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Politik

Widerstand gegen Trump-Besuch in London

Drinnen die Posen, draußen das Tosen

Die Queen begrüßte Donald Trump mit hohen Ehren, die Londoner setzten eher auf Massenproteste. Der "Karneval des Widerstands" zeigt die Wut der Bürger. Doch die Politiker wissen, dass ohne Trump nichts geht.

Foto: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX
Aus London berichtet
Dienstag, 04.06.2019   20:14 Uhr

Dem Pomp und Prunk bei der Queen soll jetzt eigentlich die hohe Politik folgen. So jedenfalls steht es im Terminkalender, den das Weiße Haus für Donald Trumps zweiten Besuchstag ausgehandelt hat - samt einem Treffen mit Noch-Premierministerin Theresa May, die den Brexit durch ein Handelsabkommen mit den USA zu retten hofft.

Doch die Londoner haben andere Pläne für den unerwünschten Gast.

Tausende sammeln sich am Trafalgar Square, vor dem Parlament und in Brüllweite der 10 Downing Street, um trotz Nieselregen gegen den US-Präsidenten zu demonstrieren. Aus den Büros strömen sie, aus Bussen und U-Bahnen, bis der Verkehr stillsteht und Trumps Kolonne trotz des großen Polizeigeleits Mühe hat, von einem Punkt zum anderen zu rollen.

Denn das ist hier ja nun schon eine Sommertradition: Trump kommt zu Besuch - und London begrüßt ihn auf seine ganz eigene Weise.

Nicht mit Böllerschüssen, Geschenkschatullen und von livrierten Dienern serviertem Windsor-Lamm, wie die Queen - die protokollarisch nicht anders konnte - am Montag im Buckingham Palast. Sondern, wie im vergangenen Jahr, mit einem kreischenden "Karneval des Widerstands".

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Demonstrationen gegen Trump: "Geh Heim!"

Die Demonstranten wehren sich gegen Trumps rüde Art

Sie tragen Transparente, Trommeln und Trillerpfeifen. Sie posieren mit dem "Trump-Baby-Ballon". Sie lachen über den Trump-Roboter, der mit herabgelassener Hose auf einem goldenen Klo hockt und zetert. Doch vor allem schreien sie sich die Wut von der Seele: "Trump raus!"

"Wir mögen Trump nicht", sagt Bryony Doyle, eine Illustratorin. "Er ist ein Faschist. Niemand will ihn hier haben." Sie hat ihr Plakat selbst gemalt, darauf lugt Trump aus dem bekanntesten Gefängnis Londons heraus, in dem schon Könige vegetierten: "Sperrt ihn im Tower ein."

Marc Pitzke/ SPIEGEL ONLINE

Bryony Doyle: "Sperrt ihn im Tower ein"

Sie wehren sich gegen Trumps Person, seine rüde Art, seine Beleidigungen. "Benehmen, wie man es von einem Elfjährigen erwartet", sagt Londons Bürgermeister Sadiq Khan, ein Moslem, den Trump auch am zweiten Besuchstag erneut verunglimpfte und der die Demonstrationszüge ausdrücklich genehmigt hat.

Vor allem aber wehren sie sich gegen seine Politik: Handelskrieg, Isolationismus, Fremdenfeindlichkeit, Abtreibungsverbote. Ein Dutzend Frauen wandert schweigend über den Trafalgar Square, sie tragen rote Roben und weiße Kappen wie in der dystopischen TV-Serie "The Handmaid's Tale". "So fängt es an", steht auf ihren Schildern.

"Wir sind jung, wir sind alt, wir sind schwarz, wir sind weiß", ruft Labour-Chef Jeremy Corbyn auf der Hauptkundgebung. "Wir sind die Verkörperung dessen, was eine demokratische Gesellschaft sein soll."

Der Oppositionsführer - der, sollte er eines Tages doch mal Premier werden, mit den USA zusammenarbeiten müsste - nennt Trump nicht beim Namen. Muss er aber auch nicht - jeder weiß, wen Corbyn meint, wenn er gegen "Rassismus, Frauenhass und religiösen Hass" wettert.

