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Politik

Bürgerkrieg in Nordafrika

Erdogans riskante Libyen-Wette

Die Türkei mischt aktiv im libyschen Bürgerkrieg mit: Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt sich gegen Warlord Khalifa Haftar. Für Ankara steht dabei viel auf dem Spiel.

REUTERS/Suhaib Salem

Recep Tayyip Erdogan in Libyen (2011): "Wir geben ihnen die Unterstützung, die sie brauchen."

Von und
Mittwoch, 10.07.2019   08:32 Uhr

Diesen Titel wird Recep Tayyip Erdogan niemand mehr streitig machen: Der türkische Staatspräsident ist der letzte Preisträger des Internationalen Gaddafi-Preises für Menschenrechte.

Im Jahr 2010 erhielt er, damals in seiner Funktion als türkischer Regierungschef, die Auszeichnung des libyschen Diktators. Ein Jahr später wurde Muammar al-Gaddafi gestürzt.

Auch wenn die Türkei damit einen Verbündeten verlor - Erdogan hat seit 2011 alles getan, um Ankaras Macht in Libyen zu festigen. Türkische Unternehmen haben mit der Regierung in Tripolis Infrastrukturprojekte im Umfang von 18 Milliarden US-Dollar vereinbart, berichtet das Wirtschaftsportal Bloomberg.

Lieferte die Türkei Waffen an die Regierung in Tripolis?

Allerdings ist die Lage der international anerkannten libyschen Regierung prekär. Seit Jahren kontrolliert der Warlord Khalifa Haftar mit seiner sogenannten Libyschen Nationalen Armee (LNA) den Osten des Landes um die Millionenstadt Bengasi:

Auch die Europäische Union betont stets, sie unterstütze Sarrajs Regierung. Die Türkei unter Erdogan belässt es jedoch nicht bei rhetorischer Schützenhilfe: Im Mai, wenige Wochen nach dem Beginn von Haftars Offensive auf Tripolis, ließ die Regierung Schützenpanzer durch die Hauptstadt patrouillieren, die offenbar kurz zuvor aus der Türkei geliefert worden waren. Das wäre ein Verstoß gegen das Waffenembargo der Vereinten Nationen.

F ür die Türkei ist Libyen ein Nachbarland

Emrullah Isler, Erdogans Sondergesandter für Libyen, bestreitet daher, dass Ankara Militärausrüstung nach Tripolis geliefert habe. Erdogan selbst sagt hingegen: "Wir geben ihnen die Unterstützung, die sie brauchen."

AFP

Ein zerstörter Panzer, den die LNA-Armee von Warlord Haftar benutzt haben soll

Aus Sicht der Türkei ist Libyen ein Nachbarland. 600 Kilometer Luftlinie trennen beide Mittelmeerküsten, dazwischen liegt nur die griechische Insel Kreta. Die Türkei will ihre Kontrolle über das östliche Mittelmeer und die dort vermuteten Öl- und Gasvorkommen ausbauen - dabei spielt Libyen eine Schlüsselrolle.

Erdogan empfängt Sarraj und spottet über Haftar

Erdogan setzt dabei darauf, dass sich Sarraj in der neuen Runde des libyschen Bürgerkriegs durchsetzt. Erst am vergangenen Samstag empfing der türkische Staatschef den Premier aus Tripolis in Istanbul.

AFP

Libyens Premierminister Fayez al-Sarraj mit Militärs

Denn mit Haftar scheint ein einvernehmliches Auskommen unmöglich. Der Warlord sei nicht mehr als ein Pirat, spottete Erdogan. In der vergangenen Woche nahm die Truppe des selbsternannten Feldmarschalls sechs türkische Staatsbürger kurzerhand fest. Erst als Ankara mit einem Militärschlag drohte, ließ Haftar die Männer frei.

Ankara kämpft in Libyen auch gegen Riad

Der libysche Bürgerkrieg droht sich auf diese Weise - wie schon die Konflikte in Syrien und im Jemen - zu einem Stellvertreterkrieg auszuweiten. Die Türkei steht auf der einen Seite - Ägypten und Saudi-Arabien, die Haftar unterstützen, auf der anderen.

Die Beziehungen zwischen Ankara und Riad sind seit dem Mord an dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi im vergangenen Oktober in Istanbul ohnehin zerrüttet.

Erdogan nutzt die Affäre, um den mutmaßlichen Drahtzieher, Saudi-Arabiens Kronprinzen Mohammed bin Salman, vor sich herzutreiben. Libyen, so scheint es, ist nun ein weiterer Schauplatz, an dem beide Staaten ihr Ringen um die Vormachtstellung in der Region austragen.

In Libyen läuft es für Erdogan besser als in Ägypten oder Syrien

Immerhin entwickeln sich die Dinge in Libyen derzeit noch halbwegs nach Erdogans Wunsch. In Ägypten herrscht seit dem Militärputsch gegen die Muslimbrüder 2013 ein Regime, das die Türkei als Feind betrachtet und in Nordsyrien muss sich die Armee Ankaras auf eine langfristige Besatzung mit fragwürdigem Nutzen und ungewissem Ausgang einstellen. In Libyen hingegen halten die Milizen, welche die Regierung von Premier Sarraj stützen, Haftars Vormarsch bislang stand.

