Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Türkische LGBTI-Aktivistin Sevval Kilic

"Aufgeben? Niemals!"

Türkische Behörden haben sämtliche öffentliche Auftritte von Lesben, Schwulen und Transgender in Ankara verboten. Nun formiert sich Protest. LGBTI-Aktivisten wie Sevval Kilic kämpfen mit Erfolg für eine offene Gesellschaft.

Privat

LGBTI-Aktivistin Kilic

Von , Istanbul
Dienstag, 21.11.2017   16:29 Uhr

Aufgeben? Schweigen? Sevval Kilic lacht laut auf. "Niemals!", sagt sie. "Wir haben unser ganzes Leben lang gekämpft. Wir werden jetzt nicht damit aufhören."

Kilic, Politaktivistin aus Istanbul, sitzt in ihrer Wohnung im Stadtteil Dolapdere. An der Wand hängt eine Regenbogenfahne. Regen peitscht gegen das Fenster. Kilic klickt sich durch E-Mails, Tweets und Facebook-Posts auf ihrem Rechner.

Die türkischen Behörden haben am vergangenen Wochenende sämtliche LGBTI-Veranstaltungen (Kurzform für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex) in der türkischen Hauptstadt Ankara bis auf Weiteres gestoppt. Bereits am Mittwoch zuvor wurde ein "Pinkes Leben Queer Festival", das die deutsche Botschaft in Ankara mitorganisiert hatte, untersagt. Es gehe darum, die "öffentliche Sicherheit" zu schützen, heißt es in einem Statement des Gouverneurs. LGBTI-Veranstaltungen könnten die "Gesundheit und Moral" der Gesellschaft gefährden.

Die Bundesregierung kritisierte die Entscheidung. "Die Freiheit der Kunst und die Rechte von Minderheiten sind unantastbar", schrieb Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, auf Twitter. Bei Aktivistin Sevval Kilic gehen seit dem Wochenende beinahe stündlich Nachrichten von Mitstreitern, Unterstützern, Journalisten ein. "Wir werden uns gegen dieses Verbot wehren", sagt sie. "Die türkische Zivilgesellschaft lebt."

Kilic, 46 Jahre alt, gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen der türkischen Queer-Bewegung. Sie hat die LGBTI-Organisationen "LambdaIstanbul" und "Istanbul LGBTT" mitgegründet und richtet die Gay-Pride-Parade in Istanbul mit aus.

Das Verhältnis der Türkei zu sexuellen Minderheiten ist seit jeher ambivalent. Im Osmanischen Reich war, anders als in vielen europäischen Ländern, Homosexualität nicht verboten. Schwule aus Deutschland, Frankreich, England flohen Anfang des 20. Jahrhunderts nach Istanbul. Gleichzeitig mussten LGBTI-Personen stets für ihre Rechte streiten. Die Regierung ging gerade nach dem Militärputsch 1971 immer wieder gewaltsam gegen Menschen mit nonkonformer sexueller Orientierung vor.

Recep Tayyip Erdogan versprach nach seinem Amtsantritt als Premier 2003, die Türkei nach Europa zu führen. Im Zuge des EU-Beitrittsprozesses stärkte seine muslimisch-konservative AKP zumindest in der ersten Legislaturperiode Minderheitenrechte. LGBTI-Aktivisten erkämpften Freiräume. Die Türkei ist eines von wenigen mehrheitlich muslimischen Ländern, das Gay-Pride-Paraden erlaubt hat. Bülent Ersoy, eine berühmte transsexuelle Sängerin, nahm im vergangenen Jahr an einem Iftar-Essen von Präsident Erdogan teil.

Für Kilic, wie für die gesamte queere Szene, markierten die Proteste im Istanbuler Gezi-Park eine Zäsur. Hunderttausende Menschen gingen im Frühsommer 2013 gegen die Regierung auf die Straße, LGBTI-Aktivisten bildeten einen eigenen Block. Auf dem Christopher Street Day, wenige Wochen später, forderten abermals 100.000 Demonstranten Rechte für Schwule und Lesben ein. Kilic glaubt, dass sich die AKP durch den Erfolg der Queer-Bewegung herausgefordert fühle: "Wir wurden sichtbar und selbstbewusst. Das gefällt vielen Konservativen nicht."