Zumal er das Staatsbankett am Vorabend boykottiert hat. Doch auch er kann offenbar nicht ohne Trump: Der behauptet kurz darauf, Corbyn habe ihn um ein Treffen ersucht. "Ich habe nein gesagt", prahlt er. "Ich mag keine Kritiker."

Ein älteres US-Touristenpaar aus Seattle gerät in den Aufmarsch. Es ist ihr letzter Tag in London, sie hatten keine Ahnung. "Wie toll", freut sich die Frau. "Ich wünschte mir, dass es bei uns ähnliche Aktionen gäbe, aber wir sind zu lethargisch."

Und doch sind auch diese verregneten Proteste am Ende fast müßig. Sie sind originell, doch sagen nichts wirklich Neues. Sie amüsieren, doch bewirken nichts. Wenn Trump am Mittwoch abreist, wird alles schnell wieder vergessen sein in dem innenpolitischen Chaos, das dieses Land noch lange beuteln wird.

Proteste? Davon will Trump nichts bemerkt haben

Und Trump bleibt Trump, das zeigt er auch hier. Er schwelgt im royalen Rausch: "Etwas ganz Besonderes", schwärmt er über den Empfang durch die Queen. Die Demonstrationen dagegen ignoriert er - streitet sogar ab, dass sie überhaupt stattfinden. "Ich sehe keine Proteste", sagt er bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit May. "Fake News." Stattdessen hätten ihm überall "Tausende Menschen zugejubelt".

In seiner selektiven Wahrnehmung mag Trump auch den dezenten Seitenhieb überhört haben, den die Queen am Abend in ihre Tischrede schmuggelte, indem sie die "internationalen Institutionen" der Nachkriegszeit pries, die Trump so verabscheut und unterminiert.

Videoreportage: "Die Menschen protestieren gegen seine Lügen"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Denn auch das Königshaus, das als offizieller Gastgeber fungiert, protestiert auf seine Weise - so diskret, dass man es schnell verpasst.

Es gibt, anders als etwa bei Trumps Vorgänger Barack Obama, keinen roten Teppich am Flughafen. Es gibt auch keine Übernachtung im Palast, weil dieser angeblich "renoviert" werde.

Andere sind weniger subtil. Camilla, Gattin von Prinz Charles, zwinkert den Fotografen hinter Trumps Rücken zu, als wolle sie sagen: So ein Theater! Meghan, Gattin von Prinz Harry und ebenfalls Subjekt einer Trump-Tirade, lässt sich entschuldigen. Prinz Harry erscheint zwar, vermeidet aber jede Interaktion. "Königlicher Affront!", empört sich das Boulevardblatt "Daily Express". "Kindisch und ungezogen!"

Gelingt doch noch ein Deal mit den USA?

Theresa May jedoch, deren Tage als Premierministerin gezählt sind, hat eine letzte Hoffnung: Sie will die wirtschaftlichen Folgen des Brexits durch einen "ehrgeizigen" Handelspakt mit den USA abfedern. Das beschwört sie denn auch bei ihrem Gespräch mit Trump in der Downing Street, das sie geplant hatte, lange bevor ihr politisches Schicksal besiegelt war.

Trump, der bilaterale Handelsabkommen liebt, solange sie ihm nutzen, spielt zunächst mit: "Die USA streben einen phänomenalen Handelsdeal an. Das Zwei-, vielleicht das Dreifache dessen, was wir jetzt haben."

FACUNDO ARRIZABALAGA/ EPA-EFE/ REX

Trump und May

Doch so einfach ist das natürlich nicht. Erstens kann es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis solche Abkommen durch den US-Kongress kommen - erst recht, wenn Wahlen sind. Zweitens ist May bald der falsche Ansprechpartner.

Ihre potenziellen Erben sondieren bereits. Brexit-Hardliner Boris Johnson telefoniert 20 Minuten mit Trump. Nigel Farage, ebenso ein Hardliner, wird gesichtet, wie er die Residenz des US-Botschafters betritt, wo Trump in London untergekommen ist. Auch Umweltminister Michael Gove will Trump erneut treffen, obwohl dieser vorgibt, Gove "nicht zu kennen".

Draußen protestieren sie. Doch drinnen wissen sie: Ohne Trump geht nichts.

insgesamt 51 Beiträge
iasi 04.06.2019
1. So ist das eben mit Demokratien: Gegner dürfen demonstrieren
Und da sich immer Gegner finden, wird auch immer demonstriert. GB braucht die USA, wenn die EU kein Partner mehr sein sollte.
Und da sich immer Gegner finden, wird auch immer demonstriert. GB braucht die USA, wenn die EU kein Partner mehr sein sollte.
KingTut 04.06.2019
2. Sehr gut
dass sich die anständigen Briten gegen den Besuch dieses pathologischen Narzissten und Lügners zur Wehr setzen. Ganz im Gegensatz zur Führungsclique des Landes, die infolge ihrer desaströse Brexit-Politik glaubt, diesen Typen [...]
dass sich die anständigen Briten gegen den Besuch dieses pathologischen Narzissten und Lügners zur Wehr setzen. Ganz im Gegensatz zur Führungsclique des Landes, die infolge ihrer desaströse Brexit-Politik glaubt, diesen Typen hofieren zu müssen, um nicht im Chaos zu versinken. Dass er die Gunst der Stunde nutzt, indem die Briten gar aufstachelt, den Brexit zu vollziehen, ist nicht verwunderlich. Wenn er wiedergewählt wird, dann dürfte sein zerstörerisches Werk auf andere EU-Länder übergreifen. Man ist entsetzt, dass so eine amoralische Person zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde.
Quetzal2012 04.06.2019
3. Kolonie
Früher hatte Großbritannien Kolonien in den Vereinigten Staaten. Jetzt wird wohl Großbritannien neue Kolonie der Vereinigten Staaten. Europa hat einen Stern weniger, die Vereinigten Staaten einen mehr.
Früher hatte Großbritannien Kolonien in den Vereinigten Staaten. Jetzt wird wohl Großbritannien neue Kolonie der Vereinigten Staaten. Europa hat einen Stern weniger, die Vereinigten Staaten einen mehr.
tucson58 04.06.2019
4. Man muss kein Trump Anhänger sein....
....um zu erkennen das die Medien und Politiker mittlerweile ein jämmerliches Bild im Trump Bashing abgeben Wie sieht es denn bei uns aus ? Eine Kanzlerin die keiner mehr will, eine Groko die keiner mehr will ubd im [...]
....um zu erkennen das die Medien und Politiker mittlerweile ein jämmerliches Bild im Trump Bashing abgeben Wie sieht es denn bei uns aus ? Eine Kanzlerin die keiner mehr will, eine Groko die keiner mehr will ubd im zusammenbrecheb ist eine SPD die in die Bedeutungslosigkeit stürzt , eine AfD im Bundestag, ....eine Energiewende von der keiner weiss wie sie weitergeht, aber Milliarden von Steuergelder frisst ....Strom ist der teuerste in Eurpa, weltweit liegen die Deutschen auf Platz 2 mit der höchsten Steuerbelastung .....und es wird noch teurer......Unzufriedene Bürger die lieber aus Protest ihr Wahlstimme abgeben, als gezielt eine Regierung wählen........ Ich denke Deutschland sollte erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren und seine Probleme lösen, anstatt mal wieder so selbstherrlich und von oben herab ,ständig andere zu kritisieren ......Es ist mittlerweile unerträglich wie wir uns in der Welt darstellen, man lacht doch schon über uns .....
this_address 04.06.2019
5. In gewohnter Manier
wird er seinen Besuch als Erfolg verkaufen. Und seine Anhänger werden ihn bewundern und bejubeln. Wie lange müssen wir uns denn noch in Geduld fassen - kann sich denn nicht einfach jemand "seiner annehmen"? Sind [...]
wird er seinen Besuch als Erfolg verkaufen. Und seine Anhänger werden ihn bewundern und bejubeln. Wie lange müssen wir uns denn noch in Geduld fassen - kann sich denn nicht einfach jemand "seiner annehmen"? Sind seine Sicherheitsleute so perfekt wie die vom dicken Kim? Es sollte allerdings so aussehen: "Hochmut kommt vor dem Unfall"...

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