Ivan Sekretarev/AP/dpa

Warlord Khalifa Haftar will Libyen regieren

Dessen Offensive ist vor der Hauptstadt ins Stocken geraten. Gegenwärtig sieht alles nach einem militärischen Patt zwischen den Bürgerkriegsparteien aus. Aus Sicht der Türkei ist das eine gute Nachricht.

insgesamt 59 Beiträge
motoko_kusanagi 10.07.2019
1. Immerhin
hat SPON mal etwas detailierter berichtet über die geopolitische Situation in Libyen. Aber dennoch recht unvollständig das Puzzle. Wesentliches Stückchen fehlt, nämlich das ebenfalls Italien in diesem "Spiel" um [...]
hat SPON mal etwas detailierter berichtet über die geopolitische Situation in Libyen. Aber dennoch recht unvollständig das Puzzle. Wesentliches Stückchen fehlt, nämlich das ebenfalls Italien in diesem "Spiel" um Öl mitmischt - auf der selben Seite der anerkannten Regierung. Dann fehlt das andere maßgebliche Stück, dass nämlich Frankreich exakt den Warlord Khalifa Haftar unterstützt - ebenfalls fürs Öl. Damit stellt sich Frankreich nicht nur gegen die international anerkannte Regierung! Sondern auch gegen seine europäischen Verbündete. Ich habe hier auf SPON schon mehrmals darauf hingewiesen, dass die Rolle von dem schmarten Macron mal genauer unter die Lupe genommen werden sollte. unser strahlender "Europäer" strahlt nämlich nicht, sondern verschleiert (mehr oder weniger) seine knallharten französischen Interessen. Präsidente Imperial.
mzlfifi 10.07.2019
2. Hoffentlich nicht ! Siehe unten !
" Die Türkei will ihre Kontrolle über das östliche Mittelmeer und die dort vermuteten Öl- und Gasvorkommen ausbauen - dabei spielt Libyen eine Schlüsselrolle. "
" Die Türkei will ihre Kontrolle über das östliche Mittelmeer und die dort vermuteten Öl- und Gasvorkommen ausbauen - dabei spielt Libyen eine Schlüsselrolle. "
peterpeterweise 10.07.2019
3. Staaten haben keine Freunde - sondern Interessen
Alle in Libyen beteiligten Staaten handeln entsprechend ihrer langfristigen Interessen. Ob Macht und Einfluss, Erdöl, politische Verbündete, es geht darum das zu erreichen, was für das eigene Land am besten ist. Was wäre das [...]
Alle in Libyen beteiligten Staaten handeln entsprechend ihrer langfristigen Interessen. Ob Macht und Einfluss, Erdöl, politische Verbündete, es geht darum das zu erreichen, was für das eigene Land am besten ist. Was wäre das deutsche Interesse in Libyen? Verhindern dass Menschen aus den Ländern südlich der Sahara sich von Libyen aus mit Hilfe von Schleppern in Richtung Europa begeben. Wenn sie dabei umkommen ist es ein tragischer Verlust von Menschenleben. Wenn sie es schaffen werden die Schlepper und Kriegsherren damit reich, und können Libyen und Nordafrika weiter destabilisieren. Also sollte sich Deutschland ganz klar auf die Seite derer stellen, die mit aller Macht gegen die Schlepper vorgehen und dafür sorgen, dass keine Schlepperschiffe mehr aus den Hoheitsgewässern Libyens herauskommen. Damit würden wir helfen, dass weder Menschen ertrinken, noch die Schleppermafia ihre Gewinne scheffelt. Es wäre schön, wenn auch Deutschland sich seiner Interessen in Libyen bewusst würde.
thequickeningishappening 10.07.2019
4. Da verliert man leicht Die Uebersicht
Wer mit Wem gegen Wen Warum usw. ? Machtpolitik, Wirtschaftsinteressen und Religion ueberlappen sich vielfach. Man kann angesichts Der Gefahren Eines Flaechenbrandes in Der Region Eine Patt Situation schon fast begrüßen (wenn [...]
Wer mit Wem gegen Wen Warum usw. ? Machtpolitik, Wirtschaftsinteressen und Religion ueberlappen sich vielfach. Man kann angesichts Der Gefahren Eines Flaechenbrandes in Der Region Eine Patt Situation schon fast begrüßen (wenn dann noch Die Waffen schweigen wuerden).
Grandiot 10.07.2019
5.
Bin ja mal sehr gespannt, ob die EU dem vermuteten Verstoß der Türkei gegen das Waffenembargo der Vereinten Nationen weitere Ermittlungen und ggf. Sanktionen folgen lassen wird. Allzu große Hoffnungen habe ich allerdings nicht, [...]
Bin ja mal sehr gespannt, ob die EU dem vermuteten Verstoß der Türkei gegen das Waffenembargo der Vereinten Nationen weitere Ermittlungen und ggf. Sanktionen folgen lassen wird. Allzu große Hoffnungen habe ich allerdings nicht, unterstützt Erdogan mit seinen Panzern doch die international anerkannte libysche Regierung und damit einen Freund des Westens. Auf diesem Wege sieht die EU ihren Mann in Libyen gestärkt, ohne sich selber die Finger schmutzig machen zu müssen. Dass dabei der nächste große Krach zwischen der Türkei und der NATO, diesmal auf libyschem Boden, nur einen Herzschlag entfernt ist, nimmt man vorerst in Kauf. Der Erdogan wird es in der Türkei wohl ohnehin nicht mehr lange machen, sein Nachfolger dürfte sich hoffentlich wieder etwas leichter handeln lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Putin weiterhin schön die Finger stillhält, sonst wird das ganze am Ende doch noch kompliziert...

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