hat in Dresden ja auch geklappt. Bei aller Identifikation der Franzosen mit dieser Kirche (warum eigentlich?) sollte man nicht vergessen, daß die nur eher zufällig den Lauf der Zeit überstanden hat. Ohne Napoleon wäre die wohl abgerissen worden und ohne Victor Hugo wäre sie sowieso nicht im Blickfeld. Und ohne LeDuc im 19ten Jahrhundert hätte sie garkeinen Spitzturm. Großbrand,Riesenschaden, Katastrophe - klar - so weit so schlecht. Aber für mich ist da ziemlich viel überhöhtes Pathos und Gewese drumrum. Klar, wenn man als Bürger das Stadtbild und den Dom so gewohnt war, vermisst man was. Aber das wird ja wieder ergänzt - Hauptsache die Stein-Struktur hat nix bis wenig abbekommen - wobei ich mir da nach nem stundenlangen feuer nicht so sicher bin. Aber das müssen - und werden - Qualifiziertere entscheiden.
Schartin Mulz 16.04.2019
2. Macron
hat gesagt, was jeder Präsident an seiner Stelle gesagt hätte. Das jetzt zu nutzen, um den angeschlagenen Präsidenten wieder hochzujubeln, ist schon sehr durchschaubar.
hat gesagt, was jeder Präsident an seiner Stelle gesagt hätte. Das jetzt zu nutzen, um den angeschlagenen Präsidenten wieder hochzujubeln, ist schon sehr durchschaubar.
Hokuspokus 16.04.2019
3. OK, wenn ich das richtig verstanden habe...
.. ist in Paris eine sehr alte und historisch wertvolle Kathedrale abgebrannt ( Vor der ich schon das eine oder ander Mal saß habe und ein Eis dabei schleckte) Jetzt wird diese Kathedrale wieder aufgebaut - Geld fließt hierfür [...]
.. ist in Paris eine sehr alte und historisch wertvolle Kathedrale abgebrannt ( Vor der ich schon das eine oder ander Mal saß habe und ein Eis dabei schleckte) Jetzt wird diese Kathedrale wieder aufgebaut - Geld fließt hierfür in Strömen - Verletzt wurde glücklicherweise auch niemand. Es war kein Terror, kein Verbrechen, einfach altes trockenes morsches Holz, dass durch Bauarbeiten oder Nachlässigkeit wie Zunder gebrannt hat. Dann könnten wir uns doch jetzt eigentlich mal den anderen wichtigen Dingen die so in der Welt passieren. Den kleine Spitzturm habe ich gefühlt 800 mal in Zeitlupe fallen sehen, habe sämtliche Feuerwehrleute und Sachverständige der Republik per TV kennengerlernt und auch sonst drehen sich die Kommentare in allen Medien im Kreis. Denn - eine abgebrannte Kirche ist nunmal eine abgebrannte Kirche. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn man sie wieder aufbauen kann - wunderschön! Dennoch brauche ich nicht noch auch die Kirchenmaus in einer Talkshow demnächst die uns erzählt, wie sie dem Inferno entkommen ist. Oder habe ich da etwas nicht verstanden, an dem Ereignis? Ist sonst wirklich nichts los auf der Welt, das sonst noch zu berichten wäre?
daniel.schoenpflug 16.04.2019
4. Sacre
Dem Artikel kann ich in allen Punkten zustimmen - nur Napoleons Kaiserkrönung war nicht 1805, sondern 1804 (2.12.)
Dem Artikel kann ich in allen Punkten zustimmen - nur Napoleons Kaiserkrönung war nicht 1805, sondern 1804 (2.12.)
linoberlin 16.04.2019
5. die Franzosen
inklusive ihr Präsident, werden mit der Angelegenheit schon klarkommen. Versagt hat in Deutschland Steinmeier, Merkel, Maas. Heute wäre der Tag gewesen, den Franzosen Mut zu machen und sie zu trösten. Ein Hinweis auf die [...]
inklusive ihr Präsident, werden mit der Angelegenheit schon klarkommen. Versagt hat in Deutschland Steinmeier, Merkel, Maas. Heute wäre der Tag gewesen, den Franzosen Mut zu machen und sie zu trösten. Ein Hinweis auf die Frauenkirche in Dresden. Herrn Burger nach Paris entsenden. Und noch viel mehr, um am lebendigen Beispiel zu zeigen, dass solche Wunden verheilen können und dass gute Nachbarn sich gegenseitig helfen. Totales Versagen unserer Eliten.

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