Die "andere" Türkei

In den vergangenen Jahren löste die Polizei Gay-Pride-Paraden regelmäßig auf. Unmittelbar bevor der Gouverneur von Ankara LGBTI-Veranstaltungen am Wochenende verbieten ließ, verurteilte Präsident Erdogan Pläne der Republikanischen Volkspartei (CHP), Quoten für Homosexuelle in Stadtverwaltungen einzuführen. Schwule und Lesben zu stärken, verstoße gegen "die Werte der Nation", sagte er. Erdogans Politik ziele zunehmend auf eine Spaltung der Gesellschaft, kritisiert Kilic. "Wir LGBTI-Personen sind ein naheliegendes Feindbild."

Kilic will sich auch von den jüngsten Attacken nicht einschüchtern lassen. Sie ist gewohnt, für ihre Rechte einzutreten. Kilic wurde als Mann geboren. Sie hatte gerade begonnen, in Istanbul Politik zu studieren, als sie beschloss, sich umoperieren zu lassen. Für Transsexuelle ist es bis heute schwierig, in der Türkei Arbeit zu finden. Etliche Trans-Frauen sind gezwungen, sich zu prostituieren. Auch Kilic verdiente eine Zeit lang als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt. Später arbeitete sie für "Kadin Kapisi", eine NGO, die sich unter anderem für den Schutz von Sexarbeiterinnen engagiert.

Kilic und ihre Kolleginnen und Kollegen haben es geschafft, dass Gewalt gegen sexuelle Minderheiten in der Türkei nicht länger totgeschwiegen wird. Als die transsexuelle Aktivistin Hande Kader im vergangenen Jahr in Istanbul ermordet wurde, gingen kurz darauf Tausende Menschen aus Protest auf die Straße, auch heterosexuelle Männer und Frauen. "Die Menschen verstehen langsam, dass es nicht um die Interessen Einzelner geht", sagt Kilic, "sondern dass wir alle gemeinsam für eine gerechte, pluralistische Gesellschaft kämpfen müssen".

