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Politik

Ukraine vor der Präsidentschaftswahl

Nadija, Erstwählerin, hat es mit dem Kreuz

Erst der Maidan, dann die Krim-Annexion und der Krieg im Donbass, der fast fünf Jahre dauert. Vor der Wahl gewähren Ukrainer Einblick in ihr Land. Heute: Studentin Nadija, die eigentlich von der Politik genug hat, aber nun wählen darf.

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Nadija Bobyliak

Aus Lwiw berichten und (Fotos)
Sonntag, 24.03.2019   11:11 Uhr

An Schule dachte Nadija Bobylijak damals nicht mehr. Zu aufregend war das, was im Zentrum von Lwiw auf der "Stometriwka", der Hundertmeterstrecke, passierte. So nennen die Bewohner die kurze Flaniermeile zum Opernhaus der westukrainischen Stadt.

"Hier fand unser Maidan statt." Die junge Frau zeigt auf den Platz vor dem Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko. So richtig begriffen hat sie das, was in den Wochen Ende 2013, Anfang 2014 passierte, erst später. 16 Jahre alt war Nadija damals.

Anfangs war es die Neugier, die sie auf die Straße trieb. Freunde, die schon studierten, waren da, andere Schüler. Die Erwachsenen kamen nach der Arbeit. "Wir blieben bis nachts." Man schwenkte Flaggen der Ukraine und der EU, sang bis in die Nacht die ukrainische Hymne, fröhliche Popklassiker wie "Tscherwona Ruta", über die Weinraute, deren Blüte der Legende nach in der Sommerwendennacht errötet. Oder diskutierte über das Assoziierungsabkommen mit der EU, zu dem der damalige Präsident Wiktor Janukowytsch die Unterschrift verweigerte. Nadija begriff, dass es um den künftigen Kurs ihres Landes ging.

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Nadija Bobylijak auf der "Stometriwka"

"Es gab diese Energie, diese Hoffnung, dass sich etwas ändert." Dieses etwas fällt Nadija schwer, in Worte zu fassen. Sie beschreibt es nach kurzem Überlegen als den Wunsch nach einem besseren Leben, "besser als das meiner Eltern, meiner älteren Freunde". Im Fernsehen habe sie gesehen, dass das Leben in der EU einfacher, ehrlicher und gerechter ist. Dass man dort Professoren nicht schmieren muss, um einen guten Abschluss zu bekommen. Dass man arbeiten und besser verdienen kann.

Heute ist von dieser Energie nicht viel geblieben, sagt die inzwischen 21-Jährige, die angewandte Sprachwissenschaften studiert.

Nadija ist eine von rund 1,2 Millionen Wahlberechtigten, die bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine das erste Mal abstimmen können. Diese Zahl ergibt sich, wenn man hochrechnet, wie viele Ukrainer seit der vorigen Wahl volljährig geworden sein müssten. Die Behörden geben lediglich die Gesamtzahl der Wahlberechtigten mit 35,6 Millionen Menschen an.

Gerade die Jungen gelten in der Ukraine traditionell als politisch passiv, die Alten dagegen als verlässliche Wähler. Noch Ende 2018 gaben gerade einmal zwei Drittel der 18- bis 29-Jährigen laut dem ukrainischen Sozialforschungsinstitut Rating-Group an, sicher oder wahrscheinlich wählen zu wollen. Das lag weit unter dem Durchschnitt aller Altersgruppen (76 Prozent).

Doch das Stimmung scheint sich zu ändern - und Nadija macht einen Wandel durch.


DIE UKRAINE VOR DER PRÄSIDENTSCHAFTSWAHL
Vor fünf Jahren demonstrierten Hunderttausende in der Ukraine erst für einen westeuropäischen Kurs ihres Landes, dann gegen die korrupte Regierung. Der Maidan brachte dem Land mehr Freiheit, aber nahm Frieden. Die Ukraine befindet sich im Dauerkonflikt mit dem Nachbarn Russland, der die Krim annektierte und im Donbass Krieg führt. Ende März wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten - Begegnungen in einem zerrissenen Land.

Es ist einer der ersten wärmeren Tage im Februar, als Nadija das erste Mal mit dem SPIEGEL spricht. Sie schlendert über die "Stometriwka". Auf den Bänken links und rechts spielen alte Männer Schach, Kinder fahren mit Rollern vorbei.

Nein, mit Politik wolle sie nichts zu tun haben, sagt sie da noch. Zu undurchsichtig erscheint ihr der politische Apparat, die Strukturen und Gesetze. "Ich werde nicht wählen, meine Stimme entscheidet eh nicht."

"Der Schwung des Maidan ist weg, verpufft", sagt Nadija. "Wir sind enttäuscht, dabei sind wir Jungen die Zukunft des Landes." Jeder kümmere sich um sich selbst, und das sei schon schwierig genug. Neben ihrem Studium arbeitet die 21-Jährige für ein Gastronomiefestival, kümmert sich mit um Konzeption und Organisation. Sie will sich "unabhängig von ihren Eltern machen", bei denen sie in einem Vorort von Lwiw lebt.

Olga Lozynska

Nadija in der Zeitschrift des Festivals, für das sie arbeitet

"Man hätte die Maidan-Idee vollenden, den Machtwechsel komplett umsetzen sollen." Stattdessen musste sie erleben, wie Busse mit Fremden nach Kiew kamen, Studenten und junge Aktivisten im Zentrum vertrieben, auf sie einschlugen. "Keiner war da, der sie geschützt hat." Ab dem Moment ließen ihre Eltern sie nicht mehr aus dem Haus. Nadija saß nur noch vor dem Fernseher und sah, wie später Menschen bei den Protesten starben. Es war der Moment, als sie verstand, dass es Kräfte im Land gibt, die sich noch lange gegen Veränderungen wehren. Und damit meint sie nicht nur die Oligarchen, die ihre Interessen verfolgen.

Es sind auch die vielen Versprechen der Politiker, Präsident Petro Poroschenko hatte etwa das Ende des Kriegs im Donbass angekündigt, noch immer wird dort gekämpft. Den Hype um Wolodymyr Selensky, der besonders bei jungen Wählern beliebt ist und in den Umfragen führt, versteht sie nicht: "Er ist Komiker, Schauspieler, spielt den guten Präsidenten. Woher weiß ich, dass er das auch in Wirklichkeit ist?" Julija Tymoschenko, die seit über 20 Jahren in der Politik ist, traut Nadija nicht: "Die tritt doch aus Prinzip bei den Wahlen an. Was ist sie - ein zweiter Janukowytsch?"

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Straßenmusiker in Lwiw

Nadija spricht über Korruption, die es noch gebe, auch an den Universitäten in Lwiw. "Natürlich kann man sich gute Zensuren kaufen", sagt sie. Immerhin hänge das inzwischen vom Lehrstuhl ab, "an meinem Institut gehen die Professoren zum Glück strikt dagegen vor".

SPIEGEL ONLINE

Was sie stört, sind die veralteten Seminarpläne an ihrer Polytechnischen Universität. Wie man Daten richtig verschlüsselt - so etwas müsste gelehrt werden, findet Nadija. "Und was bekommen wir stattdessen beigebracht? Wie man ein Telegramm aufsetzt. Wer schickt heute noch ein Telegramm?" Bis zu 12.000 Hrywnja, umgerechnet knapp 400 Euro, zahlt sie jährlich für ihr Studium, ist Sprecherin ihres Jahrgangs.

"Wenn ich aktuellen Stoff lernen will, muss ich das zusätzlich an privaten Hochschulen machen oder im Internet", sagt sie. "Das kostet alles viel Geld und Zeit - ein Teufelskreis, wenn man arbeiten muss, um sein Leben zu finanzieren."

Im Winter fiel die Universität zwei Monate lang aus, die Heizung wurde aus Kostengründen abgestellt. Dabei hat sich einiges in Lwiw getan, zur Fußball-EM 2012 wurde der Stadtkern renoviert. "Für die Touristen wurde viel gemacht, aber für uns Bewohner leider nicht immer."

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Nadija im Buchladen

Nadija wirkt hin- und hergerissen: Sie liebt ihre Stadt mit 720.000 Einwohnern, kleinen Straßen und Altbauten. Sie sieht aber auch, dass sie mit dem, was sie verdient, etwa 5000 Hrywnja, rund 160 Euro, nicht von zu Hause ausziehen, eine Familie mit ihrem Freund gründen kann. Der verdient als Programmierer besser, doch im Ausland würde der 25-Jährige ein Vielfaches bekommen. Bis zu neun Millionen Menschen sollen nach Angaben der Kiewer Behörden zeitweise oder dauerhaft im Ausland arbeiten.

"Wir haben einen Witz: 'Wenn du hier keine Arbeit findest, fährst du nach Polen zum Erdbeerpflücken. Dann kannst du dir danach zu Hause auch ein Auto kaufen.'" Ihre Eltern würden verstehen, wenn sie Lwiw verließe. Ihr Vater betreibt einen Schlüsseldienst mit einigen Werkstätten, ihre Mutter ist Angestellte einer Telekommunikationsfirma. "Sie denken, ich würde nur für gewisse Zeit gehen, aber da wäre ich mir nicht so sicher."

Serie zur Wahl in der Ukraine

Seit Juni 2017 besteht Visafreiheit für Ukrainer. Es ist eine der wenigen positiven Punkte, den Nadija nennt, wenn sie über Poroschenko spricht, den sie als "das geringere Übel" an der Spitze des Landes bezeichnet.

Über den Jahreswechsel war sie das erste Mal in ihrem Leben im Ausland, im Bus fuhr sie nach Wien zu einer Freundin. Vier aufregende Tage waren das, sagt sie, auf Instagram und Facebook dokumentierte sie ihre Reise. "Ich würde so gern Länder entdecken: Deutschland, Großbritannien, die USA bereisen, um zu sehen, welche Perspektiven ich habe." Wären da nicht die Geldsorgen.

Es ist dunkel geworden, Nadija muss zum Bus. Sie winkt. Am Schewtschenko-Denkmal haben sich ältere Menschen versammelt. Die stimmen das traurige Lied "Skazhy ty, lastiwotschko myla" ("Sag es, du liebe kleine Schwalbe") an. Singen über die Schwalbe, welche der Tochter überbringen soll, wie es der Mutter geht, die sie so lange nicht gesehen hat, weil sie hart arbeiten muss.

Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel im Gespräch mit Nadija

Vier Wochen später, es ist noch eine Woche bis zur Wahl. Inzwischen geben 81 Prozent der 18- bis 29-Jährigen nach Angaben von Meinungsforschern an, wahrscheinlich oder sicher wählen gehen zu wollen. (Der Durchschnitt aller Altersgruppen liegt bei 84 Prozent.) Telefonat mit Nadija:

Nadija, wie ist die Lage?

Ich habe länger nachgedacht, ich werde sehr wahrscheinlich doch wählen gehen.

Wie kommt es, dass du deine Meinung geändert hast?

Ich glaube, dass ich eine Wahl treffen muss, auch wenn ich mit der Politik so wenig wie möglich zu tun haben will. Ich kann nicht einfach wegbleiben und mich später beklagen. Wir haben länger in der Familie gesprochen, ich verstehe, dass ich eine Verantwortung habe. Wir werden zusammen hingehen.

Und für wen stimmst du?

Für Poroschenko, denke ich. Er kommt noch am ehesten infrage, er gibt sich Mühe, er verteidigt unser Land, hat unsere Armee modernisiert.

Bevor sie auflegt, sagt Nadija noch, das sei jetzt ein Versuch, die Sache mit der Wahl. Richtig davon überzeugt sei sie nicht, dass ihre Stimme etwas bewirken werde. "Aber ich wünsche es mir."

Mitarbeit: Katja Lutska

insgesamt 49 Beiträge
Listkaefer 24.03.2019
1. Von der Politik die Nase voll haben ...
... das ist so dumm, wie von Essen und Trinken die Nase voll haben. Wenn nichts gut läuft im Land, muss man Politik selber machen, auf der Straße, in der eigenen Kommune, im Parlament.
... das ist so dumm, wie von Essen und Trinken die Nase voll haben. Wenn nichts gut läuft im Land, muss man Politik selber machen, auf der Straße, in der eigenen Kommune, im Parlament.
andreika123 24.03.2019
2. ja das Märchen von EU
die Menschen gingen auf den Maidan und wussten eigentlich nicht wo führ. Ihnen wurde erzählt das die Ukraine in die EU aufgenommen wird und alle könnten frei Reisen ( in EU Auswandern) das war der Grund warum 80% da waren die [...]
die Menschen gingen auf den Maidan und wussten eigentlich nicht wo führ. Ihnen wurde erzählt das die Ukraine in die EU aufgenommen wird und alle könnten frei Reisen ( in EU Auswandern) das war der Grund warum 80% da waren die 20% wusten was da stat findet aus eigenen Interessen, die haben jetzt gut bezahlte Jobs bei der Stadt. Kapitalismus braucht immer mehr billige Arbeiter, Polen schaffen in DE und Ukrainer in Polen. Was glaubt das Mädchen was die in Deutschland verdienen wird als Opermädchen oder ähnliches ? Die Korruption kommt aus der Gesellschaft nicht von der Politik.
chiefseattle 24.03.2019
3. Wahl?
Schokoladenkönig, Gasprinzessin oder Clown - die Staatenlenker der Ukraine sind schon sehr vertrauenseinflößend. Hat jeder Kandidat auch seine eigene Schlägertruppe?
Schokoladenkönig, Gasprinzessin oder Clown - die Staatenlenker der Ukraine sind schon sehr vertrauenseinflößend. Hat jeder Kandidat auch seine eigene Schlägertruppe?
Neandiausdemtal 24.03.2019
4. Symptomatisch?
Wenn dieses Kind Nadija symptomatisch für die Ukraine ist, kann man alle Hoffnung fahren lassen und das demokratische Europa sollte sich fern halten.
Wenn dieses Kind Nadija symptomatisch für die Ukraine ist, kann man alle Hoffnung fahren lassen und das demokratische Europa sollte sich fern halten.
oranje-web 24.03.2019
5. ja, dort stehen halt
lupenreine Demokraten, die zum teil von den westlichen Staaten gestützt werden. und natürlich von unserer presse auch sind ja halt Demokraten die vollkommen uneigennützig sind.
lupenreine Demokraten, die zum teil von den westlichen Staaten gestützt werden. und natürlich von unserer presse auch sind ja halt Demokraten die vollkommen uneigennützig sind.
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