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Politik

Uno-Weltkarte

30 Minuten Weg für sauberes Wasser - und das nennt sich "Basisversorgung"

Hahn aufdrehen, das Wasser läuft, man kann sich waschen, den Durst löschen: Für zwei Milliarden Menschen auf der Welt ist das keine Selbstverständlichkeit. Ein Bericht der Uno zeigt, wo die Lage besonders dramatisch ist.

iStockphoto/ Getty Images

Trinkwasserversorgung in Mali: Besonders afrikanische Länder sind von Wasserknappheit betroffen

Von Adrian Breda
Dienstag, 18.06.2019   07:01 Uhr

Die von der Uno veröffentlichten Zahlen zur Wasserkrise sind erschütternd: Mehr als zwei Milliarden Menschen haben keinen dauerhaften Zugang zu sauberem Trinkwasser. Vier Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr von akuter Wasserknappheit betroffen - vor allem in afrikanischen Staaten.

Beispiel Eritrea: Laut einer gemeinsamen Erhebung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Uno-Kinderhilfswerks (Unicef) haben gerade einmal 19 Prozent der eritreischen Haushalte eine sichere Trinkwasserquelle in der Nähe. Als "sicher" gelten Wasserquellen, die frei von Fäkalbakterien und Giftstoffen sind. Und in der "Nähe" befindet sich eine Quelle, wenn man es in 30 Minuten hin und wieder zurück schafft. Experten bezeichnen das als "Basisversorgung".

Der Rest der eritreischen Bevölkerung hat nur einen eingeschränkten Trinkwasserzugang. 21 Prozent der Haushalte müssen sogar auf Oberflächenwasser zurückgreifen - also auf potenziell gesundheitsgefährdendes Wasser aus Flüssen, Teichen oder Bewässerungskanälen.

Haushalte mit Basiswasserversorgung

Innerhalb der betroffenen Länder gibt es große regionale Unterschiede. Laut Uno-Weltwasserbericht hatten 2015 weltweit nur zwei von fünf Personen in ländlichen Regionen Zugang zu fließendem Wasser - gegenüber vier von fünf Personen in städtischen Gebieten.

In Eritrea ist der Gegensatz noch stärker, wie die Daten von WHO und Unicef zeigen: Über einen Basis-Wasserzugang verfügen dort nur sechs Prozent der ländlichen, aber 66 Prozent der städtischen Haushalte.

Langsame Verbesserung

Immerhin: In den meisten Weltregionen verbessert sich die Versorgung mit Trinkwasser. In den Subsahara-Staaten beispielsweise hatten im Jahr 2000 nur 45 Prozent der Haushalte eine Basiswasserversorgung, 2015 waren es bereits 58 Prozent.

"Wir laufen in die richtige Richtung, aber wir laufen nicht schnell genug", sagt Stefan Uhlenbrook. Er ist zuständig für den Weltwasserbericht, der jedes Jahr von den Vereinten Nationen herausgegeben wird. "Jeden Tag sterben rund tausend Kinder wegen Durchfallerkrankungen - also wegen Krankheiten, die eigentlich vermeidbar sind."

Die Wasserkrise sei allerdings nicht nur eine Krise des Trinkwassers - sondern auch darüber hinaus: "Wasser ist die absolute Lebensgrundlage", sagt Stefan Uhlenbrook. Nicht einmal ein Prozent des Wassers würde getrunken, der größte Teil entfalle auf Industrie und Landwirtschaft. Jeder dritte Job hänge von Wasser ab. Im Umkehrschluss heißt das: Ohne Wasser haben viele Menschen schlicht keinen Job oder keine Ernte.

Gefahr durch unsicheres Wasser

Kochen, persönliche Hygiene, die Wohnung sauber halten und Wäsche waschen: Auch für diese Dinge wird ungefährliches Wasser benötigt. Wo das fehlt, wird gezwungenermaßen verunreinigtes Wasser genutzt. Die Folge: Erkrankungen wie Cholera oder Bilharziose, die im Extremfall zum Tod führen können.

Tote durch verunreinigtes Wasser

Bei Todesfällen durch verunreinigtes Wasser belegen ausschließlich afrikanische Staaten die oberen Plätze: In der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad, Eritrea und im Südsudan starben 2017 mehr als 100 Personen pro 100.000 Einwohner an verunreinigtem Wasser.

Der weltweite Trend ist zwar rückläufig, doch es gibt eine Ausnahme: die Zentralafrikanische Republik. Dort stieg die Todesrate zwischen 1990 und 2017 um 14 Prozent. Die genauen Ursachen sind unklar, die anhaltende militärische Krise im Land dürfte eine Rolle spielen. Im restlichen Subsahara-Afrika hat sich die Zahl der durch verunreinigtes Wasser Verstorbenen im gleichen Zeitraum halbiert.

Eine Besonderheit der Wasserkrise liegt darin, dass sie nicht alle Menschen gleich stark trifft: Entwicklungsländer sind stärker betroffen als Industriestaaten, Alte, Kranke und Kinder stärker als gesunde Erwachsene, Landbewohner stärker als Stadtbewohner - und Frauen stärker als Männer. So sind es meist Frauen und Mädchen, die dafür zuständig sind, Wasser aus den Quellen zu holen.

Eine zweite Dimension der ungleich wirkenden Wasserkrise zeigt sich beim Unterschied zwischen armen und wohlhabenden Menschen: "Slumbewohner müssen sehr viel mehr für einen Liter Wasser zahlen als die Reichen, die 200 Meter weiter leben - obwohl das Wasser dort rund um die Uhr verfügbar ist und eine viel bessere Qualität hat", so Wasserexperte Stefan Uhlenbrook.

In der Zukunft wird sich das Problem der Wasserkrise voraussichtlich noch verschärfen. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits gibt es schlicht mehr und mehr Menschen auf der Erde - und damit einen höheren Bedarf an Wasser. Seit den Achtzigerjahren steigt der globale Wasserverbrauch jährlich um etwa ein Prozent. Der Anstieg liegt zum Großteil am zunehmenden Wasserbedarf in Entwicklungs- und Schwellenländern, wobei deren Pro-Kopf-Verbrauch immer noch deutlich unter dem Niveau der Industriestaaten liegt.

Der zweite Grund ist der Klimawandel, so Stefan Uhlenbrook. Denn grob gesagt werden durch den Klimawandel eher feuchte Gebiete noch feuchter - und trockene Gegenden noch trockener: "Die globale Wassermenge bleibt ja immer die gleiche. Das Problem ist eher die lokale Verteilung, die zunehmend ungünstiger wird."

Hürden und Lösung der Wasserkrise

Die größte Hürde auf dem Weg zu einer global zufriedenstellenden Wasserversorgung sieht Stefan Uhlenbrook in der Politik: "Das ist ja keine Frage von Wissen. Es ist auch keine Frage von Infrastruktur. Es ist meist einfach eine schlechte Regierungsführung. Die Probleme sind schließlich bekannt, aber werden nicht angegangen."

Das liege daran, dass Investitionen im Bereich Wasserversorgung häufig als "unsexy" angesehen würden, weil der Ertrag nicht direkt sichtbar sei: "Oft ist nicht sofort deutlich, dass die Bevölkerung gesünder wird, dass mehr Kinder in die Schule gehen können, dass die Produktivität der Arbeitskraft nach oben geht und so weiter." Eine Wahl würden Politiker höchstens mit einem Staudamm oder indem sie massenhaft Toiletten in Slums bauen gewinnen - aber nicht mit einer Kläranlage.

Dabei seien Kläranlagen der Schlüssel zur Lösung der Wasserkrise, so Stefan Uhlenbrook. "80 Prozent des Abwassers werden nicht gereinigt, sondern einfach in die Umwelt zurückgegeben. So erzeugt man viele Wasserqualitätsprobleme. Aufgrund der zunehmenden Wasserknappheit müssen wir Wasser in Zukunft mehr im Kreislauf sehen und wiederverwenden."

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insgesamt 45 Beiträge
joklys 18.06.2019
1. Es gibt Organisationen, die sinnvolle Lösungen entwickeln
… wie etwa die junge NGO wewater.org aus Berlin. Unterstützenswert!
… wie etwa die junge NGO wewater.org aus Berlin. Unterstützenswert!
ronald1952 18.06.2019
2. Solange die
westliche Welt Ihre Ausbeutungsmentalität so Beibehält wird sich an diesen Zuständen auch nichts ändern. Ab und zu wird mal ein Bericht verfasst und ein wenig Gemeckert und dann geht man zur Tagesordnung über. Wäre es nichts [...]
westliche Welt Ihre Ausbeutungsmentalität so Beibehält wird sich an diesen Zuständen auch nichts ändern. Ab und zu wird mal ein Bericht verfasst und ein wenig Gemeckert und dann geht man zur Tagesordnung über. Wäre es nichts so, dann hätten all diese Menschen ein wesentlich besseres und gerechteres Leben. Wie lange geht das schon? Jahre oder Jahrzehnte? Es ist Beschämend für uns Reiche Länder! Aber selbst die vielen vielen Millionen Dollar, Euro oder sonstwas an Spenden versinken im Meer von sonstwas, oder nicht? schönen Tag noch,
johannes-kh 18.06.2019
3. Wie jetzt?
Soll in jede Lehmhütte ein Wasseranschluss gelegt werden? Wie soll das funktionieren? Drehen alle mittlerweile durch?
Soll in jede Lehmhütte ein Wasseranschluss gelegt werden? Wie soll das funktionieren? Drehen alle mittlerweile durch?
bollocks1 18.06.2019
4. Die erste Grafik...
...sagt erstmal gar nichts aus....bis 100% Wasserversorgung? Ansonsten: kann es sein, das genug Wasser da ist aber zuviel Menschen? Fast überall dort, wo die Bevölkerung am stärksten Gestiegen zugelegt hat, ist laut Karte [...]
...sagt erstmal gar nichts aus....bis 100% Wasserversorgung? Ansonsten: kann es sein, das genug Wasser da ist aber zuviel Menschen? Fast überall dort, wo die Bevölkerung am stärksten Gestiegen zugelegt hat, ist laut Karte auch das Wasser am knappsten. Von daher kann die Versorgung logischerweise nur hinterherhinken.
whitewisent 18.06.2019
5.
Wenn man die Lage der Länder anschaut, könnte man auch auf die Idee kommen, dass es sich dort im Staaten handelt, in denen es kein verfügbares Trinkwasser gibt, weil sie in der Sahararegion liegen. Dazu kommen jahrzehntelange [...]
Wenn man die Lage der Länder anschaut, könnte man auch auf die Idee kommen, dass es sich dort im Staaten handelt, in denen es kein verfügbares Trinkwasser gibt, weil sie in der Sahararegion liegen. Dazu kommen jahrzehntelange Bürgerkriege, welche Infrastrukturen zerstörten, und Menschen dazu brachten, sich in unwirtlichen Gegenden anzusiedeln. Das "Wasserholen" ist da gewollte Tradition, weil es sonst keinen Wohn- und Siedlungsraum gäbe. Vieleicht auch mal positiver herangehen. Sowohl China, Indien, USA, Brasilien, Indonesien, Pakistan, Russland, Bangladesh als auch Mexiko haben die Versorgung auf Beststatus erreicht, obwohl sie 9 der 10 bevölkerungsreichsten Staaten sind. Warum es Nigeria nicht schafft, aber Kongo und Gabun, kann jeder für sich beantworten. Ansonsten kommt immer wieder die selbe Antwort, es leben in Afrika schlicht zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Und es ist ja nicht so, dass es dort nie Trinkwasser gab. Häufig wurden die Ressourcen schlicht verbraucht oder sind durch fehlende Kanalisation durch die Menschen selbst unbrauchbar gemacht worden. 11 Mrd. Menschen auf der Welt im Jahr 2100, niemand hat ihnen und ihren Eltern versprochen, dass sie genauso leben werden, wie die 4 oder 6 Mrd.

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