insgesamt 8 Beiträge
Atheist_Crusader 21.11.2017
1.
Ich weiß ja nicht wie repräsentativ mein Eindruck ist, aber bei allem was ich höre, empfindet ein Gutteil der Türken Homosexualität und derartiges als moralische Verkommenheit die aus dem Westen rüberschwappt und gegen die [...]
Ich weiß ja nicht wie repräsentativ mein Eindruck ist, aber bei allem was ich höre, empfindet ein Gutteil der Türken Homosexualität und derartiges als moralische Verkommenheit die aus dem Westen rüberschwappt und gegen die man als gläubiger Patriot das Mutterland schützen muss. Die sind stolz darauf, intolerant zu sein (was witzig ist, wenn man bedenkt wie oft aus der Richtung über Türken- oder Türkeifeindlichkeit gejammert wird). Die Geschichte des osmanischen Reiches wird da wohl nur wenig helfen, die Ansichten wieder geradezurücken. Die wurde ja derart verzerrt und glorifiziert, dass sie inzwischen als Entschuldigung herhalten kann um beinahe alles zu bejubeln oder zu verteufeln.
matty-b 21.11.2017
2. Einen anderen Weg gibt es nicht
Egal, mit welchen Zuschreibungen und Verteufelungen man eine Bevölkerungsgruppe diffamiert und ausgrenzt - Vorurteile gedeihen nur in der Abwesenheit der betroffenen Menschen und in der Vermeidung / Verhinderung von Begegnung [...]
Zitat von Atheist_CrusaderIch weiß ja nicht wie repräsentativ mein Eindruck ist, aber bei allem was ich höre, empfindet ein Gutteil der Türken Homosexualität und derartiges als moralische Verkommenheit die aus dem Westen rüberschwappt und gegen die man als gläubiger Patriot das Mutterland schützen muss. Die sind stolz darauf, intolerant zu sein (was witzig ist, wenn man bedenkt wie oft aus der Richtung über Türken- oder Türkeifeindlichkeit gejammert wird). Die Geschichte des osmanischen Reiches wird da wohl nur wenig helfen, die Ansichten wieder geradezurücken. Die wurde ja derart verzerrt und glorifiziert, dass sie inzwischen als Entschuldigung herhalten kann um beinahe alles zu bejubeln oder zu verteufeln.
Egal, mit welchen Zuschreibungen und Verteufelungen man eine Bevölkerungsgruppe diffamiert und ausgrenzt - Vorurteile gedeihen nur in der Abwesenheit der betroffenen Menschen und in der Vermeidung / Verhinderung von Begegnung und Kontakt mit den betroffenen Menschen. Über "diese Leute", die man nicht kennt, kann man immer fabulieren. Aber über meinen Sohn, meine Schwester, meinen Nachbarn, meine Kollegin, den Menschen, der gerade vor mir steht und mit dem ich mich unterhalte, etc. kann man nicht beliebig fantasieren, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Ergo: Einen anderen Weg, als in ihrer Gesamtheit inmitten der Gesellschaft sichtbar zu werden, gibt es für diskriminierte Gruppen nicht. Auch in den überwiegend muslimischen Gesellschaften wird kein Weg in den historischen Zustand (Duldung derer, die unsichtbar bleiben) zurückführen, solange LGBT in anderen Ländern sichtbar sind, gleiche Rechte fordern und auch erhalten. Gerechtigkeit ist mittlerweile ein globales Unterfangen.
kakadu 21.11.2017
3.
Erdogan sagt: "Es gibt in der Türkei keine Ausgrenzung. Das ist alles eine Schmutzkampagne des Westens. Alle beneiden die Türkei und deswegen wollen sie das Land spalten." Oder er sagt: "Selbstverständlich [...]
Zitat von matty-bEgal, mit welchen Zuschreibungen und Verteufelungen man eine Bevölkerungsgruppe diffamiert und ausgrenzt - Vorurteile gedeihen nur in der Abwesenheit der betroffenen Menschen und in der Vermeidung / Verhinderung von Begegnung und Kontakt mit den betroffenen Menschen. Über "diese Leute", die man nicht kennt, kann man immer fabulieren. Aber über meinen Sohn, meine Schwester, meinen Nachbarn, meine Kollegin, den Menschen, der gerade vor mir steht und mit dem ich mich unterhalte, etc. kann man nicht beliebig fantasieren, man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Ergo: Einen anderen Weg, als in ihrer Gesamtheit inmitten der Gesellschaft sichtbar zu werden, gibt es für diskriminierte Gruppen nicht. Auch in den überwiegend muslimischen Gesellschaften wird kein Weg in den historischen Zustand (Duldung derer, die unsichtbar bleiben) zurückführen, solange LGBT in anderen Ländern sichtbar sind, gleiche Rechte fordern und auch erhalten. Gerechtigkeit ist mittlerweile ein globales Unterfangen.
Erdogan sagt: "Es gibt in der Türkei keine Ausgrenzung. Das ist alles eine Schmutzkampagne des Westens. Alle beneiden die Türkei und deswegen wollen sie das Land spalten." Oder er sagt: "Selbstverständlich können wir Ausgrenzen. Niemand darf sich einmischen. Wir entscheiden selbst. Das ist alles eine Schmutzkampagne des Westens. Alle beneiden die Türkei und deswegen wollen sie das Land spalten" Die Türken sind eine geschlossene Gruppe, die Mental von der Außenwelt abgeschnitten sind. Sie verehrten fast 100 Jahre einen Attatürk (man beachte die Menge der Statuen und Bildnisse) und nun machen sie Erdogan zum Götzen. Gegen eine solche Bevölkerung kommen sie auch nicht mit Begegnungen und Gerechtigkeitskämpfe an. Denn ihre Gedanken kommen nicht aus dem Ratio, sondern von einem Mufti, einem Präsidenten oder eben einem anderen verstorbenen Götzen, von dem überliefert wurde, wer weiß von wem, daß er sagt, man solle dies und jenes darüber denken. Würde sie den Menschen in Nordkorea auch vorschlagen zu kämpfen und sich zu zeigen?
Hans Neumann 21.11.2017
4.
Ich gönne den Leuten ihren Erfolg und drücke sogar voll die Daumen, aber mir fällt etwas anderes auf: Abgesehen von unserer persönlichen Meinung, gehtr es nicht zu weit, wenn unsere Botschaft politische Aktionen in der Türkei [...]
Ich gönne den Leuten ihren Erfolg und drücke sogar voll die Daumen, aber mir fällt etwas anderes auf: Abgesehen von unserer persönlichen Meinung, gehtr es nicht zu weit, wenn unsere Botschaft politische Aktionen in der Türkei offen fördert, die dort als ungehörig definiert werden, also egal, worum es sich handelt? Ich frage micht das, weil es sich ja nicht um deutsche beliebige Institutionen handelt, sondern die Botschaft. Was würden wir sagen, machte die türkische Botschaft Vergleichbares bei uns? Wie gesagt, mir geht es nicht um die Inhalte, sondern darum, dass es die Botschaft ist.
matty-b 21.11.2017
5.
Was schlagen Sie denn vor? Sollen Hunderttausende in der Türkei einfach resignieren, sich sagen, "gut, wir verzichten komplett auf ein glückliches Leben"? Oder sollen sie allesamt auswandern? Es geht nicht [...]
Zitat von kakaduErdogan sagt: "Es gibt in der Türkei keine Ausgrenzung. Das ist alles eine Schmutzkampagne des Westens. Alle beneiden die Türkei und deswegen wollen sie das Land spalten." Oder er sagt: "Selbstverständlich können wir Ausgrenzen. Niemand darf sich einmischen. Wir entscheiden selbst. Das ist alles eine Schmutzkampagne des Westens. Alle beneiden die Türkei und deswegen wollen sie das Land spalten" Die Türken sind eine geschlossene Gruppe, die Mental von der Außenwelt abgeschnitten sind. Sie verehrten fast 100 Jahre einen Attatürk (man beachte die Menge der Statuen und Bildnisse) und nun machen sie Erdogan zum Götzen. Gegen eine solche Bevölkerung kommen sie auch nicht mit Begegnungen und Gerechtigkeitskämpfe an. Denn ihre Gedanken kommen nicht aus dem Ratio, sondern von einem Mufti, einem Präsidenten oder eben einem anderen verstorbenen Götzen, von dem überliefert wurde, wer weiß von wem, daß er sagt, man solle dies und jenes darüber denken. Würde sie den Menschen in Nordkorea auch vorschlagen zu kämpfen und sich zu zeigen?
Was schlagen Sie denn vor? Sollen Hunderttausende in der Türkei einfach resignieren, sich sagen, "gut, wir verzichten komplett auf ein glückliches Leben"? Oder sollen sie allesamt auswandern? Es geht nicht darum, als einzelner, Gruppe oder Generation den Kampf zu gewinnen. Es geht darum, den Kampf nicht aufzugeben. Eine verlorene Schlacht bedeutet nicht, dass man am Ende nicht gewinnt. Natürlich können Sie, wie in Nordkorea, jede Abweichung von der kollektiven Norm hart bestrafen und so alle Gerechtigkeits- und Emazipationsbewegungen für eine gewisse Zeit unterdrücken. Aber auf lange Sicht summieren sich die Ungerechtigkeiten und sozialen Schieflagen auf und kumulieren. Die Frage ist nur, ob es gelingt, dass sich Benachteiligte solidarisieren und einen Richtungswechsel bewirken - oder ob ein Diktator eines Tages erst tot vom Stuhl fallen muss (wie dereinst in Spanien), damit ein Wandel möglich ist. Bis es soweit ist, gibt es nichts anderes, als ein Stachel im Fleisch des unterdrückenden Systems zu sein - oder, wo das nicht möglich ist, die Glut zu bewahren, bis das Feuer wieder brennen kann.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP