Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Reportage aus Sri Lanka

Die Hölle in der Kirche

Nach den Anschlägen in Sri Lanka herrschen Trauer, Schock und blankes Entsetzen. Viele Menschen, noch traumatisiert durch den Bürgerkrieg, befürchten eine neue Welle der Gewalt und des religiösen Hasses.

Christian Werner
Aus Colombo berichten Fritz Schaap und Christian Werner (Fotos)
Montag, 22.04.2019   20:30 Uhr

Ein wenig mehr als eine Stunde bevor die Hölle Anstalten macht, zurückzukehren in Malith Wimannas Leben, bevor aus der Ferne die Schreie "Vorsicht Bombe!" herüberwehen werden, steht der 31-Jährige in schwarzem Synthetik-Shirt und weiter blauer Jogginghose im Garten des Hauses seiner Eltern in Negombo, etwa 30 Kilometer nördlich von Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Einem mehrheitlich katholischen Vorort, den sie hier auch Klein-Rom nennen.

Mehr als fünfzig Leute, die meisten in weißen Hemden und weißen Kleidern, haben sich unter Sonnensegeln versammelt. Weiß, die Farbe der Trauer. Im Haus liegen seine Eltern. In zwei Särgen, mit Blumen dekoriert. "Es ist alles vorbei", sagt er.

Christian Werner

Malith Nicola Wimanna

Etwas mehr als 24 Stunden vorher ist das Land von einer Anschlagserie heimgesucht worden, die selbst für das kleine Land, in dem bis vor zehn Jahren ein blutiger Bürgerkrieg herrschte, ungekannte Ausmaße annahm.

Bomben explodierten in drei Hotels, drei Kirchen, dann in einem Gästehaus und in einem Hauskomplex bei der Festnahme der vermeintlichen Täter.

"Es wird Gewalt geben"

Das Land steht seither unter Schock. Tagsüber wirkt Colombo, die Hauptstadt Sri Lankas mit ihren 800.000 Einwohnern, mit ihrem kolonialen Zentrum und der modernen Hochhausskyline, recht normal. Es gibt weniger Stau als sonst, die Straßen sind voll mit Militär. Aber die Strände, die sonst voll sind mit Touristen, sind menschenleer.

Die drei von den Anschlägen getroffenen Luxushotels sind mehrheitlich evakuiert, die Gäste sind abgereist, so wie ohnehin Tausende Touristen gerade versuchen, den Inselstaat zu verlassen. Am Abend schließlich ist die Stadt wie ausgestorben. Ab acht Uhr abends herrscht Ausgangssperre, niemand traut sich raus, es herrscht Angst vor neuen Anschlägen. Viele Menschen in der Stadt fürchten, dass der Terror die alten Bürgerkriegswunden wieder aufreißt, zehn Jahre nachdem das Morden zu Ende gegangen ist. Drei Tuktuk-Fahrer sind sich sicher: Der "Islamische Staat" stecke dahinter.

Bereits zehn Tage zuvor, so gibt die Regierung nun zu, habe es Warnungen gegeben. Gehandelt wurde nicht. Nun sind mindestens 290 Menschen tot und mehr als 500 verletzt. Die Regierung macht am Montag die islamistische Gruppe National Thowheed Jamaath verantwortlich. Unterstüzt worden sei sie von Militanten aus dem Ausland.

Gewalt gegen Minderheiten durch die buddhistische Mehrheit ist nichts Neues in dem Inselstaat. Gewalt von Muslimen gegen Christen aber, gerade in diesen Ausmaßen, hat es so nie gegeben.

Fotostrecke

Anschlag mit etwa 250 Toten: So sinnlos

Wimanna steht vor dem orangefarbenen Haus seiner Eltern, verloren und einsam. Er musste eine Konferenz vorbereiten am Morgen des Ostersonntages, sagt der IT-Experte. Deswegen war er nicht in der Messe. Deswegen lebt er noch.

"Ich bin in die St. Sebastian Kirche gefahren, nachdem ich die Explosion gehört habe", sagt er. "Ich kam in der Hölle an." Er betritt kurz nach der Explosion, die um 8:45 Uhr mindestens 104 Menschen tötet und das Kirchenschiff verwüstet, das Gotteshaus. "Zwanzig bis dreißig Körper lagen um mich herum."

Er erkennt seinen Vater. Sein Gesicht fehlt.

Er holt sein Telefon aus der Tasche. "Hier sind sie zusammen", sagt er. Auf dem Foto liegen zwei Körper, die Gliedmaßen vom Rumpf gerissen, die Haut dunkel von der Hitze der Explosion. Seine Mutter und sein Vater.

"Ich hätte nie gedacht, dass Muslime uns so etwas antun würden", sagt er. Er glaube weiter an ein friedliches Nebeneinander. "Gewalt sollte nicht die Antwort sein. Aber das ist nur meine Meinung. Andere werden das anders sehen." Hinter ihm setzt sich ein Priester in den Schatten. "Es wird Gewalt geben", sagt Wimanna.

"Wir hauen diese Leute alle weg"

Draußen, vor dem Eisentor auf der Katuwapitiya Straße, patrouillieren Armee und Polizei. Ein weiterer Sarg wird vorbeigetragen. Fast in jedem zweiten Garten sitzen Beerdigungsgesellschaften, im Schatten der Palmen. Ein paar Hundert Meter weiter liegt die St. Sebastian Kirche. Menschen versammeln sich vor den Toren. Priester schreiten durch das schwere Tor, ein paar buddhistische Mönche überbringen ihre Kondolenzen.

Wenig mehr als hundert Meter weiter greifen einige junge Christen pakistanische Einwanderer an. "Wir hauen diese Leute alle weg", sagen sie. Ein Polizist sagt, es gebe keine Ausschreitungen. Alles sei normal.

Fotostrecke

Sri Lanka: Mutmaßlicher Anschlag erschüttert Inselstaat

Plötzlich heben die Soldaten die Gewehrkolben, gestikulieren, gehen auf die trauernde Menge zu, schreien. "Eine Bombe", echot es vor der Kirche. Panik breitet sich aus, die Menschen fliehen die Straßen hinunter. Eine rotes Paket sei in der Kirche gefunden worden, sagt ein Soldat. Wenige Minuten später gibt es Entwarnung. Bereits am Sonntag hatte das US-Außenministerium mitgeteilt, man gehe davon aus, dass ein Risiko für weitere Angriffe bestehe.

Hinter der Kirche sitzt Schwester Sagarika (Name geändert). Eine kleine Frau mit weit vorstehenden Zähnen. Sie hatte gerade die Kommunion beendet und war in die Sakristei gegangen, als der junge Mann, der kurz zuvor mit einer großen Tasche in der Hand in die Kirche gekommen war, den Sprengstoff zündete.

Im Video: Weitere Explosionen in Sri Lanka

Foto: REUTERS

"Ich dachte zuerst, es war ein Erdbeben", sagt sie. Nach wenigen Minuten ging sie zurück in die Kirche. Staub hing in der Luft, sie sah nur den Priester. Er weinte. Sie ging einen Schritt weiter, dann sah sie einen Kopf auf einer Bank liegen. Dann rannte sie hinaus.

"Seit zehn Jahren waren wir doch glücklich"

"Wir dachten, wir sind sicher", sagt sie, und ihre Stimme bricht. "Jetzt ist das schwer zu glauben. Wenn es sogar in Kirchen passieren kann ..." Sie vollendet ihren Satz nicht, schaut zu Boden. "Seit zehn Jahren waren wir doch glücklich." Damals endete der Bürgerkrieg in Sri Lanka. "Wenn die Regierung schon vorher wusste, dass Anschläge geplant waren, dann hätten sie doch etwas tun müssen."

Aus dem Vordereingang der Kirche tragen Helfer die Kirchenbänke. Blut klebt an ihnen, Haare, Knochenreste haben sich wie Schrapnelle ins Holz gebohrt. Ein Mann trägt den Kopf einer Jesus-Statue in seinen Händen.

Befürchtet sie, dass die Regierung sich mehr um die Sicherheit der Buddhisten kümmert, als um die der Minderheiten? Sie schaut wieder zu Boden. Rollt leicht mit den Augen. Dann lächelt sie, nickt vorsichtig und sagt: "Dazu sollte ich nichts sagen. Wir müssen Gott bitten, dass er uns beschützt."

Während Schwester Sagarika redet, lässt das Bombenentschärfungskommando vor der verwüsteten St. Anthony's Kirche in Colombo, die bereits am Sonntag Ziel eines Anschlags war, und deren Turmuhr noch auf 8:45 Uhr steht, dem Zeitpunkt als die erste Bombe explodierte, eine Autobombe kontrolliert detonieren. Etwa zur gleichen Zeit wird die Hauptverkehrsstraße zwischen Negombo und Colombo wegen eines verdächtigen Autos gesperrt.

Auf den Handys der Menschen um Schwester Sagarika herum verbreitet sich die Nachricht.

Sie weint.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP