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Politik

Riad und der Fall Khashoggi

Das Ende der Legende

Saudi-Arabiens Regime behauptet, Jamal Khashoggi sei bei einer "Schlägerei" gestorben - und will die Debatte damit beenden. Dabei fängt sie erst an: Aus der Türkei werden neue Enthüllungen erwartet.

REUTERS/ TRT World

Journalist Khashoggi vor saudi-arabischer Botschaft in Ankara (Foto aus Überwachungsvideo)

Von , Istanbul
Montag, 22.10.2018   16:00 Uhr

Das Regime verspricht ein Spektakel: Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer sollen kommen. Saudi-Arabiens de facto Machthaber, Kronprinz Mohammed bin Salman, träumt von einem "Davos in der Wüste".

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Heft 43/2018
Der Prinz und der Mord
Wie ein grausiges Verbrechen die Weltpolitik erschüttert

Nun aber könnte die Investorenkonferenz in Riad, die am Dienstag beginnt, eine einsame Veranstaltung werden. Etliche Teilnehmer, darunter IWF-Direktorin Christine Lagarde, die Finanzminister Frankreichs, Großbritanniens und der USA, sowie die Chefs der Großbanken HSBC, Standard Chartered und Crédit Suisse, haben abgesagt. Sie wollen sich nicht Seite an Seite zeigen mit einem Diktator, der womöglich für den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul verantwortlich ist.

Fast drei Wochen lang hat die Regierung in Riad behauptet, nichts mit seinem Verschwinden zu tun zu haben. Als der Druck aus dem Ausland zu groß wurde, schwenkte das Regime am Wochenende um. Nun heißt es, Khashoggi sei bei einer "Schlägerei" im Konsulat gestorben. König Salman hofft, mit dieser Erklärung die Debatte über das Königshaus zu beenden. Doch es sieht so aus, als finge sie nun erst an.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat für Dienstagvormittag, pünktlich zum Beginn der Konferenz in Riad, eine Erklärung angekündigt. Es ist durchaus möglich, dass er neue Details zum Tathergang präsentiert. Seine Regierung soll, laut Medienberichten, über ein Tonband verfügen, das den Mord dokumentiert.

Erdogan kommt im Fall Khashoggi eine Schlüsselrolle zu. Türkische Behörden haben das Verschwinden des Journalisten am 2. Oktober öffentlich gemacht. Seither hat Erdogan den Druck auf Riad immer weiter erhöht, indem er Informationen über den mutmaßlichen Mord von Vertrauten an Medien hat durchstechen lassen. "Die Informationen haben den Fall zu einem internationalen Thema gemacht", sagt Präsidentenberater Yasin Aktay gegenüber dem SPIEGEL.

"Es war wie bei Tarantino"

Khashoggi hatte das Konsulat aufgesucht, um Hochzeitsdokumente zu holen. Nach Angaben der türkischen Polizei soll dort ein 15-köpfiges Mordkommando aus Riad bereits auf ihn gewartet haben. Die Männer hätten Khashoggi unter Drogen gesetzt und verprügelt. Dann sollen sie ihm, er war noch bei Bewusstsein, die Finger abgehackt haben. Und schließlich hätten sie ihn enthauptet. "Es war wie bei Tarantino", sagt ein türkischer Ermittler.

Das Regime in Riad wälzt die Verantwortung auf untergeordnete Beamte ab. Der Vizechef des Geheimdiensts wurde entlassen, 18 Beamte wurden festgenommen. König Salman versucht, seinen Sohn, Kronprinz Mohammed bin Salman (kurz MbS), aus der Schusslinie zu nehmen.

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Bislang schien MbS, 33 Jahre alt, mit seinem ruchlosen Politikstil ungestraft davonzukommen. Er konnte einen zerstörerischen Krieg im Jemen führen, den libanesischen Premier Saad Hariri kidnappen, eine Blockade gegen Katar verhängen und Widersacher in Saudi-Arabien reihenweise wegsperren, ohne dass irgendetwas davon für ihn oder sein Regime Folgen gehabt hätte.

AFP/ SAUDI ROYAL PALACE

Saudischer Kronprinz Mohammed bin Salman

Der Fall Khashoggi könnte nun ein Wendepunkt sein. Erste Staaten erwägen Sanktionen gegen Saudi-Arabien. "Der Westen und vor allem Europa dürfen nicht wegsehen aus Angst vor diplomatischen oder wirtschaftlichen Drohungen", sagt der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel im SPIEGEL. Selbst US-Präsident Donald Trump, der enge politische und geschäftliche Beziehungen zum Königshaus unterhält, hat seinen Ton gegenüber MbS am Wochenende verschärft.

Riads Schlägerei-Variante halten die allermeisten Beobachter für unglaubwürdig. "Warum haben die Saudis Offizielle, darunter einen Forensiker, nach Istanbul geschickt, wenn sie Khashoggi nur vernehmen wollten?", fragt ein türkischer Ermittler. "Wie konnten sie Khashoggi innerhalb von zwei Stunden töten und seine Leiche beiseiteschaffen, wenn sie das nicht vorhatten?"

"Wir werden nicht zulassen, dass irgendetwas verschleiert wird"

Die regierungsnahe türkische Zeitung "Sabah" hat eine Liste mit Namen und Fotos der 15 Männer veröffentlicht, die am 2. Oktober aus Riad nach Istanbul eingeflogen sind. Mindestens zwölf von ihnen haben Verbindungen zum saudi-arabischen Sicherheitsapparat. Und vor allem gehören viele dem direkten Umfeld von Mohammed bin Salman an. Das mutmaßliche Killerteam setzte sich zusammen aus jüngeren Leibwächtern des Kronprinzen. Ihnen zur Seite gestellt waren ältere Sicherheitsbeauftragte, von denen zwei direkt im Büro des Kronprinzen tätig gewesen sein sollen. Einer der Männer soll laut Medienberichten unmittelbar vor dem mutmaßlichen Mord noch mit MbS telefoniert haben.

(Eine umfangreiche Rekonstruktion des Falls aus dem aktuellen SPIEGEL finden Sie hier.)

Präsident Erdogan könnte die Legende der saudi-arabischen Regierung nun endgültig entkräften, sollte er am Dienstag das Tonband aus dem Konsulat veröffentlichen, dessen Existenz bislang nicht bewiesen ist. "Wir werden nicht zulassen, dass irgendetwas verschleiert wird", sagt Omer Celik, der Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP. Am Montag sprach er zudem über den Fall als "komplizierten Mord", der "auf blutrünstige Weise geplant" worden sei und von "beachtlichen Bemühungen, dies zu vertuschen".

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Verschwundener Journalist Khashoggi: Verzweifelte Suche nach Jamal

Das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der Türkei war bereits vor dem Verschwinden des Journalisten angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss im Nahen Osten. Ankara unterstützt die Muslimbrüder, die von Riad als Terrororganisation eingestuft werden. Im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar schlug sich Erdogan auf die Seite des Emirats. Mohammed bin Salman bezeichnete die Türkei als Teil eines "Dreiecks des Bösen".

Beobachter vermuten, Erdogan wolle von Saudi-Arabien Zugeständnisse bei Machtfragen in der Region erzwingen, etwa im Katar-Konflikt. Denkbar ist auch, dass Ankara von Riad Hilfsgelder für die angeschlagene türkische Wirtschaft einfordern wird. "Wir können Mohammed bin Salman einen Ausweg aus der Affäre bieten, oder ihn durch Enthüllungen noch weiter unter Druck setzen", sagt ein türkischer Regierungspolitiker dem SPIEGEL. "Die Frage ist, was ist dem Prinzen sein Ruf wert?"

Im Video: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"

Foto: SPIEGEL ONLINE
insgesamt 95 Beiträge
Vogel VT 22.10.2018
1. Guckst und liest du deutsche Einheitsmedien
wird stets darauf hingewiesen, dass die Türken die lieben Saudis nicht gut leiden können. Was wohl auch stzimmt, und trotzdem oder gerade deswegen kommt der Eindruck auf, dass die Waffen- und Militärindustrie unsere geliebte [...]
wird stets darauf hingewiesen, dass die Türken die lieben Saudis nicht gut leiden können. Was wohl auch stzimmt, und trotzdem oder gerade deswegen kommt der Eindruck auf, dass die Waffen- und Militärindustrie unsere geliebte Kanzlerin und ihr Team genau so am Nasenring in der Manege herumführen kann wie die Kollegen von den Autokonzernen.
prometheusxl 22.10.2018
2. Abscheulich!
Ich weiss nicht was ich schlimmer finden soll, die Tat als solche oder das Geschacher der Türken, um daraus für die eigenen Zwecke Kapital zu schlagen, falls das deren Absicht sein sollte. Das sind widerliche Methoden von und [...]
Ich weiss nicht was ich schlimmer finden soll, die Tat als solche oder das Geschacher der Türken, um daraus für die eigenen Zwecke Kapital zu schlagen, falls das deren Absicht sein sollte. Das sind widerliche Methoden von und zwischen widerlichen Typen. Und wir unterhalten zu diesen Widerlinge Beziehungen und erkaufen denen Waffen? Was, wenn die Widerlinge sich eines Tages entschließen, die Tötungsmaschinerie, die wir haben aufbauen helfen, gegen die Lieferanten einzusetzen?
mwroer 22.10.2018
3.
Ich bin grundlegend immer misstrauisch wenn Tonaufnahmen, zumal rein digital vorliegende, erst nach vielen Wochen der Öffentlichkeit präsentiert werden. Vor allem aus einer solchen Quelle - ich bin gespannt wie viel dazu [...]
Ich bin grundlegend immer misstrauisch wenn Tonaufnahmen, zumal rein digital vorliegende, erst nach vielen Wochen der Öffentlichkeit präsentiert werden. Vor allem aus einer solchen Quelle - ich bin gespannt wie viel dazu geschnitten wurde :) Bevor es Missverständnisse gibt: Keine Frage dass das Mord war und kein Versehen, im Auftrag des Kronprinzen von Saudi-Arabien!
fabische 22.10.2018
4. Wieso berichtet SPON nicht aktuell über den Kashoggi Doppelgänger
Liebes SPON Team, wieso macht Ihr einen rein spekulativen Kashoggi-Text zum Aufmacher, wo es doch längst handfeste Fakten gibt, die die offizielle Darstellung der Saudis als Lüge entlarven? Denn wäre der Mord an Kashoggi [...]
Liebes SPON Team, wieso macht Ihr einen rein spekulativen Kashoggi-Text zum Aufmacher, wo es doch längst handfeste Fakten gibt, die die offizielle Darstellung der Saudis als Lüge entlarven? Denn wäre der Mord an Kashoggi wirklich nicht geplant gewesen, hätte sich das Hit Squad nicht die Mühe gemacht, einen Kashoggi Doppelgänger mitzubringen. Videoaufnahmen beweisen das, wie CNN und der Guardian berichten. https://www.theguardian.com/world/2018/oct/22/cctv-footage-appears-to-show-jamal-khashoggi-body-double-in-istanbul
realist2017 22.10.2018
5. Na..
... da scheint Erdogan und die Türkei ja richtiges Interesse an einer echten Aufklärung zu haben: "Wir können Mohammed bin Salman einen Ausweg aus der Affäre bieten oder ihn durch Enthüllungen noch weiter unter Druck [...]
... da scheint Erdogan und die Türkei ja richtiges Interesse an einer echten Aufklärung zu haben: "Wir können Mohammed bin Salman einen Ausweg aus der Affäre bieten oder ihn durch Enthüllungen noch weiter unter Druck setzen ... Die Frage ist, was ist dem Prinzen sein Ruf wert?" - wenn Gangster mit Gangstern... Was ein ekelhaftes Schauspiel... Ist Erpresserei eine Art Hobby von Erdogan?

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