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Politik

Spenden für Notre-Dame

Dafür ist Geld da

In Frankreich überbieten sich die Superreichen mit Spenden für den Wiederaufbau von Notre-Dame. Gleichzeitig wüten die Gelbwesten und verlangen Geschenke. Es ist Zeit für ein weltliches Wunder.

Stephane de Sakutin / AFP

Kathedrale Notre-Dame in Paris nach dem Brand

Eine Kolumne von
Dienstag, 23.04.2019   11:38 Uhr

Wer noch etwas werden will, muss ganz vorne dabei sein. Die Feuerwehr kämpfte noch gegen die Flammen, da erkannte Friedrich Merz bereits das politische Potenzial der Brandkatastrophe von Notre-Dame: "Wir sollten eine Bürgerinitiative ins Leben rufen, die im ganzen Land Spenden sammelt für den Wiederaufbau dieses überragenden europäischen Kulturguts", twitterte der aufstiegsorientierte CDU-Mann am Abend des Brandes von Notre-Dame.

Da kann man nur sagen: Respekt. So macht man das. Die aktuelle Krise aufgreifen und mit eigenem Engagement verknüpfen, damit jeder weiß: Der schaut nicht nur zu, wenn's brennt. Der tut etwas.

Merz war freilich nicht der einzige. Angesichts der unerträglichen Bilder des leidenden Gebäudes rollte eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft an, die bis heute nicht abgeebbt ist. Sagenhafte 900 Millionen Euro sollen mittlerweile für den Wiederaufbau zusammengekommen sein, vielleicht schon eine ganze Milliarde. Allein 500 Millionen wollen die französischen Unternehmerfamilien Arnault (Moët, Hennessy, Louis Vuitton), Pinault (Gucci, Yves Saint Laurent, Balenciaga) und Bettencourt-Meyers (L'Oréal) geben, der Mineralölkonzern Total legt noch weitere 100 Millionen drauf. Unfassbar viel Geld.

Es sind dieselben Leute, die sonst über zu hohe Steuern schimpfen, die nun für Notre-Dame gar nicht genug Geld loswerden können. Woher kommt diese plötzliche Großzügigkeit? Die Antwort gibt ein schönes französisches Wort: Prestige.

Wer für Notre-Dame spendet, verewigt sich in der französischen Geschichte. Frankreich ist ein Zentralstaat, Paris sein Zentrum, und Notre-Dame das Zentrum dieses Zentrums. Auf dem Platz vor der Kathedrale ist der französische "Kilometer null" eingelassen, alle Wege starten hier und führen hierhin. Nirgends bietet sich eine so gute Geldanlage für Menschen, denen es darum geht, dass ihr Name unsterblich wird. Und darum, per Spendenquittung Steuern zu sparen.

Selbstverständlich ist es richtig, die Kathedrale wieder aufzubauen. Sie ist mehr als ein altes Gebäude, ihre Bedeutung als nationales und europäisches Denkmal, als Ort der Kultur und Religion ist kaum zu überschätzen. Man muss kein Champagner-Unternehmer, kein Franzose und kein Christ sein, um das zu begreifen. Es ist deshalb eine gute Nachricht, dass der französische Kulturminister Franck Riester die Kathedrale als "fast gerettet" bezeichnet.

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Gleichzeitig ist jedoch der Zorn derer nachvollziehbar, denen stets gesagt wird, man würde ja gern auch etwas für sie tun, aber leider sei dafür nicht genügend Geld vorhanden. "Notre-Dame braucht ein Dach. Wir auch" - mit dieser Forderung protestierten Mitglieder einer Obdachlosenorganisation in der Nähe der ausgebrannten Kathedrale.

Auch die profund unzufriedenen Gelbwesten hat das Geld für Notre-Dame noch wütender gemacht, über Ostern kam es wieder zu teilweise gewalttätigen Demonstrationen. Ironischerweise wollte sie der französische Präsident Emmanuel Macron just am Abend des Brandes mit umfangreichen Zugeständnissen besänftigen: mit Steuererleichterungen und Rentenerhöhungen. Seine Rede fiel aus, weil die ganze Welt gebannt auf die Flammen starrte.

Warum nicht die Eitelkeit bedienen, wenn sie die Zahlungsbereitschaft erhöht?

Diese Verschiebung könnte sich als Chance erweisen. Bis gerade eben noch wären Macrons Geschenke an die Gelbwesten eine Sünde an der kommenden Generation gewesen, denn selbstverständlich hätte die dafür aufkommen müssen, dass die heutigen Wutbürger weniger Steuern bezahlen und mehr Rente erhalten. Nach dem Brand der Kathedrale und der anschließenden Spendenrallye jedoch lässt sich nicht mehr verleugnen: Geld für die gute Sache ist vorhanden, hier, heute und offenbar im Überfluss.

Selbstverständlich könnte Notre-Dame aufgebaut und den Obdachlosen geholfen werden, um nur eine Gruppe herauszugreifen, die Hilfe benötigt. Macron müsste nur bei jenen anklopfen, deren Schatullen gerade sowieso weit offen stehen.

Vielleicht sollte man den Superreichen anbieten, sie im Gegenzug in der wieder aufgebauten Kathedrale zu verewigen. Warum nicht die Eitelkeit bedienen, wenn sie die Zahlungsbereitschaft erhöht? Wenn ein Tourist in hundert Jahren dann fragt, wer das denn sei, der da mit mildem Lächeln und von güldenem Schein umstrahlt vom Glasfenster grüßt, dem sagt der Führer: "Das ist Arnault, ein Heiliger von Notre-Dame."

Welch ein Prestige, unbezahlbar.

insgesamt 242 Beiträge
FeFe1963 23.04.2019
1. Steuervorteile abgelehnt
Für die meisten Spender wird zutreffen, daß sie ihre Spendenquittung erhalten. Der Premierminister hat gerade angekündigt, daß Kleinspenden bis 1.000 Euro sogar zu 75% direkt von der Steuer abgezogen werden können. Die [...]
Für die meisten Spender wird zutreffen, daß sie ihre Spendenquittung erhalten. Der Premierminister hat gerade angekündigt, daß Kleinspenden bis 1.000 Euro sogar zu 75% direkt von der Steuer abgezogen werden können. Die herausgestellten Großspender allerdings wollen die Steuervorteile, die ihnen zustehen, ausdrücklich nicht in Anspruch nehmen.
im_ernst_56 23.04.2019
2. Dafür ist Geld da
Wenn ich als Superreicher ein paar Millionen für den Wiederaufbau der Notre Dame spende, dann weiß ich, wofür das Geld verwendet wird. Bei meinen Steuern weiß ich nicht, für welche Zwecke der Staat das Geld ausgibt oder in [...]
Wenn ich als Superreicher ein paar Millionen für den Wiederaufbau der Notre Dame spende, dann weiß ich, wofür das Geld verwendet wird. Bei meinen Steuern weiß ich nicht, für welche Zwecke der Staat das Geld ausgibt oder in welchen dunklen Kanälen es vielleicht versickert (man muss nur den jährlichen Bericht des Bundesrechnungshofes lesen). Je mehr Steuern man zahlen muss, um so mehr wird einen das ärgern. Dann lieber spenden und von der Steuer absetzen.
aggro_aggro 23.04.2019
3. anderes Prestige
Wieso sehen die Superreichen nur in solch einem Kirchenbau Prestige? Mit einer Milliarde könnte man eine Kleinstadt bauen, 10.000 Wohneinheiten mit Infrastruktur und nach sich selbst benennen. Man könnte ein ganzes System an [...]
Wieso sehen die Superreichen nur in solch einem Kirchenbau Prestige? Mit einer Milliarde könnte man eine Kleinstadt bauen, 10.000 Wohneinheiten mit Infrastruktur und nach sich selbst benennen. Man könnte ein ganzes System an Privatschulen aufbauen, irgendein innovatives Konzept an 100 Standorten und damit die Zukunft eines Industrielandes prägen. Was man in der dritten Welt alles schaffen könnte will ich mir erst garnicht ausmalen... Mich wundert dass Multimilliardäre (bis auf Musk evtl.) so etwas nicht planen.
hardy.stiefel 23.04.2019
4. Mehr als "Prestige"
Nein, der unerwartete Geldfluss der Spender hat eher Tradition. Tolle alte Altäre zeigen in der Regel das Gesicht des größten Spenders gleich neben Jesus, die mit geringeren Summen finden sich weiter weg, je nach Höhe der [...]
Nein, der unerwartete Geldfluss der Spender hat eher Tradition. Tolle alte Altäre zeigen in der Regel das Gesicht des größten Spenders gleich neben Jesus, die mit geringeren Summen finden sich weiter weg, je nach Höhe der Spende für diesen Altar. Hier spielen weitere Faktoren eine Rolle, wenn auch unausgesprochen. Denn auch die reichen Spender haben einen Aderlass an Vermögen - und nicht nur dass. Geld ist für diesen Personenkreis wie eine Ware, welche eingesetzt wird, um Geld zu verdienen. Ohne dieses Geld wird weniger Geld verdient. Das ist diesen Kreisen sehr bewusst, nur nicht den Gelbwesten und vielen Neidern.
schwarzmalergelb 23.04.2019
5. Armselig
Haben sie sich auch über die Frauenkirche in Dresden so echauffiert als diese mit Millionenspenden von Großkonzernen finanziert wurde?
Haben sie sich auch über die Frauenkirche in Dresden so echauffiert als diese mit Millionenspenden von Großkonzernen finanziert wurde?
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