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Politik

Der Kreml und das U-Boot-Unglück

Staatsgeheimnisse, die keine mehr bleiben

14 Offiziere sind bei einem Feuer in einem speziellen Atom-U-Boot in der Barentssee gestorben. Die Tragödie weckt Erinnerungen an ein Trauma Russlands. Doch der Kreml bestätigt Informationen erst dann, wenn sie längst kursieren.

Alexei Druzhinin/ DPA

Präsident Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Dienstag bei ihrem Treffen im Kreml

Von , Moskau
Donnerstag, 04.07.2019   18:39 Uhr

Zweieinhalb Tage dauert es, bis Wladimir Putin persönlich bestätigt, dass es sich bei dem verunglückten U-Boot in der Barentssee um ein nuklear angetriebenes Unterseefahrzeug handelt. Er tut dies in Form einer Frage: In welchem Zustand befinde sich der Atomreaktor an Bord, erkundigt sich der russische Präsident bei Sergej Schoigu. Alles sei in Ordnung, versichert der Verteidigungsminister bei einem Treffen der beiden im Kreml: Die Mannschaft habe alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, "um den Reaktor zu schützen", sagt Schoigu.

Die Szene wird mehrfach im Staatsfernsehen gezeigt, ihr Inhalt sogar als Eilmeldung eingeblendet. Dabei bestätigte Putin nur das, was viele russische Medien mit Bezug auf Experten und Militärquellen längst berichtet hatten, seit das Verteidigungsministerium eine erste kurze Meldung zum Tod der 14 Marinesoldaten veröffentlicht hatte. Allerdings erst am Dienstag - einen Tag, nachdem das Feuer auf dem U-Boot ausgebrochen war.

Kseniya GAPONKO/ AFP

Ein U-Boot im Militärhafen von Seweromorsk am 2. Juli: Ist es die havarierte "Loscharik"?

Erinnerungen an den Untergang der "Kursk"

Das Unglück ist nicht umsonst das Topthema in den russischen Nachrichten. Das Ereignis weckt Erinnerungen an den August des Jahres 2000. Damals war das Atom-U-Boot "Kursk" bei einer Übung in der Barentssee gesunken. Jeglicher Versuch, die Besatzung zu retten, die noch einige Tage in dem havarierten Boot überlebte, schlug fehl, alle 118 Männer an Bord starben - ein nationales Trauma. Putin, damals erst seit einem halben Jahr im Präsidentenamt, reagierte erst fünf Tage später, er weilte im Urlaub. Danach musste er sich schwere Vorwürfe der Hinterbliebenen und Öffentlichkeit gefallen lassen, er habe nicht angemessen auf die Tragödie reagiert.

19 Jahre später zeigt sich die russische Führung erneut unbeholfen im Umgang mit Informationen über das aktuelle Schiffsunglück. In einer beschleunigten und moderneren Medienwelt gelingt es dem Kreml noch weniger als damals, den Nachrichtenstrom zu kontrollieren. Ein erster Bericht des lokalen Nachrichtenportals "Seweromorsk Life" über die Havarie war am Dienstag plötzlich verschwunden, bevor das Verteidigungsministerium seine eigene Meldung herausgab.

Später am Dienstagabend trat Oberbefehlshaber Putin dann selbst im Fernsehen auf und sprach vage von einem Forschungseinsatz, allerdings einem "ungewöhnlichen". Verteidigungsminister Schoigu entsandte er sogleich in den äußersten Nordwesten des Landes, zum Militärstützpunkt in Seweromorsk nahe Murmansk, wo das verunglückte Boot nun liegt. Schoigu sollte die Ermittlungen persönlich überwachen.

Atom-U-Boot auf Geheimmission

Die ganze Geheimniskrämerei war zu diesem Zeitpunkt längst unnötig. Denn schon kurz vor Putins staatstragendem TV-Auftritt hatten kremlkritische Internetportale und Medien gemeldet, dass es sich bei dem verunglückten Boot offenbar um die "Loscharik" handele: 60 bis 70 Meter lang, klein und wendig. Der Nuklearantrieb ermöglicht es dem Boot, sehr lange und in bis zu 6000 Metern Tiefe unter Wasser unterwegs zu sein, so dass es nur schwer zu orten ist. Zu seinen Einsatzgebieten wird es an der Unterseite des ebenfalls nuklear betriebenen U-Boots "Orenburg" transportiert.

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Verschiedene Zeitungen, darunter der liberale "Kommersant", berichteten, dass es sich bei den Marinesoldaten um Mitglieder der Einheit 45707 handelt, stationiert in Peterhof bei Sankt Petersburg. Sie sind nicht der Nordmeerflotte, sondern der Hauptverwaltung für Tiefseeforschungen des Verteidigungsministeriums unterstellt, die höchster Geheimhaltung unterliegt. Was genau ihre Mission war, ist weiterhin unklar. Sollte sie Unterseekabel feindlicher Staaten manipulieren? Oder gar geheime Waffen testen?

Die 14 ums Leben gekommenen Soldaten waren größtenteils Militärs hohen Ranges: Zehn Kapitäne ersten und zweiten Ranges, wie es im Russischen heißt, was einem Kapitän zur See und einem Fregattenkapitän entspricht, unter ihnen zwei "Helden Russlands", ausgezeichnet mit dem höchsten Orden des Landes. Bilder und Videos aus sozialen Netzwerken und lokalen Medien verbreiteten sich schnell überregional, sie zeigen die Offiziere im Kreis ihrer Familien und Freunde.

Das Misstrauen gegenüber der Regierung, die Öffentlichkeit nach derartigen Unglücken nicht früh genug mit Informationen zu versorgen, ist groß bei den Menschen in Russland. Das gilt insbesondere dann, wenn Soldaten sterben, wie etwa bei den Militäroperationen in der Ostukraine und Syrien, die es nach offiziellen Angaben im Donbass gar nicht gibt - und im Nahen Osten nicht am Boden. In Syrien sind Söldner privater russischer Firmen im Einsatz, deren Existenz bis heute nicht bestätigt wird. In sozialen Netzwerken kursieren jedoch Namen und Bilder der Männer.

Vadim Savitsky/ Russian Defense Ministry Press Service/ DPA

Verteidigungsminister Schoigu auf dem Marinestützpunkt in Seweromorsk nahe Murmansk

Auch nach dem "Loscharik"-Unglück verbreiteten sich die Namen der toten Seeleute schnell im Netz, schließlich sah sich auch das Verteidigungsministerium am Mittwoch genötigt, alle Angaben zu veröffentlichen. Man kümmere sich um die Familien, sagte Schoigu. Die verstorbenen Männer sollen nach Anordnung Putins posthum ausgezeichnet werden. Noch wenige Stunden zuvor hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow alle Fragen von Journalisten zu Art und Schaden des U-Boots, seiner Besatzung und ihrer Aufgabe abgeblockt und erklärt, alles sei "absolut geheim". Mit der Veröffentlichung der Namen rückt die russische Regierung nun offenbar zaghaft von ihrer alten, nutzlos gewordenen Strategie ab, die Havarie eines U-Boots pauschal als "Staatsgeheimnis" zu klassifizieren.

Den Typ des U-Boots nennt der Kreml auch am Donnerstag noch nicht, aber immerhin die Ursache der Havarie, ein Feuer im Batterieraum. "Heldenhaft" seien die Offiziere vorgegangen, heißt es. Die Männer hätten zunächst einen "zivilen Industrievertreter" evakuiert, gemeint ist wohl ein Ingenieur, dann das Feuer bekämpft, so Minister Schoigu. Mindestens vier Besatzungsmitglieder sollen überlebt haben.

Die "Kommersant" veröffentlichte jedoch - unter Berufung auf Militärkreise - bereits weitere Details: Demnach sei das Feuer durch einen Kurzschluss in der Schaltzentrale ausgelöst worden, der Kabel oder Öl in Brand setzte. Über das Belüftungssystem sei der Rauch dann in die anderen Bereiche des U-Boots verteilt worden. Der Großteil der Besatzung, der Ruhezeit hatte, habe sich nicht rechtzeitig schützen können und sei erstickt. Nur den fünf diensthabenden Soldaten sei es gelungen, das Feuer zu löschen und das U-Boot auftauchen zu lassen. Das passt auch zu den Beobachtungen einiger Fischer, die einem Infoportal aus Murmansk erzählten, sie hätten am Montagabend an der Küste der Barentssee beobachtet, wie ein U-Boot aufgetaucht und dann in Begleitung eines Kriegsschiffes und mehrerer Schlepper verschwunden sei.

Ein offizielles Bild der "Loscharik" im Hafen von Seweromorsk gibt es auch am vierten Tag nach dem Unglück nicht. Dort sei alles unter Kontrolle, meldete Schoigu inzwischen an Präsident Putin.

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