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Politik

Journalist attackiert Trump-Sprecherin

"Ich hielt es einfach nicht mehr aus"

Irgendwann platzte ihm der Kragen: Korrespondent Brian Karem lieferte sich im Weißen Haus ein hitziges Wortgefecht mit Trumps Sprecherin - vor laufenden Kameras. Hier erklärt er, wie es dazu kam.

Foto: REUTERS
Ein Interview von , New York
Donnerstag, 29.06.2017   13:31 Uhr

Zur Person

Brian Karem ist der Chefredakteur der "Sentinel Newspapers", einer Lokalzeitungsgruppe im Großraum Washington. Nebenher schreibt er eine Kolumne für das Magazin "Playboy". Aus dem Weißen Haus berichtet er, seit Ronald Reagan US-Präsident war.

SPIEGEL ONLINE: Mr Karem, Sie haben Sarah Huckabee Sanders, die Sprecherin von US-Präsident Donald Trump, vor laufenden Kameras scharf angegangen und zur Rechenschaft gezogen. Was ist da passiert?

Karem: Die Stimmung zwischen dem Präsidenten und seinem Presseteam auf der einen Seite und den Korrespondenten auf der anderen Seite ist auf dem Tiefpunkt. Die Lage war schon länger angespannt, doch seit Trump von seiner Überseereise zurückgekehrt ist, ist es besonders schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Karem: Ich glaube, das begann, als die Russland-Ermittlungen richtig Fahrt aufnahmen. Die Entlassung von FBI-Chef James Comey und dessen Aussage im Senat hatten sicher auch etwas damit zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich diese Spannung im Weißen Haus?

Karem: Es ist, als würde ich jeden Tag zur Darmspiegelung gehen - ohne Narkose. Das Weiße Haus gibt immer weniger Pressekonferenzen, und wenn, finden sie immer seltener vor der Kamera statt, so dass sie nicht mehr im Fernsehen zu sehen sind. Am Montag gab es deshalb sogar eine offene Auseinandersetzung zwischen Trumps Chefsprecher Sean Spicer und meinem CNN-Kollegen Jim Acosta.

SPIEGEL ONLINE: Acosta protestierte mehrfach dagegen, dass die Kameras nun oft ausgeschaltet bleiben müssen. Aber am Dienstag, als es zu Ihrer Konfrontation kam, liefen sie ausnahmsweise mal wieder live mit.

Karem: Ja, darum war ich auch dabei. Es ging zunächst um die Energiepolitik. Doch dann ließ Sanders plötzlich auf das Stichwort eines Breitbart-Reporters hin eine minutenlange Schimpftirade auf die Medien im Allgemeinen ab. Sie warf uns allen vor, "Fake News" zu verbreiten.

SPIEGEL ONLINE: … Sie beklagte sich zudem über anonyme Quellen und sagte, dass den Medien nicht mehr zu vertrauen und das "eine gefährliche Situation für Amerika" sei.

Karem: So eine Scheinheiligkeit! Diese Regierung verkauft doch selbst dauernd Lügen und Halbwahrheiten. Ich hielt es einfach nicht mehr aus und musste was sagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nannten Sanders' Worte "aufrührerisch". Das ist starker Tobak für den sonst so betulichen Briefing Room. Wie waren die Reaktionen?

Karem: Manche Leute nannten mich ein "Stück Scheiße", aber das taten sie auch vorher schon. Was kümmert mich das? Die meisten Reaktionen waren sehr positiv. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich 70.000 neue Twitter-Follower.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das überrascht?

Karem: Ich merke, dass ich einen Nerv getroffen habe. Bisher dachte ich immer, das nur wir Journalisten uns über die miserable Behandlung durch Trump und das Weiße Haus aufregen. Aber es scheint auch unter vielen anderen Amerikanern große Bestürzung darüber zu herrschen.

SPIEGEL ONLINE: Wird Trump das beeindrucken?

Karem: Kaum. Dieses Mobbing ist eine breitere, langfristige Strategie...

SPIEGEL ONLINE: ...um die Presse als Kontrollorgan zu diskreditieren und auszuschalten?

Karem: Der Präsident nennt uns "Volksfeinde". Er nennt uns "Fake News". Ich habe viel Respekt für meine Kollegen, aber wir haben das zu lange hingenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter?

Karem: Die Grundlage einer freien Gesellschaft ist eine freie Presse. Und wir mucken langsam auf. Ich bin sicher, dass die Strategie des Präsidenten nach hinten losgehen wird. Doch bis dahin bleiben die Briefings des Weißen Hauses sicher ein Zirkus.

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