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Politik

Venezuela

Maduros Regierung im Drogensumpf

Der Machtkampf um Venezuela schwelt weiter - doch das ist nicht das einzige Problem für Präsident Maduro: Führende Köpfe der Chavisten sollen mit Terroristen kooperieren und in Drogenhandel verwickelt sein.

Ricardo Mazalan/ AP

Industrieminister Tareck El Aissami und Staatschef Nicolás Maduro

Von , Mexiko-Stadt
Mittwoch, 08.05.2019   10:21 Uhr

Wenn man den venezolanischen Parlamentarier Américo De Grazia fragt, wer in seinem Bundessstaat Bolívar das Sagen hat, dann muss er nicht lange überlegen. "Die kolumbianische Linksguerilla ELN und die Hisbollah-Miliz", sagt er dann.

De Grazia vertritt den rohstoffreichen Bundesstaat in der Nationalversammlung in Caracas als Abgeordneter. Und er klagt schon lange darüber, dass sich in seinem Staat im Süden nahe der Grenzen zu Kolumbien und Brasilien mit Einwilligung der Regierung gewalttätige Gruppen breitgemacht haben und dort unter anderem Gold und Diamanten abbauen.

Und wenn De Grazia mit dem SPIEGEL über die Präsenz der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah in Venezuela spricht, dann nennt er auch den Namen eines sehr wichtigen Mannes in Venezuela: Tareck El Aissami. Der 45-Jährige, der aus einer syrisch-libanesischen Familie stammt, ist einer der engsten Vertrauten von Machthaber Nicolás Maduro und derzeit Minister für Industrie und Nationale Produktion. Von Anfang 2017 bis Juni 2018 hatte er das Amt des Vize-Präsidenten inne und galt damals als möglicher Nachfolger Maduros. Dann begannen die USA, gegen El Aissami wegen angeblichen Drogenschmuggels zu ermitteln.

Am 8. März beschuldigte ein Bundesgericht in Manhattan den Minister, er nutze seine Machtposition, um ein internationales Drogenschmuggelnetz aufzubauen und die Rauschgiftrouten in die USA zu organisieren. Das US-Finanzministerium hatte El Aissami bereits vor zwei Jahren auf eine schwarze Liste gesetzt und sein Vermögen in den USA eingefroren.

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Laut De Grazia hat El Aissami dem militärischen Ableger der libanesischen Hisbollah in Venezuela den Zugang ermöglicht. Und in Bolívar mischt die bewaffnete Gruppe im illegalen Abbau der Rohstoffe mit. Die Gewinne sacken die Milizionäre teils selber ein, teils helfen sie der Regierung, die wertvollen Metalle und Erze in aller Welt zu Geld zu machen. Wegen der verschärften US-Sanktionen sucht Maduro überall nach Devisen und plündert dafür auch die Rohstoffe des Landes.

De Grazias Vorwürfe decken sich mit einem Bericht der "New York Times", wonach gegen El Aissami nicht nur die US-Justiz ermittelt, sondern sogar der eigene venezolanische Geheimdienst. Der berüchtigte "Servicio Bolivariano de Inteligencia" (Sebin) hat El Aissami demnach jahrelang wegen seiner möglichen Verbindungen in die Unterwelt ausspioniert. Pikant daran ist, dass der Politiker während seiner Zeit als Vize-Präsident formell sogar Chef des Sebin war.

AFP/ Venezuelan Presidency

Nicolás Maduro: Auf der Suche nach Devisen

Die Präsenz der Hisbollah-Miliz ist eine "Zeitbombe"

Der "New York Times" liegt eigenen Angaben zufolge eine Kopie des Geheimdienst-Dossiers gegen El Aissami vor, das dem Blatt von einem hochrangigen Ex-Mitglied des Sebin zugespielt wurde. Die Zeitung hat diese Dokumente nochmals von einem weiteren Ex-Geheimdienstler auf ihre Echtheit prüfen lassen.

Laut dem Bericht haben El Aissami und sein Vater Carlos Zaidan El Aissami die Hisbollah nach Venezuela geholt, damit die Miliz beim Ausbau der Spionage- und Drogenhandelsnetze hilft. Zudem haben Teile der Familie auch Geschäfte mit dem größten Drogenboss Venezuelas, Walid Makled, genannt "Der Türke", gemacht. Unter anderem sollen die El Aissamis dabei 140 Tonnen Chemikalien gelagert haben, die für die Produktion von Kokain notwendig sind.

Die Miliz, die 2013 von Brüssel auf die EU-Terrorliste gesetzt wurde, ist schon lange in Lateinamerika präsent. "Die Hisbollah ist vor allem im Dreiländereck Paraguay, Brasilien und Argentinien aktiv", sagt der Experte für Organisiertes Verbrechen, Edgardo Buscaglia, dem SPIEGEL. "Die Miliz baut in Lateinamerika ihre internationalen Netzwerke aus, wäscht Geld, kauft Immobilien und berät illegale Gruppen in Sicherheitsfragen", so der Dozent an der New Yorker Columbia-Universität.

In Venezuela, das sich seit Monaten in einem Machtkampf zwischen Maduro und seinem Herausforderer Juan Guaidó befindet, sei die Miliz aber nun erstmals "institutionalisiert" worden. Auch die "New York Times" schreibt, Tareck El Aissami habe seine Beziehungen dazu genutzt, den Milizionären offizielle Dokumente und Aufenthaltserlaubnisse auszustellen. Die Präsenz der Miliz in dem Krisenland sei eine "Zeitbombe", welche die nächste Regierung unbedingt entschärfen müsse, sagt Buscaglia.

Das Kartell mit dem Sonnensymbol

Aissami ist nicht der erste hohe venezolanische Funktionär, gegen den Drogenvorwürfe laut werden. Anfang 2015 ermittelte die US-Justiz auch gegen den Ex-Offizier Diosdado Cabello, nach Maduro zweitwichtigster Mann im Machtzirkel der Chavisten. Ein ehemaliger Leibwächter hatte den Vorwurf erhoben, Cabello sei Chef des Drogenkartells Los Soles (Die Sonnen). Das Kartell, dessen Name sich vom Sonnenemblem auf den venezolanischen Generalsuniformen ableite, werde von hochrangigen Militärs geführt und dominiere monopolartig den Drogenhandel in Venezuela.

Ende 2017 verurteilte ein New Yorker Gericht zwei Neffen von Cilia Flores, der Ehefrau von Maduro, wegen des Schmuggels von 800 Kilogramm Kokain zu 18 Jahren Haft. Die jungen Männer waren in Haiti von US-Drogenfahndern auf frischer Tat ertappt worden und führten bei ihrer Festnahme venezolanische Diplomatenpässe bei sich.

Minister El Aissami schweigt zu den Vorwürfen der "New York Times". Lediglich auf seinem Account im Kurznachrichtendienst Twitter war am Freitag zu lesen: "Unsere Aufgabe ist es, mit den Fahnen des Sozialismus voranzuschreiten, treu zu unserem Volk, unserem Kommandanten Chávez und in der Verteidigung von Nicolas Maduro".

insgesamt 34 Beiträge
sven2016 08.05.2019
1. Da bin ich gespannt auf die Enthüllungsgeschichten
über Guaido und Lopez. Die folgen bestimmt noch oder? Es ist oft merkwürdig, was für passende Stories gerne zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht werden, wenn eine politische Auseinandersetzung personalisiert wird.
über Guaido und Lopez. Die folgen bestimmt noch oder? Es ist oft merkwürdig, was für passende Stories gerne zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht werden, wenn eine politische Auseinandersetzung personalisiert wird.
oli69 08.05.2019
2. Danke
Danke SPON für den gut recherchierten Artikel. Der Drogen- und Korruptionssumpf der Regierung/Militärs in Venezuela ist bisher viel zu wenig beleuchtet worden. Dabei ist das ja der Hauptgrund, warum es die Regierung einen Deut [...]
Danke SPON für den gut recherchierten Artikel. Der Drogen- und Korruptionssumpf der Regierung/Militärs in Venezuela ist bisher viel zu wenig beleuchtet worden. Dabei ist das ja der Hauptgrund, warum es die Regierung einen Deut interessiert, dass die Bevölkerung verhungert. Hauptsache die persönlichen Konten füllen sich und das Militär hält den Apparat zusammen.
mfgkw 08.05.2019
3. Kann gut sein
(und ist sogar wahrscheinlich) kann aber auch genau andersrum sein, oder sowohl das Umfeld der aktuellen Regierung als auch die Gegenregierung/Putschisten/Opposition sind auch nicht besser (halte ich für am wahrscheinlichsten) [...]
(und ist sogar wahrscheinlich) kann aber auch genau andersrum sein, oder sowohl das Umfeld der aktuellen Regierung als auch die Gegenregierung/Putschisten/Opposition sind auch nicht besser (halte ich für am wahrscheinlichsten) und wollen nur mehr vom Kuchen abhaben. Wenn in einem Land (gerade in Südamerika) die USA ihre Interessen verfolgen, werde ich die Wahrheit als letzter erfahren. Mit Recht und Gesetz hatten deren Intrigen noch nie etwas zu tun. Also was will die Meldung sagen, daß im Umfeld der abzuschießenden Regierung Verbrechen vorkommen?
mig68 08.05.2019
4. Drogen und Terrorismus
kein Wunder, dass die Mafiabosse nicht die Regierung abgeben wollen. Für eine Intervention bräuchte es noch nicht mal fake news der CIA.
kein Wunder, dass die Mafiabosse nicht die Regierung abgeben wollen. Für eine Intervention bräuchte es noch nicht mal fake news der CIA.
cultourist 08.05.2019
5. So so...
Wieviel Säue sollen denn noch durchs Dorf getrieben werden? Langsam wird's peinlich. Guaido scheint dagegen ja ein neuer Messias zu sein - dumm nur, das die Mehrheit der Venezuelaner ihn gar nicht so recht will. Und kann [...]
Wieviel Säue sollen denn noch durchs Dorf getrieben werden? Langsam wird's peinlich. Guaido scheint dagegen ja ein neuer Messias zu sein - dumm nur, das die Mehrheit der Venezuelaner ihn gar nicht so recht will. Und kann man sich lächerlicher machen als die unsäglichen USA und ihre Vasallen? Am besten, sie marschieren dort ein und erleben ihr nächstes Fiasko nach Kuba und Vietnam und und und... Danach wäre vielleicht endlich Ruhe in der Welt!

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