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Politik

Macrons Syrienpolitik

Der letzte Verbündete der Kurden

Durch den Abzug der US-Soldaten stellt Frankreich plötzlich das größte westliche Truppenkontingent in Syrien. Den rund 200 Spezialkräften droht eine direkte militärische Konfrontation mit der Türkei.

AFP
Von
Donnerstag, 27.12.2018   19:43 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Mit seiner abrupten Entscheidung, die rund 2000 US-Soldaten aus Syrien abzuziehen, hat Donald Trump keinen Partner so sehr vor den Kopf gestoßen wie Emmanuel Macron. Die französische Regierung wies die Einschätzung des US-Präsidenten, die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sei besiegt, brüsk zurück.

Zugleich teilte das Außenministerium in Paris mit, dass man versuchen werde, die Lücke, die Trump mit dem US-Rückzug reiße, so gut es gehe zu schließen: "In den kommenden Wochen wird sich Frankreich bemühen, die Sicherheit aller US-Partner zu gewährleisten, darunter die der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF)."

Die SDF sind ein von kurdischen Kämpfern dominiertes Milizenbündnis, das seit Oktober 2015 vom Westen ausgerüstet und ausgebildet wird. Mit Unterstützung von Luftangriffen der US-geführten Militärkoalition ist es den SDF gelungen, den IS in Syrien weitgehend zurückzudrängen. Die Dschihadisten kontrollieren nur noch ein kleines Gebiet im Euphrattal, nahe der irakischen Grenze.

Während die SDF vom Westen als disziplinierte Kampftruppe gegen den IS geschätzt werden, bezeichnet die Türkei das Bündnis als "Terrorarmee". Ankara fürchtet, dass die kurdischen Milizionäre im Nordosten Syriens einen unabhängigen Proto-Staat errichten, der zum Vorbild für die Kurden in der Türkei werden könnte. Genau das will die Türkei unbedingt verhindern - und hat deshalb eine Militäroffensive angekündigt, mit der die SDF aus der Grenzregion und aus dem Gebiet um die Stadt Manbidsch westlich des Euphrat vertrieben werden sollen.

Frankreichs Truppen zeigen Flagge

Frankreich hat seit 2016 eigene Spezialkräfte in Nordsyrien stationiert, die den SDF zur Seite stehen. Ihre genaue Zahl hält die französische Regierung geheim, Experten vom Pariser Thinktank Institut français des relations internationales gehen von rund 200 Soldaten aus. Für Macron hat der Kampf gegen den IS weitaus höhere Priorität als für Trump: Die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris wurden von Syrien aus geplant. Rund 1700 Franzosen haben sich seit 2014 dem IS angeschlossen, etwa 260 von ihnen sind bislang zurückgekehrt. Zuletzt hat der Anschlag des IS-Anhängers Chérif Chekatt in Straßburg das Gewaltpotenzial des Dschihadismus in Frankreich vor Augen geführt.

In den Tagen nach Trumps Bekanntmachung haben die französischen Truppen demonstrativ Präsenz gezeigt: Sie patrouillierten am Ufer des Sadschur. Der Nebenfluss des Euphrat markiert die Grenzlinie zwischen dem von türkischen Truppen und ihren lokalen Verbündeten kontrollierten Gebiet und dem Territorium, das von den SDF beherrscht wird.

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Diese Patrouille sollte offenbar in der Praxis zeigen, was Frankreich meint, wenn es "die Sicherheit aller US-Partner gewährleisten" will. In der Türkei kam das gar nicht gut an. Der Versuch, "kurdische Terroristen" in Syrien zu unterstützen, helfe "weder Frankreich noch der YPG", sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Die YPG bildet das militärische Rückgrat der SDF, gilt aber als syrischer Ableger der kurdischen PKK und wird daher von Ankara als Terrororganisation eingestuft.

Frankreichs Truppen Seite an Seite mit Assads Soldaten?

Die von der Türkei unterstützten syrischen Milizen am Nordufer des Sadschur bereiten eine Bodenoffensive auf Manbidsch vor. Daher droht nun schlimmstenfalls eine direkte militärische Konfrontation zwischen zwei Nato-Partnern: der Türkei auf der einen und Frankreich auf der anderen Seite. Doch darauf dürfte es Macron kaum ankommen lassen: Die französischen Truppen in Syrien sind der Türkei und ihren lokalen Verbündeten zahlenmäßig weit unterlegen und könnten einem Vormarsch kaum Einhalt gebieten. Mit dem Abzug der US-Einheiten verlieren sie zudem ihren wichtigsten Partner, der sie logistisch und geheimdienstlich unterstützte.

Wahrscheinlicher ist daher, dass die französische Präsenz den türkischen Vormarsch lediglich hinauszögert. Möglicherweise kann Paris zusammen mit anderen EU-Partnern der Türkei ein paar Zugeständnisse abringen, die sicherstellen, dass die Sicherheitsinteressen der SDF zumindest östlich des Euphrat gewahrt bleiben.

Aber auch das könnte Frankreich in die Bredouille bringen, nämlich dann, wenn die kurdischen Milizen die syrischen Regierungstruppen um Unterstützung gegen die vorrückenden Türken bitten. Dann würden sich plötzlich die französischen Truppen und die Armee von Diktator Baschar al-Assad gemeinsam an der Seite der Kurden wiederfinden. Es wäre eine neue, bizarre Volte im syrischen Bürgerkrieg.


Zusammengefasst: Frankreich hat seit 2016 rund 200 Spezialkräfte in Nordostsyrien stationiert. Sie unterstützen dort das von Kurden dominierte Militärbündnis SDF. Die Türkei hat angekündigt, die SDF aus dem Gebiet vertreiben zu wollen. Damit droht schlimmstenfalls eine militärische Konfrontation zwischen den Nato-Partnern Türkei und Frankreich. Es ist unwahrscheinlich, dass es Emmanuel Macron darauf ankommen lassen wird. Möglicherweise kann Paris aber die türkische Offensive hinauszögern.

insgesamt 77 Beiträge
Atheist_Crusader 27.12.2018
1.
Die Türkei ist für Diplomatie nicht mehr zugänglich, es sei denn diese kommt mit Drohungen. Aber militärische Drohungen sind der falsche Weg. Die EU hat genug Mittel dem größenwahnssinnigen Sultan wirtschaftlich den Saft [...]
Die Türkei ist für Diplomatie nicht mehr zugänglich, es sei denn diese kommt mit Drohungen. Aber militärische Drohungen sind der falsche Weg. Die EU hat genug Mittel dem größenwahnssinnigen Sultan wirtschaftlich den Saft abzudrehen. Wird Zeit, dass sie das auch mal tut.
dirkcoe 27.12.2018
2. Danke Herr Macron
Sie scheinen der Letzte zu sein, dem der drohende Völkermord an den Kursen durch Erdogan nicht egal ist. Wären die Merkel nicht so jämmerlich und die vdLeyen nicht so unfâhig, dann wäre es jetzt der richtige Moment für [...]
Sie scheinen der Letzte zu sein, dem der drohende Völkermord an den Kursen durch Erdogan nicht egal ist. Wären die Merkel nicht so jämmerlich und die vdLeyen nicht so unfâhig, dann wäre es jetzt der richtige Moment für unsere Bundeswehr unsere Freunde aus Frankreich zu unterstützen.
hardeenetwork 27.12.2018
3. Hoffnung
Ich hoffe auf Macrons Klugheit und hoffe das Trump eines Tages dafür büßen wird. Nun ist es aber auch an der Zeit das sich Deutschland klar und unmissverständlich positioniert !!!
Ich hoffe auf Macrons Klugheit und hoffe das Trump eines Tages dafür büßen wird. Nun ist es aber auch an der Zeit das sich Deutschland klar und unmissverständlich positioniert !!!
go-west 27.12.2018
4. Niemand,
auch nicht der Möchtegern-Sultan aus der Türkei kann einem Volk sein legitimes Recht auf einen eigenen Staat absprechen. Die heutige Türkei besetzt einen Teil des historischen kurdischen Landes. Wenn die Türken meinen, daß [...]
auch nicht der Möchtegern-Sultan aus der Türkei kann einem Volk sein legitimes Recht auf einen eigenen Staat absprechen. Die heutige Türkei besetzt einen Teil des historischen kurdischen Landes. Wenn die Türken meinen, daß diese Besetzung unwiderruflich ist, irren sie gewaltig. Moralisch gesehen sind die Kurden im Recht, während Erdogan einzig das Recht des Stärkeren anwendet.
helmut_tholen 27.12.2018
5. Interessant
Eine hochinteressante Karte, die die Bedeutungslosigkeit der sogenannten "Opposition" belegt, die ja aber die Richtigen sind, deretwegen wir die Kurden verraten werden. Dann kommt der Wettlauf - "unsere" [...]
Eine hochinteressante Karte, die die Bedeutungslosigkeit der sogenannten "Opposition" belegt, die ja aber die Richtigen sind, deretwegen wir die Kurden verraten werden. Dann kommt der Wettlauf - "unsere" "Opposition", oder die Türken, oder Assad.
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