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Politik

Venezuela nach dem großen Stromausfall

Zurück in der Steinzeit

Frühchen sterben, Menschen müssen verdrecktes Wasser trinken: Der Blackout hat Venezuela an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Inzwischen gibt es wieder Elektrizität. Doch die Krise ist längst nicht ausgestanden.

DPA
Von , Rio de Janeiro
Donnerstag, 14.03.2019   08:56 Uhr

Für das Regime von Machthaber Nicolás Maduro steht fest, wer den längsten Stromausfall in der Geschichte Venezuelas zu verantworten hat: Parlamentspräsident und Oppositionsführer Juan Guaidó, der sich vor zwei Monaten unter Berufung auf die Verfassung zum Interimspräsidenten erklärte. Die regierungshörige Justiz ermittelt jetzt gegen Guaidó, weil dieser zur "Sabotage" des Stromnetzes angestiftet habe.

Zuvor hatte der berüchtigte Geheimdienst Sebin den bekannten regierungskritischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Luis Carlos Díaz und einen Arbeiter der staatlichen Stromgesellschaft im Südosten des Landes festgenommen und verschleppt. Der Vorwurf: Sie sollen in "Sabotageakte" verwickelt gewesen sein. Díaz wurde inzwischen wieder freigelassen, darf das Land aber nicht verlassen.

Wagt Maduro es nun, seinen im Volk beliebten Widersacher Guaidó festnehmen zu lassen? Seit dessen Rückkehr von einer Südamerika-Reise vor zehn Tagen wird über diese Frage spekuliert. Bislang schreckt das Regime vor der Verhaftung Guaidós zurück: Die USA und alle Staaten, die ihn anerkannt haben, warnen vor schwerwiegenden Konsequenzen, sollte gegen den Politiker und seine Familie vorgegangen werden.

Hinzu kommt, dass Maduro offenbar nicht sicher sein kann, ob die Polizei einen Haftbefehl ausführen würde. Bei der letzten großen Demonstration der Opposition räumte sie die Barrikaden und ließ die Demonstranten erstmals in die Nähe des Stadtzentrums von Caracas vorrücken, das bislang von Maduros Sicherheitskräften kontrolliert wurde.

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Stromausfall und Repression: Venezuela am Abgrund

Guaidó macht Misswirtschaft, mangelnde Wartung und Korruption für den über fünf Tage währenden Blackout verantwortlich, der das gesamte Land lahmgelegt hat. Die meisten Experten stimmen ihm zu: Aller Wahrscheinlichkeit nach war ein Problem bei der Stromerzeugung des Wasserkraftwerks Guri im Süden des Landes der Grund. Der riesige Staudamm versorgt 80 Prozent des Landes mit Elektrizität. Die Turbinen und die Hochspannungsleitungen, die den Strom im Land verteilen, seien seit Jahren nicht gewartet worden, berichteten Insider in der "Financial Times".

Ein simpler Buschbrand unter den Hochspannungsleitungen könnte die Panne ausgelöst haben: Die Vegetation wurde zum Teil seit Jahren nicht beschnitten. Bei einer Überhitzung schaltet sich das System automatisch ab. Die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Thermokraftwerke, die eigentlich als Backup dienen sollen, wurden nicht aktiviert. Sie waren entweder ebenfalls defekt, oder es gab kein Dieselöl, um sie zu betreiben. Indirekt könnte der Blackout damit eine erste Folge der Sanktionen sein, die die USA vor wenigen Wochen gegen Venezuelas Ölwirtschaft verhängt hatten.

"Venezuela ist in die Steinzeit zurückgefallen"

Maduro hat bislang nicht konkret erläutert, welche Art von Sabotage er vermutet. Am Mittwoch kehrte in den meisten Landesteilen die Elektrizität zurück. Nur in den Grenzregionen und in der Hauptstadt kam es in einzelnen Bezirken noch zu Pannen.

Die Bilanz des Stromausfalls, der am vergangenen Donnerstagnachmittag begonnen hatte, ist verheerend: Venezuela sei quasi "in die Steinzeit" zurückgefallen, kommentierte Raúl Gallegos von der Sicherheitsfirma Control Risks. Das Land erlebe einen "Kollaps aller Dienstleistungen".

In den Krankenhäusern starben mehr als 40 Menschen infolge des Stromausfalls, unter ihnen mindestens vier Frühchen; Geburten wurden in vielen Krankenhäusern im Schein von Taschenlampen vorgenommen. Weil die Pumpen nicht funktionierten, blieben bei über 20 Millionen Menschen die Wasserhähne trocken. In Caracas schöpften die Menschen in ihrer Verzweiflung Wasser aus dem Stadtfluss Rio Guaire, der einer Kloake ähnelt. Andere kletterten die Hänge des Ávila hinauf - des Hausbergs von Caracas - und zapften dort die Quellen an.

In der Großstadt Merida im Südwesten des Landes kochten viele Menschen fünf Tage lang mit Brennholz, weil die elektrischen Herde nicht funktionierten. In Caracas stinke es aufgrund des Notstands nach einer "Mischung aus Müll, Schweiß und Schmutz", berichtete eine Anwohnerin.

Wird die Versorgungskatastrophe Maduro in die Knie zwingen?

Es herrsche ein "Gefühl der Klaustrophobie", weil das Land praktisch von der Außenwelt abgeschnitten ist. Vom Stromausfall war auch der internationale Flughafen von Caracas betroffen. Die wenigen Fluglinien, die die Hauptstadt noch ansteuern, stellten den Betrieb ein.

Auch die Kriminalität habe zugenommen, nach Einbruch der Dunkelheit traue sich kaum jemand auf die Straße. In vielen Städten kam es zu Plünderungen. Allein in der Ölmetropole Maracaibo, der zweitgrößten Stadt des Landes, wurden nach Angaben der Handelskammer über 500 Geschäfte überfallen und ausgeraubt.

Wer Geld auf dem Konto hat, konnte trotzdem nichts kaufen: Aufgrund der Hyperinflation gibt es praktisch kein Bargeld mehr, die meisten Geschäfte werden per Kredit- oder Debitkarte abgewickelt, das war wegen des Stromausfalls nicht möglich.

Der Zusammenhalt ist da - aber wie lange noch?

In der Not zeigten viele Venezolaner jedoch auch klassenübergreifend Solidarität: Geschäfte verschenkten Lebensmittel an Bedürftige, weil die Kühlanlagen ausfielen. Nachbarn tauschten Tipps aus, wie man Fleisch und andere verderbliche Waren mit Salz oder an der Luft konserviert. Wer einen Generator und Benzin zum Betreiben besaß, teilte ihn mit anderen.

Experten fürchten, dass die Improvisationskünste der Venezolaner bald erneut auf die Probe gestellt werden könnten. "Die Vorstellung, dass man 24 Stunden am Tag Elektrizität hat, ist für immer Vergangenheit", erklärt Gallegos. Vor allem die Sanktionen gegen den Ölsektor werden in den kommenden Tagen und Wochen Wirkung entfalten. Viele Tankstellen sind bereits geschlossen, auch für die Generatoren wird es keinen Treibstoff mehr geben.

Die große Frage ist, ob die Versorgungskatastrophe auch Maduro in die Knie zwingen wird. Oppositionsführer Guaidó ist jedenfalls zuversichtlich: "Sehr bald werden wir mein Büro im Präsidentenpalast Miraflores aufsuchen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von 21 Frühchen die Rede, die infolge des Stromausfalls starben. Wir haben die Angaben korrigiert.

insgesamt 38 Beiträge
Theophanus 14.03.2019
1. Geniest...
...die Segnungen des Sozialismus, in dem es wie im allen gleich schlecht geht, außer denen, die Gleicher sind!
...die Segnungen des Sozialismus, in dem es wie im allen gleich schlecht geht, außer denen, die Gleicher sind!
juba39 14.03.2019
2. Warum so zögerlich?
"...kein Dieselöl, um sie zu betreiben. Indirekt könnte der Blackout damit eine erste Folge der Sanktionen sein, die die USA vor wenigen Wochen gegen Venezuelas Ölwirtschaft verhängt hatten." Vor kurzem war auch zu [...]
"...kein Dieselöl, um sie zu betreiben. Indirekt könnte der Blackout damit eine erste Folge der Sanktionen sein, die die USA vor wenigen Wochen gegen Venezuelas Ölwirtschaft verhängt hatten." Vor kurzem war auch zu lesen, daß ein ganzer brasilianischer Bundesstaat 100% seines Stromes aus Venezuela bezieht. Theoretisch müßte es ja dann dort auch einen Blackout gegeben haben. Oder sind doch nicht etwa nur die wichtigstens Zentren Venezuelas ohne Strom? Zum Plündern eigentlich leerer Geschäfte hatte ich schon anderswo geschrieben. Warum ist eigentlich keine seriöse Zung zu einer neutralen Analyse der tatsächlichen Situation mehr fähig? Oder dürfen die einfach Nicht, weil das deutsche politische Narrativ ein anderes ist? Das könnte man daraus schließen, wenn man die gegenwärtige Berichterstattung über Syrien ansieh, Alles nur von Wunschdenken geleitet. Denn auch dort könnte es, entgegen der panischen Berichte, ein böses Erwachen geben. Wenn nämlich deutsche Firmen anfragen, die Aufträge aber lange in Saudiarabien, VAE, Irak, Katar und China gelandet sind. (einfach mal "Volle Kanne", Uli Gack von heute früh ansehen) Oder bildet sich jemand ein, ein eventuell ins Amt geputschte Guaido hätte in der Nach-Maduro-Epoche irgendetws zu sagen? Bolton und Pompeo haben doch schon, wie Cheney und Rumsfeld im Irak, die politischen und auch privaten Weichen gestellt. Ach so, Mister Abrams nicht zu vergessen, bevor der hier ganz in der medialen Versenkung verschwindet.( auch hier wieder, warum lesen wir in den USA mehr über den, als in Deutschland?)
vodoo177 14.03.2019
3.
>>>In den Krankenhäusern starben mindestens 21 Frühchen, weil die elektrisch betriebenen Brutkästen nicht funktionierten; Geburten wurden in vielen Krankenhäusern im Schein von Taschenlampen vorgenommen. Weil die [...]
>>>In den Krankenhäusern starben mindestens 21 Frühchen, weil die elektrisch betriebenen Brutkästen nicht funktionierten; Geburten wurden in vielen Krankenhäusern im Schein von Taschenlampen vorgenommen. Weil die Pumpen nicht funktionierten, blieben bei über 20 Millionen Menschen die Wasserhähne trocken. In Caracas schöpften die Menschen in ihrer Verzweiflung Wasser aus dem Stadtfluss Rio Guaire, der einer Kloake ähnelt. Andere kletterten die Hänge des Ávila hinauf - des Hausbergs von Caracas - und zapften dort die Quellen an.> Indirekt könnte der Blackout damit eine erste Folge der Sanktionen sein, die die USA vor wenigen Wochen gegen Venezuelas Ölwirtschaft verhängt hatten.
N12724 14.03.2019
4. @Theophanus
Stimme Ihnen voll und ganz zu. Der Sozialismus in seiner gänzlichen Perfektion zeigt sich in Venezuela, und dort sind natürlich alle gleich. Schon traurig was diese Ideologie aus dem ehemaligen reichsten Land Südamerikas [...]
Stimme Ihnen voll und ganz zu. Der Sozialismus in seiner gänzlichen Perfektion zeigt sich in Venezuela, und dort sind natürlich alle gleich. Schon traurig was diese Ideologie aus dem ehemaligen reichsten Land Südamerikas gemacht hat. Vom Schwellenland zum Entwicklungsland und viel weiter geht es ja nicht zurück. Hoffentlich wird Maduro bald abgesetzt.
stef_ma 14.03.2019
5. Usa?
Die ven. Regierung werfen den USA vor den Stromausfall verursacht zu haben. Wer das reflexartig als Spinnerei abtut, der sollte sich vielleicht noch einmal die Snowden-Enthüllungen zu Gemüte führen. Dort wurde enthüllt, dass [...]
Die ven. Regierung werfen den USA vor den Stromausfall verursacht zu haben. Wer das reflexartig als Spinnerei abtut, der sollte sich vielleicht noch einmal die Snowden-Enthüllungen zu Gemüte führen. Dort wurde enthüllt, dass die USA in die Strominfrastruktur in Japan Hintertüren einbauten, um in Zukunft bei einem möglichen Streit und einer nicht wohlgesonnenen Regierung einen Blackout auslösen zu können. Das in Venezuela nun genau dies für 24h passierte sieht für mich sehr nach einer Drohung aus.

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