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Politik

Anschlag in Straßburg

Ermittler suchen weiter nach Chérif Chekatt

Die Polizei fahndet auch am zweiten Tag nach dem Anschlag von Straßburg nach dem mutmaßlichen Attentäter. Über Chérif Chekatts Flucht werden immer neue Details bekannt. Die Zahl der Todesopfer ist gestiegen.

DPA

Soldaten patrouillieren nahe dem Straßburger Weihnachtsmarkt

Donnerstag, 13.12.2018   12:42 Uhr

Die Polizei in Frankreich und Deutschland sucht nach dem schweren Terroranschlag mit mehreren Toten in Straßburg weiter intensiv nach dem mutmaßlichen Attentäter. Chérif Chekatt war am Dienstagabend auf der Flucht vor der Polizei von Soldaten verletzt worden und spurlos verschwunden. Der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Rémy Heitz sagte: "Der Terrorismus hat erneut unser Gebiet getroffen." Zeugen hätten den Angreifer "Allahu Akbar" (Allah ist groß) rufen hören.

Der polizeibekannte Gefährder Chekatt war vor dem Terroranschlag nahe dem Straßburger Weihnachtsmarkt seiner Festnahme offenbar nur knapp entgangen. Wie die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, habe sich der Franzose mit nordafrikanischen Wurzeln zusammen mit Komplizen in seiner Wohnung befunden, als die Polizei zuschlug. "Allerdings konnte der spätere Straßburg-Schütze fliehen", schreibt die Zeitung. Eine Bestätigung für diese Angaben gibt es bislang nicht.

Drittes Opfer stirbt

Chekatt hatte am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßburger Innenstadt eröffnet. Zwei Menschen wurden getötet, darunter ein 45 Jahre alter Tourist aus Thailand. Ein drittes Opfer erlag laut dem Büro der Staatsanwaltschaft nun seinen Verletzungen, ein viertes Opfer sei hirntot. Elf weitere Menschen wurden verletzt. Deutsche seien nach derzeitigem Kenntnisstand nicht unter den Opfern, hieß es aus dem Auswärtigen Amt.

Die Behörden gehen von einem islamistischen Terroranschlag aus. Am Morgen vor der Tat hatte die französische Polizei Chekatts Wohnung aufgesucht, um ihn im Zusammenhang mit "einer versuchten Tötung" bei einem Raubüberfall zu verhaften. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler eine Granate, Munition und vier Messer.

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Trauer in Straßburg

Der mutmaßliche Täter sei nach dem Anschlag mit einem Taxi entkommen, etwa zehn Minuten damit gefahren und dann ausgestiegen, berichtete Staatsanwalt Heitz. Mit einem Großaufgebot versuchten Beamte in und um die elsässische Stadt und an der nahe gelegenen Grenze zu Deutschland, den Angreifer zu stoppen - bislang ohne Erfolg.

Berichte: Anruf aus Deutschland vor der Tat

Der Sender RBB und die "Bild"-Zeitung berichteten jeweils unter Berufung auf Sicherheitskreise, Chekatt sei unmittelbar vor der Tat aus Deutschland angerufen worden. Laut RBB nahm er den Anruf jedoch nicht an. Unklar sei, wer ihn angerufen habe und warum. Dieser Frage gingen deutsche Ermittler nun nach.

Die französische Polizei hatte am Mittwoch ein Fahndungsfoto des Attentäters veröffentlicht - samt Täterbeschreibung. Auch süddeutsche Bundespolizei-Stationen, das Bundeskriminalamt und die Schweizer Bundespolizei verbreiteten den Aufruf der Police Nationale.

Im Zeugenaufruf der Polizei heißt es: "Der Mann ist gefährlich, bitte nicht selbst eingreifen." Der Gesuchte sei 29 Jahre alt, 1,80 Meter groß, habe kurze Haare, sei vielleicht Bartträger und habe eine Narbe auf der Stirn. Der mehrfach vorbestrafte Angreifer soll sich im Gefängnis radikalisiert haben.

CDU-Innenpolitiker fordert europäische Anti-Terror-Datei

Das Innenministerium in Paris schloss nicht aus, dass der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könnte. Gesucht werde auch der Bruder des Attentäters. Auch die Schweizer Bundespolizei kontrollierte stärker die nördliche Grenze. Wegen der Fahndung bleibt auch der Weihnachtsmarkt in Straßburg am Donnerstag geschlossen.

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Fahndungsfoto nach Cherif Chekatt

CDU-Innenpolitiker Armin Schuster forderte nach dem Anschlag unterdessen eine stärkere europäische Zusammenarbeit im Anti-Terror-Kampf. "Ich würde mir wünschen, wir hätten eine gemeinsame europäische Anti-Terror-Datei", sagte er im ARD-"Morgenmagazin". Dann hätten auch die deutschen Behörden gewusst, dass der mutmaßliche Attentäter von Straßburg in Frankreich als Gefährder geführt wird.

"Ich würde mir wünschen, dass wir eine gemeinsame europäische Gefährderbewertung haben." Nötig sei ein "europäisches Bundeskriminalamt" nach dem Vorbild des FBI in den USA, "damit Nachrichtendienste und Polizeien europaweit ihre Daten zusammenbringen, gemeinsam bewerten, gemeinsam fahnden", sagte der CDU-Politiker. "Brüssel, London, Nizza, Paris sind alles Anschläge, die nicht national waren."

"Das Land wird durchgerüttelt" - Videoanalyse von SPIEGEL-Korrespondentin Julia Amalia Heyer:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Chekatt ist deutschen Behörden nach SPIEGEL-Informationen als Intensivtäter bekannt. Er saß wegen Einbruchsdelikten mehrere Jahre in Haft. Nach Behördenangaben ist der Verdächtige in Deutschland, Frankreich und der Schweiz insgesamt 27 Mal verurteilt worden.

apr/dpa/Reuters

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