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Politik

Rote-Khmer-Terror in Kambodscha

Der Letzte aus der Mörderriege

Khieu Samphan war Staatschef im Terrorregime der Roten Khmer. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Völkermordes - doch der 88-Jährige legte Berufung ein. Auch für Japan steht bei einem neuen Prozess einiges auf dem Spiel.

REUTERS

Khieu Samphan: Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen

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Mittwoch, 14.08.2019   15:51 Uhr

Das Urteil lautete auf Völkermord. Khieu Samphan und Nuon Chea nahmen es im November vergangenen Jahres gemeinsam entgegen. Beide hatten im Regime der Roten Khmer in Kambodscha hohe Posten inne: Nuon Chea war Chefideologe der "Steinzeitkommunisten", die zwischen 1975 und 1979 mehr als 1,7 Millionen Menschen ermorden ließen. Er galt als "Bruder Nummer zwei" nach Pol Pot, dem Anführer des Terrorregimes.

Vor wenigen Tagen starb Nuon Chea im Alter von 93 Jahren. Damit ist die juristische Aufarbeitung der Gräueltaten der Roten Khmer fast abgeschlossen.

Fast, denn Khieu Samphan ist noch da. Er war zu jener Zeit das Oberhaupt des südostasiatischen Staats. Und er will die Entscheidung der Richter nicht akzeptieren. Der einstige Funktionär legte Berufung gegen das zweite Urteil eines Sondergerichts ein, durch das ihm eine Mitschuld an den Massakern zugesprochen worden war.

Japan und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich fordern nun in einem gemeinsam veröffentlichten Statement, möglichst bald ein Datum für den Berufungsprozess gegen Khieu Samphan festzulegen. Nach dem Tod von Nuon Chea ist er der ranghöchste noch lebende Rote Khmer - und der einzige, gegen den noch ein Verfahren offen ist. Vor wenigen Wochen wurde er 88 Jahre alt.

Verurteilung wegen brutaler Zwangsumsiedlungen

Ziel der Roten Khmer war eine Bauerngesellschaft. Sie trieben die Stadtbevölkerung aufs Land, schafften Geld und Schulen ab und zwangen alle Menschen auf die Felder. Im August 2014 waren Khieu Samphan und Nuon Chea in einem ersten Teilverfahren vor dem Internationalen Gerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt worden, dabei ging es um die brutalen Zwangsumsiedlungen. Parallel lief ein zweiter Prozess, der die Verstrickung der beiden Angeklagten in den Völkermord der Khmer untersuchte.

In der Begründung der Richter hieß es nach der Urteilsverkündung im vergangenen November, Khieu habe die Täter aus den Reihen der Roten Khmer zum Morden ermutigt und sogar aufgestachelt. Er habe Verbrechen direkt befohlen und das von den Kadern propagierte "Recht auf Vernichtung" mitgetragen. Landesweit habe es das Ziel gegeben, sämtliche Vietnamesen im Land zu töten - nur eine von zahlreichen Bevölkerungsgruppen, die das Khmer-Regime auslöschen wollte, es traf Intellektuelle und politische Gegner ebenso wie die indigenen Bergvölker und die Minderheit der muslimischen Cham. Beweise gegen Khieu gab es aber vor allem im Zusammenhang mit den Morden an Vietnamesen.

Das sogenannte Rote-Khmer-Tribunal, das aus kambodschanischen und internationalen Richtern zusammengesetzt ist, befasst sich seit 2007 mit den hochrangigen Ex-Führern der Roten Khmer. Die Gesamtkosten des Sondergerichts haben sich auf etwa 300 Millionen Dollar summiert. Der größte internationale Geldgeber für die juristische Aufarbeitung der Gräueltaten ist Japan. Die Regierung in Tokio hat laut "Times Magazine" fast die Hälfte der Kosten übernommen.

Für Tokio steht dabei auch die eigene Reputation auf dem Spiel: Nachdem die damalige japanische Regierung 1988 eine Initiative zur internationalen Zusammenarbeit gestartet hatte, wurde der Friedensprozess in Kambodscha und die Aufarbeitung der Morde der Roten Khmer zu einer wichtigen Bewährungsprobe. Tokio habe beweisen wollen, dass es auch auf internationalem Parkett eine wichtige Rolle spielen könne, wie der Sozialwissenschaftler Yasuhiro Takeda in einem Beitrag für "Asian Survey" schrieb.

Doch der langwierige Prozess droht zu einer Farce zu verkommen. Nur drei ranghohe Vertreter der Roten Khmer, Khieu Samphan inklusive, sprachen die Richter bisher schuldig. Zwei weitere Angeklagte starben, bevor ein Urteil gefällt werden konnte. Zum Vergleich: Die Uno-Sondergerichte, die sich mit Völkermorden in Ruanda und dem ehemaligen Jugoslawien beschäftigten, fällten innerhalb erheblich kürzerer Zeit 61 beziehungsweise 90 Urteile.

Khieu Samphan weist Vorwurf eines "gezielten Genozid" zurück

Der "Bruder Nummer eins", Rote-Khmer-Führer Pol Pot, kam 1998 im Dschungel Kambodschas unter ungeklärten Umständen ums Leben. Kaing Guek Eav, Spitzname "Duch", der ehemalige Leiter des Foltergefängnisses S-21, sitzt inzwischen hinter Gittern. Weitere Prozesse soll es nicht geben, auch wenn es heißt, fast jeder im Land sei immer noch von den Taten der Roten Khmer indirekt betroffen - entweder weil Angehörige starben oder weil diese Täter waren. Doch Kambodschas Premierminister Hun Sen, seit drei Jahrzehnten an der Macht und einst selbst Mitglied der Roten Khmer, will die Vergangenheit lieber ruhen lassen.

So bleibt für Japan allein Khieu Samphan übrig, um die Aufarbeitung des Völkermords der Roten Khmer mit der Verurteilung eines mutmaßlich Hauptverantwortlichen nicht nur juristisch, sondern auch symbolisch zu einem Abschluss zu bringen - und dabei vor der internationalen Gemeinschaft das Gesicht zu wahren. Aber das geht nur, wenn der greise Khieu nicht vor dem Ende seines Berufungsprozesses stirbt.

In seinen 2004 veröffentlichten Memoiren bedauerte Khieu zwar die Gewaltexzesse seiner Parteigenossen von den Roten Khmer, leugnet aber, diese maßgeblich beeinflusst zu haben. Auch den Vorwurf eines "gezielten Genozids" weist er zurück: Die meisten Opfer seien wegen Hunger und an Krankheiten gestorben, behauptet er. Seine Verteidiger verwiesen wiederholt darauf, dass sein Amt als Staatsoberhaupt ihm nur wenig Macht gebracht hätte.

Khieu selbst hatte zu Beginn seiner Prozesse erklärt, er wolle gern mit dem Gericht zusammenarbeiten. Um seinen Namen "reinzuwaschen".

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der angestrebte Bauernstaat als maoistisch bezeichnet. Wir haben die entsprechende Stelle berichtigt.

insgesamt 11 Beiträge
Faceoff 14.08.2019
1. Fehlende Aufarbeitung
Schwer zu verstehen, dass Hun Sen bei der juristischen Aufarbeitung dieses Völkermordes so bremst. Immerhin wurde ca. ein Viertel der Bevölkerung in den 4 Jahren der Rote-Khmer-Herrschaft ermordet. Hat er als ehemaliger Roter [...]
Schwer zu verstehen, dass Hun Sen bei der juristischen Aufarbeitung dieses Völkermordes so bremst. Immerhin wurde ca. ein Viertel der Bevölkerung in den 4 Jahren der Rote-Khmer-Herrschaft ermordet. Hat er als ehemaliger Roter Khmer selbst noch "Leichen im Keller"? Hat er Angst, dass eine wirkliche Aufarbeitung sein Regime destabilisieren könnte?
0815willi01 14.08.2019
2. Bitte um Korrektur
Ich möchte daraufhinweisen, dass im obigen Artikel leider das falsche Gericht genannt wird. Die Prozesse gegen ehemalige Rote Khmer können nicht vor dem internationalen Gerichtshof stattfinden, sondern nur vor dem [...]
Ich möchte daraufhinweisen, dass im obigen Artikel leider das falsche Gericht genannt wird. Die Prozesse gegen ehemalige Rote Khmer können nicht vor dem internationalen Gerichtshof stattfinden, sondern nur vor dem internationalen Strafgerichtshof. Es existieren zwischen beiden Gerichtshöfen gravierende Unterschiede bezüglich der Zuständigkeit- die des internationalen Gerichtshofes gilt nur bei Angelegenheiten zwischen Staaten, die sich ihm unterworfen haben. Ich bitte um eine Korrektur in Ihrem Artikel.
schulz.dennis.84 14.08.2019
3. Darf man das öffentlich ansprechen?
Ich habe jahrelang in Kambodscha gelebt und kenne die verschiedenen Killingsfields der Roten Khmer ganz gut. Das sind Vernichtungslager, wo der kommunistische Pol Pot ca. zwei Drittel seiner Bevölkerung hat ermorden lassen. Aber [...]
Ich habe jahrelang in Kambodscha gelebt und kenne die verschiedenen Killingsfields der Roten Khmer ganz gut. Das sind Vernichtungslager, wo der kommunistische Pol Pot ca. zwei Drittel seiner Bevölkerung hat ermorden lassen. Aber selbst dort weiß man dass der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Herr Kretschmann (Die Grünen), damals Pol Pot zur Machtergreifung in Phnom Penh als Mitglieder des Kommunistischen Bund Westdeutschland ein Glückwunschtelegramm geschickt hat.
Faceoff 14.08.2019
4.
Sie gehen von 67% aus? Wie erklären Sie sich den Unterschied zu folgenden Zahlen aus Wikipedia: "Während der vierjährigen Schreckensherrschaft wurden schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen in Todeslagern [...]
Zitat von schulz.dennis.84Ich habe jahrelang in Kambodscha gelebt und kenne die verschiedenen Killingsfields der Roten Khmer ganz gut. Das sind Vernichtungslager, wo der kommunistische Pol Pot ca. zwei Drittel seiner Bevölkerung hat ermorden lassen. Aber selbst dort weiß man dass der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Herr Kretschmann (Die Grünen), damals Pol Pot zur Machtergreifung in Phnom Penh als Mitglieder des Kommunistischen Bund Westdeutschland ein Glückwunschtelegramm geschickt hat.
Sie gehen von 67% aus? Wie erklären Sie sich den Unterschied zu folgenden Zahlen aus Wikipedia: "Während der vierjährigen Schreckensherrschaft wurden schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht, oder sie kamen bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern ums Leben (bei einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als sieben Millionen, was einem Viertel bis über 30 % entspricht)." Die tatsächlichen Geschehnisse sind umfangreich und schrecklich genug. Da kann man auf Übertreibungen (?) verzichten.
Southwest69 14.08.2019
5.
Niemand verbietet Ihnen hier auch nur irgendwas, aber alleine schon aus meinem persönlichen Interesse, hätte ich gern eine verifizierbare Quelle zu Kretschmanns Glückwunschtelegram an Pol Pot, welches nicht aus der rechten [...]
Zitat von schulz.dennis.84Ich habe jahrelang in Kambodscha gelebt und kenne die verschiedenen Killingsfields der Roten Khmer ganz gut. Das sind Vernichtungslager, wo der kommunistische Pol Pot ca. zwei Drittel seiner Bevölkerung hat ermorden lassen. Aber selbst dort weiß man dass der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Herr Kretschmann (Die Grünen), damals Pol Pot zur Machtergreifung in Phnom Penh als Mitglieder des Kommunistischen Bund Westdeutschland ein Glückwunschtelegramm geschickt hat.
Niemand verbietet Ihnen hier auch nur irgendwas, aber alleine schon aus meinem persönlichen Interesse, hätte ich gern eine verifizierbare Quelle zu Kretschmanns Glückwunschtelegram an Pol Pot, welches nicht aus der rechten Ecke kommt.

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