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Politik

Trumps Syrien-Vorstoß

Garantie für endlosen Unfrieden

Donald Trump will die US-Truppen aus Syrien abziehen - und damit die Türkei in den Nordosten des Bürgerkriegslands einmarschieren lassen. Dieser Schritt ist ein Verrat an den Kurden und stärkt Iran.

Delil SOULEIMAN / AFP

Gepanzerter US-Truck und kurdische Demonstranten nahe der syrischen Grenze

Eine Analyse von , Beirut
Montag, 07.10.2019   16:02 Uhr

Die Mitteilung aus dem Weißen Haus klang so lapidar, als habe man mit der ganzen Sache nicht wirklich etwas zu tun: "Die Türkei wird bald mit ihrem lang geplanten Einsatz in Nordsyrien voranschreiten", hieß es im Statement von Sonntag. Die amerikanischen Streitkräfte würden diese Operation "weder unterstützen noch darin involviert sein" und nach dem Sieg über das "Kalifat" des "Islamischen Staates" in dem "unmittelbaren Gebiet" nicht mehr länger präsent sein.

Was das konkret bedeutet? Bleibt unklar. Vermutlich wissen es nicht einmal die Befehlshaber der noch etwas 1000 US-Soldaten in Nordostsyrien, vielleicht wissen es nicht einmal US-Präsident Donald Trump und Mike Pompeo, sein mittlerweile dritter Außenminister.

Die USA bescheren Iran einen Etappensieg auf dem Silbertablett

Aber eines ist diese Mitteilung gewiss: eine Konkurserklärung amerikanischer Außenpolitik. Das hat vor allem drei Gründe:

Vor zwei Jahren brach Trump das mühsam ausgehandelte, von Teheran eingehaltene Nuklearabkommen in der Absicht, Iran zu einer Art von Kapitulation zu bewegen. Ein erneutes Wirtschaftsembargo, eine hochriskante militärische Eskalation waren die Folge, ein Absturz der iranischen Wirtschaft - und nun bekommen die Radikalen Erben Khomeinis einen Etappensieg auf dem Silbertablett serviert.

Für Trumps Innenpolitik muss der Rest der Welt herhalten

Die Essenz der lapidaren Sätze aus dem Weißen Haus: Es gibt nur noch Innenpolitik, für die auch der Rest der Welt herhalten muss. Trump steht unter Druck:

Egal, welche Folgen der für Syrien hat, für die Verbündeten und nicht zuletzt auch für den Kampf gegen den IS. Der hat zwar sein offen kontrolliertes Gebiet verloren. Aber dass so etwas nicht das Ende einer Terrorgruppe bedeutet, hat al-Qaida lange genug bewiesen.

US ARMY/ EPA-EFE/ REX

Sind sie bald weg, droht ein brutaler Krieg: US-Soldaten im Nordosten Syriens

Erdogan will die Demografie Syriens verändern

Außerdem haben die SDF-Einheiten die IS-Angehörigen nicht flächendeckend massakriert, sondern Gefangene gemacht. Viele Gefangene. Etwa 10.000 Männer und 80.000 Frauen, Alte, Kinder. Die keiner haben will, auch nicht die Herkunftsländer der ausländischen IS-Kämpfer wie Frankreich und Deutschland. Die USA wollen sie auch nicht. Die Türkei solle sich um die kümmern. Was sie auch nicht tun wird.

Was nun genau im ruhigsten und - im Vergleich zu Assads Herrschaft - mit Abstand freiestem Gebiet Syriens geschehen wird, ist offen. Die türkische Armee hat Truppen und gepanzerte Fahrzeuge im Ort Akcakale zusammengezogen. Genau dort, wo die Türkei noch im Oktober 2014 gutnachbarschaftliche Beziehungen mit dem IS aufrecht erhielt und der Grenzübergang zum IS-Gebiet geöffnet blieb, während die kurdischen Bewohner von Kobane 60 Kilometer weiter westlich einen verzweifelten Kampf gegen die vorrückenden IS-Truppen führten. Dort hielt die Türkei die Grenze hermetisch verschlossen, erlaubte den USA nicht einmal die Benutzung ihres Luftwaffenstützpunktes im türkischen Incirlik, um die Kurden zu unterstützen.

Genau dort will der türkische Präsident Tayyip Erdogan nun seine Armee einmarschieren lassen: angeblich, um eine Dutzende Kilometer tiefe "Sicherheitszone" zu schaffen entlang der gesamten Grenze. Und, um syrischen Flüchtlingen die Rückkehr in die Heimat zu ermöglichen.

Adem ALTAN/ AFP

Recep Tayyip Erdogan droht mit einer Offensive gegen die Kurden in Syrien

Was er tatsächlich schaffen wird, ist eine Kampfzone, denn Kobane und die meisten kurdischen Städte liegen unmittelbar an der Grenze. Überdies kommen die allermeisten der gen Türkei geflohenen Syrer nicht aus dem Nordosten des Bürgerkrieglandes, sondern aus Homs, Aleppo, Damaskus, den arabischen Teilen. Sie nun in die Kurdengebiete zu deportieren, wäre ein Versuch der demografischen Veränderung und Garantie für endlosen Unfrieden.

Vielleicht wird diese Offensive schon sehr viel früher zum Erliegen kommen, als Erdogan und sein neo-osmanischen Strategen sich dies erträumen. Vielleicht bleiben US-Truppen vorläufig in einigen Gegenden. Vielleicht bleibt es bei einem Einmarsch in Manbidsch, jener mehrheitlich arabischen Stadt westlich des Euphrats, die die Kurden sich einverleibt haben und die Erdogan schon jahrelang für sich gefordert hat.

Das klingt befremdlich, aber auch Erdogans Motive sind innenpolitisch. Es geht ihm nicht um ein anderes Syrien, sondern um eine vergrößerte Türkei. Das jedenfalls lässt sich schließen aus der Art, wie die bereits vom türkischen Militär beherrschten Gebiete im Nordwesten Schritt für Schritt als türkische Statthalterprovinzen behandelt werden.

Sicher ist nur eines: dass die USA unter Trump gar kein Interesse mehr haben an einer Außenpolitik, die sich auch um ihre Folgen schert.

insgesamt 125 Beiträge
Dustinthewind 07.10.2019
1. Was will man von Trump auch anderes erwarten als ...
... im Zweifelsfall "Verrat", der Beziehungen nach reinen Nützlichkeitsgesichtspunkten pflegt?
... im Zweifelsfall "Verrat", der Beziehungen nach reinen Nützlichkeitsgesichtspunkten pflegt?
dietmr 07.10.2019
2. Wenn man nicht ...
... bisher schon an der Trump'schen Außenpolitik verzweifelt wäre, man müsste es spätestens jetzt ...
... bisher schon an der Trump'schen Außenpolitik verzweifelt wäre, man müsste es spätestens jetzt ...
megamekerer 07.10.2019
3. Wieso Iran?!
Es ist ja eine Schande was USA jetzt dort veranstalten und noch schlimmer ist diese türkische Invasion, aber was sollte Iran davon profitieren? Ich denke hier wird die Sache eine andere Wendung bekommen und eine Koalition der [...]
Es ist ja eine Schande was USA jetzt dort veranstalten und noch schlimmer ist diese türkische Invasion, aber was sollte Iran davon profitieren? Ich denke hier wird die Sache eine andere Wendung bekommen und eine Koalition der Kurden und Assad statt finden. Der Krieg in Syrien wird noch etliche Jahren weitergehen.
rgw_ch 07.10.2019
4. Völkerrecht?
Wie ist eigentlich die völkerrechtliche Bewertung eines Einmarsches? Würde diese Frage nicht zu einer seriösen Analyse gehören? Sie werden das eh löschen, aber vielleicht denken wenigstens Sie, der Zensor ja mal darüber [...]
Wie ist eigentlich die völkerrechtliche Bewertung eines Einmarsches? Würde diese Frage nicht zu einer seriösen Analyse gehören? Sie werden das eh löschen, aber vielleicht denken wenigstens Sie, der Zensor ja mal darüber nach?
Tschepalu 07.10.2019
5. Was Wunder..
verlass dich auf die US Boys und du bist verlassen!
verlass dich auf die US Boys und du bist verlassen